Trend-Kolumne Die Evolution des Sündigen

Die zivilisatorischen Daumenschrauben ziehen an. Die therapeutische Sicherheitsgesellschaft führt zum "Onkel-Staat", der seine Bürger entmündigt. Und die machen fröhlich mit und verstärken die Verbotspolitik, indem sie selbst die Dinge, die Spaß machen, zum Problem erklären.
Von Andreas Steinle

Geht es Ihnen auch so, dass Sie mit Rauchern zunehmend Mitleid empfinden? An Flughäfen muss sich diese vom Aussterben bedrohte Spezies in karge, gläserne Raucherareale zurückziehen und ich frage mich: Handelt es sich um eine Artenschutzmaßnahme oder um ein mahnendes Beispiel mit der Botschaft: So spaßfrei ist Rauchen! So wenig Lust bringt die Kippe!

Vorbei sind die Zeiten, als coole Typen wie Humphrey Bogart oder James Dean wie selbstverständlich zur Zigarette griffen – ob im Alltag oder auf der Leinwand. Das Laster hat es schwer heutzutage angesichts des neuen Gesundheitsdiktats. Die Medienhelden von heute greifen zum Vitamindrink anstatt zur Zigarette.

Die ARD erließ unlängst ein Rauchverbot für die im neuen Jahr startende Serie „Mord mit Aussicht“. In den ersten drei Folgen sieht man die Kommissarin, gespielt von Caroline Peters, noch eine Zigarette nach der anderen qualmen. Ab der vierten Folge ist damit Schluss.

Die therapeutische Sicherheitsgesellschaft

Die Programmverantwortlichen hatten fertige Folgen vorab gesehen, Alarm geschlagen und kurzerhand das Drehbuch und den Charakter ändern lassen. Man fürchtete aufgebrachte Zuschauerreaktionen, da die Serie erst nach Inkrafttreten des bundesweiten Rauchverbots ab 1. Januar ausgestrahlt wird.

Soziologen wie Wolfgang Sofsky sorgen sich über die zunehmende staatliche Gängelung, die in Rauchverboten und allerlei anderen Erziehungsmaßnahmen zum gesünderen Leben ihren Ausdruck findet. In seinem Buch "Die Verteidigung des Privaten" wähnt er die Deutschen längst in einer "therapeutischen Sicherheitsgesellschaft", in der die Bürger die Verbotspolitik des Staats noch verstärken, indem sie selbst die Dinge, die Spaß machen, zum Problem erklären.

Neben Zigaretten sind dies vor allem noch der Alkohol und das böse Fett. Werden besorgte Mütter irgendwann eine Altersbeschränkung für McDonalds einfordern, damit die lieben Kleinen nicht so leicht an Fritten und Hamburger kommen? Oder wird der Staat hier Vorreiter sein? In Großbritannien ist es bereits verboten, vor 21 Uhr Werbung für Fast Food auszustrahlen, die Kinder verführen könnte.

Der Onkel-Staat und die dicken Frauen

Der Onkel-Staat und die dicken Frauen

Es scheint, dass die staatlichen Institutionen in einen Gesundheitswettbewerb eingestiegen sind. Matthias Horx bezeichnet diesen Ausdruck staatlicher Fürsorge in seinem neuen "Trendreport 2008" als "Onkel-Staat", der sich "onkelhaft in die Verhaltensweisen des Einzelnen einmischt – im Sinne des Gemeinwohls."

In Neuseeland haben wir es mit einem äußerst strengen Onkel-Staat zu tun. Die Einwanderungsbehörden verlangen bei Frauen eine Taille von höchstens 88 Zentimetern. Die Britin Rowan Trezise durfte aufgrund dieses Erlasses nicht zu ihrem Mann nach Neuseeland ziehen, weil sie deutlich mehr Umfang hat. Menschen mit Übergewicht würden das Gesundheitssystem zu sehr belasten, argumentieren die neuseeländischen Behörden.

Im Wettbewerb der Gesundheitsfanatiker liegen die USA ebenfalls weit vorn: In der Stadt Belmont beispielsweise dürfen nur noch Bewohner freistehender Einfamilienhäuser rauchen. In allen anderen Wohnungen herrscht striktes Rauchverbot.

Wohin führt uns das? Droht eine Gesundheitsdiktatur nach Orwell’schen Muster mit Drogenkontrollen an Grundschulen, Belastungs-EKGs vor Flugreisen und Alkoholkontrollen am Arbeitsplatz? Und die andere entscheidende Frage: Was bleibt mit der Lust und dem Laster? Werden wir den Rausch, das Über-die-Stränge-schlagen mit allen Mitteln bekämpfen und auf eine spaßfreie, aber gesunde Gesellschaft zusteuern?

Eine Antwort lässt sich nicht so eindeutig geben. Die zivilisatorischen Daumenschrauben werden anziehen. Es ist mit einer Vielzahl an Gesundheitsverordnungen zu rechnen und es wird sich mit ihnen ähnlich verhalten wie mit der Gurtpflicht: Anfangs bedauern wir den Verlust der persönlichen Handlungsfreiheit. Später schütteln wir über die Verantwortungslosigkeit, die in früheren Jahren herrschte, nur den Kopf.

Das Lachen in der Gruppe

Das Lachen in der Gruppe

Ob damit auch der Spaß und die Lust verschwinden? Sicherlich befürchteten dies auch viele, als Gladiatorenkämpfe aus der Liste des sonntäglichen Familienausflugs gestrichen wurden. Was damit klar werden soll: Die Menschen werden sich neue Ausdruckswege ihres Genussstrebens suchen. Sie werden neue Formen des Rauschs entwickeln - Alternativen, die gesundheitsverträglicher sind.

Zum Beispiel Lachen in der Gruppe, wie es in den weltweit mehr als 5000 Lachclubs bereits praktiziert wird. Unsere Lust wird auf das Freisetzen der körpereigenen Glückshormone, der Endorphine, abzielen – ob beim Sport, beim Sex oder beim Essen.

Das Sündige wird weiterhin seinen Platz haben: Wenn wir trotz aller Ge- und Verbote in einen fetttriefenden Burger beißen, dazu ein alkoholhaltiges Bier trinken und heimlich eine Zigarette rauchen. Um wie viel wird dies dann besser schmecken.

Fotostrecke: Das Ende der Gelüste

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