Montag, 19. August 2019

Trend-Kolumne Die neuen Hedonisten

40 Jahre nach der 68er-Bewegung prägen ökologische und soziale Themen wieder die öffentliche Debatte. Die Welt ist auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Die Lohas haben eine Antwort gefunden. Gehören Sie dazu?

Die "Süddeutsche Zeitung" begann vor einigen Wochen ein Interview mit Kanzlerin Merkel mit der Frage: "Frau Bundeskanzlerin, haben Sie zu Hause schon Ihre Energiesparlampen gezählt?" Wir erleben dieser Tage ein Öko-Outing, wie es sich die Kernkraftgegner aus den 70ern nie hätten vorstellen können.

Freimütig bekennen die Regierungsvertreter, wie sie der Todsünde Stand-by abschwören und brav den Fernseher ausschalten, wenn dieser nicht genutzt wird. Es weht ein neuer Wind durch Deutschland – der Odem des guten Gewissens. In den Medien bilden Öko- und Sozialthemen heute die zentralen Großthemen. Ob Klimawandel, Nachhaltigkeit oder Fairtrade: Empörungs- und Moralepidemien überschwemmen die gesellschaftlichen Diskurse. Vor uns liegt ein hypermoralisches Zeitalter, in dem Marketing, Ökonomie und moralisches Engagement zunehmend konvergieren.

Was ist passiert, dass 40 Jahre nach der 68er-Bewegung ökologische und soziale Themen wieder die öffentliche Debatte prägen. Bislang waren Moral und Ökonomie zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Zwar debattierte die Gesellschaft schon immer über Gut und Böse – Moral und Ethik blieben jedoch auf gesellschaftliche Gruppierungen wie Gewerkschaften und Kirchen beschränkt.

Ihre Themen brechen nun aus den Nischen aus. Sie "verbürgerlichen" und ökonomisieren sich zugleich. Konsumenten üben mit ihrem Kaufverhalten Druck aus und zwingen die Unternehmen zu fairem Verhalten. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie gesellschaftliche Verantwortung langfristig auch aus eigenen ökonomischen Interessen übernehmen müssen. Schmiergeldzahlungen wie bei Siemens passen in die neue Ära nicht mehr hinein und werden mit sinkenden Aktienkursen sanktioniert.

Verschiedene Entwicklungen treiben den Trend zum neuen Moralismus an. Die weltweite Vernetzung bringt uns ferne Krisengebiete näher. Die nach Sensation hungernden Medien inszenieren ökonomisch-soziale Probleme immer plakativer. Ob es um Entlassungen bei Fabrikschließungen, Umweltskandale oder Managergehälter geht – öffentlicher Unmut wird als wirksamer Hebel zur Steigerung der Aufmerksamkeit und Auflage benutzt. Auch die Protagonisten der modernen Popkultur nutzen die moralischen Großthemen zur medialen Selbstinszenierung, indem sie mit dem Hybridauto zur Oscar-Verleihung fahren.

Hinter diesen Erklärungsmustern verbirgt sich allerdings noch ein tiefer liegendes: Es ist die Sinnsuche individualisierter Gesellschaften, in denen althergebrachte Sinngeber wie Politik und Kirche an Einfluss verlieren. Der Kampf für das Gute bildet einen gemeinsamen Nenner, der an der Supermarktkasse seine Umsetzung findet, indem man Biofleisch kauft.

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