Freitag, 19. Juli 2019

London Calling Feierabend im Getränke-Outlet

Anders als in Deutschland gehört über ein Drittel aller britischen Pubs großen Kneipenkonzernen. Zur Freude der Anleger laufen die Geschäfte prächtig. Und die Pub-Besucher denken beim Einkehren keinesfalls an Systemgastronomie.

London - Zum Arbeitsleben in London gehört es dazu wie der Corgie zur Queen: Das freitägliche Feierabendbier mit den Kollegen in einem der unzähligen Pubs. In der Fleet Street zum Beispiel strömen schon ab dem frühen Nachmittag die durstigen Anwälte aus den unzähligen Kanzleien rund um den Justizpalast.

 Christian Rickens , Jahrgang 1971, studierte Journalistik und Volkswirtschaftslehre. Nach drei Jahren als freier Wirtschaftsjournalist kam er im Frühjahr 2000 als Redakteur zum manager magazin. Für mm-Online schreibt er regelmäßig aus der britischen Hauptstadt London.
CHRISTIAN RICKENS
Christian Rickens, Jahrgang 1971, studierte Journalistik und Volkswirtschaftslehre. Nach drei Jahren als freier Wirtschaftsjournalist kam er im Frühjahr 2000 als Redakteur zum manager magazin. Für mm-Online schreibt er regelmäßig aus der britischen Hauptstadt London.
Eine munter schnatternde Herde nadelgestreifter Pinguine auf dem Weg zur Tränke. Noch ein kurzes Grundlinienduell der Höflichkeitsfloskeln: "Mit allem Respekt Oliver, heute bin ich dran!", "No way James, diese Runde geht definitiv auf mich!" "Claire, womöglich ein Glas Chablis?" Und das Wochenende kann beginnen.

Nirgendwo scheint das alte England so lebendig wie in den Traditionskneipen der Fleet Street, zum Beispiel im "Devereux" in der gleichnamigen Seitengasse (Falls Sie mal danach suchen sollten, fragen sie nach dem "Däwärou". Sonst kennt den Laden keiner!). Holztresen, so dunkel wie das laue Ale, das hinter ihnen gezapft wird. Fußleisten aus Messing, plüschige Sessel und vor den Fenstern überbordende Geranienkübel.

Gastro-Konzerne mit 45.000 Mitarbeitern

In meiner Vorstellung gehören zu solch einer ehrwürdigen Gaststätte ebenso ehrwürdige Wirtsleute. Am besten ein älteres Ehepaar mit wogenden Bäuchen, das den Laden schon in der fünften Generation schmeißt und jeden Tag aufs Neue dem Lebertod von der Schippe springt. Ziemlich verblüfft war ich deshalb, als ich kürzlich erfuhr: Im Devereux gibt es gar keine Wirtsleute. Das Etablissement gehört zur Spirit Group. Einem Gastro-Konzern mit 45.000 Mitarbeitern, der in Großbritannien insgesamt 2400 Pubs betreibt. Getränke-Outlets, geführt von smarten Filialleitern. Nicht viel anders als eine Pizza-Hut-Filiale.

Prinz Charles: Auch er genießt ein Bier im Pub
Die Spirit Group ist weder der einzige noch der größte Spieler im britischen Gastrogeschäft. Marktführer Enterprise Inns besitzt 9000 Pubs. Das börsennotierte Unternehmen erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr 293 Millionen Pfund operativen Gewinn. Insgesamt gehören mehr als ein Drittel der 60.000 britischen Tresen einer sogenannten "Pubco", einem Kneipenkonzern. Bei Anlegern sind diese Unternehmen beliebt wegen ihres hohen Cashflows. Der alte Kalauer, wonach Betriebswirt ein sicherer Beruf sei, "weil getrunken wird immer" - für die Manager der Pubcos bestätigt er sich auf Schönste.

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