Sonntag, 18. August 2019

Tobias Rehberger über seine Kunst-Unikate für mm-Leser "Ich kam aus dem Anderssein nicht mehr hinaus"

Für die erste Edition der neuen mm-Gallery hatte sich Tobias Rehberger etwas Spezielles ausgedacht, nicht jedoch mit den Tücken der modernen Marktwirtschaft gerechnet. Als der Interviewtermin anstand, war unklar, ob und wie man heute überhaupt noch an Papieraktien herankommt, die ein zentraler Teil der Idee sind.

manager-magazin.de: Herr Rehberger, besitzen Sie selber Aktien?

Rehberger: Nein, sonst wäre mir vielleicht bewusst gewesen, dass es sie in physischer Form hierzulande so gut wie gar nicht mehr gibt

mm: Den Zaubertrick, wie man etwas verschwinden lässt, kannten Sie bereits?

Rehberger: Aus meiner Kindheit wusste ich, dass es Geldbeutel gibt, bei denen Münzen oder Banknoten plötzlich weg sind, wenn man das Portemonnaie öffnet. Das wollte ich größer als Mappe haben, damit die Edition wie eine Zeichnung oder ein Bild aussieht, fast so, als ob man es auch an die Wand hängen könnte, wenn man möchte. Eine Mitarbeiterin hat herausgefunden, dass es solche Trickmappen nicht zu kaufen gibt, also haben wir einen Feintäschner beauftragt, sie herzustellen.

mm: Fliegen Ihnen die Ideen eigentlich zu oder tigern Sie lange herum, wenn Sie eine Lösung für ein Problem suchen?

Zum Künstler
  • Copyright: Barbara Klemm
    Barbara Klemm
    Tobias Rehberger wurde 1966 in Esslingen geboren und lebt und arbeitet heute in Frankfurt und Berlin. Er ist Preisträger des Goldenen Löwen der Biennale von Venedig, Professor an der Frankfurter Städelschule und einer der international renommierten zeitgenössischen Künstler. Seine Installationen, Landschaftsinterventionen, Objekte und Skulpturen verbinden Architektur und Design oft mit ganz alltäglichen Materialien: Benutztes und Weggeworfenes, Kunst- und Design-Klassiker erfahren in seinem Schaffen eine radikale Umdeutung und vermengen sich zu eigenständigen atmosphärischen Kompositionen. Viele seiner Arbeiten befinden sich heute in namhaften Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt.
Rehberger: Beides. Allerdings kommt die zündende Idee selten beim langen Grübeln, eher beim Radfahren mitten auf einer Kreuzung. Es scheint, als seien in diese Prozesse verschiedene Gehirnregionen involviert, eine für eine Art peripheres Nachdenken und eine Region, die man wie ein Werkzeug nutzen kann. Letztere kommt in Aktion, wenn es um die detaillierte Umsetzung eines Projektes geht.

mm: Sie sind bekannt dafür, gerne in Gruppen zu arbeiten.

Rehberger: Andere Leute sowie den Betrachter oder Käufer zu involvieren, ist tatsächlich oft Teil meiner künstlerischen Konzepte. Auch jetzt bei dieser Edition, wo sowohl der Feintäschner und der Raum "manager magazin" Teil des Ganzen sind, als auch der Sammler, in dessen Hand es liegt, die Mappe lieber als abstraktes Bild oder als funktionalen Gegenstand zu sehen, auch wenn die Funktion dieser Mappe etwas unüblich ist.

mm: Und die Farbwahl für das Cover der Mappe? Man liest, sie würden gewisse Farbtöne vorziehen.

Rehberger: Das sagt man oft und es amüsiert mich, denn kein Maler dürfte Ihnen genau erklären können, warum etwas rot oder blau ist und im Bild auch noch grün vorkommt. Tatsächlich sind nur wenige Arbeiten von mir minimalistisch schwarz-grau, aber was mich interessiert, sind ungewöhnliche Farbzusammenstellungen ohne logische Notwendigkeit und ohne jegliche symbolische Bedeutung. Ich mag dieses Farbigmachen eines Gegenstandes, der das eigentlich gar nicht nötig hätte. Es ist gewissermassen eine schöne Inkonsequenz, die ich mir leiste. Aber auch die Linien des Covermotivs fluktuieren zwischen abstrakter und funktionaler Bedeutung.

mm: Inwiefern?

Rehberger: Es ist eine sehr abstrahierte Typographie. Je nachdem, wie man die Mappe hält, erkennt man die Buchstaben M oder A und kann dazu Worte assoziieren. Hier verschwimmt nochmals die Grenze zwischen den Funktionen. Diese Typographie hätte ich auch mit vier Grauwerten darstellen können, aber ich wollte diese Verwischung des autonom Schönen mit dem nicht autonom Schönen.

mm: In einem Interview mit der "taz" sagten Sie 1994: "Kunst ist das, was schön aussieht". Das scheint noch immer zu gelten?

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Rehberger: Ich kann mir nur vorstellen, dass ich das mit einer gewissen Ironie gesagt habe. Diesen Satz allein zu stellen, wäre ziemlich missverständlich. Was mich in meiner Arbeit bewegt oder umtreibt, ist, dass diese Schönheit nicht nur im Auge entsteht. Bei der Mappe kann man das bemerken: Sie ist nicht nur schön, weil sie hübsch aussieht, oder weil sie so aussieht, wie sie aussieht, sondern weil man weiß, was für ein Gegenstand sie ist, warum und wie sie gemacht wurde. Das Aussehen allein kann auch eine Falle sein.

mm: Sie haben Abitur an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium gemacht. War Kunst für Sie bereits in der Schule ein Thema?

Rehberger: Mein Vater war Maschinenbautechniker und malte als Hobby, so gingen wir ab und an auch in ein Museum oder es lag ein Picasso-Buch im Wohnzimmer. Als Jugendlicher habe ich gerne gezeichnet und Skulptürchen gebastelt, doch Kunst stand weder in der Familie im Zentrum der Aufmerksamkeit noch hätte ich damals daran gedacht, professioneller Künstler zu werden. Irgendwie bin ich in ein Anderssein hinein gewachsen und kam da sozusagen nicht mehr heraus.

mm: Die Eltern haben Sie in Ihrer Berufswahl unterstützt?

Rehberger: Na ja, es brach keine große Begeisterung aus, wurde aber akzeptiert, als ich mich für ein Kunststudium in Frankfurt entschied. In der dortigen Städelschule hatten wir viele Freiheiten. Es gab wenige Pflichtkurse, einige Kollegen machten nur noch Musik oder begannen zu schreiben. Wenn jemand wollte, konnte er auch fünf Jahre lang im Bett bleiben.

mm: Sie wählten die Bildhauerei?

Rehberger: Ja, ich begann mein Studium bei Thomas Bayerle, dann kam für ein Jahr Martin Kippenberger als Gastprofessor, der seine Studenten auch über die offizielle Zeit hinaus weiter betreute. Für meine Entwicklung war Kippenberger sicher ein wichtiger Einfluss, obwohl ich als professioneller Künstler nie richtige Bilder gemalt habe. Das spürt man an meinen Skulpturen, die nicht nur aufgrund der Farben durchaus mit Malerei zu tun haben.

mm: Kippenberger war ein Exponent der sogenannten Gruppe der "Neuen Wilden". Wie treffend sind solche Gruppennamen?

Rehberger: In der Kunst wird dauernd uminterpretiert und neu formiert. Solche Bezeichnung verstehe ich eher als Ausschlusswaffen, denn es ist meist wichtiger, wen man nicht zu einer Gruppe zählt. Denken Sie nur an den Ausschluss der Frauen aus der Moderne. Jetzt hat man auf wundersame Weise bemerkt, dass sie sehr wohl daran beteiligt waren. Gruppen können eine Möglichkeit sein, zum eigenen Werk durchzubrechen, als Kategorie der Kunstgeschichte sind solche Klassifizierungen Humbug.

Mehr Informationen zu Tobias Rehbergers Kunstedition für mm-Leser im Dezember-Heft auf den Seiten 108 f. sowie online hier.

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