Dienstag, 12. November 2019

Neuer, schneller Mobilfunkstandard Schadet 5G unserer Gesundheit?

Lückenlose und flächendeckende Versorgung Deutschlands mit 5G: Das fordern Verbraucherschützer und die Bundesregierung von Mobilfunkkonzernen, die sich jetzt um Lizenzen bemühen.

Der Bund kann mit der beginnenden Versteigerung der 5G-Mobilfunkfrequenzen auf Milliardeneinnahmen hoffen. Kontrovers diskutiert wurden bislang sicherheitspolitische Aspekte. Was bislang aus dem Blick beim schnellen Mobilfunk gerät: unsere Gesundheit.

Ruckelfreies mobiles TV, ultraschnell surfen und downloaden, hochgradig vernetzte Städte, sich einfach irgendwann vom Roboterauto fahren lassen - mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G verbinden sich viele Hoffnungen und Visionen. 5G werde die digitale Zukunft Deutschlands verändern, sei gar das künftige "Rückgrat unserer Industrie", sagen Protagonisten. Viel Hoffnung und Vorschusslorbeeren also noch einmal zu Beginn der Versteigerung der neuen Mobilfunklizenzen in Deutschland.

Skeptische Stimmen wollen da nicht so recht hineinpassen. Über sicherheitspolitische Fragen in diesem Kontext wurde in der Vergangenheit viel diskutiert. Also über die Frage, ob man mit dem Aufbau der Netze chinesische Firmen wie Huawei beauftragen sollte. Ihre Technik gilt als weit fortgeschritten und vergleichsweise günstig. Eine öffentlich bislang wenig aber in der Wissenschaft kontrovers diskutierte Frage könnte künftig stärker in den Vordergrund rücken. Nämlich wie stark 5G womöglich unsere Gesundheit durch Mobilfunkstrahlen gefährdet.

Die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz, Inge Paulini, sieht keinen Grund zur Panik. Ihre aktuellen Statements dürften besorgte Menschen gleichwohl nicht zufriedenstellen. So kündigte sie am Dienstag zum Start der Auktionen vor allem weitere Forschungen über die gesundheitlichen Folgen an. Stark erhöhte Datenübertragungsmengen, neue und zusätzliche Sendeanlagen und höhere Frequenzen veränderten die Strahlungsintensitäten. "Diese müssen untersucht werden", sagte Paulini der "Passauer Neuen Presse".

Keiner weiß, wie Frequenzen von 26 Gigahertz auf uns wirken

Der neue 5G-Standard nutze mittelfristig auch höhere Frequenzen von bis zu 26 Gigahertz. "Hier haben wir noch wenige Erkenntnisse und werden mittelfristig weitere Forschung betreiben." Ebenfalls ungeklärt sei, was geschieht, wenn etwa unterschiedliche Betreiber am gleichen Ort Sendeleistung aufbauen.

5G kann und soll Daten extrem schnell übertragen. Die Technik ist vor allem für die Industrie interessant - nicht nur, aber auch für das autonome Fahren von Roboterautos eines Tages. Da aber die Reichweite der Strahlen geringer ist, bedarf es eines engmaschigeren Netzes mit Sendemasten als es bei 4G der Fall ist.

Mehr als 180 Wissenschaftler und Ärzte aus 36 Ländern warnten deshalb schon vor der Auktion in einem offenen Brief an die EU eindringlich vor möglichen Gesundheitsgefahren, die von einer engeren Dichte des Netzes und zugleich zumindest temporär höheren Strahlenbelastung ausgehen kann. In ihrem Aufruf fordern sie ein Moratorium des Ausbaus der fünften Mobilfunkgeneration, bis die potentiellen Risiken durch unabhängige Wissenschaftler vollständig erforscht sind.

"5G wird die Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern im Hochfrequenzbereich (HF-EMF) stark erhöhen, indem es zu GSM, UMTS, LTE, WLAN, usw. hinzukommt, die bereits für die Telekommunikation genutzt werden. Es ist erwiesen, dass HF-EMF für Menschen und die Umwelt schädlich sind", heißt es in dem Aufruf.


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Dem könne sich keiner entziehen - auch nicht, wenn er kein Smartphone nutze. Wer die Ressourcen von 5G vollständig ausschöpfen wolle - und darauf dürften Unternehmen, die diese milliardenschweren Investitionen stemmen bedacht sein - werde in städtischen Gebieten Antennen im Abstand von 10 bis 12 Häusern verbauen müssen. Damit werde die Zwangsexposition "stark erhöht". Denn es würden nicht nur zahlreiche neue 5G-Basisstationen installiert, sondern europaweit Milliarden zusätzliche Drahtlosanschlüsse, um die neue Technik für das Internet der Dinge (Steuerung von Kühlschränken, Waschmaschinen, Überwachskameras, autonom fahrende Autos/Busse) zu nutzen.

Vor diesem Hintergrund fordern die Wissenschaftler die Europäische Union nicht nur zur Überprüfung der Technologie, sondern auch die Festlegung von "Grenzwerten für die maximale Gesamtexposition".

Einer der Unterzeichner, der einen ähnlichen Appell an die Vereinten Nationen unterstützt, ist der deutsche Mediziner und Biochemiker Professor Franz Xaver Adlkofer, der seit der Jahrtausendwende die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Felder, insbesondere der Mobilfunkstrahlung, auf den menschlichen Organismus erforscht. In einem seiner jüngsten Aufsatz vom Dezember 2018 (PDF) räumt Adlkofer in der Auseinandersetzung mit neueren Forschungsergebnissen ein, dass die Antwort auf die Frage unter Wissenschaftlern umstritten ist, lässt aber keinen Zweifel an seiner Position:

"Folglich muss davon ausgegangen werden, dass die Mobilfunkstrahlung von G1 bis G4 beim Menschen u. a. Krebs verursacht. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO in Lyon, Frankreich, die die Mobilfunkstrahlung 2011 bereits als 'möglicherweise kanzerogen beim Menschen' eingestuft hat, wird deshalb der Forderung der unabhängigen Wissenschaft, diese Bewertung mit 'kanzerogen beim Menschen' alsbald der Realität anzupassen, nicht auf Dauer widerstehen können."

Dabei ist die industriekritische Position des Forschers, der lange der von der Zigarettenindustrie finanzierten "Stiftung für Verhalten und Umwelt" (ehemals "Rauchen und Gesundheit") vorstand, nicht zu überlesen:

"Die Mobilfunkindustrie, die diese bedrohliche Entwicklung zu verantworten hat, ignoriert die Erkenntnisse der unabhängigen Wissenschaft bis heute und die politischen Institutionen […...] sehen diesem Treiben [...] tatenlos zu", schreibt Adlkofer.

Doch treffen die behaupteten Wirkungen, die wie gesagt nicht unwidersprochen bleiben, auch auf den neuen Mobilfunkstandard G5 zu? "Aufgrund der bei G5 geringen Eindringtiefe der Strahlung in die Haut schließen sie [gemeint sind Mobilfunkindustrie und Politik, die Redaktion] schädliche Wirkungen offensichtlich von vornherein aus. Ob diese Annahme, der bis jetzt jede Begründung fehlt, tatsächlich zutrifft, wird von der unabhängigen Wissenschaft stark angezweifelt."

Selbst Kritiker räumt ein: 5G-Auswirkungen nicht sicher einzuschätzen

Selbst eine "zuverlässige Einschätzung" möglicher gesundheitlicher Risiken durch 5G sei gegenwärtig noch nicht möglich räumt der Forscher ein. Es gebe aber allerdings "erste Hinweise dafür, dass bei stärker exponierten Menschen möglicherweise mit Augenschäden zu rechnen ist".

Das Bundesamt für Strahlenschutz sieht Krebserkrankungen infolge von Mobilfunkstrahlungen nicht als erwiesen an. Die Behörde schließt aber eben auch nicht aus, dass eine intensive Nutzung des Smartphones insbesondere unmittelbar am Kopf möglicherweise Langzeitwirkungen wie Hirntumore über Jahrzehnte nach sich ziehen können.

Offene Fragen sieht das Bundesamt für Strahlenschutz auch mit Blick auf die zu erwartende höhere Dichte der Masten. Die Entwicklung werde auf mehr Sender in unmittelbarer Lebensumgehung der Menschen aber mit einer geringeren Leistung hinauslaufen. Auch hier seien die Auswirkungen auf jeden Einzelnen "schwierig abzusehen". Doch bei achselzuckenden Einschätzungen zu möglichen gesundheitlichen Gefahren durch 5G will es das Bundesamt für Strahlenschutz nicht belassen. "Hierzu werden wir weitere Forschung betreiben."

Für besorgte Menschen dürfte das wie gesagt wenig befriedigend sein. Zumindest mit Blick auf das Handy bleibt ihnen ja immer noch die Option: einfach mal ausschalten.

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