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Mobiles Arbeiten und mehr Feiertage "Die meisten Arbeitnehmer wissen gar nicht, dass sie freihaben könnten"

Am Buß- und Bettag schnell das mobile Büro nach Sachsen verlegen, und dort den Feiertag mitnehmen? Geht nicht, denken die meisten. Geht doch, sagt Arbeitsrechtlerin Eva Wißler. Wer zum Beispiel vom Homeoffice in Bayern aus für ein Hamburger Unternehmen arbeitet, nimmt dennoch alle zusätzlichen katholischen Feiertage mit.
Ein Interview von Florian Gontek
Wie flexibel darf ich im Mobile Office sein?

Wie flexibel darf ich im Mobile Office sein?

Foto: GoodLifeStudio / E+ / Getty Images

Eine Fiesheit des Föderalismus sind Feiertage: Denn während beispielsweise Weihnachten oder Ostern bundesweite, gesetzliche Feiertage sind, dürfen an Tagen wie Allerheiligen (1.11.) oder Heilige Drei Könige (6.1.) nur bestimmte Bundesländer die Füße hochlegen, der Rest muss arbeiten. Das katholische Bayern zum Beispiel gönnt sich mit dem Dreikönigstag, Fronleichnam, Maria Himmelfahrt und dem Augsburger Friedensfest vier zusätzliche Feiertage, die in Norddeutschland normale Arbeitstage sind.

Warum also in Zeiten von Mobile Office nicht der Arbeit entfliehen und das mobile Büro einfach dort aufschlagen, wo gerade Feiertag ist – und dann entspannt freimachen? Glaubt man Stimmen aus der Praxis, kommen immer mehr Arbeitnehmer auf diese Idee. Die Frankfurter Juristin Eva Wißler über Schlupflöcher im Arbeitsvertrag – und die Argumente beider Seiten.

manager magazin: Frau Wißler, ich lebe und arbeite fest angestellt in Hamburg. An Allerheiligen habe ich mein Mobile Office allerdings zu meinen Eltern in die Nähe von Bielefeld verlegt. In Nordrhein-Westfalen war das ein Feiertag, in Hamburg nicht. Ich war im Dienst. Hätte ich freimachen können?

Eva Wißler: Ja, hätten Sie. Zumindest dann, wenn der Arbeitgeber Ihnen vorher gestattet hat, dass Sie mobil arbeiten dürfen.

Was aufgrund der Pandemie derzeit ja viele Arbeitgeber tun. Wenn ich das maximal ausreize, würde das bis zu fünf freie Tage  mehr für mich bedeuten, je nachdem, wohin ich an Tagen wie dem heutigen Buß- und Bettag oder an Heilige Drei Könige reise.

Wißler: Nun ja, ganz so einfach ist es nicht, da hängen schon einige Fragen dran: Die Arbeitgeberseite argumentiert, dass auf die Mitarbeitenden die Pflicht zukommt, sicherzustellen, dass sie während des mobilen Arbeitens ihrem Job nachgehen können. Begebe ich mich aber etwa mutwillig an einen Ort ohne Internetzugang und bin nicht einsatzfähig, ist das schwierig.

Aber der Arbeitgeber gibt doch, wenn er mobiles Arbeiten erlaubt, gerade keinen festen Platz zum Arbeiten vor.

Wißler: Das ist der Punkt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wer da im Zweifel am längeren Hebel sitzt, da will ich nicht mutmaßen. Das ist eine totale Grauzone, die Gerichte haben dazu noch nicht entschieden.

Das heißt, darüber, ob ich an Feiertagen arbeiten muss, entscheidet momentan nicht der Betriebssitz meines Arbeitgebers, sondern mein tatsächlicher Arbeitsort am jeweiligen Tag?

Wißler: Das ist gerade der Grundsatz, genau. Der Arbeitgeber kann Ihnen natürlich trotzdem an den Karren fahren und sagen: Wenn Sie zum mobilen Arbeiten einen Ort wählen, an dem Feiertag ist, und nicht arbeiten, dann vergüten wir den Tag auch nicht. Ebenso kann er einen festen Arbeitsort bestimmen oder zumindest festlegen, an welchen Orten generell mobiles Arbeiten gestattet ist, das ist Teil seines Weisungsrechtes. Wenn sich die Festlegung aber auf die Wohnung der Beschäftigten fokussiert, dann ist es auch kein mobiles Arbeiten mehr, sondern Homeoffice. Das bedeutet auch, dass die arbeitsschutzrechtlichen Vorgaben für Tätigkeiten im Homeoffice zu beachten sind. Diese können recht aufwendig  sein.

Aber der Arbeitgeber muss Feiertage doch ohnehin vergüten.

Wißler: Muss er, ja. Der Arbeitgeber wird aber argumentieren, dass Feiertaghopping die Freiheit des mobilen Arbeitens missbraucht. Arbeiten Sie längerfristig vom Wohnort Ihrer Eltern aus und da ist mal ein zusätzlicher Feiertag dabei, ist das sicherlich nicht rechtsmissbräuchlich. Fahren Sie aber ganz bewusst in Bundesländer, um alle möglichen Feiertage mitzunehmen, sieht das schon anders aus.

Und wenn am Sitz des Unternehmens Feiertag ist, an meinem Arbeitsort aber nicht?

Wißler: Dann müssen sie arbeiten.

Es ist also nicht wichtig, dass mein Arbeitsort auch mein offizieller Wohnort ist?

Wißler: Nein. Das wäre die Regel beim Homeoffice. Beim mobilen Arbeiten ist ja gerade das Entscheidende, nicht an einen Wohnort gebunden zu sein. Hier ist wesentlich, dass der Arbeitsplatz geeignet ist, um dem Job auch nachgehen zu können. Es geht vor allem um das Wie, nicht das Wo.

»Wir sollten das gesetzlich oder in den Policies zum mobilen Arbeiten regeln, sonst kommt es langfristig zu Problemen.«

In meinem Arbeitsvertrag ist als Arbeitsort explizit Hamburg aufgeführt. Spielt das eine Rolle?

Wißler: Das spielt dann keine Rolle mehr, wenn der Arbeitgeber mobiles Arbeiten freistellt. Damit weicht er den Arbeitsort auf. Es würde nur dann eine Rolle spielen, wenn Sie zum Beispiel im Hamburger Raum etwas recherchieren sollen. Dann müssten Sie vor Ort sein. Auch beim mobilen Arbeiten müssen die Interessen des Arbeitgebers gewahrt werden – das heißt im Zweifel auch einsatzbereit vor Ort zu sein.

Würden Sie zu »Feiertagstourismus« raten?

Wißler: Es kommt darauf, wie mutig man ist. Ich würde klarmachen, dass ein Risiko besteht, dass der Arbeitgeber an diesem Tag das Gehalt kürzt und es auch der Beziehung zum Arbeitgeber nicht zuträglich sein dürfte.

Kommt das in der Praxis häufiger vor?

Wißler: Ich selbst hatte zwei solche Fälle. Die meisten Arbeitnehmer wissen nichts von diesem Graubereich – und arbeiten analog zu den Feiertagen am eigentlichen Dienstort. Das Ganze hat ja auch eine soziale Komponente, man nimmt Rücksicht auf Kolleginnen und Kollegen, die Chefin, den Kunden. Gerade Graubereiche nutzen häufig Menschen aus, die gedanklich ohnehin schon auf dem Absprung sind. Trotzdem: Wir sollten das gesetzlich oder in den Policies zum mobilen Arbeiten regeln, sonst kommt es langfristig zu Problemen.

»Wo man mobil arbeitet, ist jeder und jedem selbst überlassen.«

Was muss im Arbeitsvertrag vereinbart sein, damit »Feiertagstourismus« überhaupt in Betracht kommt?

Wißler: Mobiles Arbeiten muss vom Arbeitgeber ohne Einschränkung bewilligt sein, das ist das Wichtigste. Viele Unternehmen legen mittlerweile jedoch vermehrt unternehmenseigene Regelungen zum mobilen Arbeiten fest. Für die Arbeitgeber, die wir vertreten, haben wir eine Klausel in die Arbeitsverträge eingearbeitet: Die verbietet es, während regionaler oder lokaler Feiertage in Gebieten zu arbeiten, die nicht der offizielle Arbeitsort sind.

Hätte eine solche Klausel vor Gerichten Bestand?

Wißler: Einen Präzedenzfall haben wir bislang nicht. Wir rechnen aber mit deren Gerichtsfestigkeit.

Inwiefern muss mein Arbeitgeber überhaupt darüber Bescheid wissen, von wo ich hierzulande gerade arbeite?

Wißler: Gar nicht. Wo man mobil arbeitet, ist jeder und jedem selbst überlassen.

Macht es einen Unterschied, wenn mein Arbeitgeber mich offiziell zum Arbeiten in ein anderes Bundesland entsendet?

Wißler: Dann gilt das Feiertagsrecht am Arbeitsort. Fällt dann ein Feiertag rein, ist es er arbeitsfrei. Das gilt genauso für Entsendungen ins Ausland.

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