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Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Muss ich wissen, wo ich mich in fünf Jahren sehe?

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Marc wird in Bewerbungsgesprächen oft nach seiner Zukunftsplanung gefragt. Wie ehrlich soll er darauf antworten? Denn eigentlich hat er keine Ahnung, was genau er in fünf Jahren machen will.
Ich weiß zwar nicht, wo ich mich in fünf Jahren sehe, aber immerhin ziemlich genau, was ich in fünf Minuten mache. Das reicht.

Ich weiß zwar nicht, wo ich mich in fünf Jahren sehe, aber immerhin ziemlich genau, was ich in fünf Minuten mache. Das reicht.

Foto: We Are / Getty Images

Marc, 34 Jahre, fragt: »Ich werde in jedem Bewerbungsgespräch gefragt, wo ich mich beruflich in fünf Jahren sehe. Mir fällt es schwer, hierauf eine konkrete Antwort zu geben, zumal mir Karriere zu machen persönlich gar nicht so wichtig ist. Welche Antwort erwarten Personaler auf diese Frage und wie ehrlich darf ich sein?«

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Hallo Marc,

ja, diese Frage ist eine Standardfrage, die viele Jobwechsler unter Druck setzt. Lernen Sie keine Standardantwort aus dem Netz auswendig, sondern fragen Sie zuerst sich selbst, worauf es Ihnen in den nächsten Jahren im Beruf wirklich ankommt. Schaffen Sie danach mit diesem Selbstbewusstsein Klarheit im Gespräch, dann werden Sie herausfinden können, ob dieser Job und die Menschen dort zu Ihnen passen.

Häufig wird davor gewarnt, den fiesen Personalerfragen nicht auf den Leim zu gehen. »Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?« zählt definitiv zu diesen angeblich so gefährlichen Fangfragen. Es wird dazu geraten, möglichst ambitioniert und zielstrebig zu wirken. Aber bitte nicht zu sehr, sonst könnte ein Chef befürchten, Sie haben es auf seinen Stuhl abgesehen. Und so wird Ihnen als goldener Bewerbungstipp eine unverfänglich weichgespülte Antwort vorgeschlagen, die Sie auswendig lernen und ebenso standardmäßig abspulen können. Ich hoffe, Sie bemerken gerade selbst, wie absurd das alles ist.

Personaler sind Menschen, die sich für Sie interessieren

Auch wenn Recruiter leider immer noch solche Standardfragen stellen, sollten Sie als Bewerber nicht mit Standardantworten reagieren. Hinter jeder Frage steckt eine echte Motivation. Ihnen sitzen Menschen gegenüber, die sich für Sie interessieren und mehr über Ihren Lebenslauf hinaus erfahren möchten. Personaler machen einen guten Job, wenn sie den für eine Stelle und das Team am besten passenden Kandidaten auswählen. Wie sollen sie Sie als Menschen hinter einer Bewerbung kennenlernen und eine Auswahlentscheidung treffen, wenn Sie Standardantworten aus Karriere-Ratgebern zum Besten geben?

Ich habe keinen Fünfjahresplan – und das ist auch gut so

Ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich in fünf Jahren noch Gastbeiträge hier schreibe. Ich weiß nicht, ob ich in drei Jahren in meinem Büro noch täglich mit Jobwechslern über ihre Werte und Stärken spreche sowie ihre Lebensläufe überarbeite. Heute macht es mir große Freude, ich bin erfolgreich damit und vermutlich wird dies auch in den nächsten zwei oder drei Jahren mein Weg sein. Doch warum sollte ich mich mit einem starren Ziel selbst in Ketten legen, wo doch Freiheit einer meiner persönlich wichtigsten Werte ist?

Ich war noch nie der langfristige Karriereplaner. Sonst würde ich heute vermutlich mit tiefrotem Faden im Lebenslauf im Management eines Versicherungskonzerns sitzen – und sehr wahrscheinlich ziemlich unzufrieden sein. Ich habe eine klare Vorstellung darüber, wie, mit wem und woran ich in den nächsten Jahren arbeiten möchte. Doch diesen einen, super ambitionierten Fünfjahresplan besitze ich nicht – und das fühlt sich für mich goldrichtig an.

Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt

Was denken Sie in diesem Moment über mich? Denken Sie »Cool, der weiß, was ihm wichtig ist und geht seinen Weg« oder denken Sie »Was für eine Lusche, wenn er als Karrierecoach kein Fünf-Jahres-Ziel hat«? Ich weiß, dass es da draußen Menschen gibt, die Letzteres denken – hierfür reicht ein Blick in die Kommentare zu meinen Beiträgen. »Karrierecoach wird, wer es in der Wirtschaft nicht geschafft hat« las ich neulich. Hier scheint jemand ein anderes Werteverständnis und Bild von beruflichem Erfolg zu haben. Für mich ist das in Ordnung, doch ich bin mir sicher, dass es mit diesem Menschen als meinem Chef nicht lange gut gehen würde.

Bewerbung ist auch Selbstschutz

Im Bewerbungsgespräch geht es doch nicht darum, mit erwünschten Standardantworten irgendwelchen unbekannten Erwartungen anderer gerecht zu werden. Bewerbung ist auch Selbstschutz. Nutzen Sie die Gespräche, um Ihrem Gegenüber ein klares Bild über sich, Ihre Denkweise, Wertevorstellungen und persönlichen Ziele zu vermitteln – und ebenso viel von Ihren Gesprächspartnern zu erfahren.

Wer Sie nicht verstehen kann oder wessen Ansichten Ihnen völlig fremd sind, der sollte in den nächsten Jahren besser nicht Ihr Partner im Job sein.

Also, jetzt mal ehrlich, wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Und spricht noch etwas dagegen, darüber offen zu sprechen?