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Nach Ende der Homeoffice-Pflicht Wenn das Homeoffice zum Gewohnheitsrecht wird

Mitarbeiter zurück ins Büro holen oder wegen der hohen Inzidenzen weiter von Zuhause arbeiten lassen? Unternehmen müssen nun eine Wahl treffen, um die Kontrolle zu behalten. Denn ohne Regelung wird Homeoffice zum Gewohnheitsrecht.
Weiter im Homeoffice: Trotz Ende der Homeoffice-Pflicht arbeite viele Mitarbeiter weiterhin von Zuhause aus

Weiter im Homeoffice: Trotz Ende der Homeoffice-Pflicht arbeite viele Mitarbeiter weiterhin von Zuhause aus

Foto: Sina Schuldt / dpa

Seit dieser Woche gehört die Homeoffice-Pflicht der Vergangenheit an. Ab sofort können Arbeitgeber wieder selbst bestimmen, wie oft sie Mitarbeiter ins Büro holen wollen. Doch die Rückkehr ins Büro ist gar nicht so einfach, sind doch die Inzidenzen der Corona-Neuinfektionen auf einem historischen Höchststand.

Unternehmen befinden sich daher in einem Zwiespalt: Mitarbeiter zurück ins Großraumbüro zu holen oder sie weiterhin von Zuhause aus arbeiten lassen. Dies birgt jedoch das Risiko, damit langfristig die Kontrolle zu verlieren und selbst über den Arbeitsort der Mitarbeiter zu entscheiden, warnen Arbeitsrechtler. "Führt man die bisherige Homeoffice-Praxis ohne eine solche gesetzliche Grundlage einfach fort, können sich Ansprüche der Arbeitnehmer hierauf bilden", sagt zum Beispiel Thomas Gennert (36), Arbeitsrechtler bei der internationalen Kanzlei McDermott Will & Emery in Düsseldorf.

Das heißt: Wenn Unternehmen jetzt noch Homeoffice gestatten, dann können sie auch nicht mehr ohne die Zustimmung der Mitarbeiter von der Regelung abweichen. Mitarbeiter könnten sogar ihre Arbeit im Homeoffice einklagen, weil sie eine Art Gewohnheitsrecht entwickelt haben.

Vereinbarungen zum Homeoffice jetzt dringend gefragt

Gennert rät Unternehmen daher, sich nun dringend Gedanken zu machen, wie es mit Homeofffice-Arbeit weitergehen sollte. Die Grundlage dafür kann in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen enthalten sein. "Vereinbaren die Arbeitnehmer hierzu mit dem Betriebsrat ein Verfahren, gilt dieses grundsätzlich für alle Mitarbeiter", sagt Gennert. Besteht kein Betriebsrat, kann eine "Policy" oder "Richtlinie" zum Thema Homeoffice etabliert werden, die dann für alle Arbeitnehmer gelten soll. "Die dort geregelten Ansprüche der Arbeitnehmer nennt man Gesamtzusage", erklärt Gennert.

Eine solche Gesamtzusage können Unternehmen allerdings grundsätzlich nur durch eine Vereinbarung mit sämtlichen Mitarbeitern ändern oder abschaffen. "Das Augenmerk sollte hier deswegen darauf liegen, ob sich eine Regelung nicht zur Erprobung befristen lässt oder die Voraussetzungen so gestaltet werden, dass Unternehmen langfristig mit der Richtlinie leben können", sagt der Arbeitsrechtler.

Man sollte Homeoffice auch ablehnen können

Dabei sollten Vorgesetzte auch sicherstellen, den Wunsch nach Homeoffice ablehnen zu können, wenn dies die Arbeitsaufgaben nicht zulassen oder der Mitarbeiter sich als "untauglich" zur Arbeit von Zuhause erwiesen hat. "Insofern können durchaus sachliche Gründe für eine Ungleichbehandlung vorliegen", sagt Gennert. Daneben sollten sich Unternehmen auch über die Themen Arbeitsschutz und Kostenersatz Gedanken machen und sich die Frage stellen, ob anstelle von Homeoffice nicht auch an einen Ort gebundenes mobiles Arbeiten  angeboten werden kann.

Fakt ist jedoch: egal ob Arbeitnehmer weiterhin mehr im Homeoffice als vor der Pandemie oder für eine Art Kern-Anwesenheitszeit für bestimmte Tage im Betrieb sein sollten: ein Recht auf die Arbeit in den eigenen vier Wänden gibt es nicht mehr. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD, 49) will ein solches zwar grundsätzlich und unabhängig von Corona einführen. Wann und wie ein solches Recht kommt, ist noch offen.

Mitarbeiter, die also öfter ins Homeoffice möchten, als der Chef erlaubt, können seit dieser Woche nicht einfach zu Hause bleiben, wann und wie es ihnen passt. Der Grundsatz, dass die Arbeit im Betrieb des Arbeitgebers zu leisten ist, verschwindet nicht, nur weil Homeoffice eine Zeit lang gesetzlich vorgeschrieben war. Das bestätigt auch Gennert. "Arbeitnehmer müssen grundsätzlich ins Büro, wenn der Chef es verlangt", so der Arbeitsrechtler.

Weisungsrecht des Arbeitgebers

Grund dafür ist das Weisungsrecht des Arbeitgebers. Dieses Recht lässt den Arbeitgeber bestimmen, wo seine Kollegen arbeiten. Weigert sich der Arbeitnehmer trotzdem ins Büro zu kommen, kann ihm eine Abmahnung oder schlimmstenfalls die Kündigung drohen. Nach der Arbeitsschutzverordnung, die zum 20. März ebenfalls neu geregelt wurde, sollen Arbeitgeber zwar prüfen, ob Homeoffice für die Sicherheit und Gesundheit ihrer Arbeitnehmer erforderlich ist. Die Homeoffice-Pflicht ist jedoch gänzlich weggefallen.

Gründe zur Ausrede gibt es für Arbeitgeber kaum. Wer Angst hat, sich im Büro anzustecken, muss trotzdem kommen. Es sei denn, es gibt eine Vereinbarung mit dem Chef. Mit dem sollte ohnehin das Gespräch gesucht werden. Kommunikation ist wichtig , bestätigt auch Arbeitsrechtler Gennert. Andere Gründe, wie die derzeit hohen Spritpreise stellen ebenfalls keine Möglichkeit dar, die Fahrt ins Büro zu verweigern. Denn wie der Arbeitnehmer zur Arbeit kommt und wie viel teuer die Fahrt für ihn durch die aktuelle Situation wird, ist seine Sache.

Sorge vor einer Zeitreise in 2019 sollten Arbeitnehmer jedoch nicht haben: "Auf 100 Prozent Präsenz arbeitet so gut wie kein Unternehmen mehr", beobachtet Gennert. Einige Unternehmen wollen ihre Flächen wieder nutzen, um Kreativität und Austausch zu fördern, eine gewisse Flexibilität aber weiterhin anerkennen. Andere Unternehmen nehmen die Situation zum Anlass, ihr Raumkonzept zu überdenken Konzepte wie "Shared Desks" zu erproben. Auch muss der Arbeitgeber weiter im Büro seine Fürsorgepflicht erfüllen, Plexiglas-Trennwände aufstellen oder der Belegschaft Masken anbieten für den nötigen Hygieneschutz. Nur wenn ein Mitarbeiter zu einer besonders gefährdeten Personengruppe gehört, beispielsweise chronisch krank ist, könnte der Arbeitgeber weiterhin das Homeoffice anbieten müssen, um den Mitarbeiter zu schützen.