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Silent Coworking Wie Sie im Homeoffice ihre Effektivität deutlich steigern

Get Shit done: Wer an Aufschieberitis leidet, kann sich mit Fremden aus aller Welt zum stillen Arbeits-Videochat verabreden. Dabei lernt man viel über sich, gute Organisation – und schafft endlich mal richtig was weg.
Ein Erfahrungsbericht von Maren Hoffmann
Büroarbeit (Symbolbild): Zusammen schafft man richtig was weg, selbst wenn man nicht miteinander spricht

Büroarbeit (Symbolbild): Zusammen schafft man richtig was weg, selbst wenn man nicht miteinander spricht

Foto: Bernd Vogel / Stone RF / Getty Images

Nun also Mustafa. Mustafa ist ein IT-Typ, Mitte 20, Bart, Mütze, Typus Hipster. Er arbeitet in Berlin, ich in Hamburg. Wir werden uns gleich eine Minute lang erzählen, woran wir arbeiten, dann schweigend eine knappe Stunde vor dem Rechner sitzen, per Videoschalte verbunden, und danach wahrscheinlich nie wieder etwas voneinander hören. Klingt komisch? Ist es auch. Aber es hilft mir, viel effektiver zu arbeiten.

»Silent Coworking« heißt die Methode, die schon vor der Pandemie Heimarbeiter und Studierende zu mehr Leistung trieb. Im Grunde gibt es sie seit Jahrhunderten: Studentinnen sitzen schweigend in Bibliotheken, Internatsschüler nachmittags im Silentium nebeneinander und leisten Stillarbeit. Beim Silent Coworking ist aber das »Co« entscheidend – und die Digitalisierung. Man kann sich via Internet verabreden, dann schalten beide ihre Kameras ein, erzählen einander ganz kurz (in weniger als einer Minute!), was sie jeweils erledigen wollen und dann bleibt man mal eine knappe Stunde einfach sitzen und arbeitet. Ohne Ablenkung, ohne Ausreden.

Die GSD-Methode: Get shit done!

Mustafa ist jetzt nur noch ein kleines Bild unten rechts auf meinem Monitor, aber das reicht schon, damit ich mich auf das konzentriere, was ich machen muss, und nicht zwischendurch aufstehe, telefoniere oder mich sonstwie ablenken lasse. Wenn die Zeit abgelaufen ist, fragen wir einander kurz: Und? Hat's geklappt? Und dann gratulieren wir einander zu unseren erreichten Zielen.

Die soziale Kontrolle durch Fremde funktioniert überraschend gut »to get shit done«, wie es unter uns Prokrastinierern heißt, wenn wir tatsächlich mal was auf die Kette kriegen. 2015 hatte der New Yorker Taylor Jacobson sein persönliches Erweckungserlebnis, als er mit einem Freund via Skype darüber sprach, wie sie ihre Aufschieberitis in den Griff bekommen könnten – und feststellten: Am besten, man lässt die Kamera einfach an und kontrolliert sich gegenseitig. »Und, es war magisch«, schrieb Jacobson in seinem Blog , »wir kamen beide sofort in die ›Zone‹ und blieben die ganze Zeit in einem produktiven Flow. Ich war begeistert.«

Jacobson entwickelte daraufhin die App »Focusmate«, die Arbeitswillige miteinander vernetzt. Man kann in einem offenen Kalender eine Session buchen, die jemand anders eingetragen hat, oder selbst eine eintragen – und ist dann fest zum Arbeiten verabredet. Drei Sitzungen pro Woche sind gratis, wer mehr will, zahlt fünf US-Dollar im Monat.

Nach eigenen Angaben hat die App mittlerweile mehr als 100.000 User in 193 Ländern und hat während der Pandemie 1,7 Millionen Sitzungen verzeichnet – und das Geschäft verfünffacht, wie CEO Jacobson mir auf Anfrage mailt. Auch Mustafa ist schon satt dreistellig dabei als Nutzer – lange Gespräche, was er macht und wie er auf die App gekommen ist, verbietet die Focusmate-Etikette: Einzig erlaubter Dialog ist das kurze Vorstellen des eigenen Arbeitsziels – und nach knapp einer Stunde die Nachfrage, ob der andere denn erfolgreich war. Persönliche Annäherung ist verpönt, man lernt hier niemanden kennen.

Zack, loslegen, zack, Erfolgskontrolle

Natürlich geht gemeinsame Stillarbeit auch ohne App, dafür weniger anonym. Seit einigen Wochen treffe ich mich immer montags mit einer Kollegin, der ich von meinen Erfahrungen erzählt hatte, zum stillen Videochat. Wir haben die Regeln übernommen: Kein Kaffeeschnack, sondern kurz sagen, was man plant, zack, loslegen, zack, Erfolgskontrolle. Getränke holen wir uns vorher, das Telefon bleibt konsequent aus. Wir sind beide begeistert, was wir in dieser Zeit gewuppt bekommen. Danach noch fünf Minuten Plaudern zur Belohnung, das ist dann aber okay.

Ehrlich gesagt wusste ich vorher gar nicht genau, was ich in 50 Minuten eigentlich schaffen kann. Mein Beruf ist einer, bei dem man oft morgens noch nicht genau weiß, womit man sich den Tag über beschäftigen wird – das macht einen großen Teil seines Reizes aus, erschwert aber Planung und Struktur. Die Technik, den Arbeitstag in kleine Zeitabschnitte zu unterteilen, ist auch unter dem Namen »Pomodoro-Methode«  bekannt. Für mich fühlt es sich aber eher künstlich an, mir selbst allein einen Wecker zu stellen – und mir fehlt die Sozialkontrolle. Eine gemeinsame Session ist ein bisschen wie eine Schulstunde: In dieser Zeit beschäftigt man sich mit dem gesetzten Thema, komme, was da wolle.

Planungsfehler schneller finden

Durch das Coworking bin ich außerdem gezwungen, in zwei oder drei Sätzen auszuformulieren, was ich eigentlich schaffen will. Klingt trivial, aber das ist es nicht – wenn man merkt, dass man die Aufgabe nicht gut formulieren kann, findet man eigene Planungsfehler sehr schnell.

Während ich das hier schreibe, reibt sich am anderen Ende der Welt ein bebrillter, verwuschelter Student seine müden Augen. Er muss irgendetwas reviewen, ich habe nicht genau verstanden, was, sein Englisch war so schlecht wie die Audioverbindung, aber wir haben beide auf die Pläne des anderen mit dem Focusmate-Standardsatz »Awesome. Good luck!« reagiert. Er trinkt literweise Kaffee und hat schon 343 Sitzungen absolviert, ich bin seine 344. Ich werde leider niemals erfahren, was aus ihm oder seinem Projekt geworden ist oder was vor dem Fenster zu sehen ist, durch das er manchmal nach draußen schaut. Das ist schon ein bisschen schade. Aber dafür habe ich diesen Artikel fertig geschrieben.

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