In Kooperation mit

Job & Karriere

Deutscher Auswanderer auf Kuba "Ich habe mich beim Dreh in der Zigarrenfabrik verliebt"

Wohnen, wo andere Urlaub machen: Der Kameramann Jochen Beckmann lebt und arbeitet seit 25 Jahren in Havanna – und erzählt, warum er trotz der Not im Land nicht wegwill.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Jochen Beckmann hat sich seinen Traumjob auf Kuba erkämpft: Seit 25 Jahren arbeitet er dort als freiberuflicher Journalist

Jochen Beckmann hat sich seinen Traumjob auf Kuba erkämpft: Seit 25 Jahren arbeitet er dort als freiberuflicher Journalist

Foto: Yanelys Soler

»Ein Zwischenstopp von 24 Stunden hat gereicht, um mich in Havanna  zu verlieben. Ich arbeitete damals, 1987, als Kamera-Assistent für eine kleine Produktionsfirma in Berlin . Für eine Fernsehdokumentation hatten wir im Urwald von Nicaragua  gedreht, und der Rückflug ging über Kuba .

Die Architektur, die fröhliche Stimmung und die neugierigen Blicke der Menschen in Havanna faszinierten mich so, dass ich den Produktionsleiter schon wenige Stunden nach der Ankunft darum bat, länger bleiben zu dürfen. Aber zu der Zeit gab es nur einen wöchentlichen Flug von Kuba nach Berlin – mit Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR . Umbuchen ging nicht. Und so stieg ich widerwillig in den Flieger mit dem festen Vorhaben, möglichst bald wieder zurückzukommen.

Und das habe ich getan. Ich verbrachte erst einen Winter auf Kuba, dann noch einen. Der Abschied fiel mir jedes Mal schwerer, und irgendwann habe ich mich gefragt: Kann ich nicht einfach hierbleiben?

Fotostrecke

Eine Kuba-Doku ohne Oldtimer? Undenkbar!

Foto: Jochen Beckmann

Nun lebe ich schon seit 25 Jahren in Havanna, bin hier verheiratet und habe drei Kinder. Ich habe mir selbst einen Posten als Auslandskorrespondent geschaffen: Als freiberuflicher Journalist drehe, schneide und vertone ich Fernsehbeiträge, hauptsächlich für deutschsprachige Sender. Ich berichte nicht nur aus Kuba, sondern aus ganz Lateinamerika .

In den ersten Jahren habe ich mich von Auftrag zu Auftrag gehangelt und immer wieder neue Ideen für Fernsehbeiträge vorgeschlagen. Touristisch war die Insel damals noch kaum erschlossen. Vielleicht wurde ich auch deshalb so herzlich aufgenommen.

Bei meinem ersten längeren Aufenthalt reiste ich mit dem Zug quer durchs Land, ohne Plan. Ich ließ mich einfach treiben, nahm jeweils den ersten Zug, der am Bahnsteig hielt, und stieg beim nächsten Halt wieder aus. Die Reise führte mich in mehreren Wochen von Pinar del Rio ganz im Westen bis nach Guantanamo  im Osten. Mein Spanisch war damals noch ziemlich rudimentär, aber wo ich auch hinkam, wollten die Menschen mit mir reden. So lernte ich schnell – und kam auf immer neue Ideen für Filmbeiträge. Leider hatte ich damals noch keine besonders guten Kontakte zu TV-Sendern, sodass mein gedrehtes Material von dieser Reise ungesendet bei mir im Archiv lagert.

Wer sich hier niederlassen möchte, wird genau überprüft

Aber nach und nach wurde meine Auftragslage besser. Meine Wohnung in Berlin löste ich auf. Die meisten Sachen verkaufte oder verschenkte ich, ein paar Kisten stellte ich bei meinen Eltern unter. Da stehen sie immer noch, und ich weiß selbst nicht mehr, was drin sein mag.

Die ersten zweieinhalb Jahre musste ich mich jeden Monat als Journalist neu akkreditieren. Kuba ist kein Einwanderungsland. Wer sich hier niederlassen möchte, wird genau überprüft. Wie ich erst viel später erfahren habe, befragten Behördenmitarbeiter sogar meine damaligen Nachbarn. Das Prozedere war langwierig, anstrengend und auch teuer, weil ich jedes Mal eine Gebühr entrichten musste, aber es hat sich gelohnt. Denn danach bekam ich tatsächlich eine permanente Presseakkreditierung.

Wenn deutsche Zuschauer amerikanische Oldtimer im Fernsehen sehen, wissen sie sofort: Jetzt geht es um Kuba. Die antiken Autos gehören hier tatsächlich noch immer zum Straßenbild. Hochglanz-Oldtimer werden vor allem für Touristen gepflegt, aber andere werden auch als Sammeltaxis mit fester Route genutzt. Wenn alle Plätze belegt sind, geht es los.

Ich drehte Filme, sie drehte Zigarren

Ähnlich beliebt wie Oldtimer sind als Motiv im deutschen Fernsehen Zigarren. So habe ich meine Frau kennengelernt. Sie rollte Tabakblätter in einer Zigarrenfabrik. Eine Arbeitskollegin gab mir ihre Adresse, und unter dem Vorwand, ihr Fotos geben zu wollen, die ich von ihr beim Dreh gemacht hatte, fuhr ich zu ihr nach Hause. Ich wurde freundlich von der ganzen Familie empfangen, aber wie ich später erfuhr, hatte sich ihre Mutter vorsorglich mein Autokennzeichen notiert.

Mein erstes Auto hier war ein alter Lada aus Russland , den ich einem Kollegen abgekauft hatte. Ausgerechnet auf dem Weg von einem Dreh zum nächsten, als ich es wirklich eilig hatte, knickte mitten auf der Straße die Achse des Vorderrads ein. Einen Pannenservice gibt es hier nicht, trotzdem musste ich nicht lange auf Hilfe warten. Es hielt sofort ein anderer Fahrer an. Er wusste auch gleich, wo das Problem liegt, organisierte über Freunde ein Ersatzteil und schon konnte die Fahrt weitergehen. Diese Hilfsbereitschaft fasziniert mich immer wieder. Viele sind sogar beleidigt, wenn man ihnen zum Dank Geld geben will.

Dass ausländische Touristen gern mal angesprochen und um Hilfe gebeten werden, etwa um Milchpulver, Kleidung oder Geld, ist ein relativ neues Phänomen. Noch bis Ende der Achtzigerjahre herrschte hier ein soziales Gleichgewicht. Alle hatten viel Freizeit, und es gab kaum etwas, was man mit Geld hätte kaufen können. Dollarbesitz war den Kubanern sogar verboten, und es gab damals nur ein einziges Devisengeschäft, eingerichtet für ausländische Diplomaten.

Das ist nun anders, die meisten Menschen müssen sehr viel mehr für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Vor allem Elektrogeräte wie Kühlschränke oder Klimaanlagen sind hier im Verhältnis zum Durchschnittsgehalt sehr teuer.

Aber was gleichgeblieben ist: Man kommt schnell ins Gespräch.

Als ich einmal fotografierend durch die Straßen von Centro Havanna lief und am Straßenrand ein Harley-Davidson-Motorrad bewunderte, fragte mich sofort ein Nachbar, ob ich den Besitzer kennenlernen wolle und pfiff ihn herbei. Er ließ mich eine Proberunde fahren, verkaufen wollte er das Motorrad eigentlich nicht. Aber dann konnte ihn doch überreden. Heute ist er einer meiner besten Freunde.

Von ihm erfuhr ich, dass sich jeden Samstagabend am Malecón, der berühmten Uferstraße von Havanna, Harley-Fahrer treffen. Ich bin einfach mal hingefahren, und da standen sie tatsächlich etwas verborgen im Dunkeln unter einem Baum und tranken Rum. Offiziell verboten war das nicht, aber sich als Gruppe zu treffen mit Motorrädern aus dem Land des Klassenfeinds, fühlte sich schon eigenartig an.

Auf dem Motorrad mit dem Sohn von Che Guevara

Die Harley-Fahrer von Havanna machten sich natürlich auch gut im Film. Mit sieben Männern und ihren Motorrädern, Baujahr 1945 bis 1959, machten wir eine Fahrt mit vielen Pannen in die Umgebung von Havanna. Einer ließ mich als Sozius mitfahren, Rücken an Rücken, damit ich besser drehen konnte. Hinterher erfuhr ich, dass es der jüngste Sohn von Che Guevara war. Auch mit ihm bin ich mittlerweile befreundet.

Seinen Vater hat er nie wirklich kennengelernt. Ernesto war eineinhalb Jahre alt, als Che Guevara Kuba verließ, um in Bolivien  für den Sozialismus zu kämpfen. Mittlerweile bietet Ernesto Motorradtouren für Touristen an. Aber seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind kaum ausländische Gäste hier.

Auch für mich ist es sehr ruhig geworden: Corona beschäftigt die ganze Welt, und Kuba hat sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Das erste Halbjahr 2020 waren wir fast nur zu Hause.

Im September nahmen wir eine Auszeit und machten Urlaub in Varadero. Das war eine sehr skurrile Erfahrung. Normalerweise sind dort immer Tausende Touristen aus Europa , Kanada  oder Südamerika . Nun ist der Strand menschenleer, und die riesigen Hotels sind verwaist.

Die Coronakrise trifft hier alle hart. Viele Menschen haben kein Geld mehr. Und vor den Geschäften gibt es lange Schlangen für das Nötigste.

Kleidung und Schuhe zu kaufen, war hier schon immer schwierig. Es gibt wenig Auswahl, die in Deutschland  bekannten Läden gibt es hier nicht.

Mit 300 Kilo Gepäck zurück aus Deutschland

Üblicherweise fliegen wir einmal im Jahr für zwei Monate nach Deutschland. Im Juli und August ist es auf Kuba so heiß, dass Schulen, Ämter und Ministerien schließen und das ganze Land Sommerferien macht. Dann kaufen wir für die ganze Familie fürs ganze Jahr ein. Auf dem Hinflug haben wir nur Handgepäck, auf dem Rückflug bis zu zehn Koffer. 300 Kilogramm Gepäck kommen da schnell zusammen.

Die Sachen durch den Zoll zu bringen, ist gar nicht so einfach. Aber selbst mit Übergepäckzuschlag und Zollgebühren rechnet sich der Einkauf.

Die Blockade Kubas durch die USA  führt auch dazu, dass wir hier im Land keinen Zugriff auf Seiten wie Apple, Netflix oder Amazon haben. Bei Amazon kann ich noch nicht mal Sachen nach Deutschland bestellen, sondern bekomme nur die Anzeige, das sei von meinem Standort aus nicht möglich.

Die Währungsreform bedeutete das Ende unseres Biergartens

Bis zum 1. Januar 2021 gab es in Kuba zwei lokale Währungen: Den Peso (CUP) für den Grundbedarf der Einheimischen und den Peso Cubano Convertible (CUC) für Touristen und Kubaner, die Importartikel kaufen wollten. Dieser CUC wurde nun abgeschafft. Verbessert hat das die Situation aber nicht, denn nun wird in immer mehr staatlichen Geschäften als Zahlungsmittel der US-Dollar verlangt – und an den kommen wir hier gar nicht heran.

Meine Frau hat deshalb die Lizenz für ihren Biergarten zurückgegeben. Das Geschäft lief eigentlich gut, die Kubaner liebten ihre Würstchen mit Kartoffelsalat, aber sie müsste nun in US-Dollar einkaufen und würde nur den Peso berechnen können. Da sie die nicht zurück in Dollar tauschen kann, funktioniert das Geschäft nicht mehr.

Für unsere Kinder wünschen wir uns, dass sie im Ausland studieren, damit sie global aufgestellt sind. Alle drei sprechen Spanisch, Deutsch und Englisch, und haben die kubanische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Mein ältester Sohn macht jetzt eine Ausbildung zum Hotelkaufmann in Deutschland. Ich habe ihm zu einem Beruf geraten, mit dem er später mal die Möglichkeit hat, in seine Heimat zurückzukehren und hier in Kuba einen guten Job zu bekommen.

Ich selbst kann mir eine Rückkehr nach Deutschland nicht mehr vorstellen. Meine Heimat ist jetzt hier.«

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.