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Umgang mit toxischen Chefs "Mindestens die Hälfte ist leicht irre, es gibt aber auch schwere Fälle"

Ein großer Teil der deutschen Führungskräfte ist nicht geeignet, Personalverantwortung zu haben, sagt der Psychologe Jürgen Hesse. Hier erklärt der Experte, wie man mit irren Chefs umgehen sollte und wann nur die Flucht hilft.
Ein Interview von Maren Hoffmann
Achtung toxisch: Manche Leute sind als Chefs schlicht nicht geeignet

Achtung toxisch: Manche Leute sind als Chefs schlicht nicht geeignet

Foto: Liliya Rodnikova / Stocksy United

manager magazin: Für Sie sind Chefs Narzissten. Egomanen. Tyrannische Sadisten. Abgedrehte Neurotiker. Rechthaberische Dauernörgler, kommunikationsgestörte Despoten, notorische Miesepeter mit Kontrollzwang und Verfolgungswahn. Sind wir wirklich von Irren umgeben?

Jürgen Hesse: Salopp gesagt: Mindestens die Hälfte ist leicht irre, es gibt aber auch schwere Fälle. Ein großer Teil der mit Personalverantwortung betrauten Menschen ist dafür schlicht nicht geeignet. Rund 44 Prozent der Arbeitnehmenden haben Angst, Probleme mit dem Chef oder der Chefin zu besprechen. Schon das spricht Bände.

Ist das ein strukturelles, ein moralisches oder gar ein medizinisches Problem?

Alles drei. In den ganz schlimmen Fällen, wenn es ins psychisch-pathologische geht, auch medizinisch. Aber vor allem ist es ein gesellschaftliches Problem, dass Leute, die Macht über andere bekommen, glauben: Das sind jetzt meine Untergebenen, also haben die zu parieren.

Wie wird man ein schrecklicher Chef?

Viele Leute streben nach oben aus Angst, von anderen verletzt zu werden. Als Psychologe neige ich dazu, die Kindheit und das Verhältnis zu den Eltern in die Verantwortung zu nehmen. Wenn Kindern Zuneigung vorenthalten wird, gibt es verschiedene Möglichkeiten, das zu kompensieren. Zunächst lernt das Kind: Abhängigkeit von anderen ist unangenehm. Also entwickelt es Fleiß und Durchhaltevermögen. Diese Eigenschaften werden im Berufsleben belohnt.

Zur Person
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privat

Der Psychologe Jürgen Hesse (Jahrgang 1951) hat gemeinsam mit seinem Kollegen Hans Christian Schrader mehr als 200 Ratgeber und Bücher zum Thema Arbeitsleben, Bewerbung und Karriere veröffentlicht. Bis 2009 war Hesse zudem Geschäftsführer der Telefonseelsorge Berlin. Das neue Buch des Autorenduos "Mein Chef ist irre – Ihrer auch?" beschäftigt sich mit der Typologie toxischer Führungskräfte.

Könnte es nicht auch andersherum sein: Dass es ein Kollateralschaden von Karriere ist, einen miesen Charakter zu entwickeln?

Nein. Es gibt auch ganz fantastische Chefs. Vielleicht ein Drittel. Ein weiteres Drittel ist ganz okay, und im restlichen Drittel finden sich die Ungeeigneten und die ganz schlimmen Finger.

Warum können die überhaupt Karriere machen, wenn sie ungeeignet sind?

Weil immer etwas schiefläuft. Auch beim sichersten Verkehrssystem gibt es Unfälle. Und speziell Auswählende, die ähnlich gestrickt sind, suchen sich bewusst oder unbewusst ähnlich tickende Zeitgenossen aus.

Und wie sortiert man die schlimmen Finger aus, bevor sie Unheil anrichten?

Unternehmen müssen die richtigen Fragen stellen. Herausfinden, woher jemand kommt, wie es in der Familie war. Wie er oder sie mit Menschen in einer Gruppe umgeht, was ihn oder sie antreibt. Wenn wir bei der Auswahl für Führungsverantwortung besser aufpassen würden, hätten wir bald viel weniger unmögliche Chefs.

Okay, wenn sich also einer vorstellt und sagt, ich war ein vergöttertes Einzelkind, dann sollten die Alarmglocken schrillen?

"Als Chefin oder Chef sollte man mit den eigenen Leuten auch ein bisschen so umgehen, wie man im Idealfall mit eigenen Kindern umgehen würde."

Eher nicht. Die Gefahren, die damit einhergehen, dass Eltern zu nett zu ihren Kindern sind, sind viel geringer, als wenn Eltern hart, kalt und fordernd auftreten. Bis vor wenigen Jahrzehnten war es noch üblich, dass Kinder in der Schule und Lehrlinge im Betrieb geschlagen wurden. Heute ist es zum Glück weitgehend Konsens, dass das nicht in Ordnung ist. Als Chefin oder Chef sollte man mit den eigenen Leuten auch ein bisschen so umgehen, wie man im Idealfall mit eigenen Kindern umgehen würde.

Ich hätte ein Problem damit, wenn mich jemand in meiner beruflichen Rolle als Kind wahrnehmen und mir pädagogisch kommen würde.

Es geht nicht darum, jemanden zu infantilisieren oder zu entmündigen. Eher um die Grundsätze wertschätzender Interaktion: Eine wohlwollende, unterstützende Haltung einnehmen. Einen liebe- und verständnisvollen Umgang zu pflegen.

Was also tun, wenn ich einen schlimmen Chef habe?

Klar können Sie mit einem schwierigen Chef erst einmal sprechen. Aber Sie werden in der Regel schnell herausfinden, dass der mit Ihnen gar nicht wirklich verhandeln will.

Und dann?

Nehmen Sie besser Reißaus. Gehen Sie. Sie können natürlich vorher noch mit der Führungskraft Ihres Chefs sprechen, aber auch das hat in der Regel nicht viel Aussicht auf Erfolg. Diese Person hat ja wahrscheinlich denjenigen oder diejenige mit Verantwortung ausgestattet. Leute, die mit der Peitsche knallen, fördern nicht gern Menschen, die sie als weich empfinden.

In Ihrem Buch schildern Sie die Geschichte einer Angestellten, deren Vorgesetzter sexuell übergriffig wurde. Sie meldete den Vorfall – und bekam dann einen Aufhebungsvertrag angeboten. Der Chef konnte bleiben. Das ist doch empörend.

Ja, das ist schwer zu ertragen. Aber aus dieser Geschichte kann man lernen, dass die Wahrscheinlichkeit, Unterstützung zu erfahren, leider ziemlich gering ist. Man sollte sich dann schon fragen: Will ich mich auf diesen Kampf einlassen? Könnte ich es ertragen und vor allem überleben, ihn nicht zu gewinnen?

Aber diese Geschichten haben doch auch eine moralische Komponente: Wenn sich niemand wehrt, gibt es nur noch mehr Opfer. Denken wir an die Metoo-Bewegung, die ja etwas bewirkt hat. Die wichtig war.

Ja, es braucht diese Pionierleistungen, keine Frage. Aber es gibt auch viele Geschichten, bei denen die fiesen Chefs noch immer in Amt und Würden sitzen. Und die Opfer mussten gehen. Man muss schon gut überlegen, ob man sich das antun will, dagegen vorzugehen. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung.

Nicht nur laute oder übergriffige Chefs sind schlimm. Manche neigen auch zur emotionalen Erpressung.

Solche Typen findet man oft in öffentlichen Verwaltungen. Menschen mit einer depressiven Charakterstruktur, Zwanghafte oder Phobiker, die eher weichere Töne anschlagen, die Gefühlsdruck aufbauen. Auch das kann ungemein belastend sein.

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Jürgen Hesse, Hans Christian Schrader

Mein Chef ist irre – Ihrer auch?

Verlag: Econ
Seitenzahl: 368
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Warum finden sich unter den fiesen Chefs mehr Männer als Frauen?

Das haben wir uns auch gefragt. Männer scheinen von vornherein darauf geeicht, sich rabiat durchzusetzen. Sogar mir ist das schon passiert. Ich habe immer gedacht, ich sei ein guter Chef, und dann ist mir im Gespräch mit einem Mitarbeiter der Kragen geplatzt, und ich bin laut geworden. Ich habe mich am nächsten Tag entschuldigt. Jeder macht Fehler. Aber man muss eine Kultur etablieren, die Reflexion fördert, die dazu ermuntert, eigenes Versagen einzugestehen und es besser machen zu wollen.

Die Pandemie hat unsere Arbeitswelt grundlegend verändert. Es gibt mehr Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, und der Fachkräftemangel verbessert die Position der Mitarbeitenden. Wird jetzt alles besser? Oder schlimmer, weil die fiesen Chefs unter Kontrollverlust leiden?

Von beidem etwas. Toxische Chefs sind eigentlich Angsthasen und knurren aus dieser Angst heraus. Kontrollverlust macht sie noch bösartiger. Auf der anderen Seite gibt es Hoffnung: Es werden künftig eher weiche Teammotivatoren und Moderatoren ans Ruder kommen, weil die einfach mehr Erfolg haben. Schlimme Chefs werden potentiell schlimmer, aber es wird langfristig weniger von ihnen geben. Wir dürfen hoffen.

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