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Karriere mit Star Trek Von Klingonen für den Job lernen

Lieven L. Litaer lehrt Klingonisch, eine Kunstsprache aus dem Star-Trek-Universum. Hier erzählt er, was man von den Außerirdischen für den Job lernen kann – und warum Meetings auf Klingonisch viel effektiver wären.
Ein Interview von Maren Hoffmann
Lieven L. Litaer in seinem Cockpit

Lieven L. Litaer in seinem Cockpit

Foto:

privat

Klingonen tauchten erstmalig in der Fernsehserie »Star Trek« auf (in Deutschland lief die Serie mit Captain Kirk und dem Vulkanier Spock unter dem Titel »Raumschiff Enterprise«). In der erfolgreichen Star-Trek-Serie »The Next Generation« gab es erstmals eine klingonische Hauptfigur: Lieutenant Worf. Die Sprache der Klingonen wurde von einem amerikanischen Linguisten entwickelt und ist mittlerweile als eigenständig anerkannt. Lieven L. Litaer lehrt sie seit Langem und kennt sich auch mit der klingonischen Kultur aus.

Zur Person

Lieven L. Litaer (geboren 1980) beschäftigt sich seit 27 Jahren mit der klingonischen Sprache. In Saarbrücken veranstaltet der hauptberufliche Architekt in diesem Jahr zum 20. Mal den klingonischen Sprachkurs »qepHom« (klingonisch für »kleines Treffen«). Litaer hat mehrere Standardwerke zur klingonischen Sprache verfasst und auch Weltliteratur ins Klingonische übersetzt, zuletzt Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« (»QelIS boqHarmey«). Den Vorspann der »Sendung mit der Maus« sprach Litaer bereits zwei Mal auf Klingonisch ein. Für seine Übersetzung des Buches »Der kleine Prinz« (»ta'puq mach«) von Antoine de Saint-Exupéry erhielt Litaer 2019 den Deutschen Phantastik Preis. 2019 gründete Litaer das Deutsche Klingonisch-Institut , auf dessen Seite sich auch Klangbeispiele finden.

SPIEGEL: Herr Litaer, reden wir über Diversität. Welche Vorteile könnte es haben, einen Klingonen im Team zu haben?

Litaer: Klingonen sind sehr zielstrebig. Sehr engagiert. Sehr motiviert. Wenn ein Klingone etwas will, dann arbeitet er daran, das durchzusetzen. Er wird sich nicht ablenken lassen.

Klingonen
Bitte recht feindlich: Klingonen aus dem dritten Star-Trek-Kinofilm »Auf der Suche nach Mr. Spock« (1984)

Bitte recht feindlich: Klingonen aus dem dritten Star-Trek-Kinofilm »Auf der Suche nach Mr. Spock« (1984)

Foto: Mary Evans AF Archive Paramount / IMAGO

Die Klingonen sind ein fiktives Volk von Außerirdischen aus dem Star-Trek-Franchise, das etliche Serien und Kinofilme hervorgebracht hat – jüngster Spross: die Paramount-Serie »Star Trek: Strange New Worlds«. Die Klingonen tauchten schon in den 1960er-Jahren im Umfeld von Captain Kirk und seiner Crew auf dem Raumschiff Enterprise auf. Ursprünglich waren sie Feinde, später gingen sie eine Allianz mit der United Federation of Planets ein, auch wenn die Beziehung spannungsgeladen blieb. Klingonisch, eine Kunstsprache, die der amerikanische Linguist Marc Okrand eigens für »Star Trek« erfunden hatte, ist mittlerweile als eigenständige Sprache anerkannt. Sie umfasst rund 5000 Wörter.

SPIEGEL: Fokussiert also.

Litaer: Genau. Hinzu kommt: Klingonen akzeptieren sehr ungern eine Niederlage. Wenn ein Projekt schiefläuft, würde ein Klingone immer sagen: jetzt erst recht. Das war keine Niederlage, das war ein Zwischenschritt.

SPIEGEL: Die Klingonen sind ein Kriegervolk.

Litaer: Ja, am Anfang, in den frühen Filmen und Serienfolgen, waren Klingonen Bösewichte. Aber bald kam man davon ab, sie nur als plakatives Feindbild zu nutzen. Über die Jahre hinweg kam es irgendwann zu einem Friedensvertrag mit den Klingonen, was in der Star-Trek-Erzählung zu spannenden Situationen führt: Ihre aggressive Art führt zu Konflikten mit den Menschen, die manche Sachen lieber ausdiskutieren möchten.

SPIEGEL: Man könnte das auch beschreiben als Aufeinanderprallen zweier Arbeitskulturen.

Litaer: Ja, das hat ein hohes Identifikationspotenzial. Wenn Firmenkulturen etwa aus Japan oder dem arabischen Raum mit solchen aus Europa aufeinanderprallen, kann das für beide Seiten ein Kulturschock sein.

SPIEGEL: Was können wir aus der klingonischen Kultur für den eigenen Arbeitsalltag lernen?

Litaer: Klingonen sind selbstbewusst. Sie geben keine Schwächen zu. Das kann auch im Berufsleben wichtig sein, dass man Entscheidungen trifft und dafür einsteht. Klingonen haben eine strenge Hierarchie. Wenn der Captain etwas sagt, dann sagt das der Captain. Da wird nicht diskutiert.

SPIEGEL: Repräsentieren Klingonen damit nicht genau das, was man nicht mehr haben will? Autoritäre Leute, die sich gewaltvoll durchsetzen?

Litaer: Klingonen haben ihre eigene Kultur. Dieses Beisammensitzen, bei dem der Chef gemeinsam mit den Praktikanten erst mal gemütlich frühstückt, das würde einfach nicht funktionieren. Das ist wirklich ein kultureller Unterschied. Ach ja, und Klingonen bringen ihre Vorgesetzten um, wenn sie sie für unfähig halten.

SPIEGEL: Warum?

Litaer: Der Stärkste ist immer der, der an der Macht ist. Und solange diese Person, egal ob Mann oder Frau, der Stärkste bleibt und sich durchsetzen kann, behält sie ihren Posten. Irgendwann kommen Jüngere, die den Posten haben wollen. Wenn ein Captain stark genug ist, sich zu wehren, behält er seinen Posten. Wenn nicht, dann muss er ihn räumen. Oder sterben.

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SPIEGEL: Die Klingonen halten sich auch sonst nicht viel mit Höflichkeit auf.

Litaer: Das ist ein Missverständnis. Sie sind nicht unhöflich. Sie sind nur sehr direkt.

SPIEGEL: Klingt, als könnte die klingonische Kultur doch vielleicht ein Impulsgeber für die oft bräsige Meetingkultur in deutschen Unternehmen sein.

Litaer: Wahrscheinlich schon. Wenn in einem Meeting jemand vom Thema abschweift, hätte ein Klingone überhaupt kein Problem damit, zu sagen: Dieses Thema interessiert jetzt nicht, wir reden weiter über das andere. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Berufsleben noch kein einziges Meeting erlebt, bei dem man sich an den Tisch setzt, und im ersten Satz geht es um das Thema des Meetings. Das passiert nie. Da kommt immer erst »wie war dein Wochenende?«. Bei Klingonen käme der Teamleiter rein und würde als Erstes sagen: Was sind eure Vorschläge?

SPIEGEL: Klingt erfrischend.

Litaer: Ein Satz wie »Ach, das Wetter ist aber heute schön« würde bei einem Klingonen ungefähr so ankommen, wie wenn ich Ihnen jetzt sagen würde: Die Dichte von Beton beträgt 2,4 Gramm pro Kubikzentimeter. Es ist eine in diesem Moment irrelevante Information.

SPIEGEL: Man hört schon heraus: Im Hauptberuf sind Sie Architekt. Hat das eine mit dem anderen zu tun?

Litaer: Es sind getrennte Lebensbereiche. Aber durch die Klingonischkurse habe ich viel Übung darin, vor Menschen zu sprechen. Viele tolle Architekten haben großartige Entwürfe, aber schaffen es nicht, sie gut vorzustellen. In meiner Architektur findet man aber keine klingonischen Elemente.

SPIEGEL: Sie beschäftigen sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit der klingonischen Sprache. Was fasziniert Sie daran?

Litaer: Aus linguistischer Sicht, dass die Sprache so einfach gehalten ist, aber dennoch einige Besonderheiten aufweist. Es gibt im Klingonischen keine Höflichkeitsformen, man kann nicht duzen oder siezen. Und es gibt kein Genderproblem. Die Artikel und Pronomen, die man verwendet, bezeichnen einfach nur Lebewesen. Wer Captain ist, ist Captain. Man kann sprachlich gar nicht unterscheiden, ob es Männlein, Weiblein oder sonst was ist.

SPIEGEL: Sie lehren auch Klingonisch in Firmen. Was bringt Mitarbeitenden so ein Seminar?

Litaer: Es geht da gar nicht unbedingt darum, Klingonisch zu lernen, sondern mal etwas gemeinsam zu machen. Zusammen zu lernen, beinhaltet auch, dass man einander unterstützt und in den Dialog kommt. Hinzu kommt: Man muss Klingonisch mit großem Nachdruck sprechen. Man kann es nicht irgendwie nuscheln oder leise sprechen. Wenn man Klingonisch spricht, muss man auch ein wenig wie ein Klingone auftreten. Das hilft schüchternen Mitarbeitern, aus sich herauszukommen. Viele Leute, die anfangs sehr zurückhaltend sind, können auf einmal auch laut werden. Viele können das erst gar nicht: einfach mal schreien. Das kann eine gute Erfahrung sein.

SPIEGEL: Wie viele Leute können Klingonisch?

Litaer: Schwer zu sagen. Früher dachte ich immer, ich kenne alle Klingonisch-Sprecher. Dann treffe ich aber immer häufiger auf Leute, die fließend sprechen und bei denen ich mich wundere, woher sie das können. Bei Duolingo, einer Sprach-App, gibt es weltweit mehr 170.000 User, die Klingonisch lernen. Allein die englische Ausgabe des offiziellen Klingonisch-Wörterbuchs wurde mehr als 300.000-mal verkauft. Eine Facebookgruppe, in der man Klingonisch üben kann, hat knapp 3000 Mitglieder. Es ist eine breit gefächerte Interessengemeinschaft.

Nützliche klingonische Redewendungen
Oft spannungsgeladen: Die Beziehung Mensch–Klingone. Hier eine Szene aus dem siebten Star-Trek-Kinofilm von 1995

Oft spannungsgeladen: Die Beziehung Mensch–Klingone. Hier eine Szene aus dem siebten Star-Trek-Kinofilm von 1995

Foto: teutopress / IMAGO

nuqneH? (Was willst du?)

bIlujpu' (Du hast versagt.)

Duj tIvoqtaH (Vertraue deinen Instinkten.)

wa' DoS wIqIp (Wir sind einer Meinung.)

Qapla'! (Viel Erfolg!)

SPIEGEL: Haben Klingonen Humor? Gibt es klingonische Witze?

Litaer: Ja, aber wir wissen nicht viel darüber. Der Humor der Klingonen ist nicht mit dem der Menschen vergleichbar. Es gibt nur sehr wenige bekannte Witze, die aber nicht übersetzbar sind, weil sie für Menschen einfach nicht witzig sind.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Litaer: »Sind die Krieger rot? Nein, sie sind grün.«

SPIEGEL: Ah ja.

Litaer: Ja, das ist das Problem. Das kann man nicht übersetzen. Vielleicht steckt da drin irgendein Wortspiel. Aber es ist mit Absicht unübersetzbar, um zu zeigen: Klingonen ticken einfach wirklich ganz anders.

SPIEGEL: Am Ende eines Interviews würde ich jetzt normalerweise sagen: vielen Dank für dieses Gespräch. Was würde ein Klingone tun?

Litaer: Im Deutschen sagt man sagt so oft Danke, dass es nicht mehr wertvoll ist. Klingonen ist die Ehre wichtig. Wenn man sich für ein Gespräch bedanken möchte, würde man sagen: Unser Gespräch war sehr ehrenhaft. Darauf reagiert der andere aber dann nicht mehr. Das ist eine Aussage, die man stehen lässt.

SPIEGEL: Unser Gespräch war sehr ehrenhaft, Herr Litaer.

In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, die Klingonen seien der United Federation of Planets beigetreten. Tatsächlich wurden sie nur (recht eigenwillige) Verbündete. Wir haben den Passus geändert.

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