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Job & Karriere

Matthias Martens

Rat vom Karrierecoach Soll ich meinen Job wechseln – in diesen unsicheren Zeiten?

Matthias Martens
Ein Gastbeitrag von Matthias Martens
Ein Gastbeitrag von Matthias Martens
Der Job macht nicht mehr richtig Spaß. Aber jetzt zu kündigen fühlt sich riskant an? Hier lesen Sie, wie Sie für sich die richtige Entscheidung treffen.
Foto: John M Lund / Stone RF / Getty Images

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine interessante Stellenausschreibung oder werden von einem Headhunter angesprochen. Der Reiz, etwas Neues zu lernen, mehr Verantwortung zu erhalten oder einfach der Wunsch nach Veränderung zieht Sie magisch an. Sie führen ein Vorstellungsgespräch. Das Gespräch läuft gut. Und kaum, dass Sie ein Jobangebot erhalten, gewinnt Ihr Sicherheitsbedürfnis die Oberhand, und Zweifel tauchen auf: Kann ich es riskieren, jetzt einen ungekündigten Job aufzugeben und beim neuen Arbeitgeber das Risiko einer Probezeitkündigung einzugehen? Was wäre dann? Müsste ich mit einer längeren Arbeitslosigkeit rechnen?

Jeder Wechsel will wohlüberlegt sein

Chancen und Risiken wollen gut abgewogen werden. Beginnen wir ausnahmsweise mit den Risiken. Viele Menschen scheuen derzeit davor zurück, ein ungekündigtes und unbefristetes Arbeitsverhältnis ohne einen triftigen Grund aufzugeben. Diese Vorsicht ist aus zwei Gründen angebracht.

  1. Bei einer Bewerbung können Sie kaum so tief hinter die Kulissen blicken, dass Sie die wirtschaftliche Situation des potenziellen Arbeitgebers objektiv beurteilen können. Nutzen Sie deshalb das Vorstellungsgespräch auch dazu, selbst Fragen zur wirtschaftlichen Situation des Unternehmens zu stellen. Wie ist das Unternehmen bisher durch die Krise gekommen? Gab es bereits größere Umstrukturierungen und Kostenanpassungen? Oder hat das Unternehmen sogar von der Krise profitiert und will deshalb zusätzliche Mitarbeiter einstellen? Wie lang wird dieser Trend anhalten? Fragen Sie, wie Ihre Gesprächspartner die Marktentwicklung einschätzen. Gleichen Sie die Prognose mit einschlägigen Brancheninformationen ab. Ist das stimmig oder will man Ihnen einen unrealistisch optimistischen Ausblick vermitteln?

  2. Der Stellenindex BA-X der Bundesagentur für Arbeit, der die gemeldeten offenen Stellen widerspiegelt, lag saisonbereinigt im April 2021 um 27 Prozentpunkte unter dem Wert vom April 2019. Das trifft natürlich nicht auf alle Teilbereiche des Arbeitsmarktes gleichermaßen zu. Es ist jedoch ein Indikator für eine deutliche Veränderung der Arbeitsmarktsituation. Deshalb finden Sie derzeit weniger Stellenausschreibungen in den Jobbörsen als noch vor zwei Jahren. Außerdem haben durch die Stellenstreichungen in vielen Unternehmen immer mehr Menschen ihren Job verloren und konkurrieren heute um die wenigen offenen Stellen. Aus diesen Gründen müssen Sie derzeit bei einem ungewollten Verlust des Arbeitsplatzes mit einer deutlich verlängerten Suche nach einem neuen Job rechnen.

Zum Autor

Matthias Martens, Jahrgang 1964, war zehn Jahre Personalleiter im Otto-Konzern, bevor er sich 2006 für die Selbstständigkeit entschied. Heute begleitet der Inhaber einer Outplacementberatung  als Berater und Coach vor allem Menschen in der Lebensmitte, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen. Alle Kolumnen von Matthias Martens  Mail an den Coach 

Reflektieren Sie Ihre eigenen Motive

Andererseits sprechen neben den zuvor genannten Risiken auch einige Argumente für einen Wechsel. Wir haben offenbar die konjunkturelle Talsohle erreicht. Der Arbeitsmarkt belebt sich ein wenig. Die Corona-Lockerungen fördern die wirtschaftliche und kulturelle Wiederauferstehung und bringen den Optimismus zurück. Die Märkte ziehen wieder an, und bislang unbesetzte freie Stellen werden wieder ausgeschrieben.

Bevor Sie wechseln, sollten Sie jedoch einmal die eigenen Motive reflektieren. Machen Sie eine persönliche Standortbestimmung – ehrlich und selbstkritisch. Was genau ist der Treiber für Ihren Veränderungswunsch? Identifizieren Sie sich noch mit Ihrem Unternehmen, oder hat Ihre Loyalität zum Topmanagement und zu Ihrer Führungskraft in der Krise Schaden genommen? Vielleicht weil die Geschäftsführung sich unsozial oder verantwortungslos verhalten hat? Dann wird es Ihnen zukünftig schwerfallen, sich selbst zu motivieren und sich für die Unternehmensziele zu engagieren. Gleiches gilt, wenn die Zusammenarbeit im Team durch coronabedingte Belastungen gelitten hat und im Homeoffice ein Kontaktverlust zu einer nachhaltigen Verschlechterung geführt hat. Prüfen Sie für sich, ob eine offene Aussprache helfen könnte oder ob absolut keine Hoffnung auf Besserung mehr besteht.

Haben Sie eigentlich noch Spaß bei der Arbeit?

Jetzt kommt der schwierigste Teil der Standortbestimmung. Schauen Sie einmal auf sich selbst: Haben Sie noch ein klares berufliches Ziel vor Augen? Warum haben Sie sich ursprünglich für diesen Job entschieden? Macht Ihnen die Art Ihrer Aufgaben noch Spaß? Haben Sie das Gefühl, einen echten Mehrwert zu schaffen und etwas Sinnvolles zu leisten? Tun Sie das, was Sie am besten können? Passt Ihre Aufgabe zu Ihren Talenten? Wollen und können Sie in der jetzigen Aufgabe noch etwas lernen und sich entwickeln? Gewichten Sie die einzelnen Punkte nach Ihrem persönlichen Maßstab. Welches Bild ergibt sich daraus?

Sofern Ihre persönliche Standortbestimmung überwiegend negativ ausfällt, sollten Sie sich ein neues Ziel setzen, Ihren ganzen Mut zusammennehmen, die oben diskutierten Risiken abklopfen und einen Wechsel in Angriff nehmen. Vielleicht ergibt Ihre Standortbestimmung auch ein uneinheitliches Bild. Das ist okay. Manche Menschen benötigen etwas Zeit, um sich auf eine Veränderung einzulassen. In diesem Fall ist meine Empfehlung, dass Sie sich selbst und die Entwicklung bei Ihrem Arbeitgeber aufmerksam beobachten. Behalten Sie auch die Stellenausschreibungen im Auge. Zum richtigen Zeitpunkt sind Sie dann entscheidungsbereit und handlungsfähig.