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Produktiver arbeiten Zurück ins Homeoffice: Was wir von Goethe, Schiller und Thomas Mann lernen können

Arbeiten von unterwegs, schwierige Work-Life-Balance, Termindruck: Das kannten schon Bachmann, Goethe und Mann – und schufen Weltliteratur. Was wir von ihnen fürs Homeoffice lernen können.
Arbeiten von zuhause aus: Wie muss der Alltag aussehen, um Grundlage für so erfolgreiches, sinnstiftendes Arbeiten zu bieten?

Arbeiten von zuhause aus: Wie muss der Alltag aussehen, um Grundlage für so erfolgreiches, sinnstiftendes Arbeiten zu bieten?

Foto: Dropbox

Bewusst unflexibel: Thomas Mann

Der Wecker klingelt um 8 Uhr, nach dem Bad steht das Frühstück um 8:30 Uhr bereit, seine Arbeit beginnt um Punkt 9 Uhr, dann braucht er drei Stunden Fokusarbeit ohne jegliche Störung. Tee gibt es täglich um 17 Uhr und zum Tagesabschluss einen Spaziergang zwischen halb acht und acht. Thomas Manns (1875–1955) autonome Arbeitsroutine in einem bewusst unflexiblen Tagesablauf bringt ihm 1929 den Literaturnobelpreis ein. Verfolgt man die Familiengeschichte der Manns, jagt sowieso ein Rekord den nächsten – alles von zu Hause aus gemeistert. Wie muss der Alltag aussehen, um Grundlage für so erfolgreiches, sinnstiftendes Arbeiten zu bieten?

Rigide Grenzen, eine sehr strenge Tagesphasenunterteilung nach asynchroner und synchroner Arbeit sowie absolut geräuschfreie Konzentration hat Thomas Mann – nahezu despotisch – als zwei eiserne Prinzipien seiner Organisation etabliert. Das waren die Grundlagen für sein künstlerisches Schaffen, welchen einfach alles untergeordnet werden musste.

Statt Befehl und Gehorsam wären heute gleichberechtigte Diskussionen mit demokratischen Entscheidungen zu den Vereinbarungen in Sachen Kernarbeitszeit im Homeoffice und gemeinschaftlicher Familiengestaltung an der Tagesordnung der Familie Mann. Um sein Arbeitsumfeld über seine Grenzen in Kenntnis zu setzten, würde Mann sicher seinen Kalender akribisch in farblichen Blöcken markieren, Benachrichtigungen ausschalten, wenn er gerade in seiner Fokuszeit ist, eine Terminplanungssoftware einführen und sich mit anderen auf Kernkollaborationszeiten verständigen. Und Noise-Cancelling-Kopfhörer wären heutzutage wohl sein liebstes Accessoire – wenigstens von 9 bis 12 Uhr.

Verbindlicher Briefwechsel: Goethe und Schiller

So unterschiedlich, vielfältig und individuell die Menschen sind, so verschieden ist ihre Art, sich zu motivieren und zu arbeiten. Friedrich Schiller (1759–1805) behauptete, ohne den Geruch verfaulender Äpfel in der Schublade nicht schreiben zu können. Zum Glück setzte das Produktivitätsduo Schiller und Goethe schon damals auf verteiltes Arbeiten und musste sich kein Schreibzimmer teilen. Die beiden wären sonst wohl eher mit Streiten denn mit Schreiben beschäftigt gewesen.

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Neben den völlig unterschiedlichen Arbeitszeiten – Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war ein Morgenmensch, Schiller Nachtschwärmer – liebte Schiller das Rauchen, Goethe hingegen soll nach der Schilderung des Lyrikers Karl Ludwig von Knebel bemerkt haben, Rauchen mache dumm: »Es macht unfähig zum Denken und Dichten.« Ergo war die einzige Möglichkeit, zusammenzuarbeiten, räumliche und zeitliche Trennung für individuelle Höchstleistung.

Wahrscheinlich würde Goethe den Schiller heute einfach auf ein digitales Typoskript zu einem Schulterblick einladen, der dann sein Feedback per Kommentarfunktion abgeben könnte. Auf der Suche nach Verbindlichkeit in der Distanzarbeit wählten sie damals das Medium Brief und setzten einander postalisch ihre Deadlines. So gelang ihnen in asynchroner Zusammenarbeit das große Drama – ganz ohne Drama.

Arbeit auf Achse: Ingeborg Bachmann

Wer auch gut in den Goethe-Schillerschen Briefverkehr gepasst hätte? Ingeborg Bachmann (1926–1973)! Nur ihre Lebensdaten machten dem einen Strich durch die Rechnung – sie wurde knapp 200 Jahre nach Goethe geboren. Für »Virtual First«, also der täglichen Arbeit ohne gemeinsamen Büroaufenthalt, hätte die Schriftstellerin in vorderster Reihe gestanden. Stets auf Reisen – meist der Liebe wegen, allen voran der zu Max Frisch – hielt es Bachmann nie lang am gleichen Ort. Feste Bürozeiten – unvorstellbar, keine Zigarette in der Hand beim Schreiben – erst recht! Vom Studium in Innsbruck, über Graz, Wien, Rom nach München, Zürich und schlussendlich wieder Rom: Bachmann führte ein Leben auf Achse statt im immer gleichen Alltag. Und das gelang ihr ganz ohne Produktivitätseinbußen. Denn Arbeitsplatz war schon bei Ingeborg Bachmann überall dort, wo gearbeitet wird.

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In die heutige Zeit übertragen heißt das: Egal ob physischer Raum oder digitale Umgebung – Arbeitsplatz ist das, was wir uns als solchen einrichten. Das Beste daran? Wohnungen kommen, Wohnungen gehen, Bachmanns Gedichte bleiben. Die Dichterin auf Achse wäre heute wohl statt mit Stift und Papier stets mit Notebook unterwegs, um überall und jederzeit ihre Gedanken und Texte festhalten zu können.

Fragebogen als Instrument: Max Frisch

Apropos Liebe und Max Frisch (1911–1991). Der Schweizer Schriftsteller, der kein solcher Reisefanatiker wie Bachmann war, schuf sich mit einem zum Studio umgebauten Stall neben seinem Wohnhaus im Tessiner Bergort Berzona ein Refugium für sein schriftstellerisches Schaffen, bewusst räumlich getrennt von Wohn- und Schlafstätte. Dort schrieb er auch das zweite von insgesamt drei Tagebüchern der besonderen Art: Durch eine bewusst kreativ künstlerische Umsetzung der Tagesgeschehnisse etablierte Frisch das Tagebuch als Kunstform.

In Frischs »Tagebuch 1966–1971« nutzt er das Format des Fragebogens als Instrument. Offen bleibt, an wen sich die Fragen richten, jedoch bieten sie eine Steilvorlage zum interaktiven Umfragetool der neuen Arbeitswelt. Frisch stellt je 25 Fragen zu den großen Themen des Lebens und fordert Lesende zu kurzen Antworten auf: »Stichworte genügen«. Er stellt Fragen wie: »Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?«, »Wofür sind Sie dankbar?«, »Wonach richten sich Ihre täglichen Handlungen, Entscheidungen, Pläne, Überlegungen usw., wenn nicht nach einer genauen oder vagen Hoffnung?«

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Frischs Fragen wären im Kontext von New Work goldrichtig platziert, ebenso wie seine Art, das eigene Leben und Schaffen im Spiegel des Zeitgeistes und der weltpolitischen Lage zu reflektieren. In die neue Arbeitswelt würde auch das Reverse Mentoring oder Reverse Learning passen, das er vollzog, wenn er – wie so oft – die Nächte mit jungen, bewussten Menschen bis in die Morgenstunden durchdiskutierte.

Keine Angst vor Wiederholung: Hannah Arendt

Hannah Arendt (1906–1975) schrieb und dachte nicht nur viel im selbst errichteten und organisierten Homeoffice, sondern verfasste, wenn man es genau nimmt, mit ihrem Werk »Vita activa« eine philosophische Abhandlung über die menschliche Arbeit im Allgemeinen. Die Zigarettenhandhabung blieb einzig erlaubte Multitasking-Aktivität neben Interviews, Schreibtischarbeit oder universitärer Vorlesung. Für Arendt bedeutete Handeln die »Interaktion zwischen Menschen« zum Zwecke der »Einzigartigkeit und Pluralität in der Ideenfindung«. So erarbeitete sich die Philosophin einen Platz ganz weit vorn in den Konzepten von New Work.

Das Schreiben benötigt auch für sie (wie für alle hier genannten Dichter:innen und Denker:innen) einen geregelten zeitlichen und örtlichen Rahmen. Als Vorreiterin in Sachen New Work hätte sie sicherlich ihre Push-Funktion gezielt eingesetzt, getrennte Nummern für Dienstliches und Privatleben genutzt und den Arbeits- vom Wohnraum getrennt. Denn wenn sie fertig mit der Arbeit sei, sagte sie, sei sie »damit fertig«.

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Denn auch Arendt konnte sich nicht auf wundersame Weise vervielfachen und in drei Büros gleichzeitig sitzen. Heute würde sie wohl die Vorteile von Co-Working-Spaces genießen und könnte ihren Arbeitsplatz ganz nach den Bedürfnissen ihrer aktuellen Projekte anpassen und gestalten, egal ob als Autorin für die »New York Times«, als Professorin an verschiedenen amerikanischen Universitäten oder als wissenschaftliche Autorin. Rundum sorglos könnte sie auf sämtliches Equipment vor Ort zurückgreifen oder Meetingräume nach Bedarf buchen und behielte so die Oberhand in Sachen Flexibilität und selbstständiger Organisation ihrer Arbeit.

Uhrzeiten spielten bei Hannah Arendt keine Rolle, wenn es um Einträge in ihr »Denktagebuch« ging. Dieses hält als ihr steter Gefährte ihre Gedanken fest – egal ob beim Spazierengehen, bei ihrer Lektüre oder am Schreibtisch. Zu routinierten Arbeitsweisen schrieb sie in ihr Journal im September 1950: »Man soll sich nicht vor Wiederholungen fürchten. Es kann auch ein Wieder-holen sein.«

Hannah Arendt meint: keine Furcht vor asynchroner, individueller und organisierter Arbeit!

Verfolgt man die Spuren von Mann, Schiller, Goethe, Frisch, Bachmann und Arendt, erkennt man ein Muster: Ein Wieder-holen der eigenen Arbeitsroutine schafft Kreativität, einen individuellen Raum und die Möglichkeit zu mehr Kommunikation und Kollaboration in einer von »Virtual First« geprägten Arbeitswelt.

In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde Ingeborg Bachmann als Nobelpreisträgerin bezeichnet. Obwohl sie 1963 für den Literaturnobelpreis nominiert war, erhielt sie die Auszeichnung nie. Wir haben den entsprechenden Passus geändert.

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