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Katharina Borchert

Debatte über Homeoffice Die absurdeste Definition von Fairness, die ich je gehört habe

Katharina Borchert
Ein Gastbeitrag von Katharina Borchert
Ein Gastbeitrag von Katharina Borchert
Wer Corona-Tote verhindern will, muss Kontakte reduzieren. Trotzdem wird in Deutschland noch immer über die Tischhöhe im Homeoffice diskutiert. Man sollte Arbeitgeber wirklich zum Wollen zwingen.
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La Bicicleta Vermella / Moment RF / Getty Images

Wir sind in der zweiten Januarhälfte 2021 und die Covid-19 Fallzahlen in Deutschland sind weiterhin besorgniserregend hoch. Was hingegen überhaupt nicht hoch ist, ist die Zahl der Arbeitnehmer im Homeoffice.

Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten im November 14 Prozent der Beschäftigten überwiegend oder ausschließlich von zu Hause aus. Im April, während der ersten Welle, waren die Covid-Zahlen deutlich niedriger, aber die Zahl der Heimarbeiter mit 27 Prozent sehr viel höher. Wie kann das sein? 

Zur Person
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Privat

Katharina Borchert, Jahrgang 1972, war bis Ende 2020 Chief Innovation Officer bei der Mozilla Foundation, die unter anderem den Internetbrowser Firefox produziert. Von 2010 bis 2015 war sie Geschäftsführerin von SPIEGEL ONLINE. Zuvor hatte sie für die Essener WAZ-Zeitungsgruppe das Nachrichtenportal »Der Westen« entwickelt.

Kanzlerin Merkel und die Länderchefs haben zwar eine Verschärfung der geltenden Regelungen beschlossen, diese aber vorsichtshalber so gestaltet, dass man sie bestenfalls für einen freundlichen Rat hält: Das Arbeiten von zu Hause müsse ermöglicht werden, »wo es möglich ist« und »sofern die Tätigkeiten es zulassen.« Und wer nachfragt in den Unternehmen, erfährt umgehend, warum das Homeoffice in der Praxis in Deutschland leider so einfach nicht möglich ist. Auch nicht für reine Wissensarbeiter. Auch nicht angesichts von 50.000 Covid-Toten – allein in Deutschland. 

Da wird dann auf den Arbeitsschutz verwiesen, schließlich muss so ein Schreibtisch auch zu Hause die richtige Arbeitshöhe haben. Wahlweise wird auch der Datenschutz ins Spiel gebracht, als gäbe es da nicht längst geeignete Technologien.

»Ich habe nie einen derartigen Enthusiasmus für Schutzverordnungen erlebt, wie derzeit.«

Natürlich sind all diese Verordnungen wichtig. Aber ich habe zehn Jahre als Führungskraft in Deutschland gearbeitet und nie einen derartigen Enthusiasmus für Schutzverordnungen erlebt, wie er mir derzeit entgegenstrahlt. Und das, ich muss mich wiederholen, angesichts von 50.000 Covid-Toten.

Mein früherer Arbeitgeber Mozilla hat zu Beginn der Pandemie jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin 1000 Dollar zur Verfügung gestellt, um sich nach Bedarf das Arbeiten zu Hause angenehmer zu gestalten. Wer wollte, konnte seinen Bildschirm und Bürostuhl abholen oder weitere Mittel beantragen. »Aber die Kosten«, werden jetzt einige ausrufen. Kleiner Tipp für Zyniker: Fragen Sie doch umgekehrt mal bitte die Personalabteilung, was die Anwerbung und Schulung neuer Mitarbeiter kostet, wenn Kollegen langfristig arbeitsunfähig werden oder gar an Covid versterben.

Vertrauen ist der Schlüssel

Ich lebe und arbeite jetzt seit fünf Jahren in den USA. Genauso lange habe ich ein Team geführt, das über die ganze Welt verteilt saß, und in dem etwas über die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen durchgehend von zu Hause aus gearbeitet haben. Mein engster Mitarbeiter etwa lebt im Norden Schwedens im Wald. Und nein, das waren nicht nur »so Entwickler, die ohnehin am liebsten allein sind und ungern reden« (O-Ton eines Zuhörers bei einer Konferenz in Deutschland).

Man muss sich da schon umstellen und anders arbeiten. Genauer darauf achten, dass in der Videokonferenz wirklich alle zu Wort kommen, besser zuhören, Absprachen und Ziele deutlicher artikulieren und als Chef oder Chefin insgesamt mehr und besser kommunizieren. Vor allem aber muss man seinen Mitarbeitern zunächst mal das Vertrauen entgegenbringen, dass sie ihre Arbeit bestmöglich machen wollen, ganz egal, wo sie sich gerade aufhalten.

Aber wenn ich es lernen kann, mit Menschen unterschiedlichster Kulturkreise über 15 Zeitzonen hinweg in einer Fremdsprache produktiv und kreativ zu arbeiten, dann erwarte ich, dass deutsche Führungskräfte das irgendwie auch über die Distanz von Hamburg-Winterhude bis Altona in ihrer Muttersprache hinbekommen.

Womit wir auch gleich beim eigentlichen Problem wären: dem Wollen.

Man will nämlich meist nicht. Weil es unbequem ist, und weil es einem zusätzliche Anstrengungen abverlangt. Vor allem aber, weil immer noch zu viele Führungskräfte eine überholte Vorstellung von ihrer eigentlichen Aufgabe haben: Führung wird mit Kontrolle gleichgesetzt und das Verhältnis zwischen Führungsebene und Mitarbeitern ist von Misstrauen geprägt. Man gibt sich der süßen Illusion hin, man könne den Mitarbeiter hinterm Computer durch schiere körperliche Anwesenheit im Büro irgendwie zur Produktivität zwingen.

Arbeiten im Pyjama als ultimatives Privileg

Das sei übertrieben, denken Sie? Dann lassen Sie sich mal von Michael Jahn, dem Personalchef der Flensburger Fahrzeugbau GmbH, erklären , warum das mit dem Homeoffice selbst bei seinen Verwaltungsmitarbeitern nicht geht: »Es gibt natürlich auch den Mitarbeiter, der da unter Umständen einen persönlichen Vorteil daraus schlagen möchte und jetzt den Wunsch nach einem Heimarbeitsplatz verwirklichen möchte unter dem Argument der Pandemie.« Das ist genau das Misstrauen, das ich in Deutschland immer wieder beobachte: Der Mitarbeiter möchte also nicht etwa sich und seine Familie vor Ansteckung in der schlimmsten Pandemie seit 100 Jahren schützen, sondern einen ominösen Vorteil abgreifen. Welcher auch immer das sein mag, Arbeiten im Pyjama vielleicht?

Aber es geht noch besser. Das Homeoffice »sei zudem unfair gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die nicht zu Hause arbeiten können.« Das ist so ziemlich die absurdeste Definition von Fairness, die ich je gehört habe: Alle sollen die gleiche Chance haben, an Covid zu erkranken und möglicherweise zu sterben? Nein, danke.

Klar, wer einen Job hat, den man nach Hause verlagern kann, senkt im Homeoffice sein ganz persönliches Risiko – bei Krankenpflegerinnen oder Kassierern geht das technisch nicht. Aber wer nur auf das individuelle Risiko blickt, übersieht, dass die gesamte Gesellschaft profitiert, wenn die Infektionszahlen sinken. Ich fände es deutlich fairer, wenn möglichst viele Menschen zu Hause blieben, damit die ohnehin schon völlig überlasteten Mitarbeiter im Gesundheitssystem nicht noch mehr Notfälle aufgebürdet bekommen.

»Deutschlands Arbeitgeber wollen oft nicht.«

Es geht wirklich anders. Nicht immer einfacher, aber definitiv besser. Auch in Deutschland. Auch mit den Einschränkungen, die der hinkende Breitbandausbau so mit sich bringt. Aber man muss es eben wollen. Und die Politik will Arbeitgeber offensichtlich nicht zum Wollen zwingen.

Meine amerikanischen Kollegen blicken beeindruckt auf Deutschland. Forscher und Unternehmer sind in der Lage, in Rekordzeit einen neuen Impfstoff zu entwickeln, zu testen und auf den Markt zu bringen. Aller Kritik zum Trotz hat die Regierung die Pandemie bislang wesentlich besser bewältigt als Trump und sein Kabinett das getan haben.

Ich erzähle den Kollegen, die seit März durchgehend im Homeoffice sind, lieber nicht, dass Deutschlands Unternehmen nicht genauso entschlossen und erfolgreich mehr als nur 14 Prozent der Berufstätigen von zu Hause aus arbeiten lassen könnten, zum Wohle aller. Wie sollte ich ihnen das erklären? Mit der vorgeschriebenen Tischhöhe?

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, aktuell würden 14 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice arbeiten. Tatsächlich wurde diese Zahl im November erhoben.

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