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Daimler-Managerin organisiert Impfzentrum "Meine Corona-Infektion hat mich zutiefst verstört"

Franzi von Kempis spricht eigentlich über Autos und Nahverkehr, im Auftrag von Daimler. Nun hat sie ein Sabbatical genommen und baut ein Impfzentrum der Malteser mit auf. Hier erzählt sie, wie es dazu kam.
Ein Interview von Matthias Kaufmann
Franzi von Kempis am Berliner Impfzentrum Messe, das am 18. Januar öffnen soll

Franzi von Kempis am Berliner Impfzentrum Messe, das am 18. Januar öffnen soll

Foto:

Malteser Berlin

SPIEGEL: Frau von Kempis, Sie haben bei Daimler das Mobility Lab geleitet, wo unter anderem die Zukunft der Fortbewegung diskutiert wird. Derzeit sind Sie im Sabbatical und bauen in Berlin  das Corona -Impfzentrum der Malteser auf dem Messegelände mit auf, das am Montag eröffnet hat. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Karriereschritt?

von Kempis: Ich bin nicht sicher, ob »Karriereschritt« der richtige Begriff ist. Als die Malteser mit dieser Aufgabe auf mich zukamen, wusste ich einfach sofort, dass ich das machen will. Und ich hatte großes Glück, dass mir mein Arbeitgeber Daimler die Möglichkeit eingeräumt hat, hier für vier Monate zu arbeiten.

Zur Person

Franzi von Kempis, Jahrgang 1985, war als Chefin vom Dienst für den Bereich Video bei »T-online« zuständig, bevor sie 2020 beim Autokonzern Daimler die Leitung des Daimler Mobility Labs übernahm. Mittlerweile arbeitet sie nicht mehr für den Autokonzern, sondern ausschließlich für die Malteser. Außerdem schrieb sie das Buch »Anleitung zum Widerspruch«, das sich gegen Vorurteile und Populismus richtet, ebenso wie ihr Videoblog »Die besorgte Bürgerin«.

SPIEGEL: Die Stelle bei Daimler hatten Sie erst im Februar 2020 angetreten.

von Kempis: Ja, und dann kam Corona, und zwar so richtig. Nicht nur, dass wir alle schnell ins Homeoffice mussten. Ich bin bereits im März an Corona erkrankt, eine Erfahrung, die mich zutiefst verstört hat.

SPIEGEL: Was war daran verstörend? Hatten Sie einen schweren Krankheitsverlauf?

von Kempis: Gott sei Dank hatte ich das, was man vielleicht einen mittelschweren Verlauf nennen kann. Ich musste nicht ins Krankenhaus, aber mir ging es lange schlecht. Vor allem die Kombination fand ich belastend: Eine Krankheit, bei der man wochenlang das Gefühl hat, dass sich wenig Besserung abzeichnet, und über die man damals auch noch kaum etwas wusste. Bei einer Grippe oder anderen Erkrankungen kann ich ungefähr abschätzen, was mich erwartet, wenn es losgeht. Hier konnte ich es nicht. Die Welt außerhalb meines Krankenbetts drehte sich nur um dieses Virus und mit jedem Tag gab es – gefühlt – neue Entwicklungen, die man als Kranke ja erst mal einordnen muss.

SPIEGEL: Wie war der Start nach der Krankheit?

von Kempis: Viel anstrengender, als ich es mir vorher vorstellen konnte. Auch als ich schon als genesen galt, dauerte es noch Wochen, bis ich Treppen steigen konnte, ohne eine Pause zu machen. Ich bin eine leidenschaftliche Dauertelefoniererin. Oft telefoniere ich, während ich laufe oder Fahrrad fahre. Das ging sehr lange nicht, weil ich dafür keine Puste hatte.

SPIEGEL: Und da hatten Sie die Energie, sich in eine neue Aufgabe zu stürzen?

von Kempis: Ich habe großes Glück gehabt und bin wieder voll fit. Und gerade weil ich diese Erfahrungen gemacht habe, war mir sofort klar, dass ich etwas gegen die Verbreitung der Krankheit tun will.

SPIEGEL: Um es dem Virus heimzuzahlen?

von Kempis: Nein. Nachdem ich meine eigene Erfahrung so verstörend fand, will ich helfen, dass möglichst wenige Menschen so etwas erleben müssen – und erst recht die wirklich schlimmen Krankheitsverläufe. 

SPIEGEL: Wie kam der Kontakt mit den Maltesern zustande?

von Kempis: Die Malteser kenne ich schon lange, ich bin früher auch mit den Maltesern nach Lourdes gefahren und habe die Wallfahrten begleitet.

SPIEGEL: Ist Ihre Arbeit im Impfzentrum ein ehrenamtliches Engagement?

von Kempis: Nein, das ist eine befristete Beschäftigung.

SPIEGEL: Sie haben keine Vorerfahrung im Bereich Pflege und Medizin. Was bringen Sie aus Ihren früheren Berufserfahrungen für die neue Aufgabe mit?

von Kempis: Ich organisiere und kommuniziere gern. Das sind Fähigkeiten, die in der Leitungsfunktion eines solchen Projekts sehr wichtig sind. Dazu gehört auch, unterschiedliche Teams zu koordinieren und Prioritäten zu setzen.   

SPIEGEL: Wenn sich Leute beschweren, dass sie noch keinen Impftermin bekommen haben…

von Kempis: …dann sind sie bei uns an der falschen Adresse. Für die Terminorganisation ist in Berlin der Senat zuständig. Das Impfzentrum ist der Ort, an dem die Arbeit vieler Beteiligter ineinandergreift, und unsere Aufgabe ist es, die Voraussetzungen für die reibungslose Zusammenarbeit zu schaffen. Wir vergeben keine Termine, wir stellen keine Ärzte – das organisiert die kassenärztliche Vereinigung –, wir liefern keinen Impfstoff. Aber wir sorgen dafür, dass die Berlinerinnen und Berliner gut durch das Impfzentrum begleitet werden: Impflinge empfangen, registrieren und begleiten sowie Abläufe dokumentieren und die Geimpften nach erfolgter Impfung betreuen.

SPIEGEL: Wie sehen Ihre Arbeitstage aus?

von Kempis: Wir haben tägliche Teammeetings, natürlich unter Beachtung der AHA-Regeln. Daneben muss ich viel telefonieren, per Mail Fragen beantworten und Aufgaben delegieren. Außerdem haben wir viele Trainings und Testläufe, die wir als Projektleitung beobachten. Vergangenen Sonntag haben wir eine Generalprobe gemacht mit vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern, um zu sehen, ob wir bereit sind für den Start morgen.

SPIEGEL: Was werden Sie aus dieser Erfahrung mitnehmen?

von Kempis: Wenn man unter normalen Bedingungen ein vergleichbares Projekt hochzieht, dann hat man natürlich meistens mehr Zeit, als Team zusammenzuwachsen. Hier mussten wir sofort miteinander funktionieren. Und das ist vor allem deshalb gelungen, weil hier viele tolle Menschen sich dazu entschlossen haben mitzuarbeiten. Bei uns findet vieles in einem Tempo wie beim schnellen Vorspulen statt – und trotzdem stimmt die Chemie, und trotzdem kann man sich aufeinander verlassen.

SPIEGEL: Woran liegt das?

von Kempis: Es ist völlig klar, was wir mit dem Impfzentrum wollen: Wir wollen den Menschen beim Kampf gegen Corona helfen – und das wird hier sicher jeder unterschreiben, egal ob Betreuer, Ärztin oder Security-Mann. Manche Start-ups brauchen ein halbes Jahr, um ein mission statement zu entwickeln, eine Formel, was das Unternehmen mal leisten soll. Bei einem Impfzentrum ist das so viel einfacher, das setzt ungeheure Energien frei.

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