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Firmenkultur und Corona Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter

Der erste Pandemieschock weckte Eigeninitiative und Kreativität in der Belegschaft vieler Betriebe. Aber nun fallen Unternehmen messbar zurück in alte Muster, statt aus den neuen Erfahrungen zu lernen.
Gute Stimmung im Betrieb: Die Unternehmenskultur entscheidet auch über den Erfolg

Gute Stimmung im Betrieb: Die Unternehmenskultur entscheidet auch über den Erfolg

Foto: NoSystem images / E+ / Getty Images

Trauen Sie sich was? Sind Sie visionär? Oder machen Sie Dienst nach Vorschrift? Seit knapp zwei Jahren erfasst das Arbeitgeberbewertungsportal Kununu, was Angestellte über die Unternehmenskultur Ihres Arbeitgebers denken. Nun hat das Portal die Daten des Coronajahres ausgewertet und dem SPIEGEL exklusiv zur Verfügung gestellt.

Es zeigt sich: In der ersten Phase der Pandemie, Februar bis März 2020, blühten viele Angestellte regelrecht auf. Mitarbeitende erlebten sich selbst als visionär und motiviert, die Qualität der internen Kommunikation nahm schlagartig zu, Arbeitgeber wurden gelobt. Werte wie »man selbst sein können«, »visionär sein« und »eine gemeinsame Identität haben« legten in den Nennungen stark zu. Doch: Das hat sich mittlerweile wieder geändert. Schon im Sommer waren die positiven Bewertungen wieder stark rückläufig. Anfang dieses Jahres stiegen sie wieder ein wenig an, sind aber weit entfernt von den Höchstwerten Anfang 2020.

Wie gehen wir miteinander um?

Mit seinem »Kulturkompass« erfasst Kununu vier Bereiche: Work-Life, den Umgang miteinander, strategische Richtung sowie Führung. Jedem Bereich sind 40 Begriffe zugeordnet, die die Arbeit im Unternehmen beschreiben. Wer eine Firma bewertet, wählt aus jedem Bereich zwischen fünf und zehn davon aus. So entstehen Muster, die sich vergleichen lassen. Repräsentativ ist das Ganze nicht, denn es werden nur Daten auf der Plattform selbst erhoben – und es handelt sich um subjektive Einschätzungen von Nutzern, die eigenverantwortlich angeben, bei wem sie arbeiten und wie es dort ist.

Die Datenmenge ist aber groß: 230.000 Nutzerbefragungen, die zwischen Anfang 2020 und Anfang 2021 erhoben wurden, sowie 2,4 Millionen Bewertungen auf der Plattform flossen in die Auswertung ein. Dabei zeigen sich große Unterschiede zwischen den Branchen. Manche Ergebnisse fügen sich nahtlos in Klischees ein: Bei den Begriffen »langsam arbeiten«, »stumpf seinen Job machen« und »sich bei Routinearbeit langweilen« findet sich der Sektor Öffentliche Verwaltung durchgehend auf dem ersten Rang – während er bei Attributen wie »auf Leistung der Mitarbeiter achten«, »hohen Einsatz zeigen« sowie »kundenorientiert handeln« durchweg auf dem letzten Platz landet. Ebenfalls wenig überraschend: Gesundheits- und Pflegeunternehmen schneiden bei Attributen wie »Mitarbeitern vertrauen« unterdurchschnittlich ab, »wirtschaftlich handeln« wird hier als besonders wichtig wahrgenommen.

Besonders viele positive Zuschreibungen gab es für Unternehmen, die in IT, Internet oder im Beratungssektor tätig sind. »Das mag damit zusammenhängen, dass die primäre Organisationsform hier das interdisziplinär arbeitende Team ist – darin erlebt man sich selbst als handlungsfähig; hat man dagegen das Gefühl, ein kleines Rädchen in einem sehr großen Konzerngetriebe zu sein, kann das lähmend wirken«, sagt der Mathematiker Timm Richter, dessen Firma Neo Culture den Kulturkompass entwickelt hat.

Erfolg bringt Spaß – und Vertrauen kann für Erfolg sorgen

Einsatz wertschätzen, Mitarbeiter loben, auf zufriedene Mitarbeiter achten, sie fördern, ihnen vertrauen und Freiräume geben, sie viel selbst entscheiden lassen, konstruktiv mit Fehlern umgehen und stolz auf das Unternehmen sein: In den jeweiligen Top-drei-Listen dieser Begriffe finden sich zuverlässig diese drei Branchen – jeweils rund ein Drittel bis mehr als die Hälfte der befragten Arbeitnehmer sprachen ihren Unternehmen diese Eigenschaften zu. Und noch eine Branche punktet: Versicherungen. 30 Prozent der dort Beschäftigten berichten, Mitarbeiter würden gelobt, mehr als 40 Prozent gaben an, sie würden gefördert. Banken hingegen zeigen eine klar zweckorientierte Ausrichtung: Nur bei wirtschaftlichen Begriffen wie »nach Leistung beurteilen« und »Mitarbeitern klare Ziele setzen« liegt das Finanzgewerbe unter den Top drei.

Insgesamt gesehen, gebe es aber, so Richter, eine klare Korrelation zwischen zwei Werteschwerpunkten: »Wenn Erfolgsindikatoren wie ›sich am Markt ausrichten‹ oder ›kundenorientiert sein‹ genannt werden, tauchen oft auch Werte wie ›Mitarbeiterbindung‹ und ›Vertrauen‹ auf.« Auch wenn keine konkreten Unternehmenszahlen einbezogen werden, deutet das doch auf eine starke Verbindung von Unternehmenserfolg und -kultur hin.

Oder, wie es im Report heißt: »Positive kulturelle Faktoren wie das Vertrauen in die Mitarbeiter*innen gehen tendenziell mit Faktoren hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Hand in Hand.« Sprich: Erfolg bringt Spaß – und Vertrauen kann für Erfolg sorgen. Die stärkste negative Korrelation war bei »Dienst nach Vorschrift« zu beobachten: Unternehmen, in denen das gelebt wird, haben schlechte Werte bei den Erfolgsindikatoren.

»Auch starke Kontrolle wirkt sich in dieser Hinsicht negativ aus«, so Richter. »Überraschend war, wie deutlich der Effekt des positiven Coronaschocks war. Bei etlichen Faktoren schossen die Werte nach oben: Die Mitarbeitenden erlebten ihr Unternehmen als visionär und mutig und erfuhren Freiräume im Job, die vorher nicht da waren. Trotz der Vereinzelung haben die Menschen in den Unternehmen eine starke Verbindung zueinander gespürt.«

Nach einem Jahr Pandemie fallen aber immer mehr Unternehmen in alte Muster zurück. »Unternehmen könnten so viel aus den Erfahrungen des Shutdowns lernen. Aber die Entwicklung stagniert – es gibt sogar Anzeichen, und das ist alarmierend, dass einige Unternehmen genau in die andere Richtung gehen, zurück zu mehr Kontrolle.«

Kununu hat auch untersucht, wie die Gesamtbewertung von Unternehmen mit deren Unternehmenskultur in Beziehung gesetzt werden kann. Bis zu fünf Sterne kann man auf dem Portal vergeben. Bei den Unternehmen, die dabei am schlechtesten abschneiden, werden Eigenschaften wie »Mitarbeiter kleinhalten«, »Mitarbeiter unter Leistungsdruck setzen«, »stumpf seinen Job machen«, »Mitarbeiter im Stich lassen« und »dauernd Überstunden machen« überproportional häufig genannt – die am besten bewerteten Firmen punkten dagegen besonders mit »Spaß und Freude haben«, »stolz auf sein Unternehmen sein«, »Mitarbeitern Freiräume geben«, »Mitarbeitern vertrauen« und »auf zufriedene Mitarbeiter achten«.

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