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Mancinis Wertschätzung, dänisches Teamgefühl Was wir von der Fußball-EM fürs Arbeitsleben lernen können

Gewinner, Verlierer, Teams der Herzen: Kann man sich von den EM-Mannschaften etwas für die eigene Karriere abgucken? Ja, sagt Wirtschaftsprofessor Wolfgang Jenewein – und erklärt, was die Dänen so stark machte und die Italiener beflügelte.
Ein Interview von Verena Töpper
Italiens Torhüter Donnarumma freut sich über den EM-Sieg: Nationaltrainer Mancini hat sein Team ernst genommen und jedem eine Chance gegeben, lobt Wolfgang Jenewein

Italiens Torhüter Donnarumma freut sich über den EM-Sieg: Nationaltrainer Mancini hat sein Team ernst genommen und jedem eine Chance gegeben, lobt Wolfgang Jenewein

Foto: Andrea Staccioli / Insidefoto / imago images/Insidefoto

Herr Jenewein, Sie schreiben auf LinkedIn , dass Führungskräfte die Fußball-Europameisterschaft zur Weiterbildung nutzen können. Mal ehrlich: Da rennen Männer einem Ball hinterher. Welche Erkenntnis soll da herauskommen?

Jenewein: Das kommt auf die Sichtweise an. Klar kann man mit der Einstellung der zwei alten Männer aus der Loge der "Muppet Show" durchs Leben gehen und prinzipiell alles doof finden. Aber im Leben geht es doch ums Lernen und darum, neugierig zu bleiben. Im Fußball kann man sehr gut studieren, welchen Einfluss die Intervention eines Trainers hat, wie die Zusammenarbeit im Team funktioniert und was, beziehungsweise wer die Mannschaft zu Höchstleistung bringt. Die Dänen sind ein eindrückliches Beispiel dafür, wie man erfolgreich mit Rückschlägen umgehen und diese sogar als Kraftquelle nutzen kann.

Sie hatten auf ein Finale mit den Teams von Italien und Dänemark getippt. Zumindest mit Dänemark haben Sie falsch gelegen.

Jenewein: Ja, das Ausscheiden der dänischen Mannschaft nach diesem umstrittenen Strafstoß ärgert mich auch sehr. Ich hätte den Dänen den EM-Titel von Herzen gewünscht. Sie sind ein Beispiel dafür, dass ein echtes Team mehr ist als nur die Summe seiner Teile. Spielerisch waren die Dänen vielleicht nicht so stark wie die Engländer und Italiener, aber es ist unfassbar, was sie geleistet haben. Sie haben eindrücklich gezeigt, welche Kraft Menschen in Teams entwickeln können, wenn sie bedingungslos füreinander einstehen.

Glauben Sie, dass die dänische Mannschaft ohne den Zusammenbruch von Christian Eriksen gar nicht so weit gekommen wäre?

Jenewein: Ja, davon bin ich überzeugt. Der dramatische Vorfall hatte zur Folge, dass die Europameisterschaft für die Dänen nicht mehr nur eine sportliche, sondern auch eine menschliche Dimension bekommen hat. Traumatische Erlebnisse können ein Team zerbrechen lassen, und die dänische Mannschaft war kurz davor. Sie haben zweimal verloren. Aber dann haben sie sich auf sich besonnen und es geschafft, aus dem Trauma Kraft zu schöpfen.

Beim Spiel Dänemark gegen Belgien wurde ein riesiges Trikot zu Ehren des dänischen Spielers Eriksen aufs Feld gebracht

Beim Spiel Dänemark gegen Belgien wurde ein riesiges Trikot zu Ehren des dänischen Spielers Eriksen aufs Feld gebracht

Foto: Hannah Mckay / AP / picture alliance/ dpa

Wie haben Sie das geschafft?

Jenewein: Als die Spieler einen Schutzkreis um Christian Eriksen gebildet haben, hat das ganz unbewusst etwas mit ihnen gemacht. In dieser Situation ist jedem klar geworden, dass es hier um mehr geht als um Sport, nämlich um echte Freundschaft und Kameradschaft. Und von dem Moment an, in dem sie das realisiert haben, haben sie nicht nur um den EM-Titel gekämpft, sondern auch für ihren Kameraden Christian Eriksen. Mittelfeldspieler Thomas Delaney hat das sehr schön formuliert. Er sagte: "Wir tragen ihn in unserem Herzen, er sollte hier bei uns sein. Wir kämpfen immer noch damit. Aber ihn stolz zu machen, macht mich glücklich." Sie hatten damit eine Antwort gefunden auf die für Teams entscheidende Frage: Wofür kämpfen wir eigentlich? Eine Antwort, die über die klassische Dimension Titel-Tore-Meisterschaft hinausgeht.

Wie kann man denn ein solches Teamgefühl erzeugen, ohne dass fast jemand stirbt?

Jenewein: Um zu einem Team zusammenzuwachsen, müssen einige Faktoren zusammenkommen. Ein Gemeinschaftsgefühl kann man nicht verordnen oder mit künstlichen Maßnahmen schaffen. Diese ganzen Teambuilding-Events, bei denen Mitarbeitende plötzlich gemeinsam Schluchten überwinden oder über heiße Kohlen laufen sollen, sind völliger Quatsch. Ein Teamgefühl entsteht dort, wo man arbeitet, und auch nicht von heute auf morgen. Es muss eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Identität geben.

Das ergibt sich bei einer kleinen Nation wie Dänemark ja automatisch. Haben kleinere Länder dadurch einen Vorteil?

Jenewein: Ja, das kann man so sehen. Bei der dänischen Mannschaft kommt noch hinzu, dass die dänische Liga nicht so stark ist wie beispielsweise die deutsche. Dänische Profifußballer arbeiten deshalb selten im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt verteilt. Wenn sie dann für Länderspiele nach Hause kommen, ist automatisch ein ganz besonderer Zusammenhalt da, das Nachhausekommen wird richtig zelebriert. Denselben Effekt gibt es bei den Isländern.

Isländische Fans bei der EM 2016: Damals wurde der isländische Schlachtruf »Húh« sogar von den Fans anderer Länder imitiert

Isländische Fans bei der EM 2016: Damals wurde der isländische Schlachtruf »Húh« sogar von den Fans anderer Länder imitiert

Foto: Alex Livesey/ Getty Images

Genau wie jetzt Dänemark war bei der EM 2016 Island für viele die Mannschaft der Herzen, durch die Stadien donnerte das isländische "Hú". Aber im Berufsleben werden Underdogs wenig wertgeschätzt. Es ist ja ein bekanntes Phänomen, dass den größten Applaus immer der Chef oder die Chefin bekommt, auch wenn jemand anderes eine viele bessere Idee hätte. Hinkt da nicht der Vergleich mit dem Arbeitsleben?

"Der beste Arzt wird Oberarzt, der beste Ingenieur wird Oberingenieur. Aber das sind nicht unbedingt die besten Führungskräfte."

Wolfgang Jenewein

Jenewein: Der Fehler liegt schon darin, dass in vielen Unternehmen immer noch der oder die Ranghöchste die Ergebnisse der Arbeit präsentiert und nicht der- oder diejenige, die daran gearbeitet hat. Man kann da durchaus Fußball und Arbeitswelt vergleichen: Im übertragenen Sinn bezeichnen sich die meisten Führungskräfte noch immer selbst als ihre besten Spieler. Sobald ein wichtiger Kunde oder ein schwieriges Problem auftaucht, kommen sie selbst ins Feld und versuchen, die entscheidenden Tore selbst zu schießen.

Woher kommt denn dieses Selbstverständnis vieler Manager?

Jenewein: Das ist tief verwurzelt. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hat es sich hierzulande etabliert, dass Expertise belohnt wird. Der beste Arzt wird Oberarzt, der beste Ingenieur wird Oberingenieur, der beste Arbeiter wird Vorarbeiter. Aber das sind nicht unbedingt die besten Führungskräfte. Heutzutage geht es nicht mehr darum, selbst der Intelligenteste zu sein, sondern viel mehr die Intelligenz der anderen zu moderieren. Es geht darum, weniger zu dozieren und mehr zu moderieren. Weniger zu sagen und mehr zu fragen.

Sie finden es also besser, wenn ein Manager statt einer Fachkraft die Leitung übernimmt, auch wenn er oder sie sich in der jeweiligen Branche gar nicht auskennt?

Jenewein: Ich sage nicht, dass Führungskräfte sich nicht in ihrem Fach auskennen sollen. Dann laufen sie tatsächlich Gefahr, zum Grüß-August zu werden. Aber entscheidend für eine Beförderung sollte nicht die Fachexpertise, sondern ein genuines Interesse an Menschen sein. Früher hat es gereicht, wenn ein Chef mit großer inhaltlicher Expertise den Mitarbeitenden vorgegeben hat, was sie abzuarbeiten haben. Globalisierung und Digitalisierung haben das geändert. Heute brauchen wir Teams, die selbst mitdenken und eigenständig Probleme lösen.

Und da taugt Fußball als Vorbild?

Jenewein: Ja, im Profifußball ist der Typ des sogenannten Spielertrainers, der sich selbst als besten Spieler begreift, längst ausgestorben. Coachs wie Roberto Mancini, Kasper Hjulmand und Hansi Flick tun alles, um das Beste aus ihrer Mannschaft herauszuholen. Ein Team kann nur dann zu einem Star-Team werden, wenn der Trainer das Potenzial seiner Spieler erkennt und weiß, auf welchen Positionen er sie so einsetzen kann, dass sich alle ergänzen und gegenseitig ihre Stärken zum Vorschein bringen.

Jogi Löw hat die 3-5-7-Regel missachtet

Warum hat Jogi Löw das nicht mehr geschafft?

Jenewein: Jogi Löw hat Großes geleistet für die Deutsche Nationalmannschaft, das ist unbestritten. Aber einer der wichtigsten Führungsgrundsätze ist: In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst. Ich hatte das Gefühl, dass Jogi Löw nach dem WM-Erfolg nicht mehr dieses Feuer in sich hatte. In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von der 3-5-7 Regel. Demnach kommt man mit seinem Team nach circa drei Jahren auf ein gutes Performance-Level. Das Team ist eingespielt, das gegenseitige Vertrauen aufgebaut, die Strategie beginnt zu greifen. Vom dritten bis fünften Jahr wird oft die Peak Performance erreicht: Man erntet, was man gesät hat. Ab dem fünften bis siebten Jahr wird häufig vieles zur Routine, was früher aufregend und spannend war. Entsprechend gehen die Ergebnisse langsam zurück, ab dem siebten Jahr sogar signifikant. Das ist zwar nur eine Faustformel, aber im Kern geht es darum, sich zu überlegen, ob man immer noch der richtige Mann oder die richtige Frau für die Position ist. Denn irgendwann erreichen die immer gleichen Ansprachen und Botschaften das Team nicht mehr. Nach dem WM-Titel 2014 ist es Jogi nicht gelungen, die Mannschaft emotional auf ein neues Ziel einzuschwören. Und er und sein Trainerstab haben es nicht geschafft, die individuellen Potenziale der nachrückenden Talente zu entfesseln und in Einklang zu bringen.

Trauen Sie das Hansi Flick zu?

Jenewein: Ja, durchaus. Viel Zeit bleibt ihm nicht, um den überfälligen frischen Wind reinzubringen, aber er hat schon mehrfach bewiesen, dass er ein moderierender und auch demütiger Leader ist, der seine Mannschaft und seine Assistenten strahlen lässt. Als gute Führungskraft muss man auch über sich lachen können, und das kann Hansi Flick. Nur so schafft man ein Umfeld von psychologischer Sicherheit, in dem Mitarbeiter und Spieler auch kontroverse Themen ansprechen und offen diskutieren.

Und das machte Italien besser?

Jenewein: Ja, ich halte viel von Trainer Roberto Mancini. Er hat schon in der Vorrunde 25 seiner 26 Spieler eingesetzt, nur der dritte Ersatztorwart war noch nicht auf dem Feld. So etwas habe ich noch nie zuvor beobachtet, und ich finde das höchst spannend. Hier nimmt jemand sein Team ernst. Er sieht seine Spieler und gibt jedem eine Chance, das zeugt von großer Wertschätzung und ist für das Teamgefühl großartig.

Die englische Mannschaft hat in Wembley verloren, das Land stürzt nun von höchster Euphorie in tiefste Enttäuschung. Dänemark dagegen steht gefühlt gar nicht als Verlierer da. Ist es egal, unter welchen Begleitumständen sich Verlieren abspielt – oder spielt das bei der Verarbeitung eine Rolle?

Jenewein: Die Umstände des Verlierens spielen schon eine Rolle. Ich glaube, entscheidend ist, dass man sich nach einer Niederlage am nächsten Tag noch im Spiegel anschauen kann. Wenn man alles gegeben hat, kann man auch nach einem Misserfolg stolz auf sich sein. Der Einzug ins Finale der EM ist ja an sich schon ein tolles Ergebnis, und ich hoffe sehr, dass die Verlierermannschaft dies nach der ersten Enttäuschung auch so sehen wird.

Spaniens Angreifer Álvaro Morata war der beste Torschütze seines Landes und hat sein Team überhaupt erst ins Elfmeterschießen gebracht, trotzdem ist er für viele spanische Fans eine Hassfigur, sogar seine Frau und Kinder bekommen Morddrohungen. Wie kann ein Trainer so etwas verhindern?

Jenewein: Ich finde das ganz furchtbar. Leider scheint das Beschimpfen und Bedrohen anderer Menschen schon so etwas wie ein Sport geworden zu sein. Fußballer bieten da natürlich eine besondere Angriffsfläche, jeder Zuschauer beurteilt die Leistung eines Spielers in jeder Aktion. Leadership heißt in diesem Kontext auch, sich schützend vor seine Mannschaft zu stellen und ihr auch in schwierigen Situationen Rückendeckung zu geben und für sie einzustehen. Gleichzeitig sollte der Trainer ein solches Thema intern im Team ansprechen und nicht totschweigen. Ein gutes Team geht als Gemeinschaft mit so einer Situation um. In einem echten Star-Team steht nicht nur der Trainer für die Mannschaft ein, sondern auch die Spieler stützen sich gegenseitig und wachsen als Team an solchen Herausforderungen.

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