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Bürojobs in der Pandemie "Ich will nie wieder so arbeiten wie früher"

Vor einem knappen Jahr haben wir sieben Menschen gefragt, wie es ihnen im neuen Homeoffice geht. Jetzt haben wir erneut mit ihnen gesprochen. Sieben Protokolle über Schwierigkeiten, Chancen und unerwartete Erkenntnisse.
Trautes Heim, Job allein: Mit der vierten Welle könnte es für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zurück ins Homeoffice gehen

Trautes Heim, Job allein: Mit der vierten Welle könnte es für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zurück ins Homeoffice gehen

Foto: Yuri Arcurs peopleimages.com / Getty Images

Für einige ein Segen, für andere der blanke Horror: Arbeiten von zu Hause. Arbeiteten im Januar dieses Jahres 24 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland aus den eigenen vier Wänden, waren es im Sommer, nach Ende der gesetzlichen Homeoffice-Pflicht, nur noch 15 Prozent, wie eine repräsentative Umfrage  der Hans-Böckler-Stiftung unter 5047 Menschen aus dem Sommer zeigt. Nun ist die vierte Welle da. Und die Verpflichtung zum Homeoffice offenbar bald zurück. Vor einem knappen Jahr haben wir mit sieben Menschen darüber gesprochen, was Arbeiten von zu Hause für sie bedeutet . Jetzt haben wir sie erneut befragt, was ihnen Hoffnung gibt und wie sie sich die Arbeitswelt künftig vorstellen.

Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung, 42 Jahre: »Corona und Homeoffice haben meine Depression getriggert«

»Homeoffice ist mittlerweile bei uns zur neuen Normalität geworden. Das Prinzip prägt den Arbeitsalltag. Was sich nur wenig verändert hat, sind die Arbeitskultur und die Führungskultur. Es gibt keine Anpassungen an die neuen Realitäten und die Chancen des digitalen Arbeitens werden kaum genutzt. Gelitten hat so vor allem der Zusammenhalt in den Teams.

Beispielhaft zeigt sich das bei neu dazugekommenen Kolleg:innen. Es ist für ›die Neuen‹ schwer anzukommen, man sieht gerade bei ihnen, wie viel Körpersprache, Mimik und Tonlagen ausmachen, die durch die Videokonferenzen weitestgehend wegfallen. Das kann auch nicht jede:r einfach kompensieren und Tipps oder Coaching gab's halt gar nicht. Die Hoffnung wäre, dass jetzt – wo wir alle absehbar aus dem Homeoffice nicht so schnell herauskommen – doch noch mal an digitaler Führungs- und Teamkultur gearbeitet wird. Wobei das eine schwache Hoffnung ist, denn mir ist noch mal deutlich geworden, wie wenig schon vor Corona im Büro über Kommunikation gesprochen wurde. Und nicht jede:r interessiert sich dafür und sucht oder findet neue Lösungen.

Für mein Team habe ich vorgeschlagen, dass wir uns an einem Tag in der Woche, an dem wir ohnehin eine gemeinsame Besprechung haben, wieder alle im Büro treffen. Das hat auch schon erste positive Effekte erkennen lassen. Dabei hilft uns, dass das ganze Team schon seit dem Sommer durchgeimpft ist und jede:r von sich aus den anderen erzählt hat, wenn er oder sie einen Impftermin ergattert hatte.

Mir selbst hilft das durchaus auch, weil Corona und Homeoffice meine Depression getriggert haben: Die Arbeit zu Hause zu nah, der Wegfall von Gewohnheiten wie dem – eigentlich lästigen – Arbeitsweg, die stark reduzierten Alltagskontakte. All das war für mich wohl doch problematischer als zuerst gedacht. Von daher wollte ich jetzt eigentlich wieder mit mehr Tagen im Büro experimentieren. Aber ob ich das angesichts der vierten Welle wirklich tun kann? Denn leider glaube ich, dass wir auch diesen Winter letztlich der Lage nicht mit 3, 2 oder 1G Herr werden. Und nachdem die Politik so zögerlich agiert, ist dann doch wieder Eigenverantwortung gefragt, die ich auch übernehmen werde.

Das finde ich aber doch schwierig, denn letztlich steht meine psychische Gesundheit gegen irgendjemandes irrationale Impfabneigung. Natürlich gab und gibt es in dieser Pandemie viel Schlimmeres, aber für mich ist das durchaus hart.«

Teamleiterin, 55 Jahre: »Das Homeoffice hat die Arbeitsverdichtung kompensiert«

»Ich bin im Rahmen einer Weiterbildung vorübergehend in einer anderen Stadt tätig. Das war lange geplant, und ich hatte mich darauf gefreut: Neue Aufgaben, neue Impulse und mein firmeninternes Netzwerk durch intensive Kontakte zu den Kollegen vor Ort erweitern. Das war die Erwartung, die sich zwischenzeitlich auch erfüllt hatte. Das wird sich aber wohl wieder ändern. Dann würde ich Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt nur noch wenige persönliche Kontakte vor Ort haben können – und könnte genauso gut daheim im Homeoffice in meiner Heimatstadt sein. Darum werde ich mich dann auch bemühen.

Unser Topmanagement hat im Grunde die Kurve zu spät gekriegt: Im Sommer hätte man die Kollegen eher wieder zusammenbringen können, das wurde versäumt, stattdessen hat man mit Beginn der steigenden Inzidenzen wieder Präsenztage verordnet. Dafür haben viele wenig Verständnis. Andere allerdings sind darüber froh gewesen und haben sich auf die Rückkehr ins Büro gefreut. Die Kollegen, die prozessbedingt gar nicht im Homeoffice arbeiten können, sind zum Teil auch neidisch auf jene, die diese Möglichkeit haben.

Wir arbeiten mehr als zuvor. Die Fahrzeiten werden einfach durch Arbeitszeit ersetzt. Im Grunde hat das Homeoffice die Arbeitsverdichtung in unserem Bereich kompensiert; das ist eine ungute Entwicklung. Es ist immer noch mühsam, mit allen im Team Kontakt zu halten – viele sind zwar lockerer geworden und lassen die Kamera öfter an bei Videokonferenzen, aber eben nicht alle.

Positiv war für mich, dass ich mich selbst auch viel besser digitalisiert habe, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das hätte ich wohl nicht getan, wenn es den Sachzwang nicht gegeben hätte. Ich hätte nie geglaubt, dass wir diese ganze Masse an Papier einmal nicht mehr brauchen. Mir ist aber auch klar geworden, dass die digitale Welt viel gläserner ist. Jeder kann jederzeit sehen, was du machst, und die Chefs könnten ja im Grunde alles mitlesen. Für Datenschutzempfindliche ein Riesenthema. Ich schreibe jedenfalls über den Firmenchat keine kritischen Kommentare und überlege noch viel mehr, was und wem ich wie über welchen Kanal etwas mitteile.

Für die Trennung von Arbeit und Job habe ich auch nach mehr als anderthalb Jahren immer noch keine gute Lösung gefunden. Zu Hause ist man so rasch am Rechner, dass es schwer ist, sich abzugrenzen.«

Teamleiterin, 34 Jahre: »Es war ein gutes Jahr für mich«

»In Kurzarbeit bin ich seit Mai nicht mehr. Zurzeit arbeite ich etwa die Hälfte vor Ort, die andere Hälfte im Homeoffice. Wenn ich viele Termine habe, arbeite ich von zu Hause, ins Büro fahre ich an den Tagen mit weniger Calls, um Zeit zu haben, mit Kolleginnen und Kollegen auch mal einen Kaffee trinken gehen zu können. Dieser Austausch motiviert mich, er bringt eine neue Aufbruchstimmung – à la »es geht wieder aufwärts« – in die tägliche Arbeit; außerdem bekommt man ein besseres Gefühl für die Stimmung im Team.

Jeder Bereich kann für sich entscheiden, wie viel Präsenz gefordert wird. Ich bin schon eine Ausnahme bei uns, die meisten kommen vor allem wegen der weiten Anreise nur etwa alle zwei Wochen für ein Teammeeting ins Büro. Eine unternehmensinterne Umfrage hat gezeigt, dass die meisten auch in Zukunft mit größtmöglicher Flexibilität und ganz viel von zu Hause arbeiten möchten. Ich glaube, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, sollte man diese Flexibilität auch beibehalten.

Eine Homeoffice-Pflicht empfinde ich zwar als sinnvoll, wenn es darum geht, die vierte Welle zu brechen. Mir persönlich würde es nicht guttun, es würde sehr auf die Stimmung drücken, in der dunklen Jahreszeit wieder so viel allein drinnen hocken zu müssen und keine Kolleginnen sehen zu können. Die Zeit der Kurzarbeit habe ich genutzt, um Fortbildungen zu machen und mit dem Malen angefangen, das ist über den Sommer weniger geworden, aber das nehme ich mir dann jetzt wieder vor.

Es war ein gutes Jahr für mich: Ich wurde befördert und fühle mich wohl in meiner neuen Leitungsrolle. Außerdem dachte ich im Sommer wirklich: Corona geht zu Ende. Die steigenden Zahlen jetzt frustrieren mich. Ich kann nicht verstehen, warum sich so viele nicht impfen lassen und nicht den Zahlen und Fakten trauen, sondern lieber einem diffusen Gefühl – und damit unter anderem verschulden, dass wir jetzt vielleicht nicht mehr ins Büro gehen dürfen und unser Sozialleben einschränken müssen. Auch, wenn es natürlich noch an anderen Faktoren liegt.«

Versicherungsangestellte, 52 Jahre: »Ich bin gelassener geworden«

»Aktuell müssen wir wieder 30 Prozent unserer Arbeitszeit im Büro verbringen – aber ich erwarte eigentlich, dass im Zuge der vierten Coronawelle eine Mail kommt, die das wieder kassiert. Ich habe meine Kollegen im Homeoffice zwar nicht wirklich vermisst, ich bin eher ein Familienmensch. Aber ich fand es schön, wieder im Büro zu sein. Der erste Tag war so, wie wenn man Heiligabend in die gute Stube gelassen wird und nach den Geschenken guckt: Ich habe mich über jeden einzelnen Kollegen gefreut, den ich wieder getroffen habe. Ich habe mich gewundert, wie schnell ich mich wieder an das Büro gewöhnt habe, obwohl wir keine festen Plätze mehr haben. Früher war ich keine regelmäßige Kantinengängerin, aber das habe ich mir jetzt vorgenommen: Mehr mit den Kollegen essen zu gehen, mehr zusammen machen. Wir reden auch viel mehr miteinander als früher – und es ist auch schön, mal bekocht zu werden.

Ich bin gelassener geworden, auch gegenüber den Marotten der Kolleginnen und Kollegen. Ein bis zwei Tage in der Woche Büro sind okay, das ist eigentlich ideal. 30 Prozent finde ich in Ordnung; unsere Firma wollte das zum 1. Januar auf 50 Prozent aufstocken. Warum, ist mir aber nicht klar, das ist eigentlich unnötig und ich finde es zu viel.

Es gibt einen Kollegen im Team, der war vehement gegen eine Rückkehr ins Büro. Bei ihm haben wir alle gedacht: Der besorgt sich bestimmt ein Attest, damit er ganz zu Hause bleiben kann. Hat er bisher noch nicht gemacht, aber da ist mir klar geworden: Es ist ein bisschen ambivalent. Es gibt ja Kollegen, die man gar nicht so furchtbar gern um sich hat, aber man empfindet es auch als ungerecht, wenn ausgerechnet die sich dann Privilegien verschaffen wollen. Eine andere Kollegin kann angeblich keine Maske tragen, auch nicht für fünf Minuten im Flur – am Arbeitsplatz könnte sie ja sogar wieder ohne sitzen. Es gibt schon einige Befindlichkeiten, mit denen sich die Geschäftsleitung befassen muss.

Dadurch, dass uns das Homeoffice erhalten bleibt, können meine Tochter und ich uns gut absprechen, sodass für unseren Familienhund immer gesorgt ist. Besonders für sie war er im Lockdown so wichtig und hilfreich, weil sie allein lebt. Mir ist erst klar geworden, als ich wieder ins Büro fahren musste, was für eine Verschwendung von Ressourcen und Lebenszeit diese irre Pendelei ist. Und wenn es mal einen Systemausfall gibt, sitzt man im Büro nur nutzlos herum – zu Hause kann man die Zeit wenigstens sinnvoll nutzen. Im Homeoffice habe ich auch einen viel besseren Kontakt zu meinem Teamleiter, weil er jede Woche wirklich jeden gezielt mal anruft – das ist etwas anderes als ein Zufallstreffen im Büro. Ich will nie wieder so arbeiten wie früher.«

Lead Operations Manager, 33 Jahre: »Ich habe das Homeoffice satt«

»Als Anfang Oktober die Infektionszahlen noch niedrig waren, hatten wir im Büro 40 Prozent Anwesenheitspflicht. Jetzt darf wieder jeder freiwillig kommen, sollte sich vorher aber einmal selbst testen. Da es bei uns auch im Büro zu Ansteckungen gekommen ist, habe ich mich entschieden, jetzt wieder ausschließlich von zu Hause aus zu arbeiten. Das macht mich sehr traurig, ist aber vernünftig im Kontext der Pandemie – ebenso wie eine mögliche Homeoffice-Pflicht. Ich glaube nur, dass es schwierig wird, diese durchzusetzen. Man würde damit ja schließlich auch die Rechte der Geimpften beschneiden.

Was die Arbeitsmotivation angeht, ist dieses Jahr ein ständiges Auf und Ab: Im Januar bin ich gerade aus der Elternzeit gekommen. Das war sehr aufregend für mich, ich musste mich erst einmal eingrooven, mich wieder in Projekte einarbeiten. Dieser Elan war irgendwann verflogen, doch dann habe ich noch einmal die Stelle gewechselt. Die neue Herausforderung brachte wieder mehr Motivation mit sich. Aber zurzeit fällt es mir wieder schwer, mich für die Arbeit zu begeistern. Ich habe das Homeoffice satt, die Kollegen fehlen mir, es wird Winter, das Wetter ist schlecht – das ist alles so ermüdend.

Nach wie vor schätze ich am Homeoffice, dass es die Vereinbarkeit mit dem Familienleben vereinfacht. Ich spare einfach Zeit: Statt ins Büro zu pendeln, kann ich schon mal den Einkauf erledigen oder aufräumen. Doch leider haben die Shutdowns und die Isolation auch dazu geführt, dass mein Kind ständig krank ist und nicht in die Kita kann. Mein Mann und ich sind wie viele andere Eltern froh, wenn wir überhaupt mal eine Woche durcharbeiten können.«

Rechtsanwalt, 47 Jahre: »Ich bleibe auch zu hundert Prozent im Homeoffice, wenn es hilft, die Welle zu brechen«

»Wenn jetzt eine erneute Homeoffice-Pflicht kommt, schaue ich der gelassen ins Auge – solange die Schulen geöffnet bleiben.

Meine Frau und ich haben für uns dank Covid ein »new normal« etabliert und halten uns fest daran: Jeder von uns hat fixe Tage im Home-Office und fixe in der Kanzlei. So haben wir unsere Woche strukturiert, und das klappt so wirklich gut.

In der Kanzlei ist inzwischen auch wieder richtig was los. Im Januar war ich da noch wirklich allein, das war sehr ruhig, manchmal fast gruselig. Jetzt sind etwa die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen regelmäßig da.

Aber auch das Homeoffice ist wieder mehr zu einem Ort des konzentrierten Arbeitens geworden: Meine drei Kinder gehen ja zum Glück ganz regulär zur Schule, zu Hause ist also Ruhe. Bislang gab es nur sehr vereinzelte Infektionen an den Schulen und ich hoffe, das bleibt so und die Politik hält sich an ihre Versprechen, die Bildung und psychische Gesundheit der Kinder mehr zu respektieren.

Ich bleibe auch zu hundert Prozent im Homeoffice, wenn es hilft, die Welle zu brechen und die Schulen geöffnet zu halten.«

Partner in einer Unternehmensberatung, 40 Jahre: »Ich habe meine Work-Life-Balance besser im Griff«

»Ich arbeite weiter drei bis vier Tage in der Woche von zu Hause. Es würde mich überhaupt nicht einschränken, wenn es wieder eine Homeoffice-Pflicht geben sollte. Dezentral zu arbeiten, ist bei uns im Unternehmen und bei unseren Kunden angekommen. Akquise und die Präsentation größerer Projekte finden in Präsenz statt – der Rest klappt auch dezentral super.

Trotzdem sind die Tage im Homeoffice stärker durchgetaktet. Früher bin ich für einen zweistündigen Termin nach Wien geflogen, saß danach noch in der Lounge – dann war der Tag um. Heute mache ich in der Zeit drei solche Termine.

Gerade bei den aktuellen Infektionszahlen gibt es mir außerdem ein besseres Gefühl, nicht ständig reisen zu müssen. Im Unternehmen haben wir die Policy, dass jede und jeder selbst entscheiden kann, ob man von zu Hause arbeiten möchte, wenn das Projekt es zulässt. Witzigerweise ist es so, dass viele trotzdem ins Büro kommen. Gerade die, die vielleicht noch etwas frischer dabei sind. Da geht es um den Kontakt zu den Kollegen, aber auch um den besseren Bildschirm oder den komfortableren Schreibtischstuhl. Freitags treffen wir uns regelmäßig zum Frühstück oder abends zum Bier. Auch einen Massage- oder Schuhputzservice bieten wir, um einen zusätzlichen Anreiz zu schaffen, ins Büro zu kommen.

Mir geht es mit der Kombination aus Homeoffice und Büro aber weiterhin gut; besser als früher. Gefühlt ist meine Arbeitszeit in Summe etwas weniger geworden und ich habe meine Work-Life-Balance, meinen Sport, mein geregeltes Abendessen, besser im Griff. Natürlich kommen, wenn die Kids krank zu Hause sind, jetzt auch andere Aufgaben auf mich zu. Aber das gehört genauso dazu.«