In Kooperation mit

Job & Karriere

Katrin Wilkens

Care-Arbeit und häusliche Gehaltslücke Warum Vollzeit-Mütter auf 750.000 Euro verzichten

Katrin Wilkens
Ein Gastbeitrag von Katrin Wilkens
Er bringt ein ordentliches Gehalt nach Hause, sie hat einen 450-Euro-Job – so ist die Verteilung in vielen Familien. Wie kann man da die Rentenvorsorge fair gestalten?
Foto: Malte Mueller / fStop / Getty Images

Es ist eine klassische Konstellation: Monika ist 39 Jahre alt, hat mit ihrem Mann zusammen zwei Kinder und kümmert sich um die Betreuungsarbeit und den Haushalt. Daneben arbeitet sie auf 450-Euro-Basis in einer Kinderboutique. Um ihre Altersvorsorge auf den Weg zu bringen, hat sie sich gemeinsam mit ihrem Mann beraten lassen. Die vorgeschlagene Lösung: Vom Gehaltskonto des Mannes werden monatlich für beide Ehepartner jeweils 100 Euro in die Rentenvorsorge eingezahlt. »Ich bin froh, dass ich nach vielen Anläufen so weit mit meinen Verhandlungen gekommen bin. Aber meine Freundin meint nun, die Lösung sei total ungerecht«, erzählt mir Monika.

Leider hat die Freundin recht. Ich hätte Monika gern etwas anderes geantwortet, so etwas wie: Braten Sie Ihrem Mann ein schönes Filet dafür, dass er sich um Ihre Rente mitkümmert. Aber mir verkrümmt es die Finger. Das Gleiche ist eben nicht immer gerecht!

Der Mann zahlt als Hauptverdiener voll in seine Rentenvorsorge ein. Monika nicht.

Er kann durch den nicht vorhandenen Karriereknick die Leiter weiter und weiter hinaufklettern. Sie nicht.

Sie hätte große Bewerbungsschwierigkeiten, wenn sie nach der langen Familienzeit wieder voll in den Beruf einsteigen wollte – er hat durchgehend gearbeitet. Kurz: Er wäre im Fall einer Scheidung abgesichert, sie nicht.

Lebens-Einkommensverlust von 750.000 Euro

Bei zwei Kindern kommt Monika auf einen Lebens-Einkommensverlust von 750.000 Euro gegenüber einer akademisch gebildeten, durchschnittlich verdienenden Frau, die dieselbe Zeit lang gearbeitet hat und die nicht die Ausgaben für die Familie stemmen muss. 750.000 Euro. (Bevor mich jetzt alle Nachrechner grillen: Wir gehen für diese Beispielrechnung mal davon aus, dass Monika vor den Kindern ein akademisches Einkommen von 2800 netto nach Hause trug.

Als das zweite Kind in die Kita kam, hat sie bereits auf 185.000 Euro verzichtet: 5,5 Jahre mal 12 Monate mal 2800 Euro Nettogehalt. Dann kommen die Teilzeitjahre dazu, in denen sie deutlich weniger verdient als vorher, noch einmal rund 160.000 Euro. Und schließlich die Rente, die durch diese einkommensschwachen Jahre deshalb auch mickrig ausfällt, noch einmal knappe 180.000 weniger als ihr Mann. Rechnet man von den zwei Kindern anteilig eines dazu, dann kommt man auf diese ungeheure Summe von 750.000. Natürlich gehört dem Mann, der in dieser Zeit das Geld verdient, sein Einkommen nicht allein – er kann aber darüber verfügen und bis zu einem gewissen Grad auch bestimmen, was wofür ausgegeben werden soll.)

Ja, klar, es gibt auch den Rentenausgleich. Aber er ändert am Grund-Problem nichts – weil er nur im Falle einer Scheidung gilt (es gibt auch Paare, die verheiratet getrennt leben) und weil die dann ohnehin schmale Rente des Mannes noch einmal gekürzt wird. Im bundesweiten Durchschnitt erhält ein Rentner 1.178 Euro Rente im Monat und eine Rentnerin 768 Euro. Wer 2019 im Westen in Rente ging, erhielt als Rentner 1140 Euro Altersrente und als Rentnerin 728 Euro. Auch Rente gehört versteuert, dazu kommen Krankenkassenbeiträge, Versicherungen, Miete, Essen. Und: immer mehr Paare leben unverheiratet zusammen. Auch in diesem Fall greift der Rentenausgleich nicht.

Und jetzt kommen wir noch einmal zum Anfang der Geschichte: zu den monatlich 100 Euro Rentenbeitrag. Achtung, Luft holen: Monikas Mann müsste 500 Jahre denselben Beitrag von 100 Euro einzahlen, bevor sie auf diese Summe käme. Aber nur, wenn in dieser Zeit der Zinssatz günstig wäre. Total ungerecht? Allerdings!

Ein paar Vorschläge für eine gerechtere Lösung

Aber wie könnte eine gerechtere Lösung aussehen? Hier ein paar Vorschläge:

  • Der Mann zahlt seinen Anteil auch in Monikas Altersvorsorge ein. Das würde das Kapital immerhin verdoppeln, aber auch noch längst nicht gerecht werden lassen – verglichen mit dem Teil, den er derzeit in seine Rentenkasse einzahlt.

  • Das Paar finanziert zusammen eine kleine Eigentumswohnung, in deren Grundbuch nur Monika eingetragen wird. Das kann man mit einer Anfangsfinanzierung, Mieteinnahmen und diesem Beitrag von 200 Euro monatlich stemmen. Vielleicht gibt es auch ein vorweggenommenes Erbe für das Startkapital? Weiterer Vorteil: Dann hätte Monika auch ein Refugium, in das sie zur Not mietfrei einziehen könnte, wenn alle Stricke reißen.

  • Ein Ehevertrag, der festlegt, dass Monika ein erhöhter Anteil der bisherigen Zugewinngemeinschaft zusteht, damit sie im Falle einer Trennung abgesichert ist. Das können Anteile an der eigenen Wohnung sein, ein Auto, oder auch Omas Gartenparzelle, die vererbt wird. Notare sind per Gesetz verpflichtet, allparteilich zu beraten. Der beste Weg wäre also, zunächst einen Steuerberater und dann einen Notar aufzusuchen und sich beraten zu lassen.

  • In vielen Fällen treten wir Mütter direkt von der Matschhosen-Versorgung in die Schnabeltassen-Phase ein. Sprich: Erst kümmern wir uns um die Kinder, später um die Eltern und Schwiegereltern. Falls Monika das auch tun sollte: Es gibt einen Schenkungsfreibetrag von 20.000 Euro für zehn Jahre, die man beispielsweise für geleistete Pflegedienste, Einkäufe und andere Arbeit annehmen darf und die in Ihre Zusatzrente fließen können. Auch bei einem Pflegegrad von Eltern oder Schwiegereltern kann man erstens Rentenpunkte ansammeln und zweitens eine sogenannte Verhinderungspflege geltend machen: Das ist ein kleiner Betrag, den die Pflegekasse zahlt, wenn bei der häuslichen Pflege die Hauptpflegeperson sich aufgrund etwa von Krankheit oder Urlaub nicht kümmern kann und vertreten werden muss.

Man sollte sich nicht davor scheuen, die eigenen unentgeltlichen Arbeiten einmal dezidiert aufzulisten. Es hilft, sich nicht wie eine Bittstellerin vorzukommen. Dieser Test, den Johanna Lücke für die Initiative Equal Care Day entwickelt hat, hilft Ihnen dabei.  Im Beruf nennt man das Leistungserfassung, im Haushalt leider immer noch »Mutti macht das schon.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.