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Maren Hoffmann

Büroleben nach Corona Wird jetzt alles besser? Leider nein

Maren Hoffmann
Ein Kommentar von Maren Hoffmann
Die Coronapandemie habe wenigstens ein Gutes, liest man immer wieder: Die verschnarchte Bürowelt wurde wachgerüttelt, mehr Flexibilität und Digitalisierung sind die Folge. Dabei gehen die Probleme jetzt erst los.
Hallo, ist da wer? Rückkehr ins Büro (Symbolbild)

Hallo, ist da wer? Rückkehr ins Büro (Symbolbild)

Foto: Mint Images / imago images

Homeoffice? Geht doch! Sogar Herr Blatzke kann sich inzwischen unfallfrei in eine Videokonferenz einwählen! Corona hat bewirkt, woran vor der Pandemie Heerscharen von Beratern verzweifelten: Weite Teile der Bürowelt wurden im Zeitraffer digital und dynamisch. Vielfach herrscht die Meinung, nach der Pandemie könne das Arbeitsleben nun für alle eigentlich nur besser werden. Alle meint hier: die ohnehin privilegierte Blase der Büroarbeiter.

Mehr Freiheit scheint möglich

Jetzt, mit sinkenden Inzidenzzahlen, dämmert am Horizont die Post-Corona-Arbeitswelt. Mit ihr stehen viele Menschen vor ihren Kleiderschränken, sich bang fragend, ob sie die Coronakilos noch mit in den alten Businessblazer gequetscht bekommen – und wie es überhaupt so wird im Büro. Mehr Freiheit im Arbeitsleben als je zuvor scheint möglich. Die Immobilienpreise auf dem Land steigen, denn wer nicht mehr jeden Tag pendeln muss, kann auch weiter draußen wohnen .

Wie es große Firmen halten

Die Coronainfektionen gehen zurück, die Büros füllen sich wieder – und in vielen Unternehmen stellt sich nun die Frage: Wie viel Homeoffice soll es in Zukunft geben? Die Antworten könnten kaum unterschiedlicher sein.

Andererseits vermissen viele Menschen die Kollegen und haben nach Monaten am Küchentisch Sehnsucht nach richtigen Schreibtischen und rückengerechten Stühlen. Etliche Chefs wollen endlich wieder wie Schäferhunde die ganze Herde im Blick haben. Erstaunlich viele Firmen wollen zum Präsentismus alter Schule zurückkehren. Oder sie haben auch während der Pandemie unnötig daran festgehalten.

Der Geist des mobilen Arbeitens wird aber nicht mehr in die Flasche zurückkehren. Der unfreiwillige Großversuch Corona hat gezeigt, dass man in vielen Berufen problemlos von zu Hause aus arbeiten kann – mehr als die Hälfte der Jobs hierzulande sind Homeoffice-tauglich, schätzt das Ifo-Institut. Aber sind es auch die Menschen? Kriegen wir das hin?

Das schlechteste aus beiden Welten

Viele Firmen streben jetzt hybride Arbeitsmodelle an, einen Mix aus Bürotagen und Homeoffice – Porsche etwa bietet der Bürobelegschaft künftig bis zu zwölf Tage Homeoffice im Monat an (und spart so nebenbei viel Büromiete).

Wird also alles besser? Spoiler: leider nicht von selbst.

Hybridmodelle aus Homeoffice und Büropräsenz sind teamtechnisch eine schwierige Aufgabe. Nicht unlösbar, aber es braucht Engagement von allen Seiten, damit ein solches Modell nicht vor die Wand fährt. Wer das ignoriert, bekommt unweigerlich das Schlechteste aus beiden Welten, und zwar dauerhaft: An den Homeoffice-Tagen das Gefühl, nicht alles mitzubekommen, plus Pendelstress an den restlichen. Schlechte Kommunikation, miese Stimmung, sinkende Performance.

Beispiel Meeting: Wenn wir uns künftig nicht mit fünf Leuten per Videocall treffen, sondern drei persönlich im Konferenzraum hocken und zwei wählen sich ein, funktioniert das für rein sachliche Absprachen – sozial ist es schwierig. Die, die nach dem Meeting nicht mit in die physische Kaffeeküche kommen können, sind abgehängt. Denn hier wird Politik gemacht, Klatsch ausgetauscht, es werden Netzwerke gewoben. Dann aber halt nur vom halben Team. Rein digitale Meetings, bei denen alle einander nur auf dem Monitor sehen, sind kein Problem, vollwertige Präsenzmeetings auch nicht. Mischformen schon.

Es reicht nicht, irgendwas technisch zu organisieren – wenn es funktionieren soll, muss man Arbeitsprozesse völlig neu aufsetzen. Sich vor allem fragen, wie viele Meetings überhaupt sein müssen. Und wer daran teilnehmen muss. Die treffen sich dann entweder digital oder persönlich – und vereinbaren das im Idealfall einfach miteinander.

Die neuen Regeln müssen gemeinsam immer wieder hinterfragt werden: So besser? Oder lieber anders? Das ist mühsam, aber anders geht es nicht.

Man muss alle und jeden und jede fragen

Eines hat die Pandemie gezeigt: Die Bedürfnislage auch recht homogen erscheinender Gruppen innerhalb von Belegschaften ist alles andere als vorhersagbar. Es gibt junge Kollegen ohne Familie mit eigenem Arbeitszimmer, die Homeoffice trotzdem hassen, weil sie Job und Freizeit gern auch räumlich trennen wollen und sonst unter Stress geraten oder sich einsam fühlen. Es gibt Eltern, die gern Homeoffice machen, und solche, die es furchtbar finden. Es gibt Leute, die am liebsten manchmal Homeoffice machen, und andere, die sich lieber wohnortnah in einem Satellitenbüro mit anderen zusammenfinden wollen.

Wer zu welcher Gruppe gehört, lässt sich nur ermitteln, indem man alle und jede und jeden fragt. Und dann Lösungen findet. Und die laufend überarbeitet.

Was nicht geht: Einfach fünf Tage Homeoffice pro Monat verordnen und glauben, damit werde man schon allen irgendwie gerecht. Alle nach Hause schicken oder alle dazu verdonnern, ins Büro zu kommen. Firmen, die mit Verweis auf steigende psychische Belastung im Homeoffice sagen, es gebe keine Alternative zur Rückkehr in die Büros, sollten sich erinnern, dass Pendeln noch viel ungesünder sein kann .

Mitarbeitern ihre Leistung als Privileg verkaufen

Was ebenfalls nicht mehr geht: Es Leuten als Privileg zu verkaufen, dass sie überhaupt Homeoffice machen dürfen. Wer in der Pandemie seiner Firma unbefristet kostenlosen Büroraum im heimischen Zuhause zur Verfügung gestellt hat, der will sich jetzt nicht noch bedanken müssen, dass er von zu Hause aus arbeiten darf. Homeoffice mag mal ein Privileg gewesen sein. Jetzt sollte es einfach nur eine Option sein, auf die man als erwachsener Mensch selbstverständlich zurückgreifen können sollte, wenn man das will und die Arbeit es zulässt.

Alte Arbeitswelt mit neuen Optionen

Wer das New-Work-Feature des ortsflexiblen Arbeitens einfach an einen bestehenden Firmenkorpus tackert, wird schlechte Erfahrungen damit machen. Und es dann höchstwahrscheinlich darauf schieben, dass es mit dem Homeoffice eben auf lange Sicht doch leider nicht gut geklappt habe.

Das ist bedauerlich, denn bei sehr vielen Tätigkeiten ist es einfach völliger Quatsch, dafür ins Büro zu fahren, wenn man keine Lust darauf hat. Alles andere lässt sich organisieren – aber eben nicht von oben, sondern mit kollegialem Querblick und voller Lust auf Experimente. Der Großversuch, der in der Pandemie begann, kann als ziemlich erfolgreich abgeschlossen gelten.

Jetzt müssen (und dürfen wir uns endlich) fragen: Wie wollen wir eigentlich arbeiten? Wie können wir uns als Team gut organisieren? Je mehr Optionen es gibt, desto mehr Organisations- und Entscheidungsfindung ist nötig. Dafür kann man Leuten Arbeitsplätze bieten, die zu ihren Bedürfnissen passen. Und ihnen die Freiheit geben, sich selbst klug aufzustellen: In ein Büro zu fahren, nur um dort zu telefonieren, ist meist Unfug. Kollegen zu treffen, ist dagegen eine super Idee. Und auch hier wird man sich herantasten müssen, was am besten funktioniert. Die schöne neue Arbeitswelt, sie ergibt sich nicht von allein – sie ist selbst ein großes Stück Arbeit.

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