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Nach der Pandemie Bürokleidung wird lockerer

Pandemie und Homeoffice haben den Kleidungsstil vieler Beschäftigter – sagen wir – gemütlicher gemacht. Was bleibt nach zwei Jahren Wohlfühlgarderobe?
Studienautor Alexander Schmid von Bearing Point im Selbstversuch: Wie könnte die Bürokleidung der Zukunft aussehen?

Studienautor Alexander Schmid von Bearing Point im Selbstversuch: Wie könnte die Bürokleidung der Zukunft aussehen?

Foto: BearingPoint GmbH

In Pandemiezeiten war nur wenig so tröstlich, wie in Jogginghose und Pantoffeln die Kollegen anzuzoomen. Während man obenrum immerhin noch den Anschein von Professionalität aufrecht hielt, war untenrum sowieso alles egal. Willkommen im Homeoffice.

Spätestens seit dem Ende der Homeoffice-Pflicht ist für viele Beschäftigte damit Schluss. Aber: Was trägt man nun am Arbeitsplatz, nach zwei Jahren Wohlfühlgarderobe und Dekaden davor im strengeren Business-Look? Welche Mode-Ära hält jetzt in deutschen Büros Einzug?

Eine Studie  im Auftrag der Unternehmensberatung Bearing Point gibt Aufschluss: 62 Prozent der mehr als tausend Befragten wollen im Büro künftig T-Shirt und Sweatshirt tragen. »In Betrieben wird seit Jahren diskutiert, wie streng Bürokleidung noch sein muss«, sagt Katharina Starlay, die Unternehmen in Kleidungsfragen berät. »Die Pandemie hat die Lockerung der Kleiderordnung nur stärker beschleunigt. Spätestens jetzt kommen Arbeitgeber nicht mehr daran vorbei, sich diesbezüglich zu profilieren und zu zeigen, wie die eigene Firma tickt.«

Ist die Krawatte tot – oder avantgardistisch?

In der Studie positionieren sich die Beschäftigten eindeutig: Nur noch zwei Prozent der Befragten können sich vorstellen, täglich eine Krawatte umzubinden. Ist der Schlips also tot? »Wer digital präsentiert, hat heutzutage viel weniger Fläche zur Verfügung, um sich auszudrücken«, sagt Imageberaterin Katharina Starlay. Die Krawatte sei zwar nicht unverzichtbar, aber: »Für diejenigen, die sich darin wohlfühlen, kann sie eine wertvolle Bereicherung sein und dem Träger Selbstbewusstsein verleihen.« Mittlerweile sei sie sogar so selten geworden, dass sie schon wieder avantgardistisch sei, so Starlay.

Die Studie zeigt auch: Zuletzt haben Beschäftigte deutlich an Bürokleidung gespart. Lagen die Ausgaben 2019 noch bei durchschnittlich 1176 Euro im Jahr, fielen sie 2020/2021 auf 480 Euro. Darf dann die ausgewaschene Jeans für den Geschäftstermin herhalten? Das lehnen immerhin fast drei Viertel der Befragten ab.

Maximal fünf Anzüge oder Kostüme

Das Kleidungsdilemma vieler Unternehmen drückt auch einen Wertekonflikt aus: Noch immer nutzen sie Krawatte, Anzug oder Kostüm, um nach außen professionell und kompetent zu wirken. »Man traut Menschen, die nach altbekannten Dresscodes in erkennbarer Qualität gekleidet sind, noch immer qualitätvollere Arbeit zu – und ist bereit, dafür mehr zu zahlen«, so die Imageberaterin. Das zeigt auch die Studie: Vier von fünf Befragten halten etwa einen höheren Tagessatz für externe Beraterinnen allein dadurch für gerechtfertigt, dass die formal korrekt gekleidet sind.

Andererseits geben sich Betriebe gern modern, agil und unkonventionell. Jeder und jede soll so arbeiten, wie er oder sie sich am wohlsten fühlt. Legere Kleidung als Symbol für den modernen Arbeitsplatz. Der Studie zufolge dürfte das besonders die Berufseinsteiger freuen: Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten mit weniger als zwei Jahren Berufserfahrung haben maximal fünf Anzüge oder Kostüme im Schrank hängen. Die könnte man vergraulen,  belegte man die Belegschaft jetzt mit einer zu strengen Kleiderordnung.

»Ich erlebe, dass Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger immer öfter für sich selbst entscheiden wollen.  Gerade, wenn Unternehmen Talente an sich binden wollen, lohnt es sich, die Belegschaft bei der Kleiderfrage einzubeziehen – und bei bestimmten Anlässen auf Freiwilligkeit zu setzen«, so die Stilberaterin.

Mal schick, mal casual

  • Sogenannte Smart Dresscode Contracts könnten das Kleidungsdilemma am Arbeitsplatz lösen. Das bedeutet: Innerhalb des Betriebes kann man einen Dresscode aushandeln, der anlassbezogen ist. Wer zum Beispiel mit internationalen Kundinnen zu tun hat, sollte sich schon fragen, wie viel Wert dort auf Formalität gelegt wird. Also: »Suit up« beim Kundentermin, im Büro dann Schlabberpullis und Birkenstocks.

  • Corona hat Beschäftigte dazu gebracht, den Arbeitsalltag zu hinterfragen: Wieso kleiden wir uns im Büro anders als in unserem Alltag außerhalb des Büros? Angestellten sollte daher der Sinn und Zweck von Arbeitskleidung klar sein, wann und warum sie zu bestimmten Anlässen schick und zu anderen casual kommen können.

  • Die Grenze zwischen Dresscodes deckt sich nicht mit jener zwischen Homeoffice und Büro. Während man für ein digitales Meeting vielleicht künftig das volle Programm hochfahren muss, reichen für einen Kaffee mit dem Kollegen Chinohose und T-Shirt. Wichtiger als hochwertige Kleidung, so die Studie, kann mitunter die technische Ausstattung wie Kamera und Licht sein. Wer in einer Präsentation dauernd abgehackt spricht, weil das Mikrofon streikt, den kann auch ein schicker Anzug nicht retten.

»Die Anforderungen an Stil und Haltung am Arbeitsplatz verschwinden nicht, wenn Beschäftigte plötzlich keinen Anzug und Kostüm mehr tragen. Aber die Bekleidung verändert sich zusammen mit der Frage, wie wir künftig arbeiten wollen«, sagt Starlay. Nur: Was bleibt, wenn man sich nicht mehr hinter festgeschriebenen Dresscodes verstecken kann?

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»Arbeitgeber und Belegschaft sollten sich mehr mit dem Gegenüber beschäftigen. Bei der Kleiderordnung geht es doch nicht nur darum, wie man sich selbst ausdrückt, sondern auch um die Umgangsformen miteinander, die innere Haltung, die sich auch in Kleidung spiegeln kann.« Persönlicher Stil sei auch mit legerer Kleidung erkennbar. Wie viel Sorgfalt jemand in die Selbstdarstellung steckt, hängt nicht davon ab, ob ein bunter Stoffstreifen über einer Knopfleiste baumelt.