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Drei Tugenden für die Krisenzeit Was man von Solosegler Boris Herrmann fürs Homeoffice lernen kann

In der Krise braucht man Geduld, Belastbarkeit und muss allein sein können. Solosegler Boris Herrmann, die neunfache Mutter Lisa Schrenk und der Geduldspielerfinder Volker Latussek erklären, wie man's schafft.

Solosegler über allein sein können: »Immer einen Tag nach dem anderen«

Mit sich allein sein können: In der Krise ist das nicht nur für Menschen in Quarantäne wichtig – fast alle haben viel weniger Kontakte, und im Homeoffice sind viele allein, die sonst im Team arbeiten. Der Segler Boris Herrmann, 39, nimmt gerade als erster Deutscher an der härtesten Soloregatta der Welt teil: Mit seiner Jacht »Seaexplorer«, mit der er bereits die Klimaaktivistin Greta Thunberg nach New York gebracht hatte, segelt er allein um die Welt – und weiß, wie man damit fertig wird, auf sich gestellt zu sein.

»Wie man mit Ängsten fertig wird, wenn man allein ist? Meistens kommen die Ängste von projizierten Blicken auf etwas, das später ist. Auf dem Boot muss man manchmal ganz im Moment sein, weil ein Sturm die komplette Aufmerksamkeit fordert. Sobald man dann etwas Zeit hat und den Blick wandern lässt und sieht, wie viel noch vor einem liegt oder wie groß der Sturm ist, dann kommen Ängste auf. Wenn man sich nur auf die nächsten zehn Minuten fokussiert, kann das extrem helfen.

Autogenes Training hilft mir dabei, ruhig zu werden, Wärme zu spüren, besser einzuschlafen – und die Gedanken zu stoppen. Was auch hilft: Die Fotos der liebsten Angehörigen ausdrucken und dort aufstellen, wo man sich meistens aufhält, sich daran erinnern, dass sie da sind und an einen denken. Und lächeln, auch wenn man allein ist. Das wirkt physiologisch.

Das Gefühl, ganz auf mich allein gestellt zu sein, habe ich gar nicht. Viele Leute unterstützen mich virtuell. Ich kann auch meine Frau anrufen, wir unterstützen uns gegenseitig. Sie hat ja eine nicht minder große Herausforderung – wir haben ein vier Monate altes Baby. Das schreit nachts öfter als mein Boot Alarme verursacht. Jetzt in Corona-Zeiten sind viele Menschen allein zu Hause. Man kann sich aber gegenseitig viel seelischen Beistand geben – die Stimme von anderen zu hören, hilft sehr.

Wirklich einsam sind ja die wenigsten. Die meisten Menschen sind nur physisch vorübergehend von anderen getrennt. Aber trotz aller Vorbereitung kommt dieses brutale Gefühl der Einsamkeit manchmal doch. Wir Menschen sind soziale Wesen. Auf sich gestellt zu sein, abgeschottet, allein auf dem Ozean oder in einer Corona-Quarantäne etwa in einer Stadt, in der man noch nicht viele Leute kennt, das kann unheimlich belasten, das kenne ich auch. Die richtige Einstellung allein hilft nicht. Aber es wird jemanden geben, mit dem man gern spricht. Man kann anrufen. Schreiben. Eine Sprachnachricht aufzeichnen. Nicht darüber grübeln, wie lange man noch allein ist, wie viele Tage, Wochen oder Monate das noch geht, sondern sich sagen: Heute bin ich allein. Immer einen Tag nach dem anderen. Das ist mein Motto hier draußen auf See.«

Neunfache Mutter über Belastbarkeit: »Kinder muss man nicht ständig ermahnen«

Foto:

Privat

Lisa Schrenk, 32, muss einiges aushalten: Sie ist Mutter von sechs Söhnen und drei Töchtern im Alter von acht Monaten bis elf Jahren. Sie bloggt über ihren Familienalltag auf 9imglück.at , auf Instagram  folgen ihr fast 290.000 Menschen. 

»Ich glaube, ich bin mit neun Kindern weniger gestresst als andere mit zwei oder drei. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ihnen viel zutraue und sie sehr selbstständig sind. Viele meinen ja, sie müssten ihre Kinder ständig bevormunden oder ihnen Befehle erteilen. Davon halte ich gar nichts. Mit Kindern kann man auf Augenhöhe kommunizieren, man muss sie nicht unentwegt ermahnen und ihnen sagen, was sie zu tun oder anzuziehen haben. Sie spüren selbst, wenn es ihnen im T-Shirt draußen zu kalt wird und kommen dann rein, um sich eine Jacke zu holen.  

Die Gesellschaft setzt Eltern enorm unter Druck, aber mir ist es egal, was andere denken. Unsere drei Kleinsten schlafen bei uns im Bett, und oft kommt nachts noch ein Kind dazu, das ist doch wunderbar. Das Bett ist groß genug, mein Mann hat es selbst gebaut.

Auch unseren Alltag gestalten wir flexibel, wenn sich das Essen mal um eine halbe Stunde verschiebt, finde ich das nicht schlimm. Manchmal fährt mein Mann jeden Tag einkaufen, manchmal nur zweimal die Woche, das ergibt sich einfach. Wir nehmen die Dinge, wie sie kommen. Wir haben uns auch nicht hingesetzt und gesagt, wir wollen neun Kinder haben. Es hat sich einfach ergeben, und dafür bin ich sehr dankbar.  

Dass neun Kinder alle gleichzeitig etwas von mir wollen, kommt eigentlich nicht vor. Und wenn doch, dann kümmere ich mich um eins nach dem anderen. Die Größeren verstehen schon sehr gut, dass die Kleinen nicht so lange warten können und nehmen auch Rücksicht, wenn ich mal sage: Hey, das wird mir jetzt alles gerade zu viel, ich brauche eine Pause. 

Als wir während des Lockdowns im Frühjahr alle jeden Tag zu Hause waren, war das schon anstrengend, aber mein Mann und ich sind einen anderen Lärm- und Stresspegel gewohnt als andere Menschen, wir können uns auch mit Kindergeschrei konzentrieren. Mein Mann ist Lebensmitteltechnologe und arbeitet ohnehin vier von fünf Tagen im Homeoffice. Videokonferenzen muss er zum Glück nicht machen, denn natürlich sieht es bei uns meistens aus wie auf einem Kindergeburtstag.  

Der Haushalt ist das Einzige, was mich manchmal stresst. Überall liegen Sachen herum, und die Wäsche nimmt nie ein Ende. Von morgens bis abends läuft die Waschmaschine. Wir haben kein Au-pair-Mädchen und auch keine Oma, die täglich mit anpackt. Mein Mann und ich kümmern uns um alles selbst. Einen Planer brauche ich dafür nicht, ich habe alle Aufgaben im Kopf. Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass wir krank werden könnten. Zum Glück haben die Kinder ein gutes Immunsystem. Sie verbringen viel Zeit im Garten und laufen im Frühjahr und Sommer oft barfuß, ich denke, das hält sie gesund.

Was ich für meine Kinder beschränke, ist der Zugang zu Medien und Süßigkeiten, denn den Schaden, den Zucker und Medienkonsum anrichten können, kann kein Kind absehen. Trotzdem kriegen sie auch mal ein Stück Schokolade oder dürfen abends das Sandmännchen schauen. Das Zu-Bett-Geh-Ritual ist für jedes Kind unterschiedlich, klappt aber eigentlich bei allen prima. Mein Mann und ich machen das in Schichten. Ich bringe die Kleinsten gegen 19.30 Uhr ins Bett, dann übernimmt er die nächsten und gegen 20.30 Uhr schlafen meistens alle neun. Ich glaube, auch bei diesem Thema hilft einfach Gelassenheit.« 

Geduldspielerfinder über Geduld: »Gute Lösungen gehen oft gegen die eigene Intuition«

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Thomas Obermeier

Um in der Krise gut durchzuhalten, braucht man vor allem eines: Geduld. Der promovierte Physiker Volker Latussek, 56, Referatsleiter für Planung und Berichtswesen an der Uni Würzburg, entwickelt Geduldspiele. Mit »Casino«, bei dem man sechs Holzscheiben in eine Box einpassen muss, gewann er 2018 den renommierten Preis »Puzzle of the Year«. In Japan wird das Spiel mittlerweile in der Antidemenztherapie eingesetzt.  

»Mechanische Denkspiele haben zwei Aspekte: das Erfinden und das Spielen. Um eine Idee zu entwickeln, braucht man Geduld. Das heißt: Man muss Ideen Raum geben können. Auch mal eine Zeit lang einfach aus dem Fenster schauen und die Gedanken treiben lassen. Muße erleben. Langeweile ist davon nicht zu trennen. Wer nicht bereit ist, sich zu langweilen, kann seine Gedanken nicht schweifen lassen. Darauf muss man sich einlassen – und bereit sein, sich nicht permanent mit Informationen zu fluten.

Das ist etwas, das viele Menschen verlernt haben, weil in der Informationsgesellschaft alles immer verfügbar ist. Es gibt keinen Zeitversatz mehr: Ich habe eine Frage, ich will die Antwort – und das sofort. Wir haben verlernt, uns Fragen zu öffnen, über die man länger grübeln muss. Das halte ich für eine Fehlentwicklung. Mechanische Denkspiele zwingen aber genau dazu: Sich immer wieder derselben Aufgabe zu stellen, bis man die Lösung findet. Eins meiner Spiele hat zwei Lösungen, und es zeigt sich immer wieder: Eher kreative Denker kommen auf die eine, die eher analytischen landen bei der anderen.

Wir halten die permanente Verfügbarkeit von allem für Freiheit. Aber das stimmt nicht. Man wird viel freier, wenn man lernt zu akzeptieren, dass gute Lösungen manchmal Zeit brauchen. Reines Warten reicht dabei aber nicht aus: Wer glaubt, man müsse ein mechanisches Denkspiel nur lange genug in der Hand haben, um es lösen zu können, hat den falschen Ansatz. Stumpfes Herumprobieren ist nicht zielführend und frustriert nur. Darauf achte ich sehr beim Entwickeln: Dass Zufallsfunde nicht zum Erfolg führen können.

Aber verbeißen darf man sich nicht. Nach 20 Minuten dreht man sich gedanklich meist nur noch im Kreis – dann muss man etwas anderes machen, um den Geist wieder zu öffnen. Geduld heißt auch: akzeptieren, dass es mehr als einen Anlauf braucht, um eine Herausforderung zu meistern und sie immer wieder neu anzugehen, ohne das als Scheitern zu empfinden. Wer das schafft, hat die Chance auf echte Glücksmomente.

Dann können Perspektivwechsel und Offenheit des Denkens zur Lösung führen. Oft geht die gegen die eigene Intuition, man denkt: Das geht doch gar nicht! Aber dabei war es nur schwierig, die Lösung zu sehen, weil einem das eigene Denken im Weg stand. Wer diese Erfahrung gemacht hat, geht im Alltag anders mit Fragen um – und kann auch akzeptieren, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen.«

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