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Studie zu weltweiter Mobilität Wo wir arbeiten wollen

Immer weniger Menschen wollen für den Job ins Ausland gehen. Das ist nicht nur ein Corona-Effekt: Die Arbeitswelt deglobalisiert sich. Experten warnen: Im weltweiten Kampf um Talente werde es klare Verlierer geben.
Foto: Michael Blann / Stone RF / Getty Images

Eine schlechte und eine gute Nachricht: Auf dem weltweiten Arbeitsmarkt verliert Deutschland an Beliebtheit – liegt aber immer noch auf Platz vier von 190 Ländern und ist das beliebteste nicht-englischsprachige Land. Insgesamt 208.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in 190 Nationen, darunter rund 9000 in Deutschland, wurden Ende vergangenen Jahres online befragt: Ob sie bereit seien, im Ausland zu arbeiten, wo ihre bevorzugten Standorte lägen und welche Präferenzen sie bei der digitalen Arbeit haben.

Die Untersuchung, die die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und The Network, ein von der Jobplattform Stepstone mitbegründeter Zusammenschluss von Jobbörsen in 130 Ländern, gemeinsam erhoben haben, ist schon die dritte ihrer Art, sodass sich im Vergleich zu den vorausgegangenen Erhebungen aus den Jahren 2014 und 2018 auch langfristige Trends abzeichnen.

Die Bereitschaft ins Ausland zu gehen, sinkt rapide

Die Bereitschaft ins Ausland zu gehen, hatte schon vor der Corona-Pandemie abgenommen. Derzeit kann sich nur knapp die Hälfte der Befragten einen Umzug in ein anderes Land vorstellen; 2018 waren es noch 57 Prozent, 2014 sogar 64 Prozent. Zwischen diesen beiden Zahlen lagen allerdings vier Jahre; die jetzige Untersuchung erfolgte in einem Abstand von nur zwei Jahren. Die Kurve fällt also recht steil ab.

Die Studienautoren machen für den erneuten Rückgang der Mobilitätsbereitschaft nicht nur die Corona-Restriktionen, sondern auch nationalistische Tendenzen wie in den USA oder Großbritannien verantwortlich – und die Tatsache, dass sich mobiles Arbeiten weiter durchsetzt.

Von den in Deutschland Befragten sagten sogar nur 45 Prozent, sie seien bereit, ins Ausland zu ziehen – und dann am liebsten in die unmittelbare Nachbarschaft: Fünf angrenzende Staaten sind unter den Top Ten der Wunschländer, ganz oben die Schweiz und Österreich. Auch die USA und Kanada sind bei Deutschen beliebt.

Die USA verlieren erstmals den ersten Platz

Zum ersten Mal seit acht Jahren sind die USA nicht mehr das Topsehnsuchtsziel, sondern nur noch auf Rang zwei. Ganz oben ist jetzt Kanada. Auf Platz drei: Australien. Deutschland rangiert auf Platz vier, ist aber beliebtestes Land in Europa und beliebtestes nicht-englischsprachiges Land. Besonders Kanada, so die Studie, zeichnet sich durch eine ausgeprägte Willkommenskultur gegenüber Migranten ab. Auch asiatische Länder rücken auf der Wunschliste weiter nach oben. Es zeichnet sich ein Muster ab: »Die Länder, die gut abschneiden, waren gut in der Pandemiebekämpfung«, resümiert Stepstone-Chef Sebastian Dettmers. Dazu zählen vor allem asiatische Länder wie Singapur, Japan und Neuseeland. »Den entgegengesetzten Effekt sehen wir bei jenen Staaten, die im Frühjahr 2020 hart von Covid-19 getroffen wurden – etwa Italien, Spanien oder Frankreich.«

In der Hitliste der Städte bleibt London trotz Brexit immer noch die beliebteste Metropole, gefolgt von Amsterdam, Dubai und Berlin. Die Unterschiede sind aber nicht riesig: Nach London würden 18 Prozent der Befragten gern ziehen, nach Berlin 13 Prozent. Bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Master-Abschluss oder Promotion liegt Berlin sogar auf Platz zwei. München kommt auf Rang 26 (2018: 23), Hamburg auf 35 (2018: 32). New York fiel von Platz zwei auf Rang acht. Dubai, Abu Dhabi, Tokio und Singapur sind dagegen beliebter geworden.

Ist »virtuelle Mobilität« der Ausweg?

Insgesamt wollen Deutsche weniger gern im Ausland arbeiten als andere Nationen – das liegt auch am vergleichsweise hohen hiesigen Lebensstandard. »Der Talentmarkt wird global«, sagt Personalmanagementexperte und BCG-Partner Rainer Strack. Während die physische Mobilität sich drastisch reduziert habe, habe die virtuelle Mobilität sich drastisch gesteigert. Die Erhebung zeigt: Rund die Hälfte der Arbeitnehmenden würde auch für einen Arbeitgeber arbeiten, der gar nicht in dem Land vertreten ist, in dem sie wohnen – mobiles Arbeiten wird zunehmend einfach normal.

Diese »virtuelle Mobilität« könne helfen, neue Talentpools zu entdecken und Diversität zu fördern, so die Autoren der Studie. »Gegenüber den vorigen Studien sehen wir klare harte Brüche«, stellt Strack fest. »Die Corona-Pandemie hat uns zehn Jahre in die Zukunft katapultiert.« Dabei werde es in einem weltweiten Markt im Kampf um Talente aber auch klare Verlierer geben. Strack meint, Deutschland brauche daher eine Employer-Branding-Strategie – müsse also agieren wie eine Firma, die sich als Arbeitgeber möglichst attraktiv mache. »Dazu gehört eine strategische Personalplanung: Welche Talente brauchen wir, welche wollen wir fördern und anziehen?«

Dabei könne mobiles Arbeiten eine ganz entscheidende Rolle spielen. »Bisher war es so: Deutsche Großkonzerne hatten ihr Hauptquartier in Deutschland – wer dort arbeiten wollte, hatte in der Nähe zu wohnen. Das kann man zukünftig anders machen. Wenn man nicht mehr nur um den Kirchturm herum recruitet, werden Teams auch diverser. Damit könnten sich Standortnachteile nivellieren – und vielleicht auch ein Stück mehr Gerechtigkeit entstehen.«

Auch Stepstone-Chef Sebastian Dettmers findet: »Deutschland muss attraktiv sein für ausländische Fachkräfte, ob sie virtuell oder physisch hier arbeiten. Das Land ist attraktiv, aber große Zukunftsvisionen fehlen. Wir müssen uns fragen: Welches Problem will Deutschland lösen? Wir könnten das Klimaproblem zur nationalen Aufgabe machen, aber auch die Automatisierung von Produktionen könnte ein Exportschlager werden.« Ihn überrasche es, wie rapide die Bereitschaft abfalle, ins Ausland umzuziehen. Mobiles Arbeiten könne physische Präsenz zum Teil ersetzen, aber es bleibe wichtig, dass Menschen einander persönlich begegneten und in anderen Kulturkreisen unterwegs seien.

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