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"Frag die Arbeitsrechtler" Wer arbeiten kommt, kriegt eine Anwesenheitsprämie

Eine Gehaltsspritze, weil man ins Büro kommt: Einige Firmen zahlen tatsächlich Boni für Anwesenheit. Ist das ein Mittel gegen Blaumacher?
Am Bürotropf: Ist das noch zeitgemäß?

Am Bürotropf: Ist das noch zeitgemäß?

Foto: sorbetto / Getty Images

Für diese Rubrik sind wir auf Ihre Fragen angewiesen, liebe Leserinnen und Leser. Schicken Sie uns gern Ihre persönliche Frage an karriere.leserpost@spiegel.de . Heute beantworten wir eine Frage aus der Redaktion: »Ich habe in den sozialen Medien gelesen, dass es Firmen gibt, die gesunden Mitarbeitern, die ins Büro kommen, eine Anwesenheitsprämie zahlen. Eine Prämie fürs Nichtkrankfeiern quasi. Ist das nicht ein reiner Glücksbonus, der dazu noch gefährlich aus der Zeit gefallen ist?«

»Rechtlich sind solche Prämien in Ordnung«, sagt Eva Wißler, Fachanwältin für Arbeitsrecht aus Frankfurt am Main. Daimler geriet damit einst in die Medien. Das Entgeltfortzahlungsgesetz  nennt diese Prämien »Sondervergütungen«. Sie werden zusätzlich zum regulären Gehalt als Bonus bezahlt. Gemindert werden darf das Entgelt wegen Arbeitsunfähigkeit hingegen nicht. Das Bundesarbeitsgericht hatte dazu in der Vergangenheit  häufiger entschieden.

Der Bonus ist variabel, nicht jedoch seine Kürzung

Wie hoch ein solcher Gesundenbonus sein darf, schreibt das Gesetz nicht vor. Was es vorschreibt, ist, wie schnell der Bonus dahinschmelzen darf – nämlich für jeden Krankheitstag höchstens um 25 Prozent des durchschnittlichen täglichen Verdienstes. Liegt die Prämie dafür, dass man nicht arbeitsunfähig ist, auf das Jahr gesehen zum Beispiel bei 150 Euro, dürften der Mitarbeiterin bei einem Tagessatz von 100 Euro also maximal 25 Euro der Prämie gestrichen werden. »Wie bei solchen Boni üblich, gibt es drei mögliche Regelungsebenen: den Tarifvertrag, wenn dort nichts steht, die Betriebsvereinbarung, und wenn es keine Betriebsvereinbarung gibt, die individuelle Regelung im Arbeitsvertrag«, sagt Juristin Wißler.

Bleibt immer noch die Gerechtigkeitsfrage: Für Migräne, Allergien oder Diabetes können Menschen häufig nichts – und trotzdem haben sie einen triftigen Grund, damit regelmäßig nicht arbeiten zu können. Dass die Anwesenheitsprämie ein reiner Glücksbonus für Dauergesunde ist, will Juristin Wißler dennoch nicht gelten lassen: »Bei der Entgeltfortzahlung während der Krankheit fallen für den Arbeitgeber Kosten an. Den Vorteil, dass ich als Arbeitnehmer finanziell nichts verliere, wenn ich ausfalle, haben Kranke ja genauso«, sagt sie.

Mehr als die Hälfte schleppt sich krank zur Arbeit

Kommen Beschäftigte ins Büro, obwohl sie dazu nicht fähig sind, pflegen sie einen sogenannten Präsentismus . Gewerkschaften haben auf diesen Vor-Ort-Zwang naturgemäß eine kritische Sicht, nennen die Anwesenheitsprämien einen »Irrweg« und »finanziell unterfütterte Durchhalteparole« . Eine nicht repräsentative Beschäftigtenumfrage  der Techniker Krankenkasse unter mehr als 9000 Menschen aus dem Jahr 2021 zeigt: 51 Prozent der Mitarbeitenden gaben an, »manchmal«, »häufig« oder sogar »sehr häufig« krank zur Arbeit zu gehen. Die Coronapandemie wurde in den Umfrageergebnissen dabei nicht erfasst. »Natürlich trägt eine solche Prämie auch dazu bei, dass Mitarbeitende im Zweifel wohl eher ins Büro kommen«, sagt Wißler.

»Frag die Arbeitsrechtler«

In dieser Rubrik beantworten wir, mithilfe von Expertinnen und Experten, regelmäßig Fragen unserer Leserinnen und Leser zum Arbeitsrecht.

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Generell sei hier die entscheidende Frage, ob man nur erkrankt sei – oder tatsächlich arbeitsunfähig. Wer krank ist, ist nicht automatisch arbeitsunfähig. Eine Anwältin kann mit einem gebrochenen Bein eingeschränkt arbeiten, ein Monteur nicht. Und wer etwa Corona hat, aber keine großen Symptome, darf wegen der Ansteckungsgefahr zwar nicht in den Betrieb, kann von zu Hause jedoch arbeiten. Die Anwesenheitsprämie zielt auf Arbeitsunfähigkeit ab, die einzig die Ärztin oder der Arzt bescheinigen kann. Der Beruf muss dabei vom Mediziner nicht zwingend abgefragt werden, hier wird auf das Vertrauensverhältnis  zum Patienten abgestellt.

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Arbeitsrechtlerin Eva Wißler ist dennoch überzeugt, dass Gesundprämien akut vom Aussterben bedroht sind. »Schon jetzt habe ich solche Boni ziemlich selten auf dem Schreibtisch«, sagt sie. Wenn, dann würden sie punktuell eingesetzt, etwa bei Betriebsschließungen im Mittelstand, um die Mitarbeitenden die letzten Monate bei Laune zu halten. Üblicher seien Leistungsboni, die an individuelle Ziele oder Teamziele geknüpft seien. Dass die Pandemie hier eine neue Arbeitswelt hervorgebracht hat, spürt die Juristin auch bei ihren Mandanten: »Anreize werden mittlerweile häufig über flexibles Arbeiten und weniger Kontrolle geschaffen – nicht durch eine erzwungene Präsenzkultur.«

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