Sonntag, 20. Oktober 2019

Höchster Wolkenkratzer der City of London Brexit? Egal - Londons nächster Milliardenturm wächst heran

Baustelle des Twentytwo neben der "Käsereibe" (Foto von April 2018)

Als die Briten über den Brexit abstimmten, fuhr Harry Badham erst einmal angeln. Die Investoren in hektischen Telefonkonferenzen "dachten, ich mache Witze", erzählt der Brite laut einem neuen "Bloomberg"-Bericht. Nicht, dass dem Leiter der Immobilienentwicklung des französischen Versicherungskonzerns Axa auf der Insel gleichgültig sein könnte, was mit dem Markt passiert. Aber "Remain" würde ja sowieso gewinnen, und der Ausflug war schon gebucht.

Tja. Remain hat verloren, inzwischen steuert Großbritannien sogar auf einen ungeordneten EU-Austritt zu. Die Büromieten und -preise in London sinken ohnehin, und Badham hat ausgerechnet jetzt ein Milliardenobjekt zu vermarkten, das wohl im Jahresverlauf fertig wird:

22 Bishopsgate, nach der Hausnummer "Twentytwo" genannt - mit 278 Metern der höchste Turm der City of London (die 310 Meter hohe "The Shard" liegt am rechten Themse-Ufer außerhalb der eng gezogenen Stadtgrenzen).

"Man kann nicht einfach den Hahn zudrehen", erklärt Badham, warum Axa und die beteiligten Investoren - internationale Pensions- und Staatsfonds - den Bau nach intensivem Nachdenken unbeirrt fortgesetzt haben. Zwischendurch wurden auch einmal abgespeckte Pläne eingereicht. Dann zogen die Franzosen aber doch das eine Milliarde Pfund teure volle Programm durch.

Das Grundstück war schon vor einem Jahrzehnt eine Wolkenkratzer-Baustelle. Das ursprünglich von der deutschen Fondsgesellschaft Union Investment angeschobene Projekt "The Pinnacle", zwischenzeitlich an die Firma Arab Investments verkauft und mit mehrfach gestreckten Krediten der HSH Nordbank finanziert, wurde 2012 nach der Finanzkrise gestoppt. Die untersten sieben Stockwerke standen bereits. Der Bau, in der Nachbarschaft der charakteristisch geformten Hochhäuser "Gurke" und "Käsereibe", bekam seinen eigenen Beinamen: "The Stump", der Stummel. Erst 2015 übernahm Axa die Investitionsruine.

"Das Beste fürs Geschäft ist es manchmal, nicht übers Geschäft nachzudenken", heißt es auf der Website des "Twentytwo". Deshalb bekämen die Insassen eine Kletterwand mit verglaster Aussicht geboten, Londons größtes Fahrradparkhaus mit Servicestation, eine Kunstgalerie im Atrium und flexible Grundrisse.Zweifellos wird das Haus ein Prestigebau.

"Bloomberg" deutet die zahllosen Annehmlichkeiten als Zeichen, dass es ein "Mietermarkt" sei - die Entwickler müssten schon einiges bieten, um Leerstand zu vermeiden. Laut Axa sind 15 Prozent der Fläche bereits vermietet, an zwei kleinere Versicherungen, die Anfang 2020 einziehen wollen.


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Axa ist nicht das einzige Unternehmen, das weiterhin auf Büroimmobilien in der Londoner City setzt. Die (immerhin schon fertige) 225-Meter-"Käsereibe" nebenan wurde 2018 für 1,2 Milliarden Pfund an die C C Land Holdings aus Hongkong verkauft, deren Landeschef Adam Goldin einräumt, "der Brexit ist ein echtes Reizthema". Seine Firma aber denke in Generationen und nicht in Fünf-Jahres-Zeiträumen. Da glaube man "an die soliden Fundamente der britischen Wirtschaft, ob inner- oder außerhalb der EU".

"London ist London", so sieht es auch Twentytwo-Chef Badham. "Wenn der Bauvertrag unterschrieben ist, spielt es keine Rolle, was der Rest der Welt denkt, weil wir ja sowieso bauen."

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