Dienstag, 12. November 2019

Blick in die Zukunft Wie urbanes Leben künftig aussehen wird

Blick auf Shanghai: Wie wird die Stadt der Zukunft aussehen?

Städte unter dem Meer oder im Weltraum, Metropolen, die im Pferdemist ersticken: Futurologen haben schon viele Prognosen über das Leben und Wohnen in der Zukunft gemacht - fast alle waren falsch. Wie also wird urbanes Leben künftig aussehen?

Hamburg - Renommierte Wissenschaftler, Politiker und Architekten aus den großen Städten Europas, Australiens und Kanadas haben sich in New York versammelt, um die drängendste Frage der Zukunft zu lösen: Wird es Städte auch morgen noch geben? Die erste Internationale Stadtplanungskonferenz ist überschattet von düsteren Visionen: Denn in jenem Jahr 1898 sind Pferde der Motor des urbanen Lebens.

Sie ziehen die Straßenbahnen, die schwer beladenen Wagen der Händler, die Droschken und die Kutschen der Reichen - und hinterlassen auf Schritt und Tritt ihren Kot. Allein in Manhattan gibt es rund 100.000 Pferde, die täglich 1200 Tonnen Mist auf die Straßenpflaster fallen lassen. "Die ganze Insel stinkt nach Verwesung", beklagt George Waring, Direktor der Straßenreinigungsbehörde.

Die Forscher plagen apokalyptische Gedanken: Der Pferdemist ist ein idealer Nährboden für Bakterien. Seuchen könnten sich bald ausbreiten und zur Flucht der Menschen aus den Städten führen. Die Wissenschaftler prognostizieren ein düsteres Bild der Zukunft: Die Menschheit von Krankheiten dahingerafft, die letzten Überlebenden hausen in kleinen Dörfern unter armseligen Bedingungen.

Die düsteren Visionen sind nie Realität geworden. Denn Verbrennungs- und Elektromotoren haben bald darauf die Pferde als Zugtiere abgelöst. Statt in Kutschen und Pferdebahnen reisten Menschen bald in Benzin getriebenen Automobilen und elektrischen Straßenbahnen durch die Städte. An die einst dominierende Bedeutung der Tiere für den Personen- und Warentransport erinnerte bald nur noch eine Leistungseinheit: Pferdestärke.

Futurologen machen systematische Fehler

Schon immer haben Menschen Prognosen über das Leben in der Welt von morgen gemacht. Mal waren es finstere Entwürfe, mal heitere. Und in den meisten Fällen haben sie sich als falsch erwiesen. In seinem Buch "The next hundred years - then and now", übersetzt: Die nächsten 100 Jahre - damals und heute, überprüfte der US-Forscher Robert Cartmill die Qualität von 495 Langfristvorhersagen aus der Zeit um das Jahr 1900 zum Leben, Wohnen und Arbeiten in der Welt von heute. Das Ergebnis: Die Mehrzahl der Prognosen erwies sich nicht nur als falsch - viele bedeutende Entwicklungen wurden nicht vorhergesehen.

Überraschend sei das nicht, sagt Günter Vornholz, Immobilienökonom an der EBZ Business School in Bochum: "Prognosen basieren immer auf dem jeweils gegenwärtigen Wissensstands und sind meist nur lineare Fortschreibungen bekannter Trends." Ähnlich sieht das der Frankfurter Immobilienresearcher Thomas Beyerle: "So wie ein Autofahrer sein Fahrzeug nicht durch den Blick in den Rückspiegel nach vorne lenken kann, lässt sich die Zukunft nicht aus der Vergangenheit ablesen."

1898 war das Automobil zwar bereits erfunden. Zwölf Jahre zuvor hatte Carl Benz das Patent für seinen Motorwagen mit Verbrennungsmotor erhalten. Doch das sich die Erfindung durchsetzen würde, war damals nicht absehbar. Seit 1797 hatten Tüftler immer wieder Fahrzeuge mit Dampf-, Elektro- und Verbrennungsmotoren gebaut. Der Schweizer Isaac de Rivaz fertigte bereits 1804 den ersten Wagen mit einem Wasserstoffgasmotor, 1839 baute Robert Anderson das erste Elektrofahrzeug.

Doch alle Erfindungen scheiterten daran, dass die Technik nicht zuverlässig war. Für die Wissenschaftler und Stadtplaner, die damals in New York zusammengekommen waren, um die Städte zu retten, gab es keinen erkennbaren Grund anzunehmen, dass nun ausgerechnet Benz der Durchbruch gelingen würde. "Der bevorstehende Trendbruch wurde nicht erkannt", sagt Vornholz.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung