Freitag, 15. November 2019

Zukunftsprojekt Schweizer bauen Städte der Zukunft

Wohnen, arbeiten, leben: Die Vision der Greencity in Zürich
Christian Wick

Keine vertrödelten Stunden im Stau, mehr Zeit für Partner und Kinder: Vier milliardenschwere Projekte in der Schweiz wollen Menschen ein ruhigeres Leben ermöglichen - und zugleich massiv den Energieverbrauch senken. Die Idee: Wohnen, Arbeiten und Leben in einem Quartier.

Zürich - 730 Wohnungen, 60.000 Quadratmeter Büroflächen, dazu kleine Ladenzeilen, Cafés, Restaurants, ein Kinderhort und eine Grundschule, alles in Niedrigenergiebauweise: Auf dem acht Hektar großen ehemaligen Areal der Papierfabrik Sihl in Zürich entsteht die "Greencity" - ein Quartier mit Modellcharakter. "Wir bauen die Stadt der Zukunft", sagt Jürgen Friedrichs, Niederlassungsleiter des Projektentwicklers Losinger Marrazi in der größten Metropole der Schweiz. "Ein Leuchtturmprojekt für die Schweiz - und darüber hinaus."

Arbeiten, wohnen und leben an einem Ort - das ist die Idee, die in der Greencity verwirklicht werden soll. Keine langen Fahrten zur Arbeitsstätte mehr. Keine verlorenen Stunden im Stau auf den Straßen. Mehr Zeit für Familie und Hobbys. Ein Dasein mit mehr Gelassenheit, Freude - und weniger Stress.

Von einer "radikalen Abkehr von den bisherigen, Energie verschwenderischen, hektischen Lebensart", spricht Michela Sormani von der Initiative 2000-Watt-Gesellschaft. "Bislang wohnen die meisten Menschen in einem Stadtteil, fahren mit ihrem Auto zur Arbeit in einem anderen Quartier und in ein drittes, um einzukaufen." Das kostet Zeit, Nerven - und viel Energie. Autos verbrauchen Benzin oder Diesel. "Sie belasten obendrein die Umwelt mit Kohlendioxid- und Stickoxidemissionen", sagt Sormani.

In der Greencity soll der Energieverbrauch soweit wie möglich reduziert werden. "Wer hier wohnt, soll idealerweise auch vor Ort arbeiten", sagt Friedrichs, dessen Gesellschaft bis zu 800 Millionen Franken (655 Millionen Euro) investieren will, um das neue Quartier nach dem 2000-Watt-Kriterienkatalog aus dem Boden zu stampfen. Dieses Jahr beginnen die Bauarbeiten.

Durchschnittlicher Energiebedarf des Menschen: 6000 Watt pro Stunde

"2019 werden alle 13 Gebäude stehen", sagt der Niederlassungsleiter. Knapp wird nur eines in der Greencity sein: Parkplätze. Während üblicherweise mit jeder neuen Wohnung zwei Stellplätze geschaffen werden, soll die Parkplatzquote im neuen Viertel im Schnitt weniger als 0,7 pro Wohneinheit betragen. Abgeschieden von der Welt werden die Bewohner deshalb nicht sein. "Von der S-Bahn-Haltestelle im Quartier wird die Fahrt in die Zürcher Innenstadt gerade einmal sechs Minuten dauern", sagt Friedrichs. "Niemand hier wird ein Auto brauchen."

Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein energiepolitisches Modell, das Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entwickelt haben. Ihre Vision: Den Energiebedarf der Menschen auf durchschnittlich 2000 Watt pro Stunde zu senken. Ein höchst ehrgeiziges Ziel: "Heute beträgt der durchschnittliche Energiebedarf des Menschen 6000 Watt pro Stunde", sagt Sormani, deren Energieberatungsbüro Enermi im Tessiner Massagno das Kompetenzzentrum der 2000-Watt-Gesellschaft im italienischsprachigen Teil der Schweiz ist.

Zürichs künftige Greencity ist nur eines von insgesamt vier Projekten, in denen die Idee zur Realität werden soll. Im neuen Baseler "Erlenmattquartier" haben die Arbeiten bereits im vergangenen Herbst begonnen. Auf 25.000 Quadratmetern Grundstücksfläche errichtet Losinger Marrazi 574 Wohnungen, dazu Büro- und Einzelhandelsflächen sowie ein Seniorenzentrum mit 63 Altenwohnungen und 56 Pflegeplätzen. "Bis 2016 sollen alle Projekte etappenweise fertiggestellt sein", sagt Benoit Demierre, Niederlassungsleiter des Projektentwicklers in der Stadt am Rhein.

In Lenzburg will ebenfalls Losinger Marrazi auf einem früher vom Lebensmittelkonzern Hero genutzten, 61.400 Quadratmeter großen Areal nahe des Bahnhofs das Zukunftsquartier "Im Lenz" erstellen. "In einem ersten Schritt werden bis 2018 fünf Wohn- und Gewerbegebäude sowie ein Seniorenheim mit insgesamt 166 Mietwohnungen, 10.600 Quadratmeter Büro- und Einzelhandelsflächen sowie 70 Pflegeplätzen entstehen", sagt Demierre.

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