Montag, 9. Dezember 2019

Proteste gegen Deutsche Wohnen Hass baut keine Häuser

Plakat-Aufruf zu einer Demonstration gegen steigende Mieten in Berlin
picture alliance/dpa
Plakat-Aufruf zu einer Demonstration gegen steigende Mieten in Berlin

Dem Immobilienkonzern Deutsche Wohnen, dem bundesweit rund 165.000 Wohnungen gehören, davon nach eigenen Angaben 116.000 im Großraum Berlin, spielt die günstige Konjunktur in der Bau- und Wohnungswirtschaft in die Karten. Während der Autozulieferer Continental Börsen-Chart zeigen oder der Gesundheitskonzern Fresenius Börsen-Chart zeigen Gewinnwarnungen herausgaben, erwirtschaftete das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von rund 1,9 Milliarden Gewinn - ein Plus von etwa 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei jedem anderen Unternehmen würde ein solch gutes Ergebnis positive Reaktionen hervorrufen, nicht so bei Deutsche Wohnen Börsen-Chart zeigen: In Berlin gab es Demonstrationen gegen angeblichen Mietwucher, linke Initiativen fordern die Enteignung des M-Dax-Konzerns, vor wenigen Tagen wurden zwei Firmenautos in Brand gesteckt. Warum ist das so? Und was folgt daraus?

Irina Kummert
  • Copyright:
    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Klar ist: Jedes Unternehmen hat die Verpflichtung, ökonomisch sinnvoll zu handeln, um den Fortbestand des Unternehmens und damit auch die Arbeitsplätze der Beschäftigten zu sichern. Gleichzeitig übernimmt jedes Unternehmen im Kontext seines Wirkens gesellschaftliche Verantwortung. Hier die Balance zu halten und auszuloten, wo die unternehmerisch tragbaren Grenzen der Verantwortlichkeit liegen, stellt eine anspruchsvolle Managementaufgabe dar und ist nicht immer dazu angetan, sich Freunde zu machen. Das ist in den Führungsetagen bekannt und wird in Kauf genommen, nicht nur in der Wohnungswirtschaft.

Mangelnder ökonomischer Sachverstand

Allerdings gehen die Reaktionen auf das Konzernergebnis und damit der Protest gegen die Deutsche Wohnen weit über die fast schon üblichen Ressentiments gegenüber der Gewinnorientierung von Unternehmen hinaus. Brennende Fahrzeuge in Berlin und der Ruf nach Enteignung von Wohnungsbeständen belegen zum einen, dass ökonomischer Sachverstand sowie Lösungsorientierung ausgeprägter sein könnten, und zum anderen, dass wir eine neue und aus meiner Sicht äußerst fragwürdige Dimension der öffentlichen Auseinandersetzung mit unternehmerischem Handeln erreicht haben.

Sehen Sie im Video - Lieber Immobilienaktien als eine Wohnung

Video abspielen
Bild: DPA

Die Brandanschläge sind genauso strafrechtlich relevant, wie das Motiv irrational ist. Die Gemengelage wird von einer deutschen Boulevardzeitung gewohnt plakativ, aber vermutlich zutreffend auf den Punkt gebracht: Hass und Wut. So unabdingbar Emotionen grundsätzlich sein mögen, so kontraproduktiv können sie wirken, wenn es darum geht, einen Sachverhalt pragmatisch sowie ganzheitlich einzuschätzen und dabei auch noch ein Problem zu lösen, nämlich die Wohnungsnot in deutschen Großstädten.

Protest schafft keinen Wohnraum

Die Deutsche Wohnen gehört zu den Aktiengesellschaften, die sich in Streubesitz befinden. Ihre Aktionäre sind institutionelle Anleger wie Lebensversicherungen und Pensionskassen, aber auch Privatleute. Ihnen allen ist das Unternehmen verpflichtet, ihnen allen kommt ein gutes Konzernergebnis zugute; über die Lebensversicherungen und Pensionskassen leistet es außerdem einen Beitrag zur Altersvorsorge der Versicherten. Der Gewinn, den ein Unternehmen wie die Deutsche Wohnen einfährt, wird demnach auch auf diesem Weg zumindest in Teilen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt.


Lesen Sie auch: Erst steigen die Mieten, dann die Dividenden


Durch brennende Autos und negative Berichterstattung wird keine zusätzliche Wohnung geschaffen - stattdessen entstehen nicht nur dem Unternehmen selbst, sondern gleichzeitig den Anteilseignern Nachteile und ein Schaden, der sich, wenn wir unsere Wirtschaft als System begreifen, auf uns alle auswirkt. Derselbe Leerlauf greift, wenn wir uns zur Bekämpfung der objektiv vorhandenen Wohnungsknappheit der Moralkeule bedienen.

Gibt es ein Grundrecht auf bezahlbare Mieten?

Berlin erlebt zurzeit einen gewaltigen Zuzug von Neubürgern, es gibt weniger Fluktuation im Bestand und kaum Neubauten. Die Folge: Wohnungen sind knapp. Und dieses Problem wird zunehmend moralisiert. Wir reden nicht mehr nur über "Wohnen", sondern geben dem Wohnen gleich eine moralische Qualität mit - es soll sich um "bezahlbares Wohnen" handeln. Dabei funktioniert der Mietmarkt - wie jeder andere Markt auch - von ganz alleine so, dass der Preis über Angebot und Nachfrage geregelt wird. Das eigentliche Problem ist, dass die Mechanismen von Planung und Genehmigung seitens der Politik nicht so ineinandergreifen, dass kurzfristig mehr Wohnraum geschaffen werden kann. Gleichzeitig wird in der öffentlichen Debatte fälschlicherweise so getan, als gebe es, abgeleitet aus dem Sozialstaatsprinzip in Artikel 20 des Grundgesetzes, ein nicht nur juristisch, sondern auch moralisch fundiertes Grundrecht auf das zur Verfügung stellen von Wohnraum.

In diesem Kontext wird es als nahezu unmoralisch angesehen, mit einem "Grundbedürfnis" und zugleich knappem Gut wie Wohnen Geld zu verdienen. Diese Strategie geht zumindest in eine Richtung auf: Unternehmen, die mit dem Vermieten von Wohnungen Geld verdienen, beeilen sich stets zu versichern, dass sie ihre Investitionen in den deutschen Wohnungsmarkt verstärken oder einen Teil des Gewinns für soziale Projekte spenden werden. Stets wird betont, dass das Erzielen von Gewinn keinesfalls an erster Stelle steht. In welcher Branche gibt es das sonst? An der Wut derjenigen, die sich übervorteilt fühlen, ändert das freilich nichts.

Konzertierte Aktion statt Wut und Hass

Die Enteignung von Wohnungsbeständen ist jedenfalls nicht die Lösung des Problems. Dieser Schritt würde dazu führen, dass dieselben Politiker, die zuvor mit überschaubarem strategischen Weitblick die kommunalen Wohnungsbestände an die Deutsche Wohnen veräußert haben, erneut für die Bewirtschaftung der Mietobjekte zuständig wären. Die Hoffnung der Befürworter einer möglichen Enteignung, dass dadurch die Mieten wieder sinken würden, ist allerdings trügerisch, wie die Rekommunalisierung der Berliner Wasserwerke zeigt: Seit der Rückverstaatlichung 2013 ist der Wasserpreis in der Hauptstadt nicht zurückgegangen. Warum also sollte das bei den Mieten anders sein?

Auch entstünde durch eine Enteignung keine einzige zusätzliche neue Wohnung. Stattdessen wäre eine solche Zwangsmaßnahme ein verheerendes Signal in einer freien Marktwirtschaft und hätte mit Sicherheit Konsequenzen für die Investitionsbereitschaft von Unternehmen am Standort Deutschland.

Eine Versachlichung der Debatte würde uns deutlich weiter bringen als Moral, Wut und Hass. Mit einer konzertierten Aktion von Wohnungswirtschaft, Projektentwicklern und Politik, gegebenenfalls unter Einbindung von Hochschulen, könnten konkrete Strategien ausgearbeitet werden, wie es gelingen kann, so schnell wie möglich mehr Wohnraum zu schaffen - das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Steigt das Wohnungsangebot, regelt sich der Preis von ganz allein.

Irina Kummert ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de . Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung