Mittwoch, 19. Juni 2019

Taxi, Kino, Pizza Wenn der Computer den Preis bestimmt

Dynamische Preisfindung: Wo der Computer den Preis macht
DPA

Bislang waren Preise eine ziemlich stabile Angelegenheit: Von der Kugel Eis über die Kinokarte bis zur Pizza beim Italiener - man wusste, was einen erwartete - egal, wie lange die Schlange war. Mit dieser Sicherheit könnte es dank neuer Techniken bald vorbei sein.

Hamburg - Der Shitstorm kam zum Jahreswechsel. "Widerlich", "Verdammte Abzocke", "Nie mehr" - geschockte Kunden der Fahrdienst-App "Uber" machten ihrem Ärger über astronomische Fahrtpreise in der Neujahrsnacht auf Twitter reichlich Luft. Fast 400 Dollar hatten einige für eine 25-minütige Fahrt in der Silvesternacht gezahlt, andere 194 statt der üblichen üblich 20 Dollar.

Genutzt hat es wenig. Denn die astronomischen Preise sind Teil eines Geschäftsmodells, das immer mehr Anhänger findet: so genanntes "surge pricing" - eine dynamische Preisfindung, die den Preis je nach Nachfrage steigen und fallen lässt. Ist die Nachfrage groß, steigt der Preis. Ist sie niedrig, sinkt er - klassische Marktwirtschaft, direkt, vom Kunden gefühlt, in Echtzeit.

Während nachfragebasierte Modelle bei Hotels oder Flügen bereits Gang und Gäbe sind - an der Kinokasse, im Supermarkt oder beim Taxifahren ist es bislang keiner gewohnt, bei gestiegener Nachfrage mehr zu zahlen. Das könnte sich in Zukunft ändern. Denn auch hierzulande testen Unternehmen, von denen man es bislang nicht gewohnt war, neue nachfragebasierte Preismodelle. Möglich macht es die neue Technik, bei der statt der Unternehmensführung Algorithmen den Preis bestimmen.

Anfang Februar will beispielsweise der Taxivermittler Mytaxi mit einem neuen derartigen Preismodell auf den Markt gehen. Für den Taxi-Kunden bleibt dabei zwar erst einmal alles beim Alten - schließlich sind die Preise von offizieller Stelle festgelegt.

Für Taxi-Kunden bleibt alles beim Alten, für die Fahrer nicht

Doch für den Taxifahrer ändert sich einiges. Statt wie bislang 79 Cent pro Fahrt an den Hamburger App-Betreiber zu zahlen - zuzüglich möglicher Payment-Gebühren, können die Taxifahrer künftig einstellen, wieviel Prozent Kommission sie bereit sind abzugeben.

Regnet es in Strömen und alle Welt will statt zu Fuß zu gehen, mit dem Taxi fahren, könnten sie die Kommission, die sie bereit sind zu zahlen, senken. Ist auf den Straßen und in den Clubs nichts los, könnten sie auch für 15 Prozent Kommission fahren. Wer die Fahrt bekommt, darüber entscheidet letztlich ein Algorithmus, in den neben der zu erzielenden Vermittlungsgebühr auch Faktoren wie Fahrerbewertung, Außenwerbung und Kundennähe einfließen.

In der Branche ist man von der Neuerung bislang wenig angetan. "Das hat bei den Taxifahrern für eine Menge Diskussionen gesorgt", räumt Mytaxi-Sprecherin Lina Wüller ein. So groß war die Empörung über das neue Preismodell, dass das Hamburger Startup sogar teilweise zurückruderte. Es halbierte den Höchstbetrag von zunächst 30 auf 15 Prozent und schaltete eine rund um die Uhr besetzte Hotline, bei der selbst die Gründer der App bei den Taxifahrern um Akzeptanz warben.

Genutzt hat es bislang nur begrenzt etwas: Von den rund 18.000 Taxifahrern, die für das Startup fahren, hatten dem Unternehmen zufolge kurz vor dem Start nur 12.000 den neuen Regeln zugestimmt.

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