Donnerstag, 23. Mai 2019

Immobilienmarkt Großbritannien, das gespaltene Land

Großbritannien: An Orten wie dem Chester Square im Nobelstadtteil Belgravia dürften jederzeit neue Rekordpreise erzielt werden

Während die Preise für Wohnimmobilien in London täglich neue Rekorde markieren, sieht es im Rest des Landes viel düsterer aus. Diese Spaltung des Marktes stellt die Bank of England vor erhebliche Probleme.

Hamburg - Die Berichte der großen Maklerketten, von Savills oder von Knight Frank, unterscheiden sich nur in Nuancen. Denn von großen Zahlen erzählen beide. Von der Zunahme der Transaktionen, von den neuen Höchstpreisen, die am Londoner Wohnimmobilienmarkt erzielt werden.

Bereits jetzt notieren die Preise um ein Viertel höher als vor der Rezession. Im Schnitt würde ein Haus jetzt 459.000 Pfund kosten (564.000 Euro), 25 Prozent mehr als im Januar 2008, notiert die Statistikbehörde des Landes.

Großbritannien, ein Immobilienwunderland?

Weit gefehlt - eher ein gespaltenes Land, berichtet die Seite "This is money".Denn außerhalb Londons und des Einzugsbereichs des Stadt sind Häuser noch immer 2,4 Prozent weniger wert als vor Ausbruch der Krise. In Zahlen liest es sich so: Derzeit kostet das statistische Haus in England 195.000 Pfund (239.000 Euro). Und das, obwohl die Preise in den vergangenen 12 Monaten deutlich gestiegen sind.

Das ernüchternde Fazit eines Immobilienexperten: "London ist definitiv ein ganz eigenes Land, wenn es um Immobilienpreise geht", sagt Paul Smith vom Makler Haart. Der Rest des Landes, mahnt er, muss immer noch mit den Problemen von 2008 kämpfen.

"Die Bank of England kann nicht ignorieren, dass die Immobilienpreise von London und dessen Umland das größere Bild verzerren", betont Brian Murphy vom Hypothekenberater The Mortgage Advice Bureau. Tut sie auch nicht; im Gegenteil.

Das Dilemma der Zentralbank

Mark Carney, Gouverneur der Zentralbank, warnte erst wieder im Mai vor einer neuen Immobilienblase. Er erklärte, der britische Immobilienmarkt habe "tiefe" Probleme und stelle das größte Risiko für die Dauerhaftigkeit des britischen Aufschwungs dar.

In der Tat kommt die Preisblase in London zur Unzeit. Denn das Land versucht mit kräftigen Schwimmstößen, sich von der langen Rezession freizuschwimmen, die bis 2012 dauerte. Solange die Preisentwicklung der Immobilien in stetigen Bahnen verläuft, kann der Wirtschaftssektor sogar dabei helfen.

Für Amerika zum Beispiel gibt es Untersuchungen, dass der Bau eines Hauses eine Reihe von Arbeitsplätzen schafft. Ähnliches dürfte für Großbritannien gelten. Doch droht der Markt zu überhitzen, dann entfällt der Effekt und verkehrt sich ins Gegenteil. Richard Sharp, vom "Financial Policy Committee" der BoE, sagte: "Wir sind alarmiert vor den Risiken, die die Beschleunigung der Asset-Preise, insbesondere der Immobilien, mit sich bringen - zum Teil auch wegen des Niedrigzinsumfelds."

Denn steigende Preise können auch einen steigenden Grad der Verschuldung der Käufer bedeuten. Bereits jetzt gehören die Briten zu den höchstverschuldeten Europäern. Und je höher die Schulden, umso weniger kann eine Volkswirtschaft externen Schocks widerstehen.

Die Crux für die BoE: Die Zentralbank kann zwar auf den Missstand hinweisen, doch die Politik ersetzen kann sie nicht. Und die hat mit dem "Help-To-Buy-Scheme" erst vor wenigen Monaten ein Programm verabschiedet, dass auch weniger wohlhabenden Briten einen Hauskauf ermöglichen soll, indem der Staat für deren Immobilienschulden bürgt.

Wer ein Haus für weniger als 600.000 Pfund (737.000 Euro) kaufen will, braucht nur 5 Prozent der Summe auf dem Konto zu haben - denn der Staat bürgt für 20 Prozent der Finanzierung. Die Regierung will damit die Wohnungsknappheit lindern. Die BoE kann daher mahnen oder die Finanzierung verteuern. Und damit den Gesamtmarkt einbremsen, um London abzukühlen.

Dieser Schritt würde jedoch die weitere Genesung des Landes erschweren. Es dürfte also bei den bloßen Mahnungen der Bank bleiben. Und damit auch bei einem gespaltenen Land: London feiert, der Rest ist Schweigen.

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