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Selbstmanagement Zehn Wochen Ferien

Es ist gut für ihre Gesundheit, wird aber auch die Firma entscheidend voranbringen. Schicken Sie Ihre Führungskräfte doch mal in einen langen Bildungsurlaub.
Von Rudolf Burkhard
aus Harvard Business manager 12/2010

Unternehmen sollten es sich zur Gewohnheit machen, Manager regelmäßig für zehn Wochen in die Ferien zu schicken. Sie glauben, ich bin verrückt? Nein, keineswegs. Es gibt sehr viele gute Gründe dafür. Der naheliegendste ist natürlich: Stress. Zu viele Manager sterben an Herzattacken, oft während sie noch voll im Geschirr stehen. Sie kümmern sich täglich um Hunderte von Problemen und betreiben fast immer Multitasking.

Dass Manager mit dieser Arbeitsweise Raubbau an ihrer Gesundheit treiben, ist für Unternehmen ein Risiko. Aber nicht nur, weil sie eines Tages möglicherweise für längere Zeit ausfallen. Sondern vor allem, weil Manager ihren eigentlichen Job dadurch großteils sehr ineffek-tiv erledigen: ihre Organisation fit zu machen für eine noch bessere Leistung in der Zukunft. Noch schlimmer: Manager blockieren Fortschritt in erheblichem Maße.

Mit der "Urlaubsverschickung" von Managern sollten Unternehmen daher zwei Ziele verfolgen. Zum einen kann die Organisation darauf vorbereitet werden, notfalls auch dann volle Leistung zu bringen, wenn der Manager nicht anwesend ist. Zum anderen sollten Manager während ihrer Ferien dazu ermutigt werden, intensiv über die Arbeit ihres Bereichs und die Leistungen und Ziele des gesamten Unternehmens nachzudenken. Sie sollten Ideen und Initiativen entwickeln, um diese dramatisch und dauerhaft zu verbessern und gleichzeitig für die Mitarbeiter bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

Die zehn Wochen Ferien sind insofern auch ein Test und sollten mit klaren Bedingungen verbunden werden! Jedes Mal wenn ein Manager in dieser Zeit sein Büro anruft, sollte sein Jahresendbonus um 20 Prozent reduziert werden. Jedes Mal wenn ein Mitarbeiter den Manager anrufen muss, würden diesem 10 Prozent seines Bonus abgezogen. Allerdings sollte er keinesfalls mehr als seinen ganzen Bonus verlieren.

Strafen für Telefonanrufe und die Tatsache, dass sich Manager wirklich die gesamte Zeit über von der Firma fernhalten müssen, werden dazu beitragen, ihre Konzentration erheblich zu schärfen. Schon bevor der Manager das Unternehmen verlässt, müsste er signifikante Verbesserungen erzielen. Seine Mitarbeiter müssen in die Lage versetzt werden, es ebenso gut zu machen wie er - oder sogar noch besser, mit weniger Stress, indem die Last auf mehrere Schultern verteilt wird. Der Manager wird sich vorher überlegen müssen: Wie muss ich meine Leute organisieren und trainieren, sodass sie keine Hilfe benötigen werden - nicht ein einziges Mal in all den zehn Wochen?

INVESTMENT IN DIE ZUKUNFT

Wäre das nicht ein wirklich sinnvoller Test für die Leistungen eines Managers? Schafft er es, sicherzustellen, dass die Dinge während seiner Abwesenheit ohne Probleme weiterlaufen und seine Mitarbeiter die nötigen Fähigkeiten, das Verantwortungsgefühl und die Entscheidungskompetenz besitzen, um mit möglichen Notfällen umzugehen? Würde eine solche Übung nicht die besten Führungskräfte identifizieren - diejenigen, die ihre Mitarbeiter und die Organisation befähigen und entwickeln?

Kritiker mögen einwenden, dass eine solche Aktion horrend teuer sei. Schließlich würden die hohen Gehälter der Manager weitergezahlt, während diese scheinbar nichts zum Unternehmen beitragen. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um ein Investment in die Zukunft, das eine enorme Rendite erwirtschaften dürfte, indem es das Unternehmen stärker macht und darauf vorbereitet, künftigen globalen Herausforderungen besser zu begegnen.

Ohne ihren Chef werden die Mitarbeiter vielleicht zum ersten Mal zeigen können, was in ihnen steckt. Sie werden ihn nicht nur entlasten, der Manager wird auch Vertrauen gewinnen in die Urteilskraft und die Fähigkeiten seiner Leute. Dadurch wird es dem Manager gelingen, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Gestaltung der Zukunft zu richten und damit endlich das tun, wofür er eigentlich bezahlt wird.

Nach zehn Wochen wird der Manager zu seinen Mitarbeitern zurückkehren. Was wird dann geschehen? Eventuell wird er zunächst wenig zu tun haben, zumindest in den Routinen des Alltags. Denn die Mitarbeiter werden die Kontrolle über ihre Jobs und Handlungen höchstwahrscheinlich behalten wollen. Möglicherweise werden es seine Leute nicht schätzen, wenn er genauso weitermanagt wie bisher.

Unsere zurückgekehrte Führungskraft hat sich nicht nur Gedanken darüber gemacht, wie die Arbeit ihrer Abteilung verbessert werden kann, sondern sie bringt auch Ideen mit, wie man das Geschäft als Ganzes voranbringen kann - mit welchen anderen Einheiten er kooperieren muss und so weiter.

HARTE GEDULDSPROBE

Hier werden die Probleme vermutlich erst so richtig beginnen. Die Kollegen des Managers haben vielleicht noch keine kreative Denkpause genommen. Werden sie es ebenfalls tun? Er wird auf Widerstand stoßen, und er wird all sein neu erworbenes Wissen und seine Fähigkeiten nutzen müssen, um die Mitstreiter von seinen Ideen zu überzeugen: "Was wäre, wenn wir den Status quo aufbrächen? Es wird immer schwerer, einen Vorteil gegenüber dem Wettbewerber zu halten. Aber müssen wir deshalb wirklich 10 Prozent unserer Leute entlassen? Ich habe einen Vorschlag, wie wir stattdessen 10 Prozent mehr Umsatz machen können. Wie viel könnten wir gewinnen, wenn der zusätzliche Umsatz zur Hälfte direkt in den Gewinn flösse. Warum versuchen wir es nicht? Können wir verlieren?"

Der Manager wird viel Geduld brauchen und die nötigen Werkzeuge, um Rückschläge auszugleichen, die er unweigerlich erleben wird.

Mancher Chef könnte auch davor zurückschrecken, seine Mitarbeiter allzu erfolgreich darin zu trainieren, ohne ihn auszukommen. Denn würde er dadurch nicht zeigen, dass er überflüssig ist? Andere Manager werden möglicherweise sehr hart daran arbeiten, alles zu delegieren, aber dennoch scheitern. Müssen diese Manager fürchten, gefeuert zu werden?

Unternehmen können diese Ängste mindern, indem sie den Managern die Chance geben, den Versuch abzubrechen, und ihnen die Möglichkeit einräumen, eine Stellung zu finden, die ihren Stärken mehr entspricht. Doch es ist extrem wichtig, dass Unternehmen ihre Manager fair behandeln und in dem Test wirklich die Chance sehen, dass alle gestärkt und erfolgreicher daraus hervorgehen.

Gute Manager sind heute in fast allen Unternehmen rar. Wir müssen dafür sorgen, dass sie ihre Zeit optimal nutzen können - um dem Unternehmen zu ermöglichen, zu wachsen und besser zu werden - und zwar schnell.

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