Zur Ausgabe
Artikel 20 / 25
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Verantwortung Wo sind all die Jobs geblieben?

Früher entstanden neue Arbeitsplätze, wenn es den Unternehmen in einem Land gut ging. Doch die Verbindung zwischen dem Wachstum der Wirtschaft und dem Wohlstand der Gesellschaft ist lockerer geworden. Manager und Politiker müssen gemeinsam eine Lösung finden. Von Nitin Nohria
aus Harvard Business manager 3/2011

Im vergangenen Jahrhundert gab es einen engen Zusammenhang zwischen dem Wachstum von Unternehmen und der Zahl der Arbeitsplätze. Wenn Unternehmen prosperierten, vergrößerte sich das Angebot an Jobs; die Gemeinden und Städte florierten. Dieser positive Zusammenhang war gut für das Geschäft und gut für die Gesellschaft.

Heute ist das Verhältnis zwischen der Generierung von Wachstum und dem Schaffen neuer Jobs komplizierter. In den USA zum Beispiel laufen die Unternehmen - liest man ihre Quartalsberichte - gut, dennoch kämpfen viele Menschen damit, einen Job zu finden. Vielleicht werden mehr Arbeitsplätze entstehen, wenn alle wieder Vertrauen in die Zukunft der Wirtschaft gewonnen haben. Vielleicht ist diese Entwicklung auch das Symptom eines strukturellen Wandels.

Veränderte Bedingungen

Zwei Faktoren, die bislang eine Verbindung zwischen Wachstum und Beschäftigung herstellten, haben sich verändert. Unternehmen waren im 20. Jahrhundert stärker industriell tätig und operierten lokaler als heute. Um zu wachsen, musste ein Unternehmen Produktion und Vertrieb auf Massenmärkte ausdehnen. Stieg die Nachfrage nach Produkten, seien es Autos, Waschmaschinen oder Fernseher, entstanden automatisch zusätzliche Arbeitsplätze in der Fertigung, in der Angebots- und in der Vertriebs-Wertschöpfungskette.

Diese Arbeitsplätze waren lokal angesiedelt. Mit der Zeit wurden daraus gut bezahlte Mittelklassejobs. Deshalb fiel im 20. Jahrhundert Wirtschaftswachstum mit dem Entstehen der Mittelklasse zusammen. Es entstand Vertrauen in das System - das machte das "Amerikanische Jahrhundert" aus.

Spulen wir ein wenig vor. Wie sieht es heute aus? Wenn Google, Facebook oder ein anderes der erstaunlichen Unternehmen, die die neue amerikanische Wirtschaft charakterisieren, seine Größe verdoppelt, dehnt es die Zahl der Arbeitsplätze nicht im selben Maße aus wie einst die schnell wachsenden Industrieunternehmen. Ein Hedgefonds, der Milliarden von Dollar handelt, arbeitet mit weit weniger Angestellten als eine traditionelle Bank, die ähnliche Summen bewegt. Und neue Jobs gehen oft an wenige gut bezahlte Wissensarbeiter statt an eine größere Zahl Mittelklasseangestellter.

Darüber hinaus ist das Geschäft eines Unternehmens heute nicht mehr vor Ort verankert. Produktionskapazitäten sind stärker in der ganzen Welt verstreut und können schneller aufgebaut werden. Dadurch wird die Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und lokalem Jobwachstum weiter geschwächt. Wir befinden uns im globalen Jahrhundert, in dem Arbeitsplätze unabhängig von Ländergrenzen entstehen und schnell in Niedriglohnländer verlagert werden.

Beide Entwicklungen nutzen der Gesellschaft als Ganzes. Sie ermöglichen mehr Menschen überall auf der Welt, zu Wohlstand zu kommen. Das Entstehen einer Mittelklasse in Indien und China bringt letztlich viele neue Kunden für Google, Facebook und ähnliche Unternehmen hervor. Aber diese Vorteile werden sich erst langfristig bemerkbar machen. Wer jetzt einen Job sucht, hat eine kurzfristige Perspektive. Und Politiker, die gewählt werden wollen, haben keine andere Wahl, als auf diese kurzfristigen Bedürfnisse zu reagieren.

Gefährdete Legitimität

Es geht um viel. Auch wenn ich keine fertige Lösung parat habe: Wir brauchen Politiker und Manager, die Innovationen, Unternehmertum und das Entstehen von qualifiziertem Humankapital fördern. Führungskräfte und Politiker müssen neue Wege finden, um Wertschöpfung und das Entstehen von Jobs wieder zu verbinden. Wenn ihnen das nicht gelingt, werden Manager weiterhin an Legitimität in der Gesellschaft einbüßen. Das gilt besonders, wenn sie selbst profitieren, während die Menschen um sie herum kämpfen müssen. Die Verbindung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wird dann nicht gestärkt, sondern es entsteht ein Teufelskreis:

Ärgern sich die Mitglieder der Gesellschaft über die Wirtschaftsführer, besteht die Gefahr, dass der Staat übermäßig regulierend eingreift. Außerdem lenkt dieser Ärger die Bürger von der Suche nach Antworten auf die drängendsten Fragen ab. Keines der größeren Probleme, die heute auf der Welt existieren - Nachhaltigkeit, Gesundheitsvorsorge, Armut, Reparaturen am Finanzsystem -, kann gelöst werden, wenn die Wirtschaft nicht eine entscheidende Rolle spielt. Um das zu tun, müssen die Verantwortlichen in der Wirtschaft ihre Position verändern. Sie müssen sich mit den Befürchtungen bezüglich der Frage auseinandersetzen, wo künfig Jobs entstehen.

Nitin Nohria

ist Dekan der Harvard Business School. Seine Spezialgebiete sind Führung und Motivation. Er hat allein und mit Koautoren 16 Bücher veröffentlicht.

Nachdruck

Nummer 201103110, siehe Seite 116 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2010 Harvard Business Publishing

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 25
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.