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Demografie Wissen - dieTrumpfkarte der entwickelten Länder

Die Bevölkerung der Industrieländer schrumpft rapide. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss der Produktionsfaktor Wissen systematisch verstärkt und genutzt werden.
aus Harvard Business manager 10/2004

Wenn es um die Geschicke der Menschen geht - ob in politischsozialer oder wirtschaftlicher Hinsicht - bringt es nichts, die Zukunft voraussagen zu wollen, ganz zu schweigen von dem Versuch, sogar 75 Jahre vorherzusehen. Allerdings ist es möglich - und nützlich -, Großereignisse zu bestimmen, die bereits stattgefunden haben und die sich auf die kommenden ein oder zwei Jahrzehnte auf abschätzbare Weise auswirken werden. Die Zukunft, die sozusagen schon geschehen ist, lässt sich also durchaus erkennen, und es lässt sich sogar entsprechende Vorsorge treffen.

Was bedeutet das? Ausschlaggebend für die geschäftliche Lage in den nächsten beiden Jahrzehnten wird nicht sein, was sich in Wirtschaft oder Technik vollzieht, sondern einzig und allein die demografische Entwicklung - wenn wir einmal vom Eintreten von Ereignissen wie Krieg, Pest oder einer Kollision mit einem Kometen absehen. Bei der demografischen Entwicklung geht es nicht primär um die Überbevölkerung der Welt, vor der man uns in den zurückliegenden 40 Jahren immer aufs Neue gewarnt hat. Was den Gang der Dinge vor allem prägen wird, ist die zunehmende Unterbevölkerung der entwickelten Länder - in Europa und Nordamerika sowie in Japan.

Offenbar ist die entwickelte Welt drauf und dran, kollektiven Selbstmord zu begehen, denn hier werden einfach nicht genug Kinder geboren, damit sich die Bevölkerung reproduziert. Der Grund liegt auf der Hand: Die jungen Erwerbstätigen in den entwickelten Ländern sehen sich überfordert angesichts der Bürde, die die Unterstützung einer wachsenden Zahl älterer, nicht mehr arbeitender Menschen bedeutet. Um diese zunehmende Belastung erträglich zu machen, sparen sie, und zwar am anderen Ende des Spektrums abhängiger Familienangehöriger: Sie legen sich weniger Kinder zu oder verzichten ganz.

Allein in den Vereinigten Staaten reicht die Zahl der Geburten, die bei etwa 2,4 pro Frau liegt, gerade aus, um den derzeitigen Bevölkerungsstand aufrechtzuerhalten; allerdings liegt die Geburtenrate bei den gebürtigen US-Amerikanerinnen weit unterhalb der gesamten Reproduktionsrate. In den südeuropäischen Ländern Griechenland, Italien, Portugal, Spanien übersteigt die Geburtenziffer gerade so den Wert 1. So ist es auch kein Zufall, dass in diesen Ländern das Rentenalter besonders niedrig ist und die Altersbezüge besonders hoch sind. In Deutschland und Japan liegt die Geburtenziffer bei 1,5. In allen sechs Ländern hat die Bevölkerung ihren zahlenmäßigen Höchststand erreicht und nimmt nun ständig ab. Auch die Vereinigten Staaten würden einen Bevölkerungsrückgang verzeichnen, wenn es nicht die massive Zuwanderung aus Asien und aus den südamerikanischen Ländern gäbe.

Speziell für Italien prognostiziert ein offizieller Bericht der Europäischen Union eine Abnahme der Bevölkerung von heute rund 60 Millionen auf weniger als 40 Millionen in 50 Jahren und auf unter 20 Millionen in 100 Jahren. Japanische Statistiker weisen ihre Regierung darauf hin, dass die Bevölkerung des Landes im 21. Jahrhundert um 56 Prozent schrumpfen werde, von jetzt 125 Millionen auf dann 55 Millionen. Noch schwerer wiegt wahrscheinlich ein anderer Umstand: In all diesen Ländern, eingeschlossen die Vereinigten Staaten, wird sich das Verhältnis zwischen Menschen im frühen Erwerbsalter und Rentenempfängern ungefähr doppelt so schnell verschlechtern wie der Bevölkerungsrückgang voranschreitet.

Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass die Geburtenraten auch wieder ansteigen. Allerdings gibt es in den entwickelten Ländern für einen neuerlichen Babyboom bislang nicht die geringsten Anzeichen. Und selbst wenn die Geburtenziffer wie zu Zeiten des US-amerikanischen Babybooms vor 50 Jahren plötzlich wieder auf einen Wert über 3 klettern würde, müssten erst einmal 25 Jahre ins Land gehen, ehe aus diesen neuen Babys produktive Erwachsene mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung geworden sind.

Somit stellt die Unterbevölkerung der entwickelten Länder für die kommenden 25 Jahre eine unumstößliche Tatsache dar, die in den betroffenen Ländern die im Folgenden skizzierten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen haben wird:

Das tatsächliche Rentenalter, also jenes Alter, in dem Erwerbstätige in den Ruhestand gehen, wird sich in allen entwickelten Ländern für gesunde Menschen - die große Mehrheit - auf 75 Jahre erhöhen. Diese Anhebung der Altersgrenze wird wohl schon weit vor dem Jahr 2010 eintreten.

Wirtschaftliches Wachstum kann nicht länger, wie das in der Vergangenheit meist der Fall war, durch mehr Beschäftigung - das heißt durch erhöhten Einsatz von Arbeitskräften oder durch gesteigerte Verbrauchernachfrage - erzielt werden. Allein durch eine drastische und fortgesetzte Steigerung der Produktivität der Ressource Wissen kann für weiteres Wachstum gesorgt werden. Nur bei Wissensarbeit beziehungsweise Wissensarbeitern verfügen die entwickelten Länder noch über einen komparativen Wettbewerbsvorsprung. Und daran wird sich wohl in den nächsten Jahrzehnten auch nichts ändern.

Keines der entwickelten Länder wird sich allein als Weltwirtschaftsmacht etablieren können, denn jedem fehlt es für eine solche Rolle an der erforderlichen Bevölkerungsbasis. Und weder ein Land noch ein Wirtschaftszweig oder ein einzelnes Unternehmen werden einen langfristigen Wettbewerbsvorteil erreichen können, weil Geld so wenig wie Technik über längere Zeit hinweg die wachsenden Ungleichgewichte bei den Arbeitsressourcen wettmachen kann.

Die Ausbildungsmethoden, die während der beiden Weltkriege - vor allem in den USA - entwickelt wurden, ermöglichen es heute, selbst die Produktivität einer vorindustriellen und ungelernten Arbeiterschaft in sehr kurzer Zeit auf Weltniveau anzuheben. Dies wurde vor 30 Jahren in Südkorea demonstriert und zeigt sich heute in Thailand. Darüber hinaus ist die erforderliche brandneue Technik heute zu meist sehr günstigen Preisen überall auf dem offenen Markt zu haben.

Der Weg aus dem Dilemma

Der einzige komparative Wettbewerbsvorteil, den entwickelte Länder heute besitzen, besteht in ihrem großen Aufgebot an Wissensarbeitern. Das ist freilich kein qualitativer Vorteil: Die qualifizierten Menschen in den Schwellenländern stehen ihren Ebenbildern in der entwickelten Welt beim Blick auf den Ausbildungsstand in nichts nach. Quantitativ gesehen haben die entwickelten Länder allerdings einen enormen Vorsprung.

In ganz China, mit seinen 1,25 Milliarden Menschen, gibt es an höheren Lehranstalten und Universitäten nicht einmal 3 Millionen Studenten. In den Vereinigten Staaten sind es 12,5 Millionen Studenten, bei 265 Millionen Einwohnern. Diesen quantitativen Vorsprung auch in einen qualitativen Vorteil zu verwandeln ist für die entwickelten Länder wohl die einzige Chance, sich in der weltweiten Wettbewerbsarena zu behaupten. Das bedeutet: Die noch immer zu wenig beachtete und erschreckend geringe Produktivität von Wissen und Wissensarbeitern muss kontinuierlich und systematisch gesteigert werden.

Das Besondere am Faktor Wissen

Wissen unterscheidet sich von allen anderen produktiven Ressourcen darin, dass es veraltet. So stellen die neuesten Erkenntnisse von heute die Unwissenheit von morgen dar. Die Kenntnisse und Erkenntnisse, auf die es ankommt, unterliegen schnellen, oft sogar abrupten Veränderungen. Das gilt etwa im Gesundheitswesen von der Pharmakologie bis zur Genetik oder in der Computerindustrie vom PC bis zum Internet.

Selbstverständlich wird die Produktivität des Wissens und der Wissensarbeiter nicht der einzige Wettbewerbsfaktor in der Weltwirtschaft sein. Es lässt sich jedoch absehen, dass dieser Faktor zumindest für die meisten Branchen in den entwickelten Ländern ausschlaggebend sein wird. Die hohe Wahrscheinlichkeit, mit der sich diese Vorhersage bewahrheitet, erfordert daher ein Umdenken bei den Unternehmen und ihren Führungskräften.

Von großer Tragweite ist dabei, dass es auch zukünftig in der Weltwirtschaft sehr wettbewerbsintensiv und turbulent zugehen wird - nicht zuletzt als Folge der abrupten Veränderungen sowohl in der Eigenart als auch bei den Inhalten des relevanten Wissens.

Voraussichtlich werden sich die Informa-tionsbedürfnisse von Unternehmen und Führungskräften ebenfalls rasch ändern. In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt auf der Verbesserung der traditionellen Formen der Informationsvermittlung, bei der es sich fast ausschließlich darum dreht, was sich innerhalb einer Organisation abspielt. Im Rechnungswesen - herkömmlich das Informationssystem schlechthin - werden die Vorgänge im Unternehmen nachgezeichnet, und darauf stützen sich die meisten Führungskräfte bislang.

Die neueren Verbesserungen im Rechnungswesen, wie die Prozesskostenrechnung, die Balanced Scorecard und die wirtschaftlichen Wertanalysen, zielen alle darauf ab, über das Geschehen im Unternehmen besser zu informieren. Auch die Daten, die von der Mehrzahl der neuen Informationssysteme hervorgebracht werden, dienen diesem Zweck. Und tatsächlich beziehen sich annähernd 90 Prozent oder mehr der von einem Unternehmen gesammelten Informationen auf unternehmensinterne Vorgänge.

Doch eine erfolgreiche Strategie wird in zunehmendem Maße Informationen über Vorgänge und Bedingungen außerhalb der Organisation erfordern: Kenntnisse über Nichtkunden, über bislang weder vom Unternehmen noch von seinen Mitbewerbern genutzte Technologien, über noch nicht erschlossene Märkte und so weiter.

Nur im Besitz solcher Informationen wird ein Unternehmen entscheiden können, wie es seine Wissensressourcen einsetzen muss, um Höchsterträge zu erzielen. Nur mit solchen Informationen kann das Unternehmen sich auf neue Situationen und Anforderungen einstellen, wie sie aus plötzlichen Verwerfungen in der Weltwirtschaft sowie aus der Art und den Inhalten des Wissens selbst hervorgehen. Die Entwicklung rigoroser Methoden zum Sammeln und Analysieren externer Informationen wird für Unternehmen wie Informationsexperten zur Herausforderung.

Wissen bringt Ressourcen in Bewegung. Dabei zeigt sich eine Besonderheit: Wissensarbeitern gehören die Produktionsmittel selbst. Denn anders als bei den Arbeitern, die in der industriellen Fertigung tätig sind, tragen Wissensarbeiter ihre Produktionsmittel in ihren Köpfen mit sich und können natürlich zu jedem beliebigen Arbeitsplatz mitgenommen werden. Wahrscheinlich ändern sich gleichzeitig fortwährend die Wissensbedürfnisse der Organisationen.

"Organisation" neu verstehen

Künftig stellen die für den Unternehmenserfolg in den entwickelten Ländern entscheidenden Arbeitskräfte - zumal jene mit hoher Bezahlung - zunehmend Menschen dar, die sich nicht im herkömmlichen Sinn "managen" lassen.

Denn in vielen Fällen sind diese Wissensarbeiter im Unternehmen gar nicht fest angestellt, sondern Auftragnehmer, Berater, Teilzeitkräfte, Joint-Venture-Partner oder Ähnliches. Von diesen Menschen werden sich mehr und mehr weit eher mit ihren Kenntnissen und Fertigkeiten identifizieren als mit den Organisationen, für die sie arbeiten.

Dieser neue Typus von Beschäftigten genießt eine neue Mobilität. Auch das Verständnis des Wortes "Organisation" ändert sich. Seit mehr als einem Jahrhundert - von J. P. Morgan und John D. Rockefeller in den Vereinigten Staaten, Georg von Siemens in Deutschland, Henri Fayol in Frankreich über Alfred Sloan bei General Motors bis hin zur heutigen Versessenheit auf Teams - waren wir auf der Suche nach einer "richtigen" Organisation für unsere Unternehmen. Eine einzig richtige Lösung kann es jedoch nicht geben.

In Zukunft ist mit einer bunten Vielfalt an "Organisationen" zu rechnen - so unterschiedlich wie eine Ölraffinerie, eine Kathedrale und ein vorstädtischer Bungalow, obwohl doch alle drei Bauwerke sind. Jede Organisation in den entwickelten Ländern (und das gilt nicht nur für Unternehmen) muss nach ihrem spezifischen Auftrag und den besonderen zeitlichen, örtlichen oder auch kulturellen Umständen gestaltet werden.

Das wird sich auch auf die Praxis und Theorie des Managements auswirken. In wachsendem Ausmaß bezieht sich Management künftig nicht nur auf Erwerbsunternehmen, in denen es vor rund 125 Jahren in der Absicht eingeführt wurde, die Produktion von Waren zu organisieren.

Künftig wird der Schwerpunkt der Managementtätigkeit darin liegen, neue Konzepte, Methoden und Praktiken zu entwickeln, um die Wissensressourcen einer Gesellschaft nutzbar zu machen. Besonderes Gewicht haben dabei die Bereiche Bildungs- und Gesundheitswesen, wo derzeit ein übermäßiger Verwaltungsaufwand betrieben wird und zu wenig Management herrscht.

Jede Menge Vorhersagen? Ganz und gar nicht. Es sind einzig und allein begründete Schlussfolgerungen im Hinblick auf eine Zukunft, die bereits stattgefunden hat. n

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Kompakt

Problem: Natürlich ist auf Prognosen wenig Verlass. An einer Zukunftsaussicht lässt sich jedoch nicht rütteln: In den entwickelten Ländern Europas und Nordamerikas sowie in Japan werden zu wenige Kinder geboren. Die Überalterung wird weiter zunehmen. Diese demografischen Tatsachen werden in den kommenden Jahrzehnten die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung dieser Länder maßgeblich beeinflussen.

Lösung: Um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sich die Länder der entwickelten Welt weit stärker als bisher bemühen, Wissen und Wissensarbeit produktiver zu machen - einzig darin liegt die Chance, gegenüber der übrigen Welt einen nachhaltigen komparativen Wettbewerbsvorteil zu erringen. Dazu gehört auch eine Veränderung in der Struktur von Organisationen. Manager müssen außerdem neue Konzepte entwickeln, um die Wissensressourcen der Gesellschaft nutzbar zu machen.

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PETER DRUCKER beeinflusst seit 65 Jahren das Denken von Managern -als Ausbilder, Berater und ideenreicher Buchautor. Dieser Beitrag erschien erstmals im Harvard Businessmanager 4/1998.

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© 1997 Harvard Business School Publishing

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