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Ein Manager trifft einen Philosophen: Gespräch mit Erich Heintel, Institut für Philosophie der Universität Wien "Wirklich frei ist der Mensch nur im Handeln"

Es gibt zahlreiche Führungskräfte, die sich intensiv mit philosophischen Fragen beschäftigen, sie in Beziehung setzen zu ihrer Tätigkeit und ihrer Lebensauffassung. Der Verkaufsmanager der KODAK Austria, Roland Dienert, hat in einem Seminar Professor Erich Heintel gehört, der einen Exkurs über den Freiheitsbegriff gab. Bienert lud Heintel (auf dem Photo links) zu einem Gespräch ein, das Martin Merkel, Mitglied des Redaktions-Beirats von HARVARDmanager, moderierte.
aus Harvard Business manager 1/1980

ERICH HEINTEL, 1912 in Wien geboren, promovierte 1936 mit einer Arbeit über Nietzsche. Seit 1940 lehrt er an der Universität Wien und wurde 1959 zum Vorstand des 1. Philosophischen Instituts ernannt. Die umfassendste Darstellung seiner Forschung bringt das 1968 erschienene Buch "Die beiden Labyrinthe der Philosophie" (Verlag Oldenbourg, Wien und München).

GASTGEBER: Wir haben uns in den 70er Jahren mühsam und redlich ein Firmenleitbild erarbeitet, in dem ich versucht habe, den Passus zu finden, der in Richtung Freiheit etwas aussagt. Der Gedanke, den wir verankert haben im Firmenleitbild, sagt im Prinzip, daß wir die Freiheit des einzelnen respektieren, solange diese nicht das Firmeninteresse verletzt. Wir haben's nicht detaillierter formulieren können, aber wenn ich mir das heute so überlege, es gefällt mir immer noch. HEINTEL: Natürlich ist ein solcher Freiheitsbegriff noch relativ undifferenziert. Die Grundlage dafür ist im Sinne meiner Terminologie der erste Freiheitsbegriff, daß nämlich jeder Mensch - weil er Mensch ist - sich aus Freiheit bestimmen kann. Aber das ist die Seite des Freiheitsproblems, bei der es immer wieder Schwierigkeiten gibt, weil gewisse Einsichten der Psychologie, der Verhaltensforschung und der Soziologie die Sache in Frage stellen. Dabei aber besteht hier zwischen den Philosophen seit zwei Jahrtausenden eigentlich kaum eine wirkliche Differenz. Man kann von Aristoteles ausgehen, der gefragt hat, was heißt "freiwillig" und was ist "äußerer Zwang". Diese Unterscheidung ist gesellschaftlich wichtig. Äußerer Zwang ist es, wenn jemand mich fesselt oder wenn ich Naturgesetzen ausgeliefert bin (zum Beispiel "vom Winde verweht" werde), da kann man nicht von Freiwilligkeit sprechen. Bewegt werden alle Körper nach den Naturgesetzen. Auch der Mensch fällt zum Beispiel nach den Fallgesetzen. Aber schon Lebendiges, also organisches Dasein - Pflanzen, Tiere - , bestimmt sich nicht nur im Sinne der Fallgesetze. Eine lebendige Katze fällt anders als eine tote. Sofern ich mich nun "motiviere", habe ich die Möglichkeit, mich freiheitlich zu bestimmen. Was nicht heißt, daß in gewissen Situationen alles äußerst schwierig werden kann. Zum Beispiel, wenn ein Tyrann mich in der Hand hat und mich zwar durchaus motiviert, aber in einer Weise, daß ich schon fast keine Möglichkeit habe, mich anders zu motivieren, als er will. Handeln ist jedenfalls ohne Motiviertsein nicht denkbar. Dabei mag es Unbewußtes in den verschiedensten Versionen geben. Das alles braucht man eigentlich einem Manager nicht zu sagen. Seine ganze Tätigkeit beruht doch darauf, daß er Leute zu motivieren und in ihrer Entscheidung zu beeinflussen vermag. Motive sind nicht Ursachen im Sinne der Naturgesetzlichkeit der Physik; sie formulieren Handelnsmöglichkeiten. Ich bedenke mehrere Möglichkeiten und ihnen entsprechend entscheide ich. Das gilt auch für die konkrete Wirklichkeit der Entscheidung in einem Betrieb. Dieser erste Freiheitsbegriff ist die Grundlage für alle anderen Arten des Wortgebrauchs "Freiheit". GASTGEBER: Sie haben den Begriff "motiviertes Handeln" gebraucht, mit dem haben wir sehr viel zu tun. Als Leute, die im Verkauf stehen, müssen wir uns selbst motivieren, die Führungsmannschaft, die Außendienstmitarbeiter. Wir möchten auch gern Kunden motivieren. HEINTEL: Das gefährliche Wort, das hier anstelle von "motivieren" in die Öffentlichkeit dringt, heißt "manipulieren". Das ist die Problematik. Man sagt: Außer dem Bewußt-Motiviertsein gibt es auch noch ein Unbewußt-Motiviertsein, das unser Handeln kennzeichnet. Ich ziehe es vor - das ist eine rein terminologische Festlegung - , nur von bewußter Motivation zu sprechen. Amerikanische Psychologen haben durch Jahrzehnte gesagt, von Freiheit in diesem grundsätzlichen Sinn zu sprechen, ist sinnlos. Sie haben das jetzt weithin wieder aufgegeben. Handeln ist motiviert oder es ist kein Handeln. Damit ist aber nicht geleugnet, daß es Unbewußtes gibt. Ihre Frage ist nun, wie weit ist dieses Unbewußte bedeutend, um Entscheidungen herbeizuführen? Man soll im allgemeinen die Rationalität der Menschen nicht unterschätzen. Im Zusammenhang einer Vorlesung zum Freiheitsbegriff vor vielen Jahren hat man die "unbewußten Verführer" erwähnt, hat man gesagt, es sei empirisch festgestellt, daß diese Methoden Erfolg haben. Ich habe erklärt, daß ich "unbewußt" überhaupt nicht zu verführen bin und habe mich außerdem zu jedem Experiment angeboten. Das war vor 15 Jahren. Und man hat's mit mir bis heute noch nicht versucht. Nicht bezweifle ich jedoch, daß in die Entscheidung eines Menschen - und zwar je ernster und wichtiger sie für ihn ist, um so mehr - viele Momente, ich möchte sagen von den "wilden Hunden im Keller" (ein Ausdruck Nietzsches) bis zur Rationalität, eingehen. GASTGEBER: Hier in dieser Firma, an diesem Arbeitsplatz hier, fühl' ich mich frei in dem Rahmen, den ich kenne, und probiere ab und zu, ob der Rahmen noch ein Stückl zu erweitern ist. Aber ich möchte manchmal Dinge anders machen, als mein

direkter Chef es sich vorstellt oder als sich's die Zentrale vorstellt. Aber der Drang ist nicht so groß, daß ich ausbreche ... HEINTEL: ... jetzt, muß ich allerdings sagen, kommen wir mit dem einen Freiheitsbegriff nicht mehr aus. Jetzt geht es um den moralischen Freiheitsbegriff, die "qualifizierte Freiheit", wie Kant sie nennt. Nach Kant ist der Mensch dann erst eigentlich frei, wenn er sich moralisch bestimmt. Auch für Kant gibt es da Widerstände und Schwierigkeiten. Freiwillig ist aber eine Handlung auch dann, wenn sie mir nicht Freude macht, wenn ich aber Motive habe, die sie von mir verlangen. Ich kann mich auch gegen das Angenehme moralisch bestimmen. Ich kann mich zum Beispiel einmal nicht gehenlassen, wo meine Natur durchaus dazu neigen würde. Goethe hat ja vor "Dichtung und Wahrheit" auf griechisch den Satz geschrieben "Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen". Ich habe mir überlegt, ob es "idealtypisch" konsequente Lebensformen gibt, und bin auf drei gekommen. Die eine ist die mönchische. Das heißt, ich entsage allem, was mich überhaupt betreffen kann. Im übrigen bestimme ich mich, wenn's gelingt, aus dem, was im Christentum "Agape" heißt. Ich habe mein Ja zur Sonne, zu Vogel, Fisch und Blume wie der heilige Franz, bejahe den Mitmenschen, auch noch als Sünder. Das ist eine der konsequentesten Lebensformen, aber sicherlich eine, die nur sehr selten gelingt. Denn sie ist die des Heiligen. Die zweite konsequente Lebensform ist die des Vagabunden, der völlig bedürfnislos ist. Ich habe Vagabunden kennengelernt, die es wirklich waren, sie haben außer dem, was sie am Leib trugen, überhaupt nichts besessen, die haben grundsätzlich im Freien oder im Heu übernachtet. Allerdings sind im Grunde alle nicht kommunikativ. Für sie ist Einsamkeit fast Lebensform. Die dritte konsequente Lebensform ist, daß man sich eines Tages klarmacht, daß es gilt, sich einzuordnen in die Welt, die tatsächlich die alltägliche Welt unseres Daseins ausmacht, in der wir in verschiedenen Bereichen tätig sind und versuchen müssen, Erfüllung zu finden. Auch dazu gehört im großen und ganzen viel Zucht und Entsagung. GASTGEBER: Habe ich Sie jetzt so verstanden, daß Sie meinen, in dieser dritten Form muß man bekennen, bis zu welcher Grenze man gehen möchte? HEINTEL: Es ist schon eine Extremsituation, in der man diese Frage so stellt. Es ist viel trivialer, was ich hier meine. Es gilt einzusehen, daß - indem ich mich auf das einlasse, was arbeitliche, gesellschaftliche Welt heißt - ich meine Freiheit damit im Sinne der "Vernünftigkeit dieses Wirklichen" und seiner institutionellen Gegebenheiten binde, auch durchaus in der Richtung, daß ich mich einschränke. GASTGEBER: Paßt zu dem, was Sie hier sagen, ein Begriff, den wir bei uns im Betriebe haben: "integrierte Freiheit"? HEINTEL: Ich hätte nichts dagegen, aber "integriert" ist vielleicht ein wenig zu harmonisch, klingt so friedlich, und es geht nicht immer friedlich zu. GASTGEBER: Für mich ist der Begriff "Freiheit" sowohl beruflich als auch im Privaten etwas, was immer in Bewegung ist. Freiheit ist etwas, was ich bekomme, etwas, was ich gebe. Ich bin einmal mit etwas mehr Freiheitsraum ausgestattet in einer Situation und in der nächsten mit etwas weniger. Das hängt mit diesem "integrierten" zusammen. Sie sagen mit Recht, es klingt so friedlich, und es ist es gar nicht, weil es immer einen ständigen Austausch bedeutet. HEINTEL: Ich seh' das genauso. Es gehört das mit zur Lebenskunst. Es gehört dazu, seine Arbeit mit Freude zu machen, sich so zu üben, daß man sie mit Freude macht. GASTGEBER: Wenn man überlegt, wo ist eigentlich die Möglichkeit, absolut frei zu sein, und, nachdem es nach meiner Überzeugung außerhalb des eigenen Körpers die absolute Freiheit überhaupt nicht gibt, halt' ich mich hier an ein Wort eines unserer jüngeren Poeten. Der hat gesagt: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf." HEINTEL: Das halt' ich für sehr gefährlich! GASTGEBER: Und da wollte ich noch sagen: Die absolute Freiheit gibt es. HEINTEL: Wer sagt denn das? GASTGEBER: Der André Heller. HEINTEL: Ah, der André Heller. Aha, das ist mir entgangen. GASTGEBER: Und die absolute Freiheit, wenn es die überhaupt gibt, stelle ich mir - etwa à la Heller - auch nur vor in meinen Gedanken. HEINTEL: Ja, aber das ist abstrakte Freiheit. Verzeihen Sie mir, das ist ein Spiel und zum Teil auch ein Schieben von Gedanken. Aber Freiheit, die nur in der Reflexion besteht, ist ja nicht wirkliche Freiheit. Das ist überhaupt keine Freiheit, sie entwirft Freiheitsmöglichkeiten, die man verwirklichen kann oder nicht. Kann man sie verwirklichen, sind sie nicht mehr in diesem Sinne frei wie die Phantasie, wie bebilderte Triebe, um mit Freud zu reden. Oder denken Sie an das, was Mephisto sagt, nämlich daß ein Mensch, der reflektiert, wie ein Tier ist, das sich im Kreise dreht und zu keiner Entscheidung kommt? Frei ist der Mensch nur im Handeln. GASTGEBER: Um ein bissei hartnäckig zu sein, ist es nicht manchmal für uns alle eine notwendige Hygiene, in diese abstrakte Freiheit zu flüchten? HEINTEL: Wir haben ja hier viele Möglichkeiten, doch handelt es sich nach meiner Meinung dabei um Ersatz-, Kompensationsentwürfe. Es gibt Zeiten im Leben, in denen man es fast nicht mehr mit sich aushält. Aber eine solche "hygienische" Seite haben wir ohne Zweifel alle. Die Jugend unserer Zeit und ihre Flucht in die Illusion mit Hilfe der Chemie gehört hört auch hierher. Man kann so genug haben von seiner Situation in bestimmter Wirklichkeit, daß man eben die Flucht ergreift. Aber ich halte trotzdem den Satz "Nur in Gedanken bin ich wirklich frei" für gefährlich. Man muß sich klar darüber sein (im Sinne meiner dritten konsequenten Lebensform), daß die Rückkehr in die Wirklichkeit aus aller Flucht immer notwendig wird. Es ist übrigens auch ein seltsames Phänomen, daß die sogenannte bürgerliche Gesellschaft ihre Destruktion mit Genuß hinnimmt, weil sie dann selbst ein wenig die Gedankenfreiheit, die sie im Alltäglichen vermißt, genießt. GASTGEBER: Die Herausforderung der Demokratie ist natürlich jene, daß jeder einzelne sich mehr mit sich selber mit seiner Umwelt auseinandersetzen muß, um seine eigenen Gedanken zu formen, statt vorgegebenes Gedankengut einfach zu übernehmen und nachzuvollziehen. Und die heutige Zeit, die so frei ausschaut auf den ersten Blick, ist so verstrickt und verschlungen in viel Unfreiheit. HEINTEL: Das ist wieder ein interessantes Phänomen. Philosophisch steht das im Zusammenhang mit der Frage der Sitte. Hier ist folgendes zu sagen: Es gibt für das Individuum in seinem Ringen (heute sagt man "um die Identität", aber das heißt um das Selbstbewußtsein, aus dem es heraus sein Leben führt) schwerere und leichtere Zeiten für das Individuum überhaupt und auch für die Erzieher, zum Beispiel für Eltern. Wenn ich mir vorstelle, daß ich als junger Mensch eine Reihe wissenschaftlicher Theorien, die heute gang und gäbe sind, gekannt hätte, dann hätte ich sicher eine Zeit theoretisch geschützter Haltlosigkeit durchgemacht, die nicht ärger hätte sein können. Das darf man aber nicht unmittelbar mit Freiheit in Zusammenhang bringen. Vom Trieb überwunden zu werden, das führt dorthin, wo wir nicht frei sind. - Ich darf dazu auch sagen, Autorität in der Erziehung hat nur eine Funktion: Den, den man erzieht, soweit zu bringen, daß er die Autorität negieren darf. Das heißt, daß er sich selber so bestimmt, daß es im Sinne dessen, was in seinen Möglichkeiten liegt, positiv zu bewerten ist. Und darin ist eingeschlossen, daß er sich ebenso gegen Autorität entscheiden kann als auch sie anerkennen kann. Wenn ich mich freiheitlich (motiviert) bestimme und handle, ist es nicht wichtig, ob das Motiv partout meines im Gegensatz zu anderen ist oder ein von anderen übernommenes, das ich bejahen kann. Sondern nur die Bejahung ist maßgebend. Wenn ich es jetzt von meinem Gewissen oder von den Sachanforderungen her bejahen kann, kann's kommen, woher es will, ich habe mich nach diesem Motiv freiheitlich bestimmt. Je älter man wird, um so mehr leidet man an gewissen, schon weit über das Fahrlässige hinausgehenden Haltlosigkeiten einer Zeit. Aber ich habe doch und wieder in der Erfahrung mit mehreren Jugendgenerationen erlebt, daß es aus allen Verwahrlosungen die Möglichkeit der Rückkehr gibt. Mit welchen Voraussetzungen allerdings jemand seine Freiheit ergreift, das ist für verschiedene Individuen schicksalhaft sehr, sehr verschieden. GASTGEBER: Also nicht determiniert aus Ihrer Sicht. HEINTEL: Nein, nicht determiniert. In Biographien großer Männer finden Sie, wenn sie gute Schüler waren, irgendwo an einer Stelle den Satz "Schon früh zeigte sich seine unendliche Begabung" oder Sie finden, weil er ein schlechter Schüler war, den Satz "Wie so viele Genies war er ein schlechter Schüler". Sie können jetzt wählen. Aber, wenn der Satz gilt "Kann sein, muß nicht sein", ist das der Tod der Wahrheit. Und ähnlich ist es, wenn Sie Gerichtsverhandlungen und das Argumentieren von Ankläger und Verteidiger betrachten. Die Voraussetzungen jedenfalls, unter denen ich meine Freiheit ergreife, und als Mensch muß ich sie ergreifen, sind wirklich unendlich verschieden. Das liegt schon darin, welche "Natur" man mitbekommt, das heißt, welche Eltern man hat, Gesundheit, Intelligenz ... Dazu kommt noch, an welche Stelle man in die Gesellschaft tritt, mit welchen Voraussetzungen. Und trotzdem kann man im Sinne der qualifizierten Freiheit keinem Menschen die Möglichkeit, sich moralisch zu bestimmen, absprechen nur von seinem Milieu her. Wieviel macht Natur, wieviel macht Milieu, wieviel macht Freiheit? Es steht die Freiheit nicht in einem quantitativen Verhältnis zum Milieu und zur Natur. Wer überhaupt auch mit noch so geringen geistigen Mitteln ausgestattet ist, der erfaßt in bestimmter Weise das, was er ist. Darum gibt es auch Kompensation. Ein Buckliger, wie zum Beispiel Lichtenberg, kommt zum Humor. Ein anderer Buckliger gerät ins Ressentiment und in eine Lebensvergiftung. Deshalb betont ja der christliche Glaube, daß kein Mensch in letzter Instanz ein endgültiges Urteil über einen anderen Menschen hat. GASTGEBER: Ich habe mich mit Mitarbeitern immer wieder sehr lange beschäftigt, auch mit gewissen schwierigen Kunden immer wieder sehr lange beschäftigt. Ich habe drei Kinder und mit denen beschäftige ich mich auch immer wieder intensiv. Ich weiß nicht, von wem da der Satz stammt "Ich weiß, daß ich nichts weiß." HEINTEL: Von Sokrates. Aber der Satz des Sokrates darf natürlich nicht isoliert gesehen werden. Sokrates hat damit seine Mission begründet, daß er nämlich in göttlichem Auftrag die Athener zu erziehen habe. Und dadurch, daß er weiß, daß er nichts weiß, ist er all denen überlegen, die vermeintlich wissen. Und tatsächlich ist nichts unter Menschen so verderblich wie vermeintliches Wissen. Auf der anderen Seite hat er aber damit verbunden - das war ja seine pädagogische Ironie - , daß er mehr weiß als die, die ihn umgeben. In diesem Sinne hat er seine "Hebammenkunst" geübt. Er sagte etwa: "Ich vermag in gutgearteten jungen Menschen und in ihren Seelen Wahrheit und Erkenntnis zu erwecken, aber ich besitze sie nicht." Was natürlich wieder Ironie ist, denn er hat sie dann wenigstens zu dem gebracht, was er selber wußte. Ich glaube, daß der Satz "Ich weiß, daß ich nichts weiß" nicht ausschließt, daß man sehr viel weiß. Er bedeutet in letzter Instanz eine Form der Liebe. GASTGEBER: Ich sehe in dem Satz enthalten die Frage oder die Feststellung, daß das wenige oder das viele, das ich weiß, nicht sehr viel wert ist. HEINTEL: Genau das meine ich. GASTGEBER: Es ist sicher ein riesiger Konflikt in diesem Satz, zu dem ich mich stark hingezogen fühle in Beziehung zu meiner Tätigkeit hier im Unternehmen. Hier muß ich überzeugen, den Konsens herbeiführen im Haus, und überzeugend wirken beim Kunden. HEINTEL: Die Entschiedenheit eines Auftretens in bestimmter Situation verträgt sich schon mit dem Satz. Aber es führt dieser Satz des Sokrates doch noch zu etwas anderem. Paulus sagt in einem seiner Briefe: "Den Juden bin ich ein Jude, den Griechen oder den Heiden ein Heide." Er meint das im Sinne der Mission, die er ja mit Entschiedenheit betrieben hat. Paulus hat gemeint, in konkreter Situation habe ich mich als dieses Individuum mit meinem Auftrag von Gott gewissermaßen in dem Horizont zu bewegen, der denjenigen bestimmt, an den ich mich wende. Ich meine, daß das, was man heute im großen Rahmen der Volksbildung verlangt, häufig etwas zu kollektivistisch gedacht ist, weil es dieses "Volk" als Adressat gar nicht gibt. GASTGEBER: Richtig! Ihrer Meinung stimme ich voll und ganz zu. HEINTEL: Es ist natürlich und es liegt im Menschen, daß man sich gewissen Verpflichtungen, die aus der Liebe stammen, nicht verweigern kann. Man kann sich zum Beispiel einem Kind nicht entziehen, wenn es zu einem kommt. Man kann sich ihm auch nicht entziehen, wenn's von einem weggeht. Es gibt da bei Nietzsche ein sehr schönes Bild. Der Mensch ist zuerst ein Kamel, das alle Lasten geduldig auf sich nimmt. Er trägt alle Gebote, fragt nicht wieso und warum und sagt ja dazu. Dann wird er ein Löwe, er schüttelt die Mähne und baut alles ab, dann wird er ein Kind, sagt Nietzsche, ein "aus sich rollendes Rad", das nicht mehr in Hörigkeit das nachvollzieht, was man ihm befiehlt, aber sich auch nicht lediglich in Opposition bestimmt. GASTGEBER: Ich will zu dem gerne auch etwas sagen, weil ich von meinen Mitarbeitern sehr viel gelernt habe. Der Umgang mit meinen Mitarbeitern spielt sich heute wesentlich, wie soll ich sagen, ich sag' vernünftiger als früher ab, weil ich früher noch von viel mehr Sendungsbewußtsein geleitet gearbeitet habe. Heute versuche ich zu sagen, was ich als Situation sehe und frage dann: Welchen Vorschlag haben Sie? Dann reden wir über seinen Vorschlag, und er bringt seine Argumente, ich bringe meine Argumente. Und de facto ergibt sich in den häufigsten Fällen ein Konsens, in dem aber doch das überzeugende Argument siegt. HEINTEL: Es liegt in der Struktur aller Institutionen, daß man generell annimmt, daß der Entscheidungskräftigere auch die besseren Argumente hat oder haben soll. Wenn jemand in vorgesetzter Stellung immer unrecht behält, so gerät er ins Ressentiment. GASTGEBER: Wenn in diesem Entscheidungsprozeß weder der Mitarbeiter noch ich ein den anderen überzeugendes Argument hat, dann passiert meist folgendes: Wenn eine Entscheidung zu fällen ist, wie sie in meiner Entscheidungsfreiheit liegt... HEINTEL: Entscheidungskompetenz - nehmen Sie lieber dieses Wort. GASTGEBER: ...gut, dann fällt eben eine Entscheidung, so gut ich sie machen kann, aus meiner Sicht. Der Mitarbeiter ist zufrieden oder nicht, aber eine Entscheidung ist gefallen. Mir geht's mit meinem Chef genauso. Wenn ich ihn nicht überzeugen kann, muß er eine Entscheidung herbeiführen, die ich dann zu akzeptieren habe. Und hier sehe ich eben sehr viel diesen Prozeß der integrierten Freiheit ablaufen! Ich kenne meinen Freiheitsraum - ich benutze bewußt dies Wort. Sie sagen Kompetenz, ich will eben das Wort Freiheitsraum - der Mitarbeiter kennt seinen Entscheidungs- oder Freiheitsraum ... HEINTEL: ... auf Entscheidungsraum könnten wir uns einigen ... GASTGEBER: ... und da gibt es wohl definierte Grenzen, aber in der täglichen Routine sind sie de facto fließend. Einmal dringt er ein bißchen mehr vor, einmal dring" ich ein bißchen mehr vor. Und so bewegen wir uns beide im Entscheidungsraum hin und her. HEINTEL: Ich war als Soldat eingerückt im Krieg. Wir haben einen General gehabt, der hat zu mir gesagt: "Wie gut haben's doch die Untergebenen. Sie brauchen nichts zu können, wenn sie reinkommen, als richtig die Mütze in die Hand zu nehmen und zu grüßen. Dann können sie machen und warten, bis ich was sage." Es hat mir das zu denken gegeben. Ich glaube, daß es sogar eine beglückende Sache ist, wenn man sich gegenseitig anerkennen kann, daß im Falle des Nichtkonsenses - aus welchen Gründen auch immer - der Vorgesetzte entscheidet. Man bleibt dann auch als der, nach dessen Kopf es nicht gegangen ist, in eigentümlicher Weise frei! Und zwar aus folgender Erwägung: Es gibt kaum eine wichtige Entscheidung, in der wir als Entscheidende - wie der Physiker sagt - alle "Randbedingungen" in der Hand haben. Sehr oft wird erst ex eventu klar, ob die Entscheidung richtig gewesen ist. Das ist das Große am Dialog und im übrigen auch an der Demokratie, daß jeder die Möglichkeit hat zu sprechen. Wenn ich jemanden bejahen kann, der mir vorgesetzt ist, und er entscheidet anders als ich, so behalte ich meine Freiheit. Unter in Menschlichkeit geübten und von ihr her geformten Personen macht es keine Mühe einzugestehen, daß man unrecht gehabt hat.

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