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Psychologie "Wir überschätzen uns"

Viele Mächtige erliegen der Verführung ihrer Position, machen Fehler und stürzen tief. Der Psychologe Wolfgang Scholl von der Berliner Humboldt-Universität über Machtmissbrauch, moralische Prinzipien und die Fähigkeit, Kritik anzunehmen.
aus Harvard Business manager 8/2011
Professor Wolfgang Scholl

Professor Wolfgang Scholl

Foto: WOLFGANG STAHR

Dominique Strauss-Kahn, Karl-Theodor zu Guttenberg, Guido Westerwelle - sie alle haben in jüngster Zeit auf spektakuläre Art Macht und Einfluss verloren. Sie vertreten die These, dass Prominente ihren Erfolg meist selbst ruinieren. Wie das?

SCHOLL Menschen streben hohe Positionen an, um Macht und Geld zu erlangen. Beides ermöglicht ihnen, angenehme Dinge im Leben zu erreichen und sich zugleich unabhängig von anderen zu machen. Wir Psychologen nennen Geld und Macht sekundäre Verstärker: Durch eine einflussreiche und gut bezahlte Position kann ich mir primäre Güter wie Häuser, Ansehen, gute Kontakte, schöne Gegenstände oder gute Rechtsanwälte beschaffen. Man kann Schwierigkeiten damit anders überstehen. Das ist erstrebenswert und fühlt sich gut an. Andererseits ist eine solche Position sehr verführerisch, weil Macht leicht zum persönlichen Vorteil missbraucht wird und zum Selbstzweck gerät. Dann werden Situationen gesucht, um weitere Macht zu bekommen und sie zu verteidigen.

Wir alle geraten immer wieder in ein Dilemma: Soll ich die Interessen anderer verletzen, wenn es mir nützt, oder soll ich auch im besten Sinne anderer agieren? Das wird teilweise zuungunsten anderer entschieden; Mächtige handeln so häufiger, weil sie Kontrolle und Reaktionen anderer weniger fürchten müssen. Sie machen den Fehler, ihre Macht zu missbrauchen, in dem sie moralische Grenzen, Aspekte der Gerechtigkeit oder der Fairness verletzen und anderen Schaden zufügen.

Glauben Mächtige, sie könnten es sich aufgrund ihres Amtes leisten, frei nach dem Prinzip "Der Zweck heiligt die Mittel" zu entscheiden?

SCHOLL Glaubt man den Thesen des US-Macht- und Managementforschers Jeffrey Pfeffer, der ab und zu einen skrupellosen Umgang mit der Macht für notwendig hält: Ja. Pfeffer hat trotz aller Provokation in einer Hinsicht recht: Mit raffinierter Machtnutzung kommt man leichter nach oben. Doch die Macht vermittelt hochrangigen Personen die Illusion, Dinge besser als andere im Griff zu haben und die Realität besser einschätzen zu können. Das ist jedoch ein Irrglaube. Es kommt stattdessen vermehrt zu Realitätsverzerrungen, einerseits durch beschönigende Selbstrechtfertigungen; andererseits, weil sie sich in der Machtposition weniger mit ernst zu nehmender Kritik auseinandersetzen müssen und von Unterlegenen wie Gegnern nichts mehr lernen. All unsere Studien haben immer wieder gezeigt: Wer seine Macht gegen die Interessen anderer einsetzt, lernt weniger, als wenn beiderseitige Interessen gegenseitig respektiert werden .

Ist der Missbrauch einmal im Gange, was erleben einflussreiche Personen, wenn ihre Taten öffentlich werden und ihre Macht plötzlich schwindet?

SCHOLL Das ist schon dramatisch und macht den Menschen sehr zu schaffen. Ihr zentrales Lebensziel, nämlich Macht zu gewinnen und zu verteidigen, ist weg. Es gleicht einem Suchtentzug, wenn auch auf einer geistigen statt einer körperlichen Ebene. Das Selbstwertgefühl wird stark beschädigt. Einige von ihnen haben aber so viele innere Schutzmechanismen aufgebaut, dass sie versuchen, die Realität vor sich selbst zu leugnen, zu vertuschen und ihr Verhalten schönzureden. Das zeigt das Beispiel Heinrich von Pierer recht gut. Der ehemalige CEO von Siemens hat bis zuletzt immer wieder seine Unschuld beteuert, um seine Ehre zu retten. Vermutlich hatte er für sich starke innere Rechtfertigungen aufgebaut und war auch subjektiv davon überzeugt.

Wie kann denn ein Strauss-Kahn die ihm angelastete versuchte Vergewaltigung vor sich rechtfertigen? Er hätte ja grundlegende Normen verletzt.

SCHOLL Im Fall des ehemaligen IWF-Chefs wird das in der Tat schwieriger, sofern die Vorwürfe stimmen. Ihm helfen aber sozial geteilte Rechtfertigungen. Denn die Öffentlichkeit in Frankreich hat viele solcher Übergriffe schöngeredet, ähnlich dem jus primae noctis (Recht des Fürsten auf die erste Nacht mit der Braut eines Untertanen - Anm. d. Red.), und als Privatsache abgetan; es kam sogar zu Verschwörungstheorien wegen seiner geplanten Kandidatur für das französische Präsidentenamt. Ähnliche Rechtfertigungen wird er selbst in erheblichem Maße aufgebaut haben, sodass er nicht mehr fragt: Was tue ich da eigentlich? Er denkt vermutlich eher: Das steht mir zu. Das ist eine elitäre Auffassung, die nicht nur in der Politik, sondern auch in Unternehmen verbreitet ist. Nach dem Motto: Alle sind gleich, aber einige sind gleicher.

Wie wirkt solch ein Missbrauch von Macht auf Unternehmen?

SCHOLL Schon bei sehr viel weniger dramatischen Fällen entsteht unter den Mitarbeitern Misstrauen, und die Kooperationsbereitschaft sinkt. Der Verlust an Vertrauen ist enorm. Genauso sinkt die Motivation, sich für das Wohl der Gruppe, der Abteilung oder des ganzen Unternehmens zu engagieren. So entstehen Schäden, die sich auf das Ergebnis auswirken und oft erst lange nach dem Ausscheiden einer Führungskraft sichtbar werden. Das sind starke nachgelagerte Effekte, die der Person beim Machtmissbrauch oft nicht einmal anhaften, solange sie nicht direkt überführt wird, und mit denen meist erst der Nachfolger zu kämpfen hat.

Nun wird nicht jeder Einflussreiche spektakulär entmachtet. Viele gehen einfach nur in den Ruhestand. Wie verkraften sie den Verlust an Macht?

SCHOLL Menschen haben in vielen Bereichen unterschiedliche Niveaus von Macht, und der Verlust einer hochrangigen Position bedeutet nicht automatisch den Verlust allen Einflusses. Es gibt viele weitere Möglichkeiten, mit Machtquellen wie etwa Erfahrung, Kontakten, Ehrenämtern zu agieren, sei es in der Familie, in einer anderen Organisation oder auf Verbandspositionen. Auch wenn solche Posten häufig spöttelnd als Elefantenfriedhof bezeichnet werden, hat es durchaus seinen Sinn, die Erfahrung noch zu nutzen und für den Ruheständler einen guten Übergang hinzubekommen.

Wie kann ich als Führungskraft mein Machtpotenzial positiv einsetzen?

SCHOLL Macht in der klassischen Definition bedeutet ja, dass man andere dazu bringen kann, etwas zu tun, was sie sonst nicht getan hätten. Macht ist ein Potenzial, schafft Handlungsmöglichkeiten, die man unterschiedlich nutzen kann. Wir haben in Studien festgestellt, dass alle Machtgrundlagen wie Sachkenntnisse, Positionsmacht, Bestrafungen oder Belohnungen sowohl gegen die Interessen anderer als auch im Einklang mit den Interessen anderer verwendet werden können. Ich kann andere einschränken, angreifen, körperlich oder psychisch verletzen, was als Machtausübung bezeichnet wird. Ich kann aber auch andere schützen, respektieren und fördern, meinen moralischen Grundsätzen treu bleiben und trotzdem schwierige Situationen meistern; das bezeichnen wir als Einflussnahme. Der Unterschied zwischen beiden Gesichtern der Macht zeigt sich in der Verwendung: je restriktiver eine Grundlage ist, wie etwa Bestrafung oder Legalität - also das Recht, einer anderen Person Weisungen zu geben, die sie zu akzeptieren hat -, umso häufiger wird sie zur Machtausübung genutzt. Mit den weniger restriktiven Machtgrundlagen wie Information, Expertise und Charisma wird eher Einfluss genommen, das heißt, die Interessen der Betroffenen werden nicht verletzt.

Was bewirkt die positive Nutzung der Macht für das Unternehmen?

SCHOLL Dadurch lässt sich leichter das Vertrauen der Belegschaft gewinnen, es steigert die Bereitschaft zur Kooperation und es verbessert vor allem das Wissen über die Realität durch einen intensiven und offenen Meinungsaustausch. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ex-Bundespräsident Ri-chard von Weizsäcker sind gute Beispiele, wie sich Macht zum Wohl der Gemeinschaft nutzen lässt. Und sie sind weiterhin als Ratgeber gefragt, ungeachtet ihrer bereits verlorenen beziehungsweise aufgegebenen Machtposition. Ihre Meinungen und Ansichten über die Welt haben Gewicht; sie haben auf andere Weise Einfluss.

Das würde bedeuten, dass der Verlust ihrer Positionen für sie gar nicht so schlimm gewesen sein kann.

SCHOLL Genauso ist es. Beide Politiker haben an ihren moralischen Prinzipien festgehalten und konnten auch ihr Leben sinnvoll weiterführen. Sie haben ihre Überzeugungen vertreten und versucht, auf andere Art und Weise dafür einzutreten. Jemand, der eine hohe Machtposition verlässt, wird genügend Möglichkeiten finden, weiter tätig sein zu können. Das gilt auch für Unternehmensführer, sie können in Aufsichtsräte und in gemeinnützige Organisationen gehen, sie können Jüngere beraten, sie können ein neues Unternehmen aufbauen. Das ist möglich, setzt aber voraus, Werte und moralische Prinzipien zu haben, die einen hinterher genauso leiten wie vorher und dem Tun weiterhin Sinn geben.

Können Sie ein positives Beispiel aus der Wirtschaft nennen?

Wolfgang Scholl im Gespräch

Wolfgang Scholl im Gespräch

Foto: WOLFGANG STAHR

SCHOLL Peter Eigen als Gründer von Transparency International demonstriert, wie sinnvoll auch ein freiwilliger Machtverzicht sein kann, um etwas für die Gemeinschaft zu tun. Als Manager und Direktor bei der Weltbank hat er gesehen, wie die zum Wohl unterentwickelter Länder gedachten Fördergelder bei korrupten Leuten versickern. Seine moralischen Maßstäbe im Kampf gegen Korruption waren ihm so wichtig, dass er seine Machtposition dafür opferte und stattdessen Transparency International gründete. Letztlich hat er damit viel mehr bewirken können.

Was muss eine Führungskraft neben Moral und Werten noch mitbringen, um Macht sinnvoll auszuüben?

SCHOLL Eine Führungskraft muss über gutes Selbstvertrauen verfügen und wissen, wie vorsichtig sie mit Macht umgehen muss. Wir alle überschätzen unser Wissen, und diese Tendenz steigt mit der Höhe der Position, gilt diese doch als ein Beweis für besonders viel Wissen und Erfahrung. Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein dafür zu schärfen, was es für negative Auswirkungen hat, wenn die Mächtigen ihr Gegenüber nicht wertschätzen, über deren Interessen hinweggehen und nichts mehr von ihm lernen.

Ist es nicht schwer zu erkennen, wann einem Macht zu Kopfe steigt?

SCHOLL Nein, denn dafür gibt es einen klaren Indikator: die Kritik. Wenn es von Untergebenen keine Kritik an Ihrer Person gibt oder sie Ihnen nur indirekt über Dritte zu Ohren kommt, können Sie ziemlich sicher sein, dass Sie Macht falsch einsetzen. Wird Ihnen dagegen offen die Meinung gesagt und auf Punk-te hingewiesen, wo Sie bestimmte Fakten übersehen oder wo Sie in Versuchung sind, allgemein akzeptierte moralische Standards zu verletzten, befinden Sie sich auf dem richtigen Weg.

Wie können Unternehmen dazu beitragen, dass Macht stärker im Sinne der Einflussnahme genutzt wird?

SCHOLL Es braucht klare Regeln, Normen und Kontrolle an der Spitze der Hierarchie. Günstig wäre es auch, das Thema Macht systematisch in Führungstrainings zu behandeln, um Manager darüber aufzuklären und spüren zu lassen, welche schädlichen Wirkungen es für das Unternehmen und einen selbst haben kann. Unternehmen sollten Führungskräfte von vornherein auf Zeit berufen - auch zur Verhütung des Peter-Prinzips (Beförderung bis zum Grad der Unfähigkeit - Anm. d. Red.). Dadurch könnten sie nach einiger Zeit andere Aufgaben wahrnehmen und außerdem als Mentoren für weniger Erfahrene tätig sein.

Das Konzept der Einflussnahme ist nahezu in allen empfohlenen Managementkonzepten zu finden - sei es kooperative Führung, Partizipation, Empowerment oder strukturell durch Job-Enrichment und selbststeuernde Arbeitsgruppen. Jeffrey Pfeffer empfiehlt neben seinen eingangs erwähnten provokanten Thesen genau diese Linie, wie zum Beispiel Hierarchieabbau, weil steile Hierarchien für Informationsvertuschung und Verzerrung sorgen und so dem Machtmissbrauch den Boden bereiten.

Was ist mit den wenigen Frauen in Führungspositionen? Ist die positive Form der Machtausübung für sie geeignet?

SCHOLL Mehr Einflussnahme wird dazu führen, dass Frauen leichter in Führungspositionen kommen, und sie selbst werden tendenziell mehr Einflussnahme praktizieren. Bisher hat sich gezeigt, dass die Mehrheit der Frauen ungern bei den Machtspielen ihrer männlichen Kollegen mitmacht. Sie haben einen natürlichen Widerwillen dagegen, es widerspricht ihrer Erziehung und wohl auch ihren Anlagen: Frauen wollen eher freundlich sein, Männer eher mächtig.

Das sind doch Stereotype.

SCHOLL Ja, aber sie sind erstaunlicher- weise immer noch so, und auch diese kulturell geprägten Stereotype beeinflussen unser Verhalten, ob wir wollen oder nicht. Frauen sind es gewohnt, Zusammenarbeit eher über Freundlichkeit zu regulieren. Damit unterliegen sie dann bei Beförderungen, die durch viele und oft verdeckte Machttaktiken entschieden werden. Ein anderes Verständnis von Macht im Sinne der Einflussnahme wird mehr Frauen an die Spitze bringen. Und weil Unternehmen mit Einflussnahme beziehungsweise mit respektvollem Einsatz der Macht tendenziell erfolgreicher wirtschaften, wird das für alle zum Vorteil.

Service

Literatur

Wolfgang Scholl: Innovation und Information. Wie in Unternehmen neues Wissen produziert wird, Hogrefe 2004.

HBM Online

Dana Carney: Mächtige sind bessere Lügner, in: Harvard Business Manager, Dezember 2010, Seite 16, Nachdrucknummer 201012016.

Jeffrey Pfeffer: Wie Sie Macht erlangen, in: Harvard Business Manager, Oktober 2010, Seite 36, Nachdrucknummer 201010036.

Internet

Wolfgang Scholl erforscht derzeit die Grundlagen nachhaltiger Innovationsfähigkeit www.vertrauenskultur-innovation.de

Kontakt

schollwo@cms.hu-berlin.de

Nachdruck

Nummer 201108094, siehe Seite 102 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

Mit Wolfgang Scholl sprach Christina Kestel, Redakteurin des Harvard Business Managers.

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