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Wirtschaftsphilosoph Anders Indset "Wir machen uns überflüssig"

Der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset warnt vor einer Zukunft, in der Maschinen die Kontrolle übernehmen. Ein Gespräch über denkende Roboter, bewusstes Management und Organisationsmodelle der Zukunft.
Das Interview führte Ingmar Höhmann
aus Harvard Business manager 9/2018
Wirtschaftsphilosoph Anders Indset

Wirtschaftsphilosoph Anders Indset

Harvard Business manager: Herr Indset, warum schreibt ein Philosoph Wirtschaftsbücher?

Anders Indset: Ich möchte die Schätze der Vergangenheit retten – die Ideen der großen Denker der Menschheitsgeschichte. Das sind Leute, die sich teilweise 30 Jahre lang nur mit einem einzigen Gedanken befasst haben. Ich will diese Ideen auf das 21. Jahrhundert projizieren. Ich frage: Was würde ein Aristoteles, ein Nietzsche oder ein Wittgenstein denken, wenn er in der heutigen Situation wäre?

Wofür stehen Sie? Haben Sie eine große Idee, eine Botschaft, die Sie Managern mit auf den Weg geben wollen?

Es geht nicht so sehr um eine große Idee, sondern vielmehr um die Frage, wie wir jetzt handeln müssen. Unsere Informationsgesellschaft überfordert uns zunehmend. Wir spüren das überall und täglich in der Gesellschaft. Alles ist heute Krise – von globaler Finanzkrise und europäischer Flüchtlingskrise bis hin zur Bildungs-, Kinderbetreuungs- und Pflegekrise. Wir sind dermaßen verunsichert, dass wir uns bei der Suche nach Antworten mehr und mehr auf neue Technologien und die Algorithmen der künstlichen Intelligenz verlassen. Aber es ist gefährlich, wenn wir Algorithmen unser Schicksal anvertrauen.

Profil

Der Denker

Anders Indset stammt aus Norwegen, lebt aber in Frankfurt. Nach einer Ausbildung im Marketing arbeitete er als Berater und war an der Gründung mehrerer Unternehmen beteiligt, unter anderem der Onlinedruckerei Druckhelden.de. Zum Wirtschaftsphilosophen bildete er sich im Selbststudium weiter. Mit seinen gewagten Outfits - zwischen Rock’n’Roll und Jesuslook – sowie steilen Thesen hat er sich in Deutschland inzwischen als Vortragsredner etabliert.

Die Bücher

2017 kam das Buch "Wild Knowledge. Outthink the Revolution" auf den Markt. Indset stellte darin Verbindungen zwischen Konzepten aus der Managementforschung, Geschichten aus der Wirtschaftswelt und philosophischen Ideen her. Derzeit arbeitet er an dem Band "Philosophy@Work".

Man sollte meinen, Entscheidungen, die auf Daten beruhen, sind rationaler – und damit besser.

Das Problem ist, dass künstliche Intelligenz etwas anderes ist als künstliches Bewusstsein. Künstliche Intelligenz klingt zunächst gut, ja, aber wenn wir uns von ihr abhängig machen, werden wir zu Reaktionswesen, einer Art Zombies. Wenn wir heute in einer Bank nach einem Kredit fragen, entscheidet der Mitarbeiter schon nicht mehr selbst. Er gibt die Daten in den Computer ein, und der Algorithmus sagt ihm, ob wir den Kredit bekommen oder nicht. Auch wenn der gesunde Menschenverstand zu einer anderen Antwort kommen würde, der Sachbearbeiter muss sich immer dem Algorithmus beugen. Das wird sich auf alle Bereiche ausweiten. Wir geben mehr und mehr die Kontrolle über unser Leben an Maschinen ab. Und wir erkennen die Konsequenzen nicht, die das haben wird.

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Wo sehen Sie da Konflikte?

Nehmen wir selbstfahrende Autos und die damit zusammenhängenden ethischen Fragen. Wer darf im Fall eines unvermeidlichen Unfalls gerettet, wer geopfert werden? Kein Mensch kann einem Algorithmus eine einzige, allgemeingültige Verhaltensregel für die komplexen und situationsabhängigen Gefahrensituationen im Straßenverkehr nennen.

Solche ethischen Fragen werden ausgiebig diskutiert. Ich würde behaupten: Auch die meisten Manager haben das Thema künstliche Intelligenz und deren Folgen auf dem Schirm.

Das haben sie nicht wirklich. Es bleibt viel zu oft bei Diskussionen, die nicht in die Tiefe gehen. Zum Beispiel selbstfahrende Autos – vorausgesetzt, sie werden zugelassen –, dafür werden Gesetze geschaffen und dann fortlaufend optimiert. Dies sind die einfachen Probleme, weil wir hier die Implikationen erkennen und wissen, welche Fragen wir stellen müssen. Wir müssen aber jetzt viel stärker damit beginnen, ethische Probleme und mögliche Auswirkungen unserer Technologien zu identifizieren, zu denen wir jetzt noch nicht einmal die Fragen kennen.

Wie soll das gehen – über etwas reden, das man nicht kennt?

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