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Interview "Wir brauchen mehr Demut"

Das Bild vom cleveren Egoisten, der stets seinen eigenen Nutzen maximiert, hat ausgedient. Die große Frage lautet nun: Wer folgt auf den Homo oeconomicus? Der Homo socialis? Nicht unbedingt, sagt der Max-Planck-Forscher Daniel Haun. Ein Gespräch über Gruppendruck, unterschiedliche Kulturen und den Affen in uns.
aus Harvard Business manager 1/2012
Sozialpsychologe Daniel Haun im Affenhaus des Leipziger Zoos

Sozialpsychologe Daniel Haun im Affenhaus des Leipziger Zoos

Herr Haun, viele Menschen verurteilen die Auswüchse des Kapitalismus und stellen die Rationalitätsannahmen der Wirtschaftswissenschaften infrage. Auch die Annahme des vernunftgetriebenen Individuums gilt als überholt. Wie tickt der Mensch denn nun: rational? Oder sind wir eher von Emotionen geleitet?

HAUN Auch auf die Gefahr hin, Sie mit dieser Antwort zu enttäuschen: Die Frage, was uns Menschen wirklich ausmacht, ist aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht hinreichend geklärt. Sicher scheint zumindest, dass das Wesen des Menschen maßgeblich durch seine mentale Fähigkeit zur sozialen Kognition geprägt wird - damit sind die Eigenschaften gemeint, die die Grundlage für unser Sozialverhalten darstellen. Aber schon bei der Frage, ob sich nur Menschen in die Gedankenwelt eines anderen Wesens hineinversetzen können, scheiden sich die Geister.

Ein gut dressiertes Haustier mag die Gesten seines Besitzers zu deuten wissen, aber glauben Sie wirklich, dass ein Hund in der Lage ist, seinem Herrchen gegenüber einfühlsam zu sein?

HAUN Es fällt mir zumindest schwer, die Frage eindeutig zu verneinen. Bei Menschenaffen haben wir in gezielten Verhaltensexperimenten durchaus Hinweise auf ein grundlegendes soziales Verständnis für ihr Gegenüber gefunden.

Sind sich die Tiere dieser Fähigkeit bewusst?

HAUN Sie scheinen sie zumindest unbewusst zu nutzen - aber das ist keinesfalls untypisch. Auch wir Menschen sind uns oftmals gar nicht bewusst, wie häufig wir uns im Alltag mit unseren Mitmenschen vergleichen oder unwillkürlich Eigenheiten von ihnen übernehmen: Etwa indem wir unser Sprachtempo anpassen, Gesten wie ein Durch-die-Haare-Fahren oder An-der-Nase-Kratzen nachahmen oder Redewendungen kopieren.

Die Sozialpsychologie geht davon aus, dass dieses Nachahmen dazu dient, bei seinem Gegenüber ein Gefühl von Sicherheit auszulösen. Die Logik dahinter lautet vermutlich: Was mir ähnlich ist, kann nicht wirklich böse sein. Ein Phänomen, das bei langjährigen Partner- und Freundschaften im Extremfall sogar dazu führen kann, dass sich durch das permanente gegenseitige Nachahmen und Aufeinandereinstellen die Gesichtszüge aneinander angleichen.

Also sind Sie sicher, dass dieser Effekt auch bei Tieren greift?

HAUN Dieser soziale Effekt von Imitation scheint tatsächlich keine exklusive Eigenart von uns Menschen zu sein: Wir konnten in Verhaltensstudien nachweisen, dass etwa Affen aufmerksamer werden, wenn sie nachgemacht werden. Interessanterweise muss es sich dabei übrigens noch nicht einmal um einen Artgenossen von ihnen handeln. Auch Menschen geraten in ihren Fokus, wenn diese sich ihnen anpassen.

Mir ist es einmal passiert, dass eine Affendame wilde Verrenkungen anstellte, um zu überprüfen, ob ich auch dann noch mitzog. Am Ende hob sie ihre Arme einmal sogar ballerinagleich über den Kopf - eine für Primaten höchst ungewöhnliche Haltung.

Bei der relativ simplen Kontaktanbahnung mag das stimmen. Aber wie sieht es bei komplexeren sozialen Beziehungen aus? Glauben Sie wirklich, dass Primaten diese ähnlich gut beherrschen und nutzen wie wir Menschen?

HAUN Auch da ist die Wissenschaft noch unsicher. Nehmen wir die Zusammenarbeit auf ein gemeinsames Ziel hin, die es auch im Tierreich gibt: Vögel schließen sich zu Verbünden zusammen, und Ameisen, Raubtiere und auch manche Affenvölker gehen gemeinsam auf die Jagd. Was wir allerdings noch nicht wissen, ist, warum es im Tierreich zu solchen Kooperationen kommt: Entstehen sie zufällig und aus der gemeinsamen Gier? Oder sind sie das Ergebnis einer gemeinsam entwickelten Strategie?

Wie sieht das bei uns Menschen aus? Ist uns die Fähigkeit zur sozialen Kognition angeboren?

HAUN Einige Veranlagungen sind angeboren, aber manche von ihnen müssen sich während unserer Entwicklung erst vollends entfalten. So scheinen etwa kleine Kinder in ihrer Art, Dinge wahrzunehmen, unseren tierischen Artgenossen noch relativ nahezustehen. Wir konnten in einem Versuch nachweisen, dass ein- bis zweijährige Menschenkinder bei Versteckspielen anscheinend intuitiv die gleichen Lösungswege bevorzugen wie Orang-Utans, Gorillas, Bonobos oder Schimpansen.

Wie die vier großen Menschenaffenarten tendieren Menschenkinder in diesem Alter dazu, sich Dinge eher ortsspezifisch zu merken. Versteckt man ein Spielzeug etwa unter einem Eimer, den man in der nächsten Runde mit einem Topf tauscht, werden sie zielsicher trotzdem zuerst dort suchen, wo der Eimer stand - selbst wenn dieser noch immer in ihrem Blickfeld auftaucht.

Im Endeffekt unterscheidet sich das menschliche Gedächtnis also nicht von dem eines Menschenaffen?

HAUN Offenbar nicht - allerdings nur bis zu einem gewissen Alter. Bereits dreijährige Kinder änderten bei unserem Experiment ihre Strategie. Sie koppeln ihre Suche eher an das Objekt, unter dem ein Gegenstand versteckt wurde: Legt man wieder etwas unter den Eimer und tauscht dessen Position, während die Kinder gerade nicht hinsehen, mit der eines Topfes, suchen ältere Kinder unter dem Eimer, egal wo dieser jetzt steht. Sie suchen objektspezifisch - und nicht wie ihre jüngeren Spielkollegen an der ursprünglichen Fundstelle unter dem Topf.

Kinder entwickeln mit steigendem Lebensalter offenbar andere Suchstrategien. Übertragen bedeutet dies, dass unsere kognitive Entwicklung offenbar mit der Zeit unsere evolutionär ererbten Strategien überschreibt. Allerdings können wir noch nicht sagen, was genau die Ursache für diesen Prozess ist. Meine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmwegen versuchen momentan herauszufinden, ob dies mit dem Spracherwerb zu tun hat. Vielleicht kann man sich Gegenstände einfach besser merken, wenn man sie benennen kann? Das würde erklären, warum Affen und Kleinkinder, die beide ohne Begrifflichkeiten die Welt einordnen müssen, dieselbe Strategie nutzen.

Welchen Einfluss hat das soziale Umfeld auf unsere kognitive Entwicklung? Oder anders gefragt: Inwieweit wirkt die Gesellschaft auf die Art, wie wir miteinander interagieren und kommunizieren, ein?

HAUN Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass Menschen sich intensiver als ihre tierischen Verwandten auf ihr Umfeld beziehen. Wenn Schimpansen etwa die Wahl haben, allein oder im Team mit einem Artgenossen zu arbeiten, entscheidet sich nur gut jeder Zweite von ihnen für die Zusammenarbeit. Stellt man Kinder vor dieselbe Herausforderung - in unserem Experiment ging es darum, dass sie bei immer gleichem Ergebnis eine Aufgabe entweder allein oder mit einem Spielkameraden lösen konnten, entscheiden sie sich in vier von fünf Fällen nichtsdestotrotz für die Kooperation. Aus wissenschaftlicher Sicht deutet das Ergebnis darauf hin, dass Menschenkinder aus ihrer Natur heraus sozialer orientiert sind als ihre nächsten Verwandten aus der Tierwelt.

Also sind es doch unsere sozialen Fähigkeiten, die uns Menschen von unseren nächsten tierischen Verwandten unterscheiden?

HAUN Menschen sind in der Tat soziale Wesen - allerdings manchmal auch bis zur Selbstverneinung: Experimente haben etwa gezeigt, dass bereits Kindergartenkinder ihre öffentliche Meinung an den Ansichten der Mehrheit ausrichten - selbst wenn diese nicht ihrer eigenen entspricht und offenkundig falsch ist.

Wir haben an die 100 Kinder aus mehr als 20 Kindergartengruppen beobachtet. Jeweils vier von ihnen bekamen scheinbar identische Bilderbücher ausgehändigt, von denen jedoch - ohne dass die Kinder es wussten - nur drei tatsächlich identisch waren. Bei einem waren die Bilder so verändert, dass unsere späteren Fragen keinen Sinn machen konnten. Anschließend stellten wir den Kindern Fragen zu dem Buch. Erstaunlicherweise passten die Kinder mit den veränderten Büchern ihre Antworten denen ihrer Spielkameraden an - allerdings nur, wenn sie ihre Aussage öffentlich kundtun mussten. Wenn nur der Studienleiter die Antwort hörte, blieb der überwiegende Teil von ihnen bei der zum Inhalt ihres Buches passenden Antwort. Zumindest diese Verhaltensweise, sich der Mehrheit anzupassen, konnten wir bei Affen bisher nicht beobachten.

Immerhin haben sich die Kinder offenbar mit ihrer Gruppe identifiziert - an sich doch erst einmal keine schlechte Eigenschaft.

HAUN Eine Gemeinschaft bietet Halt, keine Frage. Aber wenn Kinder in so einem jungen Alter das Gefühl haben, der Meinung anderer mehr vertrauen zu können als den eigenen Beobachtungen, finde ich das besorgniserregend - und wichtig, mir das als Elternteil bewusst zu machen.

Als Wissenschaftler fordert mich so eine Erkenntnis geradezu heraus: Was bedeutet der von uns beobachtete Gruppenzwang etwa für die schon früh von Kindern entwickelten Geschlechterrollen? Immerhin ist die Wahrnehmung des eigenen Geschlechts eine der ersten Gruppenzugehörigkeiten, die man jenseits der eigenen Familie empfindet. Mögen kleine Mädchen rosa und Prinzessin Lillifee, weil sie Mäd-chen sind oder weil sie sich einfach nur dem Gruppendruck ihrer Spielkameraden anpassen?

Unser Umfeld hat also einen entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten. Wie weit geht dieser?

HAUN Menschliche Kognition unterscheidet sich von Region zu Region und Land zu Land mehr als lange angenommen wurde. Nehmen Sie die Wahrnehmung von Raum und Zeit, die sich in einzelnen Kulturen mitunter fundamental voneinander unterscheidet: Ein recht plakatives Beispiel ist die sogenannte Müller-Leyer-Täuschung, ein bekanntes optisches Trugbild, bei dem zwei gleich lange Linien durch ihre einmal nach innen und einmal nach außen gerichteten Pfeilspitzen von vielen Menschen als unterschiedlich lang wahrgenommen werden. Erstaunlicherweise nehmen viele Nomadenvölker die Linien jedoch ohne jeden Vorbehalt als gleich lang wahr.

Die Gründe für diese unterschiedliche Wahrnehmung sind mannigfaltig: Eine Theorie geht davon aus, dass sie mit der Häufigkeit zu tun hat, in der sich Menschen in Räumen und Häuserschluchten aufhalten. Die Geometrie von urbanen Räumen scheint unser Empfinden für Entfernungen grundlegend zu verändern. Sehen Sie sich zwei Zimmerecken an: Die Winkel der weiter vorn liegenden Ecke sind einigermaßen geöffnet und gleichen der Linie mit den nach oben gerichteten Pfeilspitzen; bei weiter entfernteren Ecken wird der Winkel immer enger - für unser westeuropäisches Gehirn offenbar ein Zeichen, dass die Linie mit den nach innen gerichteten Pfeilspitzen weiter weg und damit kürzer sein muss.

Auch unser Verstand ist also Opfer unserer Lebensumstände?

HAUN Er wird zumindest stark durch sie beeinflusst. Nehmen sie unseren Orientierungssinn: Die meisten europäischen Völker etwa geben Rich-tungsangaben egozentriert an: Das Individuum ist das Zentrum. Man geht nach rechts oder nach links - immer aus dem Blickwinkel des Betrachters. Viele andere Kulturen sind jedoch allozentriert: Sie orten Gegenstände und sich selbst immer mithilfe der Himmelsrichtungen und in Beziehung zu ihrer Umwelt. Statt einen Meter nach links geht man dort etwa drei Schritte "nach Süden".

Ist das nicht nur Wortklauberei? Ob ich links nun "links" nenne oder "südlich" ist im Grunde doch egal.

HAUN Stimmt. Spannend wird es, wenn man sich die eigene Verortung anschaut: In allozentrierten Kulturen steht das Individuum niemals im Zentrum. Selbst die Wahrnehmung der eigenen Hände und Füße wird an den Gestirnen festgemacht.

Bringt man europäischen Kindern einen kurzen Tanz bei, bei dem sie ihre Hände in einer Rechts-links-rechts-rechts-Abfolge bewegen müssen, behalten sie diese auch bei, wenn man sie einmal um die eigene Achse dreht. Kinder der in Namibia lebenden Akhoe-Hai//om-Gemeinschaft ("//" steht für Klicklaute - Anm. d. Red.) wechseln nach dem Positionswechsel automatisch in eine Links-rechts-links-links-Reihenfolge. Aus unserer westeuropäischen Sicht tanzen sie spiegelverkehrt. Dabei orientieren sich die afrikanischen Kinder wie zuvor an den Himmelskoordinaten, deren Position sich bei einer 180-Grad-Wende selbstverständlich nicht verändert. Interessanterweise fällt es den Kindern dort übrigens leichter, sich zu orientieren. Schon im Vorschulalter können sie sich selbstständig orientieren. Sie sehen: Es geht also längst nicht nur um unterschiedliches Vokabular, sondern um ein gänzlich anderes Menschenbild.

Was können Führungskräfte aus Ihren Erkenntnissen über den menschlichen Verstand lernen?

HAUN So schwergewichtig das Wort vielleicht auch ist: Demut. Die kulturelle Vielfalt von uns Menschen ist viel größer, als wir angenommen haben. Viele über Jahre verfestigte Vorstellungen von uns stehen im Grunde auf sehr wackeligem Grund - und damit ist nicht nur die Kunstfigur des Homo oeconomicus gemeint. Je intensiver man über unsere Art forscht, desto mehr verschwimmen viele Grenzen. Wenn das aber der Fall ist, sollten wir aufhören, unsere beschränkte Sicht der Dinge als Pars pro Toto für die Gesamtheit anzusehen.

Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Es lohnt sich, häufiger die Perspektive zu wechseln. Nur wenig auf dieser Welt ist in Stein gemeißelt.

Daniel Haun im Gespräch

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