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Coaching Wie Manager entspannen lernen

Stressbewältigung mit den gängigen Methoden stößt schnell an ihre Grenzen. Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass Menschen durch gezieltes Training ihrer subjektiven Wahr-nehmung Belastungen leichter bewältigen können.
aus Harvard Business manager 8/2007

Lisa Bender (Name geändert), Prokuristin bei einer Schweizer Rückversicherung hat ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen. Vor 22 Uhr kommt sie selten nach Hause. Die Wochenenden dienen dazu, liegen gebliebene Arbeit der Woche aufzuarbeiten. Sonntags bereitet sie das Meeting am Montagmorgen vor. Sie ist zur Benutzung eines Blackberrys angehalten. Dadurch ist Stress zu ihrem Begleiter rund um die Uhr geworden. Der Strom an E-Mails reißt zu keiner Tageszeit ab, da der Versicherer weltweit tätig ist. Obwohl die ehrgeizige Mittvierzigerin schon etliche Zeitmanagementseminare besucht hat, steht sie permanent unter Strom.

Vor Kurzem besuchte sie einen Workshop zum Thema Work-Life-Balance. Seitdem geht es ihr noch schlechter. Zur Arbeitsbelastung in der Firma kommt das schlechte Gewissen, keine Zeit für Fitness, gesundes Essen oder die Pflege von Freundschaften zu erübrigen. Seit einigen Monaten schläft Bender nicht mehr durch. Sie wacht nach einem kurzen unruhigen Schlummer auf und findet kein Rezept, die Gedanken an die Arbeit zu stoppen, die in ihrem Kopf kreisen.

Wir haben Dutzende solcher Fälle in den Selbstmanagement-Seminaren an unserem Institut kennengelernt. Viele haben das Gefühl, diese Belastung nicht lange durchhalten zu können. In der Tat sind die Folgen von chronischem Stress vielfältig und gravierend: Er kann Veränderungen des Immunsystems hervorrufen. Dadurch steigt unter anderem das Risiko von entzündlichen Erkrankungen (wie Asthma, rheumatische Gelenkerkrankungen oder Prostatitis).

Darüber hinaus beeinflusst chronischer Stress den Insulin-Haushalt, was Diabetes und die damit zusammenhängenden Folgeerkrankungen (Arteriosklerose, hoher Blutdruck) auslösen kann. Es wurde sogar nachgewiesen, dass chronischer Stress bestimmte Regionen im Gehirn beeinträchtigen kann, die für das Langzeitlernen verantwortlich sind.

Eine ganze Reihe von objektiven Faktoren kann beim Menschen im Berufsalltag Stress auslösen. Dazu zählen hohe Arbeitsbelastung, psychischer Druck durch Vorgesetzte, ungünstige Rahmenbedingungen wie ständiges Reisen in verschiedenen Zeitzonen oder Schlafmangel. Die meisten Coaching-Programme setzen an diesen objektiven Belastungen an. Sie helfen den Betroffenen, ihre Arbeitssituation zu verändern, das Aufgabenspektrum zu reduzieren, Unterstützung

anzufordern oder Arbeitsvorgänge zu optimieren.

Die meisten Führungskräfte wollen wie Lisa Bender an ihrer Situation arbeiten. Sie schaffen es in der Regel auch, zumindest einen Teil ihrer Arbeit zu delegieren. Wir stellten aber fest, dass sie damit schnell an ihre Grenzen stoßen. Der Grund liegt auf der Hand: Die Betroffenen können objektive Stressfaktoren nur selten oder in geringem Maße beeinflussen, ohne ihre Karriere zu gefährden. Und nicht jeder möchte gleich ein völlig neues Leben anfangen, um seinen Stresspegel zu senken. Was die Manager also nicht loswerden, ist die ständig erhöhte innere Grundspannung.

Uns interessierte nun die Frage, ob man diese Grundspannung durch geeignetes Training beeinflussen könnte. Wir haben darum untersucht, ob es den Betroffenen hilft, an der subjektiven Wahrnehmung der Stressfaktoren zu arbeiten. Wie Führungskräfte Stress erleben und wie sie subjektiv Überlastungssituationen einschätzen, kann ihre physiologische Reaktion darauf determinieren.

Bei unserer Studie sind wir folgendermaßen vorgegangen: Über eine Online-Umfrage akquirierten wir mehr als 60 männliche Studierende an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Diese Testgruppe unterzogen wir einem speziellen Training, das an der subjektiven Einschätzung der Stressfaktoren ansetzte. Es bestand aus einem dreitägigen Gruppenseminar und einem Auffrischungskurs.

Unser Training war in vier Etappen untergliedert:

1. Metapher finden

Da unsere Methode am Unterbewussten ansetzt, ist es wichtig, über Bilder und nicht über rationale Argumente Einfluss auf die Verarbeitungsprozesse im Gehirn auszuüben. Zunächst bekam darum jeder einzelne Proband die Aufgabe, sich ein Bild auszusuchen, das für ihn oder sie individuell Selbstbewusstsein und mentale Stärke symbolisierte. Die Studenten durften eigene Bilder mitbringen. Zur Unterstützung hatten wir auch noch einen Katalog mit Bildern vorbereitet. Ergebnis dieses Prozesses könnte zum Beispiel die Metapher "Löwe" sein.

2. Ziel erarbeiten

Da wir die rational gesteuerten Prozesse umgehen wollten, gaben wir absichtlich kein konkretes Verhaltensziel nach der Smart-Methode vor (Smart bedeutet: Ziele müssen spe-zifisch, messbar, anspruchsvoll, realistisch und terminiert sein). Stattdessen sollten die Probanden ein Haltungsziel aus der von ihnen gewählten Metapher ableiten. Darunter verstehen wir eine innere Einstellung, die für sie untrennbar mit dem gewählten Bild verknüpft ist. Für das Beispiel Löwe könnte das die Vorstellung sein, sich

aufrecht und stolz wie ein König der Tiere zu fühlen. Ein dazu in Worte gefasstes Ziel hieße dann: "In mir wohnt die Löwenkraft."

3. Trainieren

Auf Basis dieses starken Bildes und des Haltungszieles galt es nun, ein neues neuronales Netz zu bilden, das in der Stresssituation zuverlässig aktiviert wird. Dazu musste ein unbewusster Verarbeitungsmechanismus, eine Art persönlicher Autopilot, trainiert werden. Das geschah zum einen durch das sogenannte Priming. Diese Methode des unbewussten Lernens ist wissenschaftlich sehr gut auf ihre Wirksamkeit untersucht und auch in der Werbung bekannt. Priming heißt, dass Gehirn außerhalb der bewussten Wahrnehmung mit entsprechenden Informationen zu füttern, sodass das neu zu entwickelnde neuronale Netz ununterbrochen aktiv gehalten wird. Bislang wurde diese Methode aber noch nicht im Coaching eingesetzt.

Durch Priming werden neuronale Netze so entwickelt, dass sie immer leichter und zuverlässiger angesprochen werden können. Der Proband musste dazu in seiner Umgebung überall Erinnerungshilfen an "sein" Bild anbringen. Zum Beispiel in Form eines Löwenbildschirmschoners, eines Schlüsselanhängers in Löwenform, eines Löwenaufklebers auf Arbeitsmappen oder eines neuen Gemäldes im Büro. Sehr beliebt sind auch Passwörter und Pin-Codes, die in Zusammenhang mit dem persön-lichen Haltungsziel stehen. Wichtig war, dass die Metapher Löwe so präsent wie möglich ist und zwar an-dauernd, den ganzen Tag über.

Zum anderen beinhaltet das Training das sogenannte Embodiment. Mithilfe mentalen Trainings und neu entwickelter Körperübungen lernten die Probanden, das Bild im wahrsten Sinne des Wortes zu verkörpern. Sie zerlegten ihr Auftreten in Mikro-episoden und arbeiteten daran, die von ihnen gewählte Metapher in Haltung, Mimik, Gestik und Sprechweise zu überführen.

4. Situationen vorbereiten

In einem letzten Schritt entwarfen die Probanden einen Plan, wie sie ihre neue Haltung in verschiedene Situationen ihres Alltags einbauen konnten. Dabei berücksichtigten sie sowohl relativ vorhersehbare Stress-situationen (zum Beispiel schriftliche Prüfungen) als auch Situationen, die mit großer Ungewissheit behaftet waren (zum Beispiel Diskussionsrunden nach einem Vortrag).

Ergebnisse

Drei Monate nach dem Training luden wir die Testgruppe und eine Kontrollgruppe, die kein Training erhalten hatte, ein. Wir unterzogen sie einem standardisierten Stresstest. Die Versuchspersonen mussten vor zwei Experten ein fiktives Bewerbungsgespräch führen und anschließend öffentlich eine Leistung im Kopfrechnen erbringen. Physiologisch lässt sich der Stresspegel an der Konzentration des Hormons Cortisol im Blut messen. Insgesamt achtmal in Abständen von zehn Minuten maßen wir also den Cortisolspiegel der Probanden. Der Stresspegel der trainierten Gruppe war deutlich niedriger als der Pegel der nicht trainierten Studenten (siehe Grafik links).

Wer weniger Stresshormone ausschüttet, ist auch objektiv weniger gestresst. Den trainierten Studenten war es möglich, mithilfe der Techniken, die wir ihnen beigebracht hatten, ihr Gehirn auf einen anderen Informa-tionsverarbeitungsmodus umzuschalten. Offenbar hatten wir mit dem Training, also über den Zugang zum Unbewussten, das subjektive Gefühl der Bedrohung und so die tatsächliche Stressreaktion reduzieren können.

Die Tatsache, dass dieses Ergebnis drei Monate nach dem Training gemessen wurde, zeigt, dass es sich hierbei nicht um eine kurzfristige Seminareuphorie handelt, sondern um einen echten Transfer des Gelernten in die eigene Toolbox der Stressbewältigung. Darauf deutet auch die abschließend durchgeführte Befragung hin. Alle Trainierten gaben an, die erlernten Techniken im Alltag anzuwenden. Bis auf einen Teilnehmer würden alle Mitglieder der Testgruppe das Training ihren Freunden und Bekannten empfehlen.

Man muss bei der Übertragung der Erkenntnisse aus einer Laborsituation auf den Manageralltag natürlich Einschränkungen hinnehmen. Junge, gesunde Probanden reagieren möglicherweise

schneller auf ein Training als Führungskräfte wie Lisa Bender. Top-Performer, die schon seit Jahren ans Limit gehen, befinden sich oft in einer chronischen Bedrohungssituation. Dann dauert es etwas länger, bis die neuen Wahrnehmungsmuster zuverlässig trainiert sind.

Dennoch kann es gelingen, aus dem Teufelskreis auszubrechen: Das menschliche Gehirn ist ein Überlebensorgan, das ein Leben lang lernen kann. Die eigene Stimmungslage aktiv in den positiven Bereich hineinregulieren zu können ist eine Schlüsselkompetenz für Führungskräfte. Denn Gelassenheit, die Kompetenz, Probleme zu lösen, und Kreativität sind eng an positive Emotionen gekoppelt. Eine Führungskraft, die gelernt hat, auch mit einem unaufgeräumten Schreibtisch in Frieden Feierabend zu machen, arbeitet darum paradoxerweise auf Dauer effizienter als eine, die sich bis spät in die Nacht schindet und quält. n

Drei Monate nach einem umfangreichen Training zur Stressbewältigung machten unsere Versuchspersonen und eine Kontrollgruppe einen standardisierten Stresstest. Dabei maßen wir achtmal in Abständen von zehn Minuten den Cortisolspiegel der Probanden. Das Hormon ist ein Maß für den Stresspegel. Die Messungen ergaben für die trainierte Gruppe einen niedrigeren Stresspegel als für die Kontrollgruppe.

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