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Kolumne Wie man Studien liest

aus Harvard Business manager 11/2011

Das Gespräch, von dem ich hier berichte, fand in einer dieser wundervollen "old fashioned" Bars mit einem erfahrenen Strategen statt und widmete sich den Ratschlägen an junge Managerinnen und Manager, die ihre Talente für Führungspositionen entwickeln wollen. Nach einigen Tipps, wie man sie eben so hört in derlei Gesprächen, sagte mein Diskussionspartner: "Ehrlich gesagt, lässt sich die Frage gar nicht beantworten, es kommt immer auf Persönlichkeit und Talent an. Wenn Sie einen wirklich guten Rat wollen: Die jungen Leute sollten, wenn man ihnen eine Studie vorlegt, niemals die Executive Summary lesen!"

Und warum das nicht?

Die seien nur als Höflichkeit kaschierte Zumutungen, oft sogar Irreführungen. Sicher meist ungewollt, unbewusst, aber doch fahrlässig. "Es ist ja gar nicht sicher, dass gerade das in der Summary steht, was ich selbst aus der Studie ableiten würde." In der Regel seien die wenigen Highlights ("schreckliches Wort") meist lärmende Verkaufsargumente, die vordergründige Sensationen überbetonen. "Strategischer Opportunismus!" In vorauseilendem Gehorsam stellten viele Studienautoren nicht das in den Vordergrund, was der inhaltlichen Sache diene, sondern ihren Interessen - lobende Erwähnungen ihres Fleißes und ihres Spürsinns und vor allem der Hoffnung auf Folgeaufträge. Manchmal sei es ihnen gar nicht bewusst, dass sie das hervorheben, von dem sie glauben, dass es ihr Auftraggeber gern hören möchte. "Um ehrlich zu sein: Sie bedienen damit auch die Eitelkeit des Abnehmers, der sich durch den Hinweis auf das 'Executive' im Summary gebauchpinselt fühlt. Oder sie ahnen, dass es manchmal nur um die Bestätigung dessen geht, was die Auftraggeber ohnehin wollen." Aber das sei viel seltener, als missgünstige Kritiker es annehmen.

Ob also die Highlights wirklich welche seien, erfahre nur, wer sich auf die ganze Studie einlasse, wer prüfe, wie alles zusammenhängt, und jede Tabelle aus der unverwechselbaren Sicht des eigenen Unternehmens lese. Das sei das wahre strategische Talent, dieses Gespür für verborgene Bedeutungen, diese Fähigkeit, etwas zu sehen, das Autoren von Studien gar nicht sehen könnten, weil ihnen das Insider-Wissen über die technologischen, strategischen oder operativen Linien des Unternehmens fehlte.

In kaum einer Studie würden überdies, aus Angst vor Trivialitäten, belanglose Nebensächlichkeiten ausgeleuchtet. "Aber in jeder Trivialität kann ein Hinweis auf eine bedeutsame Zukunftschance für Ihr Unternehmen verborgen liegen. Und wenn eine Studie gar nichts Aufregendes zutage fördert, dann kann das auch bedeuten, dass es nichts Aufregendes gibt. Eigentlich ein sensationelles Ergebnis."

Aber die Zeit? Hat eine Führungskraft überhaupt die Zeit für solche Lektüre? Mein Gesprächspartner lacht: "Also wenn der Nachwuchs schon nichts sehnlicher anstrebt als den Aufstieg aus der operativen in die strategische Etage, soll er auch irgendwann darauf verzichten, sich in operative Belange einzumischen. Dann hat er Zeit. Und wenn die nicht reicht, sollen Mitarbeiter die Studien lesen und ihre Sicht der Dinge kundtun. Aber vorher sollten die Executive Summeries herausgerissen werden."

Nachdruck

Nummer 201111099, siehe Seite 100 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

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