Zur Ausgabe
Artikel 6 / 13
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Überall in der Welt werden neue, "abfallfreie" Technologien eingesetzt, mit deren Hilfe Unternehmen ihren Gewinn-, Wachstums- und Überlebenszielen ein Stück näher kommen Wie man mit Umweltschutz Kasse macht

Unter der Schirmherrschaft der Europäischen Wirtschaftskommission für Umweltschutz kamen im November 1979 die für Umweltfragen zuständigen Minister der europäischen Länder und Delegierte aus den Vereinigsten Staaten und Kanada in Genf zusammen. Während dieser Konferenz sollten Möglichkeiten erörtert werden, wie die Belastung der Umwelt durch Industrieabfälle verringert werden kann. Langfristig, so fürchteten die Anwesenden, würde die "Säureregen" verursachende Luftverschmutzung durch Kraftwerke und Metallfabriken Seen und Wälder in den nördlichen Regionen verseuchen. Dieses Problem habe bereits internationale Größenordnung angenommen. Die Minister und Abgesandten unterzeichneten eine Resolution, in der dazu aufgerufen wurde, diese Art der Umweltverschmutzung "zu begrenzen, allmählich zu reduzieren und schließlich zu verhindern". Sie einigten sich außerdem auf eine Verlautbarung, in der gefordert wurde, daß "die wirtschaftliche Entwicklung und der technologische Fortschritt mit den Belangen des Umweltschutzes vereinbar sein müssen". Befürwortet wurde in diesem Zusammenhang der Einsatz abfallfreier Technologien in den Industrien der auf der Konferenz vertretenen Länder. In diesem Beitrag kommt eine Autorität für Wirtschafts- und Umweltfragen zu Wort, um die bedeutsame Diskussion, die auf dieser wichtigen internationalen Konferenz begonnen wurde, weiterzuführen.
aus Harvard Business manager 2/1982

MICHAEL G. ROYSTON ist Professor für Technologie und Umweltfragen am Center for Education in International Management in Genf.

Die Manager einiger Unternehmen haben seit langem begriffen, daß Umweltschutz und ökonomischer Fortschritt Hand in Hand gehen können. Nachfolgende Beispiele sollen diese Behauptung untermauern: * Ciba-Geigy, der in Basel in der Schweiz beheimatete Chemiekonzern, konnte mit nur geringem Kapitalaufwand die durch seine Betriebe verursachten Umweltverschmutzung bis zu 50 Prozent reduzieren und dabei jährlich schätzungsweise 400 000 Dollar einsparen. Durch eine Veränderung der Produktionsprozesse und durch Wiederverwendung von Brauchwasser und Lösungsmitteln sparte das Unternehmen nicht nur Geld, sondern auch Energie. * Ein japanisches Unternehmen, das ataktische Polypropylenabfälle produziert, errichtete eine Abfallverwertungs- und Wiedergewinnungsanlage, deren Betriebs- und anteilige Kapitalkosten sich auf 100 Dollar je Tonne belaufen. Der mit 140 Dollar je Tonne bezifferte Wert der zurückgewonnenen Energie bringt dem Unternehmen einen zusätzlichen Gewinn von einer halben Million Dollar jährlich. * In der Bundesrepublik Deutschland setzt die Reffelmann Metallverarbeitung KG mit 40 Prozent Gewinn (bezogen auf den Kapitaleinsatz) ein Wiedergewinnungsverfahren für Galvanoflüssigkeiten ein; der Enka-Glanzstoff AG ist es gelungen, die Grenzerträge durch Zinkwiedergewinnung aus den Abwässern der Rayonfaserherstellung um 30 Prozent zu steigern. * In Frankreich gibt es bereits 22 Industriebetriebe, die ihre Abfälle in zweckmäßige, verkaufsfähige Produkte umwandeln: zum Beispiel die Erdölraffinerie Elf in Feyzin, die aus ihren Kohlenwasserstoffrückständen jährlich Gewinne in Höhe von 1,32 Millionen Dollar zieht; oder die Societé Alimentaire Equilibree in Commentry, der es gelang, ein durch die synthetische Methionin-Herstellung verursachtes Immisionsproblem in eine jährliche Ersparnis von 600 000 Dollar umzumünzen. Die Sacilor-Stahlwerke werke in Gandrange erzielen mit der Wiedergewinnung von Eisenstaub eine jährliche Ersparnis von 200 000 Dollar. Für Molkerückstände, mit denen bisher die Flüsse in der Umgegend verschmutzt worden waren, entwickelte die Societé Lacto-Centre in Basen-Basset ein Wiedergewinnungsverfahren, das dem Unternehmen jährlich einen Bruttogewinn von 180 000 Dollar einbringt. 1) * Brennereirückstände, früher Ursache einer erheblichen Umweltverschmutzung, werden von den North British Distilleries nahe Edinburgh seit einiger Zeit zu einem nahrhaften Tierfuttermittel verarbeitet. Das in die Verarbeitungsanlage investierte Kapital bringt dem Unternehmen eine jährliche Verzinsung von über 100 Prozent. Und bei einer weiteren schottischen Brennerei, Tomatim, werden in den warmen Abwässern Aale im Werte von sechs Millionen Dollar aufgezogen. 600 000 Dollar Brennstoff kosten werden jährlich in einem dem ICI-Konzern zugehörigen Werk gespart, weil die dort produzierten Abfälle nach einem vorgeschalteten Trennverfahren verbrannt werden. 2) * Seit 1976 hat die Minnesota Mining and Manufacturing Company, der als 3M bekannte multinationale Konzern mit Hauptsitz in den USA, seine Produktion um 40 Prozent ausgeweitet und die dabei auftretende Umweltbelastung bemerkenswert reduziert: die Flüssigabfälle von 47 auf 2,6 Tonnen, die Abgase von 3000 auf 2400 Tonnen und die festen Abfallstoffe von 6000 auf 1800 Tonnen. Diese Säuberungsaktion brachte dem Unternehmen gleichzeitig eine Kostenersparnis von 2,4 Millionen Dollar jährlich. Schon 1976 war sich das Topmanagement des Konzerns darüber im klaren, daß die durch höher geschraubte Umweltschutzanforerungen verursachten Kosten die Rentabilität des Unternehmens bedrohten. Das Management entschied sich, das Übel an der Wurzel zu packen und nach der Philosophie vorzugehen, daß Schadstoffe plus Know-how neue Ressourcen und neue Gewinnmöglichkeiten in sich bergen. Unter dem mittlerweile bekannt gewordenen Slogan 3P (pollution prevention pays) ergriff 3M die Initiative. Allein in den ersten neun Monaten seit Einführung der 3P-Programme in 3M-Betrieben in 15 Ländern wurden 70.000 Tonnen luftverschmutzende Stoffe und etwa zwei Milliarden Liter Abwässer abgebaut. Statt jedoch Kosten zu verursachen, brachte die reduzierte Umweltverschmutzung elf Millionen Dollar an Ersparnissen ein. Dadurch daß die Umweltverschmutzung als Indikator für Verschwendung und Möglichkeit der Erschließung neuer Gewinnquellen und nicht als kostenverursachender Faktor angesehen wurde, konnte 3M 1979 über 20 Millionen Dollar an Ersparnissen realisieren. 3)

Neue abfallfreie Technologien

Die durch Einführung solcher innovativen, abfallfreien Technologien möglichen Ersparnisse fallen von Industriezweig zu Industriezweig und von Werk zu Werk sehr unterschiedlich aus. Die meisten noch heute üblichen älteren Technologien und Fertigungsverfahren wurden gewählt und eingeführt, als Energie, Wasser und Rohmaterialien im Vergleich zur heutigen Zeit sehr viel weniger kosteten, und als die Kosten der Beseitigung von Schadstoffen aller Art entweder kaum ins Gewicht fielen oder völlig ignoriert werden konnten. Bei der Konzeption betrieblicher Produktionsanlagen stand die kurzfristige Renditefähigkeit, gemessen am abgezinsten Cash-flow, im Vordergrund aller Betrachtungen, so daß das Kriterium der langfristigen Betriebskosten gegenüber niedrigeren Anfangsinvestitionen weitgehend zurücktrat. Als Folge jener Investitionspolitik bieten viele Fertigungsanlagen und -prozesse in allen Branchen heute im allgemeinen gute Möglichkeiten, den Wirtschaftlichkeitsgrad zu verbessern, die Kosten zu senken sowie Ressourcenvergeudung und damit Abfallvolumen und Immissionsbelastungen zu senken. Selbst in hervorragend geleiteten Unternehmen, die mit höchstem Wirtschaftlichkeitsgrad operieren, werden immer wieder Möglichkeiten weiterer Effizienzsteigerung entdeckt, zum Nutzen der Allgemeinwirtschaft und der Umwelt. Im bibliographischen Anhang zu diesem Beitrag findet sich eine Fülle von Informationen darüber, was Unternehmen aus allen Teilen der Welt in bezug auf den Umweltschutz bisher getan haben. Dabei stammen viele der angeführten Beispiele aus Europa, was wohl dadurch zu erklären ist, daß dieser Kontinent seit langem hohe Energie- und Rohstoffkosten zu verrechnen hat, und weil das Umweltanliegen hier bereits längere Zeit virulent ist. Die Kraft-Wärme-Koppelung zum Beispiel, ein in den Vereinigten Staaten in letzter Zeit viel diskutiertes Thema, ist ein in Europa schon seit vielen Jahren routinemäßig eingesetztes Verfahren. In vielen europäischen Fabriken und kommunalen Einrichtungen werden Abfälle in speziell für diesen Zweck konstruierten Verbrennungsanlagen in Energie umgewandelt, und auch das Konzept der Fernwärme (Einsatz der Abwärme von Kraftwerken zur Wohnraumbeheizung) ist bekannt. Ebenfalls in Europa, in Finnland, wurde im Bereich der metallverarbeitenden Industrie das Outokumpu-Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe seit 1947 rund 98 Prozent der bei der Kupferverhüttung entstehenden schädlichen Schwefeldioxyddämpfe in schwefelige Säure, also in ein verkaufsfähiges Produkt, umgewandelt werden. 4) Ebendort führte auch die Methode des "Systems-Approach" zur Integration von Betrieben mit unterschiedlichen Prozessen zwecks gemeinsamer Aufbereitung der Abfälle in sauberen, produktiven, rentablen Betriebsabläufen, die 50 Prozent des eigenen Energiebedarfs decken kann. In Abbildung l ist dargestellt, wie eine Integration verschiedener Prozesse zu einem Gesamtsystem die Erzeugung nützlicher Produkte dukte bewirken und das Abfall- und Schadstoffvolumen gleichzeitig reduzieren kann. Europäer waren es auch, die mit einer neuen, als Wirbelschichtverfahren bekannten Technologie, das Problem des Säureregens in Angriff nahmen. In Schottland findet diese Technik auf breiter Basis Anwendung: Im Wirbelschichtverfahren werden 3,5 Prozent der Schwefelkohle mit einem Wirkungsgrad von 97 Prozent verbrannt, wobei 90 Prozent des Schwefels zurückbleiben. Ein Beispiel aus der Baustoff- und Extraktionsindustrie liefert English Clays: Aus Porzellanerdeabfällen stellt das Unternehmen Bauelemente für Fertighäuser her.

In der deutschen Stahlindustrie werden 99 Prozent des Brauchwassers im Zuge von Recycling- Verfahren wiederverwendet, während über 90 Prozent der festen Abfallstoffe zu nützlichen Materialien verarbeitet werden. Deutschland kann auch mit weiteren Beispielen aufwarten, so auf dem Gebiet der Kokerei, wo Koksöfen in abgeschlossenen Löschzonen aufgestellt werden, um Gas und Dampf als Energiequellen wiederzugewinnen und Luftverschmutzung zu unterbinden. In einem sowjetischen Ammoniakwerk werden Energieumwandlungs- und Brauchwasser- Recycling-Verfahren eingesetzt, um die Betriebskosten auf 40 bis 60 Dollar je Tonne zu senken. In der Industrie ist es weithin bereits gelungen, die Schadstoffemission zur Hälfte in einen gewinnbringenden Faktor umzuwandeln, anstatt im nachhinein die hohen Kosten der Abfallbeseitigung tragen zu müssen. Viele dieser Unternehmen haben ihre Heimat in Nordamerika. So setzt man bei dem mexikanischen Stahlwerk Hylsa den Eisenschwammprozeß ein, um das Verfahren der Direktreduktion in der Praxis einführen zu können und die massiven Immissionen der Koksöfen zu verhindern, für deren Beseitigung U.S. Steel im Stahlwerk Clairton erst kürzlich mehr als 600 Millionen Dollar aufwenden mußte. In Kanada beseitigt die Shell Oil ihren Raffinerieschlamm durch Unterpflügen: Das so behandelte Prärieland bringt jetzt einen Mehrertrag an Gerste von 18 bis 31 Prozent. In einer Papierfabrik an der Thunder Bay (Ontariosee) setzt die Great Lakes Paper Co. Ltd. seit drei Jahren den sogenannten Rapson-Reeve-Prozeß ein, der weder so viel Schmutz erzeugt wie konventionelle Verfahren noch so unwirtschaftlich wie die spätere Installation teurer Umweltschutzeinrichtungen ist. 5) Dieses Verfahren basiert ebenfalls auf dem Prinzip des geschlossenen Kreises, wobei Pulpe billiger produziert wird als in einem konventionellen Werk. In den Vereinigten Staaten sind die Papierfabriken inzwischen dazu übergegangen, ihre Industrieabfälle als mögliche neue Gewinnbringer zu betrachten. 6) So etwa Union Camp, das seine Abfälle für acht Cent je Kilogramm verkaufte, heute jedoch Duft- und Aromastoffe daraus gewinnt, die über zwei Dollar je Kilogramm wert sind. Union Camp konnte so seinen Umsatz an Chemikalien auf 100 Millionen Dollar jährlich steigern. Als Nebenprodukt seines Betriebs in Bellingham im amerikanischen Bundesstaat Washington erzeugt Georgia Pacific 95prozentigen Alkohol, der so rein ist, daß das amerikanische Finanzministerium Kontrollbeamte beauftragt hat zu überwachen, daß Alkohol nicht zu Schnaps verarbeitet wird bevor er an industrielle Verbraucher weiterverkauft wird. Bei Westvaco erwies sich die Umwandlung von Abfallstoffen in andere Produkte als derart rentabel, daß das Unternehmen eigens eine Tochtergesellschaft für den Chemiebereich schuf - mit vier Fabriken und einem mit 80 Wissenschaftlern besetzten Forschungszentrum. In den letzten fünf Jahren konnte Westvaco die Umsätze seines Chemiebereichs auf 45 Millionen Dollar verdoppeln - aus Materialien, die einst zum Müll geworfen wurden. Ein ähnlicher Umdenkprozeß hat mittlerweile auch in anderen US-Industrien eingesetzt. So fand Dow Corning heraus, daß die Rückgewinnung von Chlor und Wasserstoff, die bei der Herstellung von Silikon bisher ungenutzt in der Atmosphäre verloren gingen, die Betriebskosten um 900 000 Dollar jährlich senken konnte. Um das neue Verfahren zu nutzen, wurde eine Anlage für 2,7 Millionen Dollar installiert, so daß diese Kapitalinvestition jetzt eine Rendite von 33 Prozent jährlich bringt. In einer Geflügelschlachterei der Goldkist-Genossenschaft wurden verbesserte Schlachtverfahren eingeführt, dank denen der Wasserverbrauch um 32 Prozent und das Abfallvolumen um 66 Prozent reduziert werden konnte; jeder in dieses Verfahren investierte Dollar erbrachte einen Jahresnettogewinn von 2,33 Dollar. Der Vorstandsvorsitzende der Hanes Dye and Finishing Company bezeugt, daß "die Säuberung unserer Schornsteinabgase und die Neutralisierung unserer Abwässer zwar ein teures Unterfangen war. Per Saldo haben wir wir aber dank dieser Umweltschutzanstrengungen verdient. Der Umweltschutz erwies sich für die letzte Zeile in unserer Gewinn- und Verlustrechnung als eindeutige Hilfe." All diese Beispiele bestätigen den Eindruck, daß die in vielen Branchen verursachte Verunreinigung unserer Umwelt zu einem großen Teil nur auf Ineffizienz und Verschwendung zurückzuführen ist - Verschwendung, die in Gewinn umgewandelt werden kann.

Gewinn durch Reorganisation

Auf welche Weise können Unternehmen die sich ihnen bietenden Umweltschutzchancen am besten nutzen? Bei 3M liegt der Schlüssel zum Erfolg in der konzernweiten Anerkennung der Bedeutung, die der technologischen Innovation im Streben nach größerer Wirtschaftlichkeit und Rentabilität zukommt, in der Delegierung von Verantwortung und Initiative bis hinunter zur Werkebene sowie in der Belohnung aller Mitarbeiter des Unternehmens, die an den 3P- Programmen teilnehmen. Als Vorstandsverantwortlicher für Umweltschutz und Technik koordiniert Joseph T. Ling die diesbezüglichen Anstrengungen des Konzerns im Hauptsitz in St. Paul, Minnesota. Ling arbeitet direkt mit den entsprechenden Managern der überseeischen 3M-Niederlassungen zusammen, in Großbritannien zum Beispiel mit dem Manager für technische Dienstleistungen und einem Zentralausschuß für Energie- und Umweltfragen. Besagter Manager füngiert als Vorsitzender dieses Ausschusses, der sich aus insgesamt sechs Personen zusammensetzt; die übrigen fünf Mitglieder sind: ein Vertreter der Rechnungsabteilung, der Leiter der Zentralabteilung Technik, der Manager des Fertigungsbereichs, der Wartungsingenieur und der PR-Verantwortliche. Jede 3M-Fabrik bildet ihren eigenen Energie- und Umweltausschuß, der sich zusammensetzt aus dem Betriebsingenieur, der gleichzeitig den Vorsitz führt, dem Produktionsleiter, dem Verfahrensingenieur, dem Leiter der Wartung und Instandsetzung, dem Kontrollingenieur, dem Abteilungsingenieur und einem Industrial Engineer. Den Ausschußmitgliedern ist die Aufgabe gestellt, Zielvorgaben für die Vermeidung von Abfällen festzulegen, entsprechende Programme zusammen mit der Belegschaft auszuarbeiten und einzuführen, dem Management Berichte über Fortschritte vorzulegen, realiserte Ersparnisse zu prüfen und den Zentralausschuß zu informieren. Bei 3M sind alle Belegschaftsmitglieder, von den Arbeitern in den Fabriken bis zum Topmanagement mobilisiert, um mit ihrem Wissen, ihren Kenntnissen und Beobachtungen zu den in Angriff genommenen Umweltprogrammen beizutragen. Um in das 3P-Programm einbezogen zu werden, muß ein Vorschlag zur Eliminierung oder Reduzierung eines Schadstoffes führen, den Energieverbrauch einschränken oder den rationelleren Einsatz von Rohstoffen wie Wasser ermöglichen. Der Vorschlag muß innovative Merkmale enthalten und sich durch eine Verminderung von Schutzmaßnahmen oder deren zeitlichen Aufschub, verringerte Fertigungskosten, erhöhte Umsätze an bestehenden oder neuen Produkten oder durch reduzierte Kapital- oder Betriebskosten finanziell auswirken. Bei 3M konnte die Immissionsbelastung wirksam gemindert werden nicht durch Installation umweltschützender Anlagen, sondern durch Produktneuformulierung, konstruktive Anlagenveränderung, Prozeßmodifizierung oder durch die Rückgewinnung wiederverwertbarer Materialien. Eine auf Ordnung und Sauberkeit bedachte Betriebsführung liefert die Basis für erfolgreich betriebenen Umweltschutz in den meisten von mir erwähnten Unternehmen. Vielfach jedoch sind diese Unternehmen durch computergesteuerte Optimierungsprogramme auf die bestmöglichen Methoden gestoßen. Ausgeklügelte Computerprogramme haben dabei geholfen, intuitive Vorschläge individuell und in Verbindung mit anderen zu betrachten. Durch den Computereinsatz war es außerdem möglich, eine Kapitalertragsrangfolge für Investitionen, nach dem Grad reduzierter Umweltbelastung gestaffelt, zu erstellen. Im Management dieser Unternehmen setzte sich die Erkenntnis durch, daß der wirtschaftlichste Weg, Umweltverschmutzung zu reduzieren, nicht der Ruf nach den Herstellern entsprechender Anlagen ist, sondern vielmehr darin besteht, Vergeudungsquellen in den jeweiligen Betriebsabläufen aufzudecken, Material-, Energie- und Wassereinsatz aufeinander abzustimmen, Trends in der Gesetzgebung aufmerksam zu verfolgen und künftige Abfallbeseitigungs- oder Aufbereitungskosten aus der Perspektive der gegenwärtigen Kostenlage zu prognostizieren. Aus dieser Vorgehensweise entstehen Aktionsprogramme, die sich unter anderem erstrecken auf reduzierten Energieverbrauch durch den Einsatz wiedergewonnener Wärme, Zusammenlegung wärmeerzeugender und wärmeverbrauchender Prozesse, Kraft-Wärme-Kopplung, Herabsetzung von Wärme- und Kälteverlusten und auf die Modifikation von Prozeßvariablen wie Temperaturen, Kompressor- und Pumpenbelastung sowie Siedepunkte. Nachdem es gelungen ist, einen beträchtlichen Prozentsatz des Aufkommens an Abfallstoffen zu eliminieren, erfolgt der Übergang in das nächste Stadium. Dabei geht es darum, Abfallstoffe zum größtmöglichen Teil an andere Nutzer zu verkaufen und verunreinigte Reststoffe in zweckgebundenen Spezialanlagen aufzubereiten und in brauchbare Rohmaterialien oder Produkte umzuwandeln. Als nächstes wird das Selbstreinigungs- und Dispersionspotential des eigenen natürlichen Umfeldes abgeschätzt, und es werden Richtlinien für die verbleibenden Abfallreststoffe in Verbindung mit den staatlichen und kommunalen Behörden festgelegt. Wo immer möglich, haben diese Unternehmen Klär- und Aufbereitungsanlagen gemeinschaftlich errichtet, zum Beispiel Airco Alloy und eine Papierfabrik in Schweden oder die Großbrauerei Bass Charrington in Gemeinschaft mit den kommunalen Behörden der britischen Stadt Runcorn, um aus dem Umstand Nutzen zu ziehen, daß die Abfallstoffe beider Abwässererzeuger kompatibel waren, also miteinander vermischt werden konnten. Im allgemeinen wurden die Aufbereitungsanlagen auch unter Einsatz der eigenen Belegschaft erstellt, um ein später kommerzialisierbares Know-how zu entwickeln.

Wachstumsanstöße

Während derartige, positiv zu wertende Schritte zu besserem Umweltschutz Unternehmen dabei helfen können, ihre Gewinne zu stabilisieren, sollte man über einen zweiten wichtigen Punkt ebenfalls nicht hinwegsehen: Umweltbewußtsein kann ebenfalls zu einer Wachstumshilfe werden. Im Rechnungsjahr 1980 entwickelte sich der Umweltschutz in den Vereinigten Staaten zu einem Geschäft von fast 50 Milliarden Dollar Umsatz, und dieser Sektor wächst seit einiger Zeit um 20 Prozent jährlich. Im Zuge dieser Entwicklung sind neue Unternehmen wie Pilze aus der Erde geschossen. In der Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel haben sich in letzter Zeit mehr als 200 Unternehmen etabliert, die für den Umweltschutzbereich Produkte und Dienstleistungen liefern. In den Vereinigten Staaten gibt es Unternehmen wie Apollo Chemical Co., das vor etwa 15 Jahren begann, mit zehn Mitarbeitern Anlagen zur Reduzierung der Luftverschmutzung herzustellen. Heute gehören zur Belegschaft über 400 Mitarbeiter, und das Unternehmen unterhält Tochtergesellschaften in allen Teilen der Welt. Ein weiteres Beispiel liefert die Firma Waste Management Inc., ein Unternehmen, das sich mit einer neuen Technologie der Müllverarbeitung beziehungsweise -beseitigung widmet und daraus Umsätze von 350 Millionen Dollar erwirtschaftet. Noch bedeutungsvoller ist die Entwicklung bei vielen Großkonzernen, die ihr Organisationsgefüge um spezielle Firmen oder Divisions erweitern. In den USA sind es unter anderen Boeing, FMC, Exxon, Dow Chemical, 3M und Caterpillar Tractor, in Europa beispielsweise Shell, BP, Ciba- Geigy, Krupp und Philips. In Großbritannien verfügt der ICI-Konzern allein über drei Umwelt-Divisions: eine Sparte für allgemeine Umwelttechnik, Armaturen und Anlagen, eine für Abwässerbehandlung in Tiefschachtsystemen und eine dritte für allgemeinen biologischen Umweltservice und die Vermarktung von Filterelementen aus Kunststoff. Die früher nur in der Verpackungsbranche tätige schwedische PLM Company hat mittlerweile auch in die Rohstoffgewinnung diversifiziert und ihre Umsätze auf diese Weise auf 500 Millionen Dollar verdoppeln können. 7) Wenn solche Diversifikationen ins Auge gefaßt werden, ist es erforderlich, den neuen Tätigkeitsbereich mit bestehenden Unternehmensstärken zu verknüpfen. Demzufolge stellt die dänische Firma Destrugas bei der Müllpyrolyse (Hitzezersetzung von Abfallstoffen) Heizgas her, Union Carbide produziert Ammoniak, und Occidental Petroleum setzt den Prozeß zur Gewinnung von Heizöl ein. Üblicherweise entstehen aus technologischer Innovation neue Wachstumsbereiche; die Innovation selbst resultiert zumeist aus externer Erfordernis oder Druckausübung. So erzeugen auch die Pressionen des Umweltschutzes Innovation. Abbildung 2 veranschaulicht die Ergebnisse einer Studie des Massachusetts Institute of Technology, in der insgesamt 164 Innovationen nachgewiesen sind, die aufgrund des Drucks von Umweltschützern oder Behörden entstanden sind.

Aktivitäten, die auf das Bemühen um mehr Umweltschutz zurückzuführen sind, stimulieren das Wirtschaftsleben auch weiterhin. In Ländern wie der USA macht dieser Geschäftsbereich geschätzte zwei Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Und auf der Environmental Improvement Council Conference, einer im Jahre 1977 abgehaltenen Fachtagung des amerikanischen Rates für Umweltschutzfragen, wurde die Zahl der direkt und indirekt dem Sektor Umweltschutz zuzuordnenden Arbeitsplätze auf zwei Millionen beziffert, während sich die Zahl der durch das amerikanische Umweltschutzgesetz (National Environmental Policy Act) direkt geschaffenen Arbeitsplätze auf rund 75 000 beläuft. 8) Laut einer Schätzung der ökonomischen Auswirkungen amerikanischer Umweltschutzgesetze aus dem Jahre 1978 läuft sich der seit 1970 aus der Verbesserung der Luftqualität resultierende jährliche Nutzen auf 21,4 Milliarden Dollar, während der auf die Verbesserung der Wasserqualität zurückzuführende Jahresgesamtnutzen 1985 circa 12,3 Milliarden Doller ausmachen wird. 9) Weiteren Schätzungen zufolge haben die in den USA erlassenen Umweltschutzbestimmungen den Verbraucherpreisindex bis Ende 1980 um 0,1 Prozent erhöht, die Arbeitslosigkeit um 0,4 Prozent gesenkt und das Bruttosozialprodukt um 9,3 Milliarden Dollar gesteigert. Im Rezessionsjahr 1974 führten die Japaner strenge Umweltschutzbestimmungen gesetzlich ein, um auf diese Weise dem Bau- und Maschinenbausektor neue Impulse zu geben und damit die Konjunktur insgesamt anzukurbeln. Seither sind 20 Prozent des japanischen Wirtschaftswachstums auf die seinerzeit erlassenen neuen Umweltschutzgesetze zurückzuführen. 10) Gerade auf dem Sektor fortschrittlicher Umweltschutzsysteme wie Pyrolyse und Rauchgasentschwefelung haben sich japanische Unternehmen eine in der Welt führende Position erobern können. In Schweden wurden im Jahre 1970 angesichts wirtschaftlicher Rezession ähnliche Maßnahmen ergriffen. Die schwedische Regierung erließ damals ebenfalls restriktive Umweltschutzgesetze, bot der Industrie jedoch gleichzeitig Zuschüsse von bis zu 75 Prozent des Kaufpreises von Umweltschutzanlagen und Einrichtungen an, sofern diese noch vor 1975 installiert würden. Als Folge dieser Politik verzeichnete das Land eine wesentliche Verbesserung seiner Umweltqualität und gleichzeitig eine massive konjunkturelle Belebung der bedeutenden Wirtschaftssektoren Bauindustrie, Maschinenbau und Chemie. Schweden überwand die Rezession, und wie in Japan konnten sich Unternehmen entwickeln, die heute zu den fortschrittlichsten, in der Welt führenden Herstellern von umwelttechnischen Anlagen, Chemikalien und Know-how zählen.

Die Tüchtigsten überleben

Beim Abstecken ihres zukünftigen Wachstumskurses werden Industrieunternehmen wie auch Nationen den Belangen des Umweltschutzes mehr und mehr Rechnung tragen müssen. Das Ziel jeden Unternehmens ist es zu überleben. Ob dieses Ziel erreicht wird oder nicht, hängt in hohem Maße von der Fähigkeit des Unternehmens ab, sich an seine Umgebung anpassen zu können. Weltbekannte Konzerne wie Shell und BP richten ihre Entwicklung nach prognostizierten Szenarios aus. Darin werden alle möglichen Umweltbedingungen beschrieben, die auf das Unternehmenswachstum Einfluß haben könnten. Im Topmanagement werden die wichtigen strategischen Entscheidungen entsprechend den so gezeichneten Zukunftsbildern gefällt. Bei AKZO, dem multinationalen niederländischen Chemiekonzern, werden weitreichende, ausgeklügelte Szenarios erstellt, die auf den gesellschaftlichen, politischen, physikalischen, wirtschaftlichen und technologischen Umwelt- und Umfeldaspekten basieren, die nach Ansicht der Prognostiker in Zukunft beherrschenden Einfluß ausüben werden. Anhand dieser umfassenden Vorausschau wird bestimmt, welche Produkte und Dienstleistungen am besten in das erwartete Zukunftsbild hineinpassen werden. Ständig nimmt auch die Zahl der Unternehmen zu, die die Auswirkungen geplanter Projekte auf die Umwelt vorher bewerten. Einige, wie die staatliche holländische Bergwerksgesellschaft DSM, die sich mittlerweile auch zu einem großen, erfolgreichen multinationalen Chemiekonzern entwickelt hat, gehen dabei so weit, daß sie intern "öffentliche Hearings" über entsprechende Umweltgutachten simulieren. Dabei übernehmen Mitglieder des Firmenstabs die Rolle der kommunalen Vertreter und Umweltschützer, um auf diese Weise Gefahren und Problempunkte so frühzeitig zu erkennen, daß Abhilfe geschaffen werden kann, solange Kosten und Zeitaufwand dafür noch minimal sind. Industrieunternehmen, die sich solchen und ähnlichen Programmen unterwerfen, erkennen die Berechtigung des Umweltanliegens an und ermutigen ihre eigenen Mitarbeiter zu schärferem Umweltbewußtsein. Sie können so die negativen Auswirkungen ihrer neuen Projekte minimieren und die positiven maximieren. Auch können sie auf diese Weise verhindern, daß ihre Projekte durch richterlichen Beschluß oder durch die Protestaktionen von Bürgerinitiativen blockiert werden. Wenn sie sich die Auswirkungen ihrer Projekte auf die Umwelt rechtzeitig zum Anliegen machen, können so taktierende Unternehmen kostspieligen Verzögerungen, schweren finanziellen Belastungen und einer schlechten Presse aus dem Wege gehen.

Der Lohn des
Umweltbewußtseins

Wenn Unternehmen ökonomische Fragen aus ökologischer Sicht und ökologische Fragen aus ökonomischer Sicht betrachten, kann sich Vermeidung von Umweltverschmutzung in bezug auf drei wesentliche unternehmensstrategische Zielsetzungen auszahlen. * Durch die Konzentration der Aufmerksamkeit auf effiziente Betriebsabläufe ohne Abfall und Vergeudung kann sich die Gewinnlage verbessern. * Durch die Erforschung neuer Bereiche, in denen Produkt- und Dienstleistungsangebote entwickelt werden, kann weiteres Wachstum entstehen. * Und dadurch, daß Konflikten um neue Projekte aus dem Wege gegangen und statt dessen deren Akzeptanz durch die betroffene Öffentlichkeit erreicht wird - was dann möglich ist, wenn diese Projekte auch aus der Perspektive neu entstandener Umweltwerte betrachtet werden -, kann das Unternehmen seine Überlebenschance entscheidend verbessern.

Anhang: Eine Bibliographie
abfallfreier Technologien

Falls die Quellenangaben in dieser Bibliographie nicht ausreichen, können Anfragen unter Angabe des Originaltitels direkt an den Autor gerichtet werden: Center for Education in International Management, 4, Chemin des Conches, 1231 Conches-Genf, Schweiz.

Quellen

1) Ministere de la Qualite de la Vie: "Usines Propres"; Paris 1976. 2) Siehe mein Buch: "Pollution Prevention Pays"; Oxford 1979, Pergamon Press. 3) Joeph T. Ling: "Developing Conservation Oriented Technology for Industrial Control"; in: Non-Waste Technology and Production, Oxford 1978, Pergamon Press, S. 313. 4) S. Harkki: " The Outokumpu Flash Smelting Method"; in: Non- Waste Technology and Production, Oxford 1978, Pergamon Press. 5) United Nations Economic Commission for Europe: "The Rapson- Reeve Process, A Case Study"; Compendium of Low-Waste and Non- Waste Technology, Genf 1980, Palais des Nations. 6) United Nations: "Money from Wastes"; in: Development Forum. Januar-Februar 1977, S. 3. 7) I. Flory: "Separation of Paper, Glass and Tinplate from Waste in Residential and Industrial Areas"; ELMIA Conference, Jönköping, Schweden, Oktober 1976. 8) Eighth Annual Report of the Council on Environmental Quality, Washington D.C. 1977, U.S. Government Printing Ofice, S. 332. 9) Tenth Annual Report of the Council on Environmental Quality; Washington D.C. 1980, U.S. Government Printing Office, S. 655-662. 10) Organization for Economic Cooperation and Development: "Prevention Less Costly than Cure": in: OECD Observer. Mai 1979, S. 9. 11) Organization for Economie Cooperation and Development: "The Environment and Current Economic Problems"; und "The State of the Environment"; in: OECD Observer, Mai 1979, S. 29. Copyright: © 1982 President and Fellows of Harvard College; ursprünglich veröffentlicht in "Harvard Business Review" unter dem Titel "Making Pollution prevention pay"

Michael G. Royston
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 6 / 13
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel