Zur Ausgabe
Artikel 21 / 21
Vorheriger Artikel

Zeitmanagement Weniger arbeiten - mehr leisten

Berater, Banker, Wirtschaftsprüfer, Manager - sie alle haben das Gefühl, immer im Dienst zu sein. Doch niemand muss sich zum Sklaven von Blackberry und engen Projektvorgaben machen. Ein groß angelegtes Experiment bei der Boston Consulting Group zeigt, wie kluges Zeitmanagement Zufriedenheit und Produktivität erhöht.
aus Harvard Business manager 12/2009

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Für die meisten modernen Wissensarbeiter ist es selbstverständlich geworden, der Arbeit allerhöchste Priorität einzuräumen. Vor allem Manager, Investmentbanker und Unternehmensberater sind überzeugt davon, dass ein Allzeit-bereit-Arbeitsethos unerlässlich ist, wenn sie und ihr Unternehmen Erfolg haben wollen.

Die Zahlen sprechen für sich: Laut einer Umfrage, die wir im Jahr 2008 unter 1000 solcher Mitarbeiter durchführten, arbeiten 94 Prozent mindestens 50 Stunden pro Woche. Fast die Hälfte der Befragten brachte es sogar auf mehr als 65 Wochenstunden. Und dabei sind die 20 bis 25 Stunden pro Woche noch nicht eingerechnet, in denen die meisten von ihnen ihre Blackberrys checken, wenn sie nicht im Büro sind. Außerdem gaben die Befragten an, fast immer innerhalb von einer Stunde auf die Nachricht eines Kollegen oder Klienten zu antworten.

Trotzdem können Berater und andere Angehörige der sogenannten Professional Service Firms (also auch Investmentbanker, Wirtschaftsprüfer, Anwälte und IT-Experten) höchste Anforderungen an die Qualität ihrer Arbeit erfüllen und sich dabei regelmäßige, ununterbrochene Auszeiten gönnen. Das zeigen unsere Forschungen der vergangenen vier Jahre in mehreren nordamerikanischen Büros der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Man muss die kollektive Überzeugung, dass alle Mitarbeiter ständig verfügbar zu sein haben, nur einmal infrage stellen. Dann zeigt sich sehr rasch, dass die Berater sich nicht nur regelmäßig freinehmen können, sondern dass auch die Qualität ihrer Arbeit davon profitiert. Unsere Experimente mit geplanten Auszeiten stießen einen offeneren Dialog unter den Teamkollegen an, was an sich schon von Vorteil ist. Aber nicht nur das: Die verbesserte Kommunikation setzte auch neue, effizientere und effektivere Arbeitsprozesse in Gang.

Lead Forward

Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte

Antonia Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business managers, teilt Wissen aus den besten Managementhochschulen der Welt und ihre eigenen Erfahrungen mit Ihnen. Einmal die Woche direkt in Ihr Email-Postfach. 

Jetzt bestellen

Wir bezeichnen die vorher genau festgelegten Zeitspannen, die Berater sich freinehmen mussten, als "geplante Auszeiten". Diese kommen noch zu der Zeit hinzu, die sie in Phasen mit geringerem Arbeitsanfall schon immer freigenommen haben. Wir legten die geplanten Auszeiten zu Beginn eines Projekts fest und forderten die Mitarbeiter dazu auf, sich diese Zeiten hundertprozentig freizuhalten - sie durften also weder ihre E-Mails abrufen noch ihren Anrufbeantworter abhören. Dieses Konzept war vielen Beratern so fremd, dass wir einige förmlich dazu zwingen mussten, sich an ihre Auszeiten zu halten, vor allem wenn diese in Phasen hoher Arbeitsintensität fielen. Letztendlich begannen die Berater ihre geplanten Auszeiten jedoch zu genießen und freuten sich darauf - vor allem als sich herausstellte, dass davon auch die Qualität ihrer Arbeit profitierte.

Als die Folgen der Rezession BCG schmerzhaft trafen, hatten wir dort schon über zehn mehrmonatige Auszeitexperimente geleitet. In dieser Zeit des wirtschaftlichen Zusammenbruchs standen die Mitarbeiter von Professional Service Firms unter noch größerem Zeitdruck als sonst. Dies bestätigt auch eine unserer Studien, für die wir kürzlich 250 Menschen aus dieser Berufsgruppe befragt haben: 66 Prozent der Umfrageteilnehmer berichteten von vermehrtem Druck in ihrem Arbeitsalltag; bei 36 Prozent war sogar ein deutlich höherer Druck zu spüren.

Angesichts der schweren wirtschaftlichen Einbußen infolge der Wirtschaftskrise nahmen die Führungskräfte bei BCG den Nutzen der geplanten Auszeiten nochmals genauer unter die Lupe. Letztlich beschlossen sie aber doch, diesen scheinbar kontraproduktiven Ansatz weiterzuverfolgen, mit dem sie die Effizienz und Effektivität ihrer Arbeit steigern wollten. Nach Ansicht der BCG-Chefs nutzt die Methode keineswegs nur einzelnen Mitarbeitern. In erster Linie geht es darum, einen Talentpool aus engagierten, qualifizierten Mitarbeitern im Unternehmen zu halten und langfristig produktivere Arbeitsprozesse zu entwickeln.

Um zu verstehen, wie effektiv solche geplanten Auszeiten sein können - in wirtschaftlich guten wie in schlechten Zeiten -, schauen wir uns nun gemeinsam die Experimente bei BCG an.

Undenkbar? Denken Sie neu

Die Anforderungen von Beratungsprojekten variieren sehr stark und hängen von den verschiedensten Parametern ab, zum Beispiel vom Umfang der Arbeit, von der Beziehung zum Kunden und den erforderlichen Reisen. Daher achteten wir in unserem ersten Experiment darauf, dass die Auszeitvorgaben strikt eingehalten wurden. Ganz bewusst wählten wir ein Team aus vier Beratern, das für einen Klienten arbeitete, der BCG sehr wichtig war. Für das Projekt mussten Berater und Kunde täglich kommunizieren. Daher glaubten die Berater, dass sie unbedingt vier Tage in der Woche am Standort des Kunden präsent sein mussten. Wir jedoch gaben die Anweisung, dass sich jedes Teammitglied einen ganzen Tag pro Woche freinehmen müsse. Da so jeder Teamkollege nur noch zu 80 Prozent in das Projekt eingebunden war, holten wir einen fünften Berater ins Team, damit der Kunde weiterhin eine Betreuung erhielt, die der von vier Vollzeitberatern entsprach.

Weiterlesen mit Harvard Business manager+

Das Wissen der Besten – zu den wichtigen Fragen rund um Führung, Strategie und Management.

Wir liefern Ihnen Knowhow aus den renommiertesten Hochschulen der Welt, anschaulich und umsetzbar für Ihren Alltag als Führungskraft.

Ihre Vorteile mit Harvard Business manager+

  • Der Harvard Business manager

    Wissen, Werkzeuge und Ideen für nachhaltigen Erfolg – als E-Paper

  • Zugang zu den besten Texten der vergangenen Jahre

    Inspiration, Leadership-Skills und Praxistipps für erfolgreiche Führungskräfte

  • Einen Monat kostenlos testen

    jederzeit online kündbar

Ein Monat für 0,00 €
Jetzt für 0,00 € ausprobieren

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit manager+

Immer einen Einblick voraus

Ihre Vorteile mit manager+

  • manager magazin+

    in der App

  • Harvard Business manager+

    in der App

  • Das manager magazin und den Harvard Business manager lesen

    als E-Paper in der App

  • Alle Artikel in der manager-App

    für nur € 24,99 pro Monat

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

manager+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 24,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um manager+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem manager-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung .

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 21
Vorheriger Artikel