Zur Ausgabe
Artikel 4 / 20
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Risikomanagement Wie es mit der Globalisierung weitergeht

Pulitzer-Preisträger Daniel Yergin erklärt, wie international tätige Unternehmen in den nächsten 20 Jahren bestehen können. Er rät, einen Blick in die Historie zu werfen und daraus zu lernen.
aus Harvard Business manager 8/2004

Energieunternehmen sind besonders bestrebt, ihre Risiken zu reduzieren. Können Manager aus anderen Branchen von den Erkenntnissen dieser Firmen profitieren?

YERGIN Die Mineralölwirtschaft ist seit 140 Jahren ein internationales Geschäft. Die Verantwortlichen haben es gelernt, langfristig zu denken und weltpolitische Risiken ernst zu nehmen. Risikoanalyse ist für sie keine kurzfristige Sache, die sie nur ab und zu betreiben. Ein Unternehmen muss sich ständig mit diesem Thema beschäftigen, um vorbereitet zu sein, falls die Spielregeln sich plötzlich ändern. Deshalb führen wir mit Firmen eine Szenario-Planung durch.

Viele Unternehmen außerhalb der Energiebranche haben erst in den vergangenen 10 bis 20 Jahren begonnen, internationale Märkte zu erobern. Einige expandierten in den 90er Jahren, als sich der Welthandel verdoppelte und die Grenzen sich öffneten. Das war eine optimistische Zeit.

Die relativ neuen Mitspieler auf dem internationalen Parkett können also die Erfahrungen der Mineralölbranche mit langfristigen Investitionen im Weltmarkt nutzen. Sie können lernen, "die Pfeil' und Schleudern des wütenden Geschicks zu erdulden" (Anm. d. Red.: Zitat aus "Hamlet" von William Shakespeare).

Sie können ihr Risiko reduzieren, indem sie mit internationalen Kreditinstituten, etwa der Weltbank, kooperieren oder eine Partnerschaft mit Firmen vor Ort eingehen. Ein Unternehmer muss sehr hart an sich arbeiten, um keine einseitig nationale Perspektive zu haben - das ist eine wichtige Erkenntnis der Globalisierung. Was zu Hause gilt, lässt sich nicht un- bedingt auf Gesellschaften mit anderer Kultur und Politik übertragen. Eigene Erfahrungen und Vorurteile dürfen Manager nicht daran hindern, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Und sie brauchen Durchhaltevermögen!

Wie funktioniert die Szenario-Planung?

YERGIN Sie müssen mehrere in der Zukunft mögliche Entwicklungen durchspielen. Wir leben in einem anderen Zeitalter als noch vor zehn Jahren. Eine zentrale Frage der Szenario-Planung ist: "Wie geht es mit der Globalisierung in einem Umfeld von Unsicherheit und Konflikten weiter?" Wir arbeiten mit mehreren Firmen zusammen, um die Folgen von drei möglichen Szenarien auf Geschäftserwartungen und -strategien zu erforschen:

Das erste Szenario nenne ich "Globalität". Dahinter steckt eine gut funktionierende, internationale Wirtschaft mit expandierendem Handel, Mobilität von Menschen, Transfer von Ideen und einem steigenden Lebensstandard. Das zweite Szenario ist der "Leviathan": Regierungen gewinnen die Kontrolle über Wirtschaft und Gesellschaft zurück. Das Dritte wäre die "Zersplitterung" - eine durch Konflikte und Wirtschaftskrisen gespaltene oder sogar zerstörte Welt.

Wir nutzen solche Szenarien; weisen auf Signale hin und versuchen, Überraschungen zu antizipieren. Während wir die unterschiedlichen Möglichkeiten untersuchen, fragen wir: "Welche Folgen hätte eine Zersplitterung für unser Geschäft?" Oder: "Welche Wirkung hätte ein Leviathan-Umfeld auf unsere Strategie?" Diese Methode erlaubt es, eine objektive Diskussion zu führen und den Einfluss von Hierarchien zu beschränken. Dadurch entsteht ein offener Austausch von Ideen, der wiederum flexiblere Strategien ermöglicht.

So können Sie sich gegen einen Abschwung wappnen, sich auf eine neue Welle der staatlichen Regulierung einstellen oder sich auf einen neuen Wettbewerber vorbereiten. Und diese Methode hilft, sich geschickter an Veränderungen anzupassen als die Wettbewerber. Vor dem Anschlag auf das World Trade Center hätte diese Vorgehensweise vielleicht bisher unbeachtete Risiken aufdecken können. Heute hingegen sehen viele Firmen nur noch das Risiko. Die Szenario-Planung könnte ihnen helfen, ihre Belagerungsmentalität abzustreifen und neue Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Ist die zweite Welle der Globalisierung vorbei?

YERGIN Nein, sicher nicht. Zugegeben: Es ist heute schwieriger, weltweit Geschäfte zu machen, als vor einigen Jahren; die Bedrohungen sind offensichtlicher. Dinge können sich schlagartig ändern, das lehrt die Geschichte. Während der ersten Welle der Globalisierung - im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert - waren alle Beteiligten sehr optimistisch. Es war das Zeitalter des Fortschritts. Vor dem Ersten Weltkrieg war das Pfund Sterling das Fundament der internationalen Wirtschaft, der Welthandel wuchs um 33 Prozent im Jahr, und die Dampfmaschine und der Telegraf ließen die Entfernungen schrumpfen.

Diese heile Welt wurde 1914 in Sarajewo durch die Kugel eines Attentäters abrupt zerstört (Anm. der Red.: Am 28. Juni 1914 erschoss ein serbischer Nationalist Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger Österreich-Ungarns; das Attentat gilt als Auslöser des Ersten Weltkriegs). Bis die Weltwirtschaft wieder funktionierte, dauerte es fast 80 Jahre.

Als wir die Dreharbeiten für die TV-Dokumentation "Commanding Heights" fast beendet hatten, klang mir noch der Kommentar des österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers Friedrich von Hayek im Ohr, der als Kontrahent John Maynard Keynes' auftritt: Von Hayek sagte im Hinblick auf die Folgen des Ersten Weltkriegs: "Wir waren uns nicht bewusst, wie verwundbar unsere Zivilisation ist."

Heute ist es vorbei mit dem Optimismus. Die übertriebene Begeisterung für die Globalisierung ist passé, die Vorstellung einer grenzenlosen Welt, in der unausgesprochen jeder wie ein Amerikaner sein wollte und die Märkte so bearbeitete, wie ein Amerikaner es tun würde. In vielen Teilen der Welt funktionierte das eben nicht. Sogar in Europa hat die Idee des Shareholder-Value ihre Popularität verloren. Was sich anscheinend zu einer tiefen kulturellen Kluft zwischen Amerikanern und Europäern entwickelt, schafft neue Risiken für den Handel. Es könnte außerdem genau die Art von Kooperation gefährden, die unsere komplexe internationale Wirtschaft braucht.

Doch die Globalisierung ist immer noch da. Wir leben in einer immer stärker vernetzten Welt. Die Technik, die ihr zugrunde liegt, wird sich nicht zurückentwickeln oder verschwinden. Denken Sie an den Boom, den die Verbreitung des Radios in den 20er Jahren nach sich zog! Der Kurs der Aktie der Radio Company of America stieg von einem Dollar auf 600 Dollar - und fiel dann mit dem großem Börsenkrach 1929 wieder auf ein Paar Cent. Es war ein kurzlebiger Hype. Doch danach war das Radio immer noch da: Es blieb eine Technik des Umbruchs.

Nach den Kurseinbrüchen der letzten Jahre ist auch diese fieberhafte Spekulation vorbei. Aber das Vermächtnis der zweiten Welle der Globalisierung wird bleiben; neue Techniken, die im Zuge des Börsenfiebers auf den Markt kamen, werden auch künftig unser tägliches Leben bestimmen.

Welche Branchen werden das Wachstum in den kommenden 20 Jahren maßgeblich beeinflussen?

YERGIN Trotz des Konjunktureinbruchs werden es Informationstechnologie, Kommunikation und Biotechnik sein. Doch ebenso wichtig wird die Frage sein: "Wer macht was in 20 Jahren?" Wird China auf Dienstleistungen und Produktion spezialisiert sein? Werden die politischen Institutionen in Indien eine stärkere Integration in die Weltwirtschaft fördern oder verhindern? Wie wird sich die Rolle von Deutschland und Japan durch die Tatsache verändern, dass dort der Altersschnitt der Bevölkerung steigt? Welche Entwicklungsländer werden an die Stelle Ostasiens rücken und weltweit wettbewerbsfähiges technisches Know-how entwickeln? Die Sars-Epidemie hat uns gezwungen - ähnlich wie die Finanzkrise in Asien und der Terrorismus -, darüber nachzudenken, welche weiteren unerwarteten Risiken mit der Internationalisierung verbunden sind.

Multinationale Firmen schaden Ländern, die gerade wachsen, argumentieren Globalisierungs- gegner. In Ihrer Dokumentationsserie kommen sie zum gegenteiligen Schluss.

YERGIN Eine der wichtigsten Lektionen dieser Ära ist, wie viele Vorteile eine expandierende Weltwirtschaft bringt. Leider hat das nur die Wirtschaftswissenschaft, aber nicht die breite Öffentlichkeit verstanden. Florierender Handel in einer vernetzten Welt bekämpft Armut wirkungsvoller als Isolation. In den Entwicklungsländern ist Handel der entscheidende Faktor, um Armut zu lindern. Ein Beispiel: Vor 35 Jahren war Singapur so arm, dass die Menschen dort nicht wussten, ob die Stadt als unabhängiges Land würde weiter existieren können. Aber Singapur verband das eigene Schicksal mit dem der Weltwirtschaft - heute hat das Land ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als Großbritannien. n

-------------------------------------------------------------------

Service

Literatur

Yergin, D.: Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht, Fischer 1993.

Yergin, D.; Stanislaw, J.: Staat oder Markt, Econ 2001.

Internet

Näheres zur TV-Dokumentation "Commanding Heights" unter www.pbs.org (Suchfunktion nutzen).

-------------------------------------------------------------------

DANIEL YERGIN steht an der Spitze des Beratungsunternehmens Cambridge Energy Research Associates und ist Buchautor. 1992 erhielt er für sein Werk "Der Preis" den Pulitzer-Preis. Der staatliche US-Fernsehsender PBS und die britische BBC haben aus Yergins zweitem Buch die Dokumentationsserie "Commanding Heights" gemacht, in der es um das Thema Globalisierung geht. Mit Yergin sprach Gardiner Morse, Redakteur der "Harvard Business Review".

-------------------------------------------------------------------

© 2003 Harvard Business School Publishing

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 20
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.