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Klimawandel II Wie die Erderwärmung die Bilanz verändert

Wenn das Klima verrücktspielt, können Unternehmen weitermachen wie bisher - oder sie lernen, die Situation für sich zu nutzen. Eine fiktive Bilanz zeigt, wie das funktionieren kann.
Von Alexis Krajeski und Vicki Bakhshi
aus Harvard Business manager 12/2007

Wie wird der erwartete Klimawandel Ihr Unternehmen mittelfristig beeinflussen? Um diese Frage zu beantworten, haben wir für ein fiktives Unternehmen eine konsolidierte Bilanz für das Jahr 2010 aufgestellt. Dabei unterstellen wir, dass der Konzernanhang die Folgen des Klimawandels für das Schicksal der Firma detailliert beschreibt.

Das Unternehmen hat seinen Sitz im Süden der USA. Mit seinen 9000 Mitarbeitern verkauft es sowohl Elektroteile an Geschäftskunden als auch Glühlampen und Batterien an Endverbraucher. Damit steht es beim Klimawandel in mancher Hinsicht an vorderster Front. Um die Auswirkungen von Unwettern zu beleuchten, stellen wir uns vor, dass die Firma von der verheerenden Hurrikan-Saison 2005 betroffen war und noch immer mit den Folgen zu kämpfen hat.

Im Jahr 2007 gab das Unternehmen seine neue Strategie bekannt. Es konzentriert sich nun auf die Entwicklung energiesparender Produkte. Damit profitiert es vom starken Anstieg der Energiekosten, der der Elektrobranche ganz neue Verdienstmöglichkeiten eröffnet. Ein Eckpfeiler dieser Strategie ist die Übernahme von Malcolm & Angus. Das Unternehmen hat mit seinen Energiesparprodukten bereits eine enorme Erfolgsgeschichte geschrieben. Die Akquisition bringt neue Kompetenzen, zukunftsweisendes Denken und wertvolle Patente. Außerdem soll sie Kapital von Unternehmen anziehen, die in den Umweltschutz investieren möchten.

Weil wir speziell das Klima betrachten wollen, müssen wir viele Informationen aus dem Konzernanhang weglassen. Wir haben uns auf jene drei Punkte konzentriert, die am wahrscheinlichsten betroffen sein würden: Produktportfolio, Vermögenswerte und langfristige Verbindlichkeiten. In der folgenden Bilanz können Sie sehen, wie sich der Klimawandel auf diese Elemente ausgewirkt hat.

Aktiva

Bestand an Zahlungsmitteln

Als Antwort auf den wachsenden Bedarf an energiesparenden Bauelementen und Beleuchtungskonzepten hat das Unternehmen sein Produktportfolio stark verändert: Es ist nun sehr energieeffizient, was den Gewinn 2010 in die Höhe schnellen ließ. Bei den Kunden beliebt sind vor allem unsere energiesparenden Kompakt-Leuchtstofflampen. Durch die starke Nachfrage von Wal-Mart und anderen großen Einzelhändlern stieg der Kassenbestand abrupt an. Abgeschwächt wurde er allerdings von einer Erhöhung der Versicherungsprämien - eine Folge der Hurrikan-Saison 2005, die schwere Schäden an unseren Produktionsanlagen in Biloxi, Mississippi, zur Folge hatte.

Forderungen aus Lieferungen und Leistungen

Dank des neuen, energiesparenden Produktportfolios konnten wir unser Vertriebsnetz im Einzelhandel ausweiten. Dadurch erhöhten sich unsere Forderungen an Öko-Supermärkte, in denen sich unsere aufladbaren Solarbatterien hervorragend verkaufen.

Sachanlagen

Unsere Fabrik in Biloxi hat sich nach der Hurrikan-Saison 2005 nicht mehr erholt und wurde 2010 geschlossen. Das bescherte unserer Bilanz eine 38-Millionen-Dollar-Abschreibung auf dem Sachanlagenkonto. Nachgerüstet haben wir dagegen die Anlage im texanischen Corpus Christi, die nun einen besseren Schutz gegen Wind und Sturmflut bietet. Um unsere Energiekosten zu senken, installierten wir energiesparende Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen und steuern die Beleuchtung über Bewegungsmelder. Dafür mussten wir unser altes Heizungs- und Klimasystem vorzeitig außer Dienst stellen, was eine Abschreibung von zehn Millionen Dollar bedeutete. Als wir 2008 am Hauptsitz in Atlanta die neue Zentrale errichteten, achteten wir darauf, dass sie bei den Leed-Standards (Leadership in Energy and Environmental Design) für umweltfreundliche Gebäude die höchste Stufe erreichte. Obwohl die Baukosten dadurch höher waren, ist der Gebäudewert seitdem durch die Einführung von Emissionszertifikaten in den USA deutlich gestiegen. Das erlaubte es uns, den Kauf von Malcolm &

Angus mit einem langfristigen Kredit zu finanzieren, der durch die Immobilie besichert wird. Die Folge war ein Zuwachs der langfristigen Vermögenswerte. Unsere unrentablen Betriebe in Nashville, Tennessee, und Pensacola, Florida, werden wir nach und nach schließen. Dadurch gehen 370 Jobs verloren; für Fabriken und Ausrüstung müssen wir 62 Millionen Dollar abschreiben. Außerdem haben wir vor Kurzem einen Betrieb in Mexiko gekauft, den wir derzeit auf höhere Effizienz trimmen. Sein geringerer CO2-Ausstoß soll uns Emissionsgutschriften nach dem neuen UN-Gütesiegel "Clean Development Mechanism" einbringen.

Steueranrechnung

15 Windräder auf dem Firmengelände in Corpus Christi erzeugen mehr Strom, als wir benötigen. Der Überschuss wird ins Stromnetz eingespeist und beschert uns eine Steuervergünstigung für die Produktion.

Immaterielle Vermögenswerte

Beim Kauf von Malcolm & Angus hat das Unternehmen das Fünffache des Buchwertes gezahlt und 59 Millionen Dollar Firmenwert verzeichnet.

Passiva

Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen

Verbindlichkeiten entstanden durch ein generelles Wachstum des Handelsvolumens und durch die großzügigeren Zahlungsbedingungen, die wir mit unseren Glühlampenzulieferern ausgehandelt haben. Zwar werden wir nach wie vor konventionelle Glühlampen an Endverbraucher verkaufen. Die Produktion in unseren eigenen Fabriken lassen wir jedoch schrittweise auslaufen.

Damit reagieren wir auf das Verbot konventioneller Glühlampen in Australien und die Ankündigung eines solchen Verbots in Teilen Kanadas und anderen Staaten. Durch das Auslagern der Glühlampenproduktion stiegen unsere Verbindlichkeiten um fünf Millionen Dollar.

Pensionsrückstellungen

Bei seinen Pensionsinvestments hatte das Unternehmen seinerzeit stark auf US-amerikanische Kohlekraftwerke gesetzt. Durch die Einführung der neuen Emissionszertifikate erlitt es schwere Verluste. In der Folge entließen wir unsere bisherigen Vermögensverwalter und ersetzten sie durch neue Manager, die den Klimawandel in ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Sie alle haben die vom UN-Umweltprogramm entwickelten "Principles for Responsible Investment" unterzeichnet (PRI - Prinzipien für umweltgerechtes und sozial verantwortliches Investieren).

Versicherungsmathematische Berechnungen deuten darauf hin, dass das Unternehmen in den nächsten drei Jahren 21 Millionen Dollar in den Pensionsplan investieren muss. Dies wurde jedoch aufgeschoben, um gleich nach der Schließung der Fabrik in Biloxi, Mississippi, eine Elf-Millionen-Dollar-Anpassung im Pensionsfonds vorzunehmen.

Haftungsverhältnisse und sonstige Verbindlichkeiten

2007 hatte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschieden, dass Treibgase laut US-Immissionsschutzgesetz als Schadstoffe gelten. Unsere Anwälte empfahlen uns daraufhin, im Interesse der Aktionäre eine Vereinbarung mit der amerikanischen Umweltbehörde Epa (Environmental Protection Agency) zu treffen, wonach das Unternehmen in Zukunft keine Haftung mehr für vergangene Luftverschmutzungen übernehmen wird.

Mit dem Abkommen soll der Staat die hohen Investitionen anerkennen, die das Unternehmen bereits in die Verbesserung seiner Arbeitsabläufe gesteckt hat. Diese entsprechen inzwischen der Best Practice; die Emissionen wurden auf ein Minimum reduziert.

Aus dem Geschäftsbericht

Strategische Veränderungen bergen immer auch Risiken. Und vielleicht gibt es auf den Märkten, die wir derzeit erschließen, unvorhersehbare Entwicklungen. Trotzdem ist die Geschäftsführung des Unternehmens überzeugt, dass die neue Strategie uns hilft, mit diesen Risiken fertig zu werden. Sie bringt das Unternehmen in Stellung für die Wachstumschancen, die sich aus den Folgen des Klimawandels auf unserem Kernmarkt ergeben. n

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