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Diversität Wie aus Michael Megan wurde

Ein Topmanager von Microsoft hat sich für eine Geschlechtsumwandlung entschieden. Diese einschneidende Veränderung brachte jede Menge unerwartete Vorteile im Arbeitsalltag und ein neues Führungsverständnis mit sich.
aus Harvard Business manager 4/2011

Michael Wallent, ein aufstrebender Manager bei Microsoft, stand in dem Ruf, ein knallharter Chef zu sein - manchmal ein bisschen zu hart. Er war 1996 in das Unternehmen eingetreten und rasch die Karriereleiter hinaufgestiegen: 1999 leitete er bereits ein Team von 300 Ingenieuren, die an der Entwicklung des Internet Explorers arbeiteten. Ebenso wie Microsoft- Gründer Bill Gates, der sich jedes Quartal mit Wallent zusammensetzte, um die Arbeit seines Teams zu besprechen, kam es Wallent hauptsächlich auf Daten und Fakten und nicht auf die Gefühle seiner Mitarbeiter an. Er war berüchtigt für seine vernichtende Kritik bei Produktbewertungskonferenzen: "Das ist eine blöde Idee", "Das ist falsch", "Ihr müsst das ganz anders machen", lauteten seine typischen Kommentare. "Michael war bekannt für seine aggressive, etwas herablassende, unwirsche Art - er entsprach genau dem Klischee vom arroganten, rein technisch denkenden Ingenieur", charakterisiert ihn seine frühere Chefin Debra Chrapaty (die jetzt bei Cisco ist).

Megan Wallent favorisiert einen ganz anderen Führungsstil. Auch sie zählt zu den brillantesten Mitarbeitern von Microsoft. Als Generaldirektorin gehört sie der Führungsriege dieses 89 000 Mitarbeiter zählenden Konzerns an und ist Chefin von 350 Ingenieuren, die Benutzerschnittstellen für Server-Software entwickeln. Ihre Mitarbeiter schätzen sie als Chefin mit hoher emotionaler Intelligenz. Mit sanfter Stim-me hakt sie immer nach, stellt Fragen und hilft ihren Leuten damit, selbst auf die richtigen Lösungen zu kommen. "Megan ist locker und gelassen", sagt Angel Calvo, Leiter einer Prüftechnikabteilung, der schon seit 19 Jahren bei Microsoft ist. "Sie macht sich wirklich Gedanken darüber, wie ihre Entscheidungen bei den Leuten ankommen."

Zwei verschiedene Chefs, zwei verschiedene Führungsstile - und doch handelt es sich hierbei um ein und dieselbe Person. Im Jahr 2007 eröffnete Michael Wallent seinen Kollegen, dass er transsexuell sei, er nahm sechs Wochen Urlaub, um sich einer Brustimplantation und verschiedenen operativen Eingriffen zu unterziehen, die seinem Gesicht feminine Züge verliehen. Anfang 2008 kehrte er als Megan in das Unternehmen zurück. "Diese Geschlechtsumwandlung war ungeheuer kompliziert", sagt Megan, obwohl sie versuchte, mit der gleichen Haltung an diesen Prozess heranzugehen wie an ein ganz normales geschäftliches Problem. "Ich erklärte meinen Vorgesetzten, was ich vorhatte, und schlug vor, gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie wir diese Veränderung für das Unternehmen erfolgreich gestalten konnten." Obwohl ihre Chefs sie dabei unterstützten, war die Umwandlung für Wallent dennoch mit großen Ängsten verbunden, erzählt Anh Hoang, Wallents Frau und ehemalige Microsoft-Mitarbeiterin. "Wir wussten, dass sich diese Entscheidung negativ auf ihre Karriere auswirken konnte", sagt Hoang. "Sie ist wahrscheinlich die erste Managerin, die so hoch oben auf der Karriereleiter eines Unternehmens einen solchen Schritt gewagt hat. Damit hat sie völliges Neuland betreten."

Besser als früher

Rückblickend sagt Wallent, dass sich durch diese Umwandlung vom Mann zur Frau auch ihre Einstellung zum Management geändert hat, was sich letztendlich vielleicht sogar positiv auf ihre berufliche Karriere auswirken wird. "Ich mache meinen Job jetzt besser als früher", meint sie, "einfach deshalb, weil ich offener, ehrlicher und transparenter geworden bin und lerne, besser mit den Leuten zu kommunizieren."

Wie viele Menschen mit einer sexuellen Identitätsstörung hatte auch Michael Wallent schon immer das vage Gefühl gehabt, dass seine Anatomie nicht mit seinem Selbstbild übereinstimmte. Doch dieser innere Konflikt blieb lange Zeit im Hintergrund: Wallent studierte Maschinenbau am Worcester Polytechnic Institute, heiratete, zog nach Seattle und begann, bei Microsoft zu arbeiten. Im Jahr 2005 hatte er zwei Kinder, war von seiner ersten Frau geschieden und zum zweiten Mal verheiratet. Inzwischen leitete er nicht mehr das Internet-Explorer-Team, sondern eine Gruppe von Mitarbeitern, die am Design des Windows- Vista-Betriebssystems mitwirkten. 2007, im Alter von 38 Jahren, nur zwei Monate nachdem seine zweite Frau Hoang ein Kind zur Welt gebracht hatte, eröffnete Michael seiner Frau, dass er transsexuell sei. Ein paar Monate später beschloss er (mit ihrer Unterstützung), sich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen, und vereinbarte die erforderlichen Operationstermine.

Einige Monate vor diesen Operationen bat Wallent seine Chefin um ein Gespräch unter vier Augen. Chrapaty hatte sich schon öfter darüber beklagt, wie schwer Microsoft sich damit tat, Frauen einzustellen; also brach Wallent das Eis mit den Worten: "Debra, ich habe beschlossen, etwas für die Diversität unseres Teams zu tun - und ich fange damit bei mir selbst an." Obwohl Chrapaty bei der Leitung der Gruppe schwuler, lesbischer, bisexueller und transsexueller Mitarbeiter mitgewirkt hatte, war sie zunächst schockiert. "Es fiel mir schwer, das Gehörte mit dem Bild dieser sehr männlich wirkenden Führungskraft zu vereinbaren, die gerade aus dem Erziehungsurlaub zurückgekehrt war", gibt sie zu. Doch nachdem sich ihre Verwirrung gelegt hatte, bot sie Wallent ihre Hilfe an.

In den folgenden Wochen führte er Vieraugengespräche mit seinen zwölf direkten Untergebenen und informierte sie über die bevorstehende Veränderung. Genau wie er es bei seinen Angehörigen getan hatte, sprach er auch hier zuerst mit den Mitarbeitern, von denen er annahm, dass sie ihn am meisten unterstützen würden, und nahm sich erst zum Schluss die "schwierigeren Fälle" vor. Er schickte E-Mails an Topmanager von Microsoft, unter anderem auch an Bill Gates und an den CEO Steve Ballmer - beide bestärkten ihn in seinem Vorhaben. Dann schickte Wallent eine Mail an alle 100 Mitarbeiter seines Teams und kündigte den ungewöhnlichen Inhalt seiner Botschaft mit der einfachen Betreffzeile "Betr.: Mich" an (siehe Kasten links).

Brutale Ehrlichkeit

Geschlechtsumwandlungen kommen im Berufsleben nach wie vor relativ selten vor. Jillian Weiss, Beraterin und außerordentliche Professorin am Ramapo College, hat dies untersucht und festgestellt, dass es keine verlässlichen Statistiken dazu gibt. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass so etwas in Unternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern an Standorten mit toleranter Bevölkerung wahrscheinlich noch am ehesten akzeptiert wird. Doch manche Mitarbeiter, die das Geschlecht wechseln, stoßen auf so große Widerstände vonseiten ihrer Kollegen und Mitarbeiter, dass sie ihren Job später kündigen. Das ist ein verhängnisvoller Trend, weil es Menschen nach einer Geschlechtsumwandlung - nicht zuletzt wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes - normalerweise schwerer fällt, eine Anstellung zu finden. In den meisten Unternehmen übernimmt die Personalabteilung die Aufgabe, den Mitarbeitern die Neuigkeit mitzuteilen - normalerweise im Rahmen einer Konferenz, bei der der transsexuelle Kollege nicht anwesend ist, damit die Mitarbeiter ihre Sorgen und Bedenken offen besprechen können. Weiss vergleicht dieses Vorgehen mit der Ankündigung betriebsbedingter Entlassungen. "Wenn man etwas vorhat, was den Menschen Angst einflößt, muss man sie informieren, um ihnen ihre Ängste zu nehmen", sagt sie.

Doch Wallent lehnte dieses übliche Verfahren ab. "Es war mir wichtig, mich selbst um den Kommunikationsprozess zu kümmern", sagt sie und führt dafür zwei Gründe an. Erstens: Wenn sie diese Aufgabe anderen überlassen hätte, wäre vielleicht der Eindruck entstanden, dass sie sich für ihre Entscheidung schäme - was jedoch nicht der Fall war. Zweitens glaubte sie, dass brutale Ehrlichkeit - und die Bereitschaft, Fragen zu beantworten, egal wie persönlich sie waren - die Phase des unvermeidlichen Klatsches im Unternehmen verkürzen würde.

Ganz reibungslos lief die Sache aber trotzdem nicht ab. Sexuelle Identifikationsstörungen werden laut dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psychiatric Association als psychische Erkrankung eingeordnet und gelten außerdem in den Augen mancher Religionen als unmoralisch. Selbst in einem so fortschrittlichen Unternehmen wie Microsoft war manchen Mitarbeitern also sicherlich nicht ganz wohl bei Wallents Geschlechtsumwandlung. Ein Mitarbeiter verlieh diesem unguten Gefühl anlässlich seiner Kündigung Ausdruck, obwohl nicht ganz klar ist, welche Rolle Wallents Geschlechtsumwandlung bei seiner Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen, tatsächlich gespielt hat.

Wallent hatte versprochen, für alle Fragen seiner Mitarbeiter offen zu sein. Aber er musste sich bei Teambesprechungen, die vor seinen Operationen stattfanden, ziemlich kniffligen Fragen stellen. Man fragte ihn etwa, ob er vorhabe, mit seiner Frau verheiratet zu bleiben (was er bejahte), ob er sich zu Männern oder Frauen hingezogen fühle (Frauen), was er gegen seine behaarten Arme tun wolle (Laserbehandlungen) und welche Toilette er nach seiner Rückkehr ins Unternehmen als Frau benutzen werde (die Damentoilette).

Obwohl diese Frage-Antwort-Sitzungen nicht immer einfach waren, betrachtet Wallent sie jetzt als wichtigen Bestandteil ihrer inneren Wandlung. "Hinterher kamen viele Leute auf mich zu und erzählten mir unglaublich persönliche Geschichten von eigenen Erlebnissen, die eine ähnlich tief greifende Auswirkung auf ihr Leben gehabt hatten", erinnert sie sich. Letztendlich, so glaubt sie, hat ihr neuer Managementstil nicht so viel mit den Östrogentabletten zu tun, die sie täglich einnimmt. Ihrer Meinung nach handelt es sich dabei um ein Nebenprodukt die-ser sehr intimen Gespräche mit ihren Kolleginnen und Kollegen. "Diese Gespräche haben mir klargemacht, wie wichtig ein authentischer Führungsstil ist und dass man seinen Mitarbeitern sein wahres Ich zeigen muss - ohne jede Einschränkung", sagt sie. "Dann fühlen sie sich in ihrem Job wohler."

Anderer Umgang

Für Mitarbeiter, die Megan nie als Michael gekannt haben (was aufgrund von Stellenwechseln und der seitdem verstrichenen Zeit mittlerweile auf die meisten Leute in ihrem Team zutrifft), ist es so, als habe ihre Geschlechtsumwandlung gar nicht stattgefunden. Schließlich haben sie nur aus zweiter Hand - durch Beobachtungen und Erinnerungen anderer Kollegen - davon erfahren. "Ich habe gehört, dass ihre Stimme heute viel ruhiger klingt", sagt Angie Anderson, eine Projektabteilungsleiterin, die seit zwei Jahren zu Wallents Team gehört. "Sie soll jetzt eine bessere Managerin sein."

Aber diejenigen Mitarbeiter, die sowohl für Michael als auch für Megan gearbeitet haben, sagen, dass ihnen die Veränderung auch heute noch auffällt. Calvo, der Leiter der Prüftechnikabteilung, erinnert sich, wie die Mitarbeiter früher auf Michaels Feedback zu ihren Softwareprototypen reagierten: "Wenn sie den Konferenzraum verließen, waren sie wie gelähmt und hatten das Gefühl, haarscharf einer Kündigung entronnen zu sein - weil er ihnen so unverblümt und schonungslos seine Meinung sagte." Aber, fügt Calvo hinzu, "Megan geht ganz anders mit den Leuten um. Sie kommt zwar zu denselben Schlussfolgerungen, führt ihre Mitarbeiter aber auf einfühlsamere Weise, indem sie zum Beispiel fragt: ,Hast du über dies oder jenes nachgedacht?' Inzwischen ist sie eher ein Coach und kein General mehr."

Mittlerweile betrachtet Wallent ihre Geschlechtsumwandlung als abgeschlossenes Kapitel. Trotzdem macht sie sich immer noch Sorgen, ob sie bei Kundenbesuchen wirklich als Frau "durchgeht" oder ob Klienten, die ihr ansehen, dass sie eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat, möglicherweise negativ darauf reagieren könnten. Bis jetzt sei das aber noch nie passiert. Und ab und zu wird sie noch heute an ihren besonderen Status erinnert: So wird sie beispielsweise in der Personalabteilung offiziell immer noch als Mann geführt - teilweise, um steuerlichen und rechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen.

Ihre Sorge, dass sie mit ihrer ungewöhnlichen Entscheidung ihre Karriere gefährdet, scheint unbegründet gewesen zu sein. Zurzeit steht sie auf der Karriereleiter von Microsoft nur noch eine Stufe unter dem Rang eines Vice President, und angesichts ihrer Leistungsbeurteilungen glaubt sie, auf dem besten Weg zu einer Beförderung zu sein. Vielleicht wird ihr das als Frau sogar noch schneller gelingen, weil ihr Führungsstil sich so positiv entwickelt hat. Michael baute seine Autorität in erster Linie auf seinem technischen Know-how auf; für Megan sind die Menschen am wichtigsten: "Ich möchte eine Führungspersönlichkeit sein, die anderen Leuten hilft, ihr größtes Potenzial zu verwirklichen. Ich will meine Mitarbeiter motivieren, jeden Tag aufs Neue zu Hochform aufzulaufen", sagt sie. "Auch das habe ich meiner Geschlechtsumwandlung zu verdanken - ich habe von meinen Mitarbeitern gelernt, wie man Menschen richtig führt."

Profil

Männlich

Michael Wallent war ein erfolgreicher Manager. Er leitete nach seinem Eintritt bei Microsoft 1996 ein Team, das für die Entwicklung des Internet Explorers zuständig war. Später führte er eine Gruppe, die Windows Vista designte. Obwohl in der Sache sehr erfolgreich, stellten ihm seine Mitarbeiter für seine Führungsqualitäten kein gutes Zeugnis aus - sie kritisierten seine harsche, herablassende und unwirsche Art. Dann kam der Einschnitt: 2007 entschloss sich Michael zur Geschlechtsumwandlung. Aus Michael wurde Megan.

Weiblich

Megan Wallent verhält sich im Umgang mit ihren Mitarbeitern ganz anders als Michael. Weiterhin in einer Führungsposition bei Microsoft tätig und immer noch in der Erfolgsspur, bescheinigen ihr ihre Mitarbeiter eine emotional intelligente, lockere und gelassene Art. Sie helfe ihnen durch nachfragen, selbst auf die richtigen Lösungen zu kommen. Auch ihren eigenen Wandlungsprozess kommunizierte Megan sehr offen und direkt. Erst als Megan habe sie gelernt, wie Führung wirklich funktioniert, sagt sie über sich.

Service

Internet

Megan Wallents Blog über ihre Geschlechtsumwandlung www.meganwallent.com

Nachdruck

Nummer 201104096, siehe Seite 104 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2010 Harvard Business Publishing

Daniel McGinn

ist leitender Redakteur der "Harvard Business Review".

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