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Kolumne Wichtiger Schaumschläger

aus Harvard Business manager 1/2010

Dass ich in einem Science-Fiction-Actionfilm plötzlich an Mitarbeiterorientierung denken musste, liegt an Julian Davidson. Ich nehme nicht an, dass irgendjemand von Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, ihn kennt. Genau gesagt, ich kenne ihn selbst nicht und weiß auch nicht, was eigentlich seine Aufgabe ist. Vermutlich wird er sie fleißig und sorgsam erfüllen, denn sonst hätte ich ihn nicht wahrnehmen können: Sein Name steht im Abspann des Films "Matrix Reloaded", und seine Funktion ist "Foam Fabrication Assistant". Ich sah diesen Film anlässlich eines Replay-Festivals in einem Programmkino, das eben diese Art von Filmen offeriert. Die Kinder hatten mir eine Freikarte geschenkt, "damit du mal was Vernünftiges siehst". Julian Davidson also.

Dass er mir überhaupt auffiel, liegt daran, dass der Name Davidson kurz zuvor schon einmal genannt wurde, und mein Blick zuckte, bevor der weiterlaufende Schlusstrailer die Zeile verschluckte, schnell wieder zwei, drei Zeilen nach oben, und ja, da stand es: "Foam Fabrication Supervisor". Und neben dieser verantwortlichen Position: Davidson, Laurie Davidson. Ein Familienunternehmen? Mittelstand? Auf jeden Fall wohl eine tragende Säule des Films, dachte ich, während der Abspann, der mich eigentlich überhaupt nicht interessierte, weiterlief. Aber ich musste, ob ich wollte oder nicht, hinschauen. Ich war eingeklemmt. Denn es ist jetzt sehr angesagt, nach Filmen ergriffen in den Sesseln kleben zu bleiben, um den Abspann goutierlich auszukosten, statt gute Plätze im nächsten Wirtshaus zu sichern. Und dieser Abspann zieht sich über mehr als zehn Minuten.

Nach der Hälfte also tauchte dieser Julian mit seiner ebenfalls schäumenden Mutter (?) auf, bevor sie die über 70 Set Carpenters präsentierten, darunter auch sehr schöne Namen, die ich ebenso hät-te erwähnen können, hätte ich sie behalten. Egal, der Film ist nichts ohne Schaum, irgendjemand muss ihn schlagen. Und dass dieser irgendjemand ja auch gern genannt werden möchte, ist verständlich, um für die nächsten Aufträge sagen zu können: "Hier - da steht es: Foam Fabrication Assistant, das war ich." Und genauso wollen alle mit Stolz auf sich hinweisen, die gezimmert, gehäkelt, gemalt, ge-fahren, gekocht oder was weiß ich getan haben.

Während meine Gedanken in solchen Überlegungen versickerten, stieg aus den Erinnerungen der Song über den "Under Assistant West Coast Promotion Man" von den Rolling Stones wieder auf, 1965 im legendären Album "Out Of Our Heads" erschienen. Da geht's um einen Typen, der in Downtown L. A. an einer Bushaltestelle herumlungert, kein Kleingeld findet, aber mächtig stolz vor sich hinrockt: "I'm a necessary talent behind every rock and roll band." Wie sein Kollege Julian, das unverzichtbare talent behind "Matrix Reloaded", eben dort mit einer Nennung geehrt von den Produzenten des Films - obwohl nur Assistent. Wir sollten uns ein Beispiel an dieser schönen Praxis nehmen, zu Ehren all der namenlosen Talente, ohne die kein Laden laufen würde, die aber trotzdem in der Grauzone ewiger Anonymität bleiben - unproduktive Schaumschläger bleiben natürlich ausgenommen.

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail an: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

© 2010 Harvard Business Manager

Produktnummer 201001095, siehe Seite 96

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