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Klimawandel I Wettbewerbsfaktor Umweltschutz

Manager denken zu kurz, wenn sie die Diskussion um die globale Erwärmung nur als Herausforderung für ihre Öffentlichkeitsarbeit begreifen. Viele operative Verbesserungen schützen die Umwelt und senken die Kosten gleichermaßen. Strategische Initiativen können sogar zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.
aus Harvard Business manager 12/2007

Nachdem der Klimawandel fester Bestandteil der politischen Tagesordnung geworden ist, spielt er nun auch im Wettbewerb von Unternehmen eine immer größere Rolle. Die Emission von Treibhausgasen wird zunehmend kritisiert und durch Gesetze und Preise reguliert. Auch wenn einzelne Manager noch darüber debattieren, wie schnell und stark der Klimawandel die Erde verändern wird, müssen die Unternehmen jetzt handeln.

Führungskräfte riskieren verheerende Konsequenzen für ihre Firmen, wenn sie sich mit den Klimaveränderungen allenfalls im Rahmen der allgemeinen sozialen Verantwortung (Englisch: Corporate Social Responsibility, CSR) ihres Unternehmens beschäftigen, statt ihn als geschäftliches Problem zu betrachten. Selbstverständlich beeinflussen die Erwartungen der Stakeholder und die in seinem Umfeld geltenden CSR-Standards die Reaktionen eines Unternehmens auf die Klimaveränderungen. Doch der Klimawandel wird sich so spürbar und sicher auf das Geschäft auswirken, dass Manager auf ihn besser mit strategischen Mitteln und nicht nur mit philanthropischen Initiativen reagieren sollten.

Erst die Kosten, dann die Strategie

Es gibt kein allgemeingültiges Rezept für den Umgang mit dem Klimawandel: Die Vorgehensweise eines Unternehmens wird von dessen jeweiligem Geschäftsfeld abhängen und muss zu seiner Strategie passen. In jedem Fall sollte der gewählte Ansatz dazu beitragen, klimabedingte Kosten zu senken und Risiken für die Wertschöpfungskette zu reduzieren. Führungskräfte sollten Kohlendioxidemissionen als Kostenfaktor behandeln - was sie schon heute sind oder bald sein werden. Sie sollten zudem die Anfälligkeit ihres Unternehmens gegenüber klimabedingten ökologischen oder ökonomischen Krisen abschätzen und entsprechend verringern. Jedes Management muss diese grundlegenden Maßnahmen konsequent umsetzen - einfach, um das operative Geschäft effektiv zu betreiben.

Ein Unternehmen, das beispielsweise in seiner Versandabteilung mehr Arbeitskräfte als nötig beschäftigt, agiert betriebswirtschaftlich ineffektiv. Seine Führungskräfte verschwenden Ressourcen und belasten das Ergebnis. Dasselbe gilt für Firmen, deren Versandabteilung übermäßige Emissionen produziert: Deren Manager verschwenden Ressourcen und nehmen unnötige Kosten auf sich, die

im Lauf der Zeit mit Sicherheit steigen werden. Konsequente Maßnahmen zur Eindämmung klimabedingter Kosten sind die Grundvoraus-setzung, damit ein Unternehmen wettbewerbsfähig bleibt.

Neben der Analyse der Kosten durch Emissionen muss jedes Managementteam untersuchen, wie anfällig das Unternehmen gegenüber klimabedingten Risiken ist. Beispielsweise können Energie und Wasser in bestimmten Regionen schlechter verfügbar sein, Infrastruktur und Lieferkette unzuverlässiger werden sowie ansteckende Krankheiten häufiger auftreten. Führungskräfte sollten diese Gefahren gründlich analysieren und dann entscheiden, welche Bedrohungen sie durch eine Umgestaltung der Arbeitsabläufe reduzieren, welche sie durch Versicherungen oder Termingeschäfte auf andere übertragen und welche Risiken sie selbst übernehmen können.

Für einige, aber nicht alle Unternehmen kann der Klimawandel darüber hinaus auch zu einem strategischen Thema werden. So wird das Management einiger Firmen im Umgang mit dem Klimawandel Chancen entdecken, wie es die eigene Wettbewerbsposition verbessern kann: Dazu zählt etwa, klimafreundliche Produkte zu entwickeln (zum Beispiel Hybridautos), in der eigenen Branche eine führende Rolle bei der Anpassung an den Klimawandel zu übernehmen oder innovative Lösungen für klimabedingte Probleme zu finden, die einen echten Konkurrenzvorteil verschaffen können.

Um rein operative Maßnahmen handelt es sich, wenn das Management zum Beispiel in der Warenauslieferung oder im Kundendienst effizientere Liefer- und Servicefahrzeuge einsetzt oder die Einsatzpläne verändert, um Verkehrsstaus in Stoßzeiten auszuweichen. Um eine strategische Herangehensweise handelt es sich dagegen, wenn die Führungskräfte die Prozesse komplett neu strukturieren: In der Warenauslieferung könnten sie gedruckte Bücher und Bedienungsanleitungen durch elektronische Versionen ersetzen, und im Kundendienst könnten die Servicemitarbeiter die Kunden nicht mehr persönlich besuchen, sondern Probleme per Ferndiagnose erkennen und beheben.

Risiken analysieren, Chancen entdecken

Führungskräfte müssen zwei Perspektiven einnehmen, um den Umgang ihres Unternehmens mit dem Klimawandel festzulegen und strategische Optionen beurteilen zu können: von innen nach außen, um die Wirkungen der Firmenaktivitäten auf das Klima zu verstehen, und von außen nach innen, um die Folgen des Klimawandels für das Wettbewerbsumfeld - sowohl physisch wie auch regulatorisch - abzuschätzen.

Von innen nach außen

Nehmen Führungskräfte diesen Blickwinkel ein, müssen sie die Wertschöpfungskette

näher untersuchen. Alle zu ihr gehörenden Aktivitäten - Warenanlieferung, Produktion, Warenauslieferung, Marketing, Vertrieb und Kundendienst - können Emissionen verursachen. Eine einfache Kennziffer, der Quotient aus Gewinnen und den gesamten Emissionen in der Wertschöpfungskette, kann sehr hilfreich sein, um die Folgen des Klimawandels für das Unternehmen abzuschätzen. Wenn neue Gesetze zum Beispiel den Preis für eine Tonne emittiertes Kohlendioxid auf zehn Dollar festlegen, wird dies die Unternehmensgewinne spürbar reduzieren oder sogar gänzlich aufzehren.

Die Anfälligkeit gegenüber Klimarisiken wächst, je stärker sich die Kosten für Kohlendioxidemissionen auf die Gewinne auswirken. Ähnlich wie bei anderen Gefahren bringt dieses Risiko sowohl Chancen wie Herausforderungen mit sich: Für Unternehmen der Forstwirtschaft könnte es beispielsweise genauso profitabel sein, Kohlendioxid durch das Pflanzen neuer Bäume aus der Luft zu filtern wie Bäume zu fällen und daraus Papier und Sperrholz zu produzieren.

Emissionen können sich direkt oder indirekt auf die Wertschöpfungskette auswirken. Sie können durch Aktivitäten entstehen, die das Management direkt steuern kann, oder durch Handlungen der Zulieferer, der Händler in den Vertriebskanälen oder durch das Verhalten der Konsumenten. Das Führungsteam sollte genau verstehen, welche Emissionen die Geschäftspartner auf Veranlassung des eigenen Unternehmens verursachen und für welche es selbst direkt verantwortlich ist. Beide Bereiche sind wichtige Angriffspunkte, um Emissionen zu verringern.

Der Wandel in der Bewertung von Emissionen kann revolutionäre Folgen haben. Beispielsweise können moderne Lieferketten mit ihrem transportintensiven Bestandsmanagement und ihren Just-in-time-Prinzipien nicht mehr optimal sein in einer Welt, in der Emissionen viel kosten. Auch der Online-Handel könnte mit seiner großen Zahl kleiner Warenlieferungen an Grenzen stoßen. In einigen Fällen müssen vielleicht Produktionsverlagerungen nach Übersee, die aufgrund der längeren Transportwege mit höheren Emissionen verbunden sind, rückgängig gemacht und durch Lieferantennetzwerke in der näheren Umgebung des Unternehmens ersetzt werden.

Von Klimaveränderungen in hohem Maße betroffen zu sein, wie es eine "Von innen nach außen"-Analyse aufdecken kann, bedeutet noch nicht automatisch, dass der Klimawandel für ein Unternehmen von strategischer Bedeutung ist. Sobald Manager die Bedeutung des Themas für ihr Unternehmen verstanden haben und den Einfluss der Kohlendioxidemissionen auf die Wertschöpfungskette kennen, können sie einen Handlungsplan entwickeln, um auf den Klimawandel zu reagieren. Aktivitäten, die viele Emissionen produzieren, aber wenig Ertrag bringen, können sie beenden oder an effizientere Firmen auslagern. Diejenigen Abläufe, die große Werte schaffen, könnten strategisch wichtig werden, wenn das Unternehmen die durch diese Prozesse verursachten Emissionen mittels effizienterer Methoden stärker als seine Konkurrenten reduzieren kann.

Die "Von innen nach außen"-Analyse hilft beispielsweise, die Klimaschutzmaßnahmen des US-Einzelhandelsriesen Wal-Mart zu verstehen. Dessen Geschäft ist in hohem Maße von Logistik und Transport abhängig,

und das Unternehmen versucht aktiv, Emissionen zu reduzieren. Auf den ersten Blick scheinen die Maßnahmen rein operativ zu sein: Wal-Mart reduziert seinen Energieverbrauch, um Kosten zu senken.

Die Programme zur Emissionsreduktion könnten aber auch strategisch wertvoll sein: etwa dann, wenn das Wal-Mart-Management die Größe des Konzerns, seinen Einfluss sowie seine Möglichkeiten, massiv in Technik investieren und die Wertschöpfungskette umgestalten zu können, machtvoll zur Verringerung von Emissionen nutzen würde - Maßnahmen, die für kleinere Konkurrenten kaum nachzuahmen sind. Wal-Mart scheint eine strategische Wette einzugehen, dass es seinen Kohlendioxidausstoß auch auf Dauer stärker reduzieren kann als seine Konkurrenten.

Von außen nach innen

Im Zusammenspiel mit der "Von innen nach außen"-Analyse kann eine Betrachtung von außen nach innen eine neue Dimension von Chancen und Risiken aufzeigen. Der Klimawandel wird das Geschäftsumfeld einer Firma in zweierlei Hinsicht beeinflussen: durch Temperatur- und Wetterver-änderungen sowie durch Gesetze und Verordnungen, die Emissionen teurer machen. Beide Auswirkungen können die Verfügbarkeit von Vorprodukten beeinflussen oder Größe, Wachstum und Art der Nachfrage. Zudem können sie das Verhältnis zu verwandten oder unterstützenden

Branchen sowie die Spielregeln des Wettbewerbs in einer Branche verändern. Führungskräfte sollten analysieren, wie der Klimawandel mit jedem dieser Aspekte zusammenhängt.

Während beispielsweise die Kohlendioxidemissionen eines Sachver-sicherers meist niedrig sind, können Klimaveränderungen eine solche Firma dennoch stark betreffen, wenn sie Immobilien in Küstennähe versichert, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Auch stammt der größte Teil des durch die Verbrennung von Öl erzeugten Kohlendioxids nicht von den Ölkonzernen selbst, sondern von deren Kunden. Gesetze zur Beschränkung von Emissionen bedeuten eine geringere Nachfrage nach den Produkten dieser Unternehmen.

Nehmen wir den vielschichtigen Einfluss von Emissionen auf einen Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé. Der Klimawandel wird die Produktivität in vielen Regionen, in denen das Unternehmen landwirtschaftliche Erzeugnisse einkauft, verändern und die Kosten erhöhen. Gleichzeitig werden Gesetze zum Klimaschutz die Energiekosten beim Kühlen von Eiscreme nach oben treiben, was dann wiederum die Nachfrage beeinflusst.

Manager können von den von außen nach innen wirkenden Effekten des Klimawandels strategisch profitieren, wenn sie besser auf diese reagieren als ihre Konkurrenten.

Die Nestlé-Führung verabschiedet sich von der vertikalen Integration und lagert stattdessen die Rohstoffproduktion aus. Dies macht die Lieferkette flexibler und könnte so einen strategischen Vorteil für das Unternehmen darstellen, sobald sich die Produktivität in bestimmten Regionen ändert und sich die Konkurrenten durch ihre starren Produktionsstrukturen nur schwer darauf einstellen können. Zugleich werden Entwicklungen wie dürreresistente Getreidearten sowie Impfstoffe und Behandlungsmethoden gegen von Insekten übertragene Krankheiten stetig an Bedeutung gewinnen (solange die Erfinder ihr geistiges Eigentum schützen können).

Fazit

Regelmäßig verändern gewichtige neue Kräfte die Geschäftswelt drastisch, wie es etwa durch die Globalisierung und die Revolution in der Informationstechnologie bereits in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist. Der Klimawandel ist in Bezug auf seine Komplexität und seine potenziellen Auswirkungen mit beiden auf eine Stufe zu stellen. Während viele Manager immer noch meinen, die globale Erwärmung sei nur ein Thema im Rahmen der sozialen Verantwortung, sollten Führungskräfte diese Herausforderung mit derselben Konsequenz angehen wie alle anderen strategischen Risiken und Chancen auch. n

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