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Managerhaftung Wer zuerst beichtet, kommt davon

Das Risiko, in den USA wegen Verstößen gegen das Kartellrecht unter Beschuss zu geraten, wächst. Wer verurteilt wird, dem droht sogar Gefängnis. Ist Ihr Unternehmen in einen Fall verstrickt, kann eine Selbstanzeige vor Strafen bewahren.
aus Harvard Business manager 12/2004

Durchschnittlich alle zehn Tage bekennt sich ein größeres Unternehmen in den USA dazu, gegen das Kartellrecht verstoßen zu haben. Solche Geständnisse legen die Sünder aus purem Eigennutz ab: Unternehmensvertreter, die sich an das US-Justizministerium wenden, haben in der Regel eine Liste sämtlicher Wettbewerber in der Tasche, die mit ihnen beim Verstoß gegen die Kartellbestimmungen unter einer Decke steckten - einschließlich der Namen betroffener Führungskräfte und des Zeitpunkts ihrer fragwürdigen Geschäftspraktiken.

Wenn die Rechnung aufgeht, erreicht das geständige Unternehmen samt Führungsmannschaft eine Generalamnestie und entgeht somit einer strafrechtlichen Verfolgung, während die mitschuldigen Konkurrenten die ganze Wucht zunehmend härterer Haft- und Geldstrafen zu spüren bekommen.

Derzeit wird kartellrechtswidriges Verhalten in den USA mit durchschnittlich 18 Monaten Gefängnis geahndet. Allerdings schickten die Richter kürzlich einen Angeklagten, der sich schon einmal wegen eines Kartellvergehens verantworten musste, gar für zehn Jahre hinter Gitter. Selbst Spitzenführungskräften wie dem ehemaligen Geschäftsführer des Auktionshauses Sotheby's, Alfred Taubman, bleiben Haftstrafen von zwölf Monaten und mehr nicht erspart.

Michael Andreas, der bis zu seiner Verurteilung als Nachfolger für den Chefposten im Nahrungsmittelunternehmen Archer Daniels Midland galt, muss zwei Jahre hinter schwedischen Gardinen verbringen. In den vergangenen vier Jahren wurden 30 wegen kartellrechtswidriger Verhaltensweisen angeklagte Manager, darunter Führungskräfte aus Kanada, Frankreich, Deutschland, Schweden und der Schweiz, in den USA zu Haftstrafen von einem Jahr oder mehr verurteilt. Sie alle mussten ihre Zeit in US-Gefängnissen absitzen.

Zusätzlich zur Haftstrafe hat ein Verstoß gegen das Kartellgesetz mittlerweile harte finanzielle Konsequenzen. Privatrechtlich zuerkannte Schadenersatzansprüche können schnell in die Milliarden Dollar gehen. So haben die Kreditkartenunternehmen MasterCard und Visa vor kurzem kartellrechtlich begründete Ansprüche in Höhe von über drei Milliarden Dollar bezahlen müssen. Auch die verhängten Geldbußen sind jüngst empfindlich gestiegen; dieser Tage sind Gesetze in Kraft getreten, die eine zehnfache Erhöhung der Strafgelder und eine dreifache Erhöhung der Gefängnisstrafen vorsehen.

Die Zahl der Ankläger steigt

Nahmen US-Unternehmen eine Risikoanalyse in Bezug auf kartellrechtliche Fälle vor, konnten sie bisher davon ausgehen, dass die Rechtsansprüche von der der Federal Trade Commission (US-Ausschuss zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs) beziehungsweise vom amerikanischen Justizministerium geltend gemacht wurden. Das Management stellte sich auf entsprechende Sammelklagen ein.

Heute sehen sich die Unternehmen mit dutzenden von potenziellen Anklägern konfrontiert. Die acht Pharmakonzerne (darunter Hoffmann-La Roche und BASF), die im Rahmen des 2001 vom amerikanischen Justizministerium geführten Vitaminkartell-Prozesses auf Grund von Preisabsprachen strafrechtlich verfolgt wurden, einigten sich mit dem Justizministerium auf 900 Millionen Dollar Geldbuße sowie Haftstrafen.

Anschließend wurden die Unternehmen in einem von Verbrauchern angestrengten Gemeinschaftsprozess zu 224 Millionen Dollar Geldstrafe verurteilt; die Justizminister mehrerer Bundesstaaten klagten erfolgreich auf 335 Millionen Dollar; die kanadischen Behörden verhängten eine Strafe von 93 Millionen kanadischen Dollar; die Europäische Kommission klagte mit Erfolg 885 Millionen Euro ein (siehe "Was ist ...?" Seite 16); weitere Forderungen stellten die japanischen Behörden sowie zahlreiche Kunden der angeklagten Unternehmen aus aller Welt.

Kein Wunder also, wenn sich schuldbewusste Unternehmen outen in der Hoffnung, straffrei davonzukommen.

Zeit ist Geld

Zwar ist es das Ziel einer jeden kartellrechtlich orientierten Risikoanalyse (Antitrust Compliance Program), das eigene Unternehmen auf den Umgang mit vielfältigen Kartellrechtsansprüchen vorzubereiten - auf Gemeinschaftsklagen opportunistischer Privatkläger, auf erweiterte Strafen wegen Behinderung von Justizmaßnahmen im Rahmen des Sarbanes-Oxley-Gesetzes, auf die raketenartig emporschnellenden Strafgelder des Justizministeriums und dergleichen mehr (siehe auch Kasten links).

Das strategische Kernstück des Programms aber ist es, möglichst in den Genuss einer Amnestie zu kommen. Denn von dieser kann abhängen, welche Führungskräfte ins Gefängnis gehen und welche nicht. Ein Unternehmen, das den ersten Schritt tut und aus diesem Grund Straffreiheit erreicht, bewahrt seine Führungskräfte nicht nur vor dem Gefängnis, sondern sichert sich einen Zeitvorteil: Die Führungsmannschaft kann zügig Strategien erarbeiten und in die Wege leiten, wie mit den zwangsläufig nachfolgenden Kartellprozessen umzugehen ist.

Wenn ein Unternehmen auf einen Verstoß gegen das Kartellrecht aufmerksam wird oder zu befürchten ist, dass einer seiner Konkurrenten zum Denunzianten wird, spielt der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle: Amnestie wird nur demjenigen gewährt, der zuerst in der Tür steht.

Entscheidungen darüber, wie ein Antrag auf Straffreiheit aussieht und wann er erstrebenswert ist, sind in aller Regel ungeheuer komplex und brisant. Es gilt vielfältige andere Rechtsfragen und Probleme im Zusammenhang mit dem Management, den Kunden, den Aktionären und bei der Öffentlichkeitsarbeit zu berücksichtigen.

Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, die Führungsmannschaft zu einem Palaver über das weitere Vorgehen zusammenzutrommeln. Vielmehr rate ich den Unternehmen dringend, sich eingehend mit der Ausarbeitung einer Amnestiestrategie auseinander zu setzen, bevor es zu einer Krisensituation kommt. n

Caswell O. Hobbs
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