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Globalisierung Wegen Überfüllung geschlossen

Die Zahl der Touristen nimmt rapide zu. Schon bald werden über eine Milliarde Menschen pro Jahr Sehenswürdigkeiten und Urlaubsziele in aller Welt ansteuern. Welche neuen Geschäftsideen sich dadurch bieten und wie Unternehmen mit der zu erwartenden Verknappung von Hotels, Taxis und Büroraum umgehen können.
Von Paul F. Nunes und Mark Spelman
aus Harvard Business manager 6/2008

Internationale Reisen sind nicht länger das exklusive Vergnügen der Reichen. In den nächsten Jahrzehnten werden hunderte Millionen Menschen, die in die Mittelschicht aufgestiegen sind, mit ihrem Geld nicht nur nach neuen Waren streben, sondern auch nach neuen Erfahrungen.

Indische Callcenter-Mitarbeiter, russische Ingenieure aus der Petrochemie, chinesische Führungskräfte aus dem mittleren Management und brasilianische Vertriebsmitarbeiter durchforsten bereits jetzt das Internet nach Reiseschnäppchen. Sie wollen Paris vom Eiffelturm aus bewundern, auf den Malediven entspannen und Blackjack in Las Vegas spielen. Nach Angaben der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) wird sich die Zahl internationaler Reisender schon bald verdoppeln: von etwa 800 Millionen im Jahr 2008 auf 1,6 Milliarden bis 2020 (siehe auch Grafik Seite 8). Allerdings kann pro Jahr nur eine begrenzte Zahl Menschen ein bestimmtes Gebäude oder einen bestimmten Strand besuchen. Wo bleiben all die anderen Touristen? Die rapide steigende Nachfrage nach Reisen wird zu Platzmangel führen und zu drei wahrscheinlichen Marktreaktionen.

Erstens werden die meisten Preise im Zusammenhang mit dem Tourismus, wie zum Beispiel die Zimmerpreise für Hotels in beliebten Städten, stark steigen, solange die Nachfrage größer ist als das Angebot.

Es werden Graumärkte entstehen, wie sie bereits heute existieren, wenn es für Sportveranstaltungen oder Konzerte zu wenige Tickets gibt. Es wird auch einen neuen Typ Schwarzhändler geben, der Hotelzimmer, Flugreisen und selbst Eintrittskarten für Museen anbietet - zu Preisen, die der Markt bestimmt, wie hoch sie auch immer sein werden.

Zusätzlich werden Regierungen und Organisationen versuchen, die Nachfrage zu steuern, indem sie hohe Gebühren für Reisen zu den beliebtesten Plätzen verlangen oder den Erwerb teurer Visa für den Besuch voraussetzen.

Diese Entwicklung hat bereits begonnen. So überlegt zum Beispiel die ecuadorianische Regierung aus Sorge über die Folgen des zunehmenden Tourismus für das empfindliche Ökosystem der Galapagos-Inseln, ob nicht der Eintrittspreis für den Naturpark verdoppelt und die Zahl der Besucher begrenzt werden soll.

Zweitens werden Zutrittsbeschränkungen und die damit verbundenen Wartelisten zur Normalität. Manche Gruppen rufen zum Beispiel bereits heute dazu auf, den Verkehr zu ökologisch empfindlichen Tourismuszielen - wie den Ruinen der Inkastadt Machu Picchu - einzuschränken. Sobald Mangel herrscht, wird die Nach- frage paradoxerweise allein durch die Existenz von Warteschlangen weiter angeheizt. Viele werden sich einreihen, nur um sich die Option auf einen der knappen Plätze zu sichern, selbst wenn sie ihn dann nicht in Anspruch nehmen. Der Wert eines Platzes in einer beliebigen Schlange wird die Grundlage für eine ganze Reihe von Geschäftsideen sein - ob nun seriös oder nicht.

Drittens werden die atemberaubend hohen Preise und langen Wartelisten dazu führen, dass neue Reiseziele sowohl in den entwickelten als auch in den sich entwickelnden Ländern entstehen.

Die Chinesen bauen zum Beispiel die dem Ferienziel Hawaii sehr ähn-liche Insel Hainan und das Spielparadies Macao an Chinas Südostküste zu Touristenzielen aus. Nach Angaben des britischen Rundfunks BBC verdankt Tibet einen Teil des um 64 Prozent auf vier Millionen Besucher gestiegenen Touristenstroms der neu eröffneten Qinghai-Tibet-Bahn. Inzwischen steuern reiche Spieler, die ihre Millionen einsetzen wollen (sogenannte High-Rollers), Kasinos in amerikanischen Städten wie Biloxi, Mississippi oder Detroit an und meiden das überfüllte Las Vegas.

Unternehmen und Regierungen bauen außerdem Kopien beliebter Sehenswürdigkeiten. So können Touristen den Eiffelturm zum Beispiel nicht nur in Paris, sondern auch in Las Vegas und in Disneys Epcot Center in Florida sehen. Oder sie bewundern drei venezianische Kanäle in Macao: in dessen 96 Hektar großem und 2,4 Milliarden Dollar teuren venezianischen Viertel inklusive Kasino. Auch die prähistorischen Höhlenmalereien im französischen Lascaux werden den Besuchern in einer exakten Nachbildung nur 200 Meter vom Original entfernt präsentiert.

So wie Plätze und Bauwerke an neuen Standorten nachgebaut werden können, lassen sich auch Institutionen kopieren. Wenn die Touristenmassen nicht zu Ihnen kommen können - dann gehen Sie zu den Besuchern. Das Guggenheim-Museum war einmal ausschließlich ein New Yorker Museum. Heute hat es Niederlassungen in Bilbao, Venedig, Berlin und Las Vegas - und es gibt Pläne, nach Asien, Südamerika und in den Mitt-leren Osten zu expandieren. Ma-nagementschulen verfolgen dieselbe Strategie. Die Kellogg School of Management der Chicagoer Northwestern University betreibt gemeinsame MBA-Programme mit Hochschulen in Israel, Deutschland, China und Kanada.

Wie Unternehmen vorbeugen können

In dem Maße, in dem die Verknappung begehrter Sehenswürdigkeiten oder Einrichtungen zunimmt, werden Unternehmen Wege finden, von der Nachfrage nach authentischen - und nicht authentischen - Erfahrungen zu profitieren. Die Firmen werden in der zunehmend überfüllten, mobilen Welt ohnehin um Platz kämpfen müssen. Zwei Strategien helfen dabei.

Steigen Sie ein, solange es noch geht

So teuer Topregionen wie London, New York und Tokio auch sind, manche Unternehmen werden immer den Zugang zu Talenten und Kunden in Schlüsselregionen benötigen. Sie werden kaum eine andere Wahl haben, als mit den Touristenmassen um die begrenzten Ressourcen in den Städten zu kämpfen. Unternehmen sollten sich ihren Platz jetzt sichern. Da außerdem neue Wirtschaftszentren entstehen, sollten sich Unternehmen auch ein Standbein in aufstrebenden Metropolen wie Peking, Rio de Janeiro, Moskau und Abu Dhabi aufbauen, wo die Preise für Premium-immobilien garantiert anziehen werden, sobald die Nachfrage das Angebot übersteigt.

Steigen Sie aus, wenn Sie nicht anders können

In manchen Fällen wird es für Unternehmen zu teuer und logistisch zu aufwendig, mit Touristenschwärmen im Herzen der beliebtesten Städte zu wetteifern. Denn die Hotels, Taxis und Restaurants werden immer voll sein. Es ist deshalb eine Überlegung wert, in städtische Randlagen zu ziehen, die die nötige Infrastruktur bieten. Oder: Die Unternehmen arbeiten gleich mit örtlichen Behörden zusammen, um ganz neue Büroviertel zu entwickeln.

Beispiele wie das Geschäftsviertel La Defénse in Paris und die 1964 am Reißbrett entstandene Stadt Reston im amerikanischen Virginia zeigen, wo die Reise hingeht. Die Zeit ist reif für ähnliche Entwicklungen in anderen verstopften Städten.

Ein bis zwei Milliarden zusätzlicher Touristen stellen sowohl ein massives Problem als auch eine große Geschäftschance dar. Ob es ein Problem oder eine Chance ist, hängt davon ab, wie die Unternehmen heute auf diese Entwicklung reagieren - bevor irgendjemand anfängt, Eintrittskarten für New York City zu verkaufen. n

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