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Was sind ... ... Freeconomics?

Verschenke ausgewählte Produkte und mache damit so viele Menschen auf dein Angebot aufmerksam, dass du über andere Kanäle viel Geld verdienen kannst.
aus Harvard Business manager 10/2009

Something funny" - etwas Seltsames gehe da vor sich, meldete der US-Musiker Moby im Juli 2009 nach einem Blick auf die Verkaufszahlen seines neuen Albums beim Apple-Onlineshop iTunes: Das Stück "Shot in the Back of the Head" habe sich am besten von allen Titeln des Albums verkauft - und das, obwohl der Song auf Mobys Website seit Monaten auch völlig kostenlos zu haben ist. Obwohl? Nein, weil der Download nichts kostet. Denn so verbreitete sich der Song in kürzester Zeit - und begeisterte auch solche Fans, die das Lied zwar besitzen wollten, aber das Gratisangebot gar nicht kannten.

Damit hat Moby, ohne es zu ahnen, das Prinzip der Freeconomics für sich entdeckt: Verschenke ausgewählte Produkte und mache damit so viele Menschen auf dein Angebot aufmerksam, dass du über andere Kanäle viel Geld verdienen kannst.

Neu ist die Idee nicht. Seit es Handel gibt, locken Unternehmer ihre Kunden mit Probierhappen und kleinen Geschenken an. Doch erst der Aufstieg des Internets hat daraus ein ganz neues Geschäftsmodell gemacht. Seit Chris Anderson 2007 im "Economist" dar-über schrieb, hat es auch einen Namen: Freeconomics, zu Deutsch Gratiswirtschaft. In diesem Jahr veröffentlicht der Chefredakteur des US-Technologiemagazins "Wired" und Autor der Long-Tail-Theorie ein Buch ("Free - Kostenlos. Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets", Campus 2009) über das Prinzip, das auch jenseits der Netzwelt Anhänger findet: Werbefinanzierte Gratiszeitungen gehören ebenso dazu wie Billigfluglinien (etwa Ryanair) und das Projekt Better Place des Elektroautounternehmers Shai Agassi, der in Zukunft - wie bei einem Handyvertrag - Autos verschenken oder zu stark reduzierten Preisen verkaufen und nur die Stromnutzung in Rechnung stellen will.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Den Verfechtern der Freeconomics geht es nicht darum, Produkte und Dienstleistungen aus lauter Menschenliebe kostenlos abzugeben. Ihr mittelfristiges Ziel bleibt der materielle Profit. Daraus macht auch Science-Fiction-Autor Cory Doctorow kein Hehl: "An erster Stelle möchte ich so viele Bücher wie möglich verkaufen und steinreich werden", betont er immer wieder.

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Das Geschäftsmodell beruht auf der Überlegung, dass bei digitalen Produkten wie E-Books, Software oder Musikstücken die Grenzkosten jeder zusätzlich abgegebenen Einheit gegen null tendieren. Ist die Datei einmal erstellt, kostet jeder weitere Download den Anbieter nichts mehr. So weit die Theorie. In der Praxis jedoch fallen weiterhin Server-, Strom- und Leitungskosten an - ein Aspekt, den die Befürworter der Freeconomics gern verschweigen.

Der Lohn ist die Aufmerksamkeit der Massen. Diese allein reicht den meisten Anbietern von Gratisprodukten jedoch nicht. Um zuverlässig Geld zu verdienen, setzen sie auf das Freemium-Modell, bei dem sie ein abgespecktes Basisangebot verschenken ("free"), aber für die Vollversion Geld verlangen ("premium"). Nach einer Studie der britischen Internetberatung Box UK hat sich dieses Geschäftsmodell mittlerweile zum zweithäufigsten im Netz entwickelt. Nur werbefinanzierte Angebote sind noch weiter verbreitet.

Als typisches Beispiel gilt das Online-Netzwerk Xing, das mithilfe seines kostenlosen Basisangebotes mehr als acht Millionen Mitglieder angelockt hat. Davon zahlen rund 630 000 für Premiumdienste - eine Zahl, die Xing mit einer deutlich kleineren Community wohl kaum erreicht hätte.

Und genau hier liegt die Crux der Freeconomics: Zwar lässt sich mit dem Geschäftsmodell durchaus Geld verdienen. Aber nur für ein paar große Anbieter wie Google, die ihre kostenlosen Angebote aus anderen Quellen quersubventionieren. Kritiker warnen deshalb vor Monopolbildung: "Die Internetbranche lügt sich in die Tasche, wenn sie denkt, dass ,gratis' das Erfolgsrezept der Zukunft sein wird", schreibt etwa der Schweizer Internetexperte Andreas Göldi in einem BlogBeitrag für Netzwertig.com. "Die Gratis-Wirtschaft funktioniert nur für ein paar ganz wenige Firmen. Für die meisten ist diese Mentalität verhängnisvoll."

Denn je mehr Unternehmen auf Gratisangebote setzen, desto größer ist ihr Risiko, mit diesem Modell zu scheitern. Wer sich über Online-Werbung finanziert, muss den Kuchen mit immer mehr Konkurrenten teilen. Und ein Markt, auf dem alle Produkte irgendwo kostenlos erhältlich sind, lässt die Kunden glauben, sie hätten ein Recht auf Gratisangebote.

An genau diesem Punkt steht momentan die Zeitungsbranche. Ihr laufen die Abonnenten in Scharen davon, weil aktuelle Nachrichten jederzeit kostenlos im Netz erhältlich sind. Nun überlegen Medienkonzerne wie Rupert Murdochs News Corp. und Axel Springer, das Rad in Richtung "Paid Content" zurückzudrehen. Dann soll ein Teil der Artikel nur noch als Bezahlinhalt im Internet zu haben sein.

Die Leser nach vielen Jahren Gratiskultur nun wieder ans Geldausgeben zu gewöhnen, wird allerdings viel Geduld und unternehmerisches Geschick erfordern.

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